Schaffhausen hat die höchste Asylquote der Schweiz. Damit liesse sich gut Populismus machen. Doch die Sache ist komplizierter.
Ende 2025 hatte der Kanton Schaffhausen die höchste Asylquote der Schweiz. Mit 1,54 Prozent übertrifft er nicht nur alle anderen Kantone, sondern übertrifft auch die Erwartung des Bundes: Dieser sieht für Schaffhausen eine Quote von 1,0 Prozent der ständigen Wohnbevölkerung vor. In realen Zahlen heisst das: Statt rund 900 Personen mit Status N, F oder S haben in Schaffhausen letztes Jahr deren 1383 gelebt.
Dazu kommt: Die 26 Gemeinden im Kanton tragen die Verantwortung für die Asylsuchenden nicht gleichmässig. Gemeinden wie Dörflingen oder Trasadingen beherbergten Ende Jahr nur gerade eine Person im Asylprozess – die Gemeinde Bargen nahm, gemessen an der Bevölkerungszahl, 4000 Mal mehr Menschen auf.
Eigentlich hätte der Bund – zusammen mit den Kantonen – die Aufgabe, Menschen im Asylbereich gleichmässig zu verteilen. Und nachdem sich die Schweizer Stimmbevölkerung in den vergangenen Monaten einmal mehr vehement am Thema Asyl abarbeitete, würden sich diese Zahlen allzuleicht populistisch verwerten lassen. Ganz besonders im Spitzenkanton Schaffhausen.
Wie sind solche riesigen Unterschiede möglich?
In diesem Artikel lernen Sie, geschätzte:r Leser:in, vor allem eines: Vom Kontext losgelöste Zahlen führen schnell in die Irre.
Kapitel 1: Vermeintliche Extreme
In einer gross angelegten Recherche-Kooperation unter der Leitung von Reflekt und Öffentlichkeitsgesetz.ch hat die Schaffhauser AZ die Asylzahlen des Bundes unter die Lupe genommen (mehr dazu am Schluss des Texts). Öffnen wir also den Blick kurz für das ganze Land:
Seit dem Jahr 2022 befinden sich in der Schweiz so viele Menschen im Asylprozess wie noch nie. Jedes Jahr war ein neuer Rekord – nicht nur absolut, sondern auch proportional zur ständigen Wohnbevölkerung. 2025 kamen auf 100 Einwohner:innen genau 1,4 Personen, deren Asylverfahren noch läuft (N), die vorläufig aufgenommen sind (F) oder die den Schutzstatus (S) haben. Die landesweite Quote ist damit höher als während des Kosovokriegs (1,2 Prozent), und sie ist deutlich höher als während der sogenannten «Flüchtlingskrise» in den Zehnerjahren (2016: 0,8 Prozent). Wieder ist ein Krieg die Ursache für die hohen Zahlen: Der russische Angriffskrieg gegen die Ukraine vertrieb Millionen Menschen aus ihrem Zuhause, und Zehntausende von ihnen fanden in der Schweiz Zuflucht.
So kletterte die Zahl der Menschen im Asylprozess auch in Schaffhausen in die Höhe, und zwar von 0,69 Prozent der Gesamtbevölkerung im Jahr 2021 auf 1,54 Prozent im Jahr 2025.
Diese Aufwärtsbewegung zeigt sich in allen Kantonen – aber nicht in gleichem Ausmass. Beispielsweise ist der Kanton Thurgau seit Jahrzehnten deutlich unter dem nationalen Durchschnitt, Ende 2025 liegt die Quote gar bei 1,05 Prozent. Damit liegt unser Nachbarkanton nach Obwalden auf dem zweituntersten Platz.
«Mich beunruhigen diese Zahlen nicht», sagt Andi Kunz. Er empfängt die AZ an einem Dienstagmorgen in den Räumen des kantonalen Sozialamts in der Stahlgiesserei, zusammen mit Simone Flacher, interimistische Abteilungsleiterin der Asyl- und Flüchtlingsbetreuung. Die beiden wollen einige Dinge klarstellen.
Kunz weist darauf hin, dass der Zeitpunkt 2025 eine Momentaufnahme ist in einem System, das ständig auf neue Gegebenheiten reagiert. Man müsse auch die historische Entwicklung berücksichtigen. «Abweichungen von der Regelquote gab es in Schaffhausen immer wieder. Wir können darauf vertrauen, dass das Staatssekretariat für Migration darum bemüht ist, diese Abweichungen wieder auszugleichen.»
Tatsächlich lag die Schaffhauser Asylquote in den vergangenen 30 Jahren meistens nah am Schweizer Durchschnitt – und zwischen 2002 und 2014 sogar deutlich darunter:
Auch der Vergleich mit anderen Kantonen sei schwierig, ganz besonders mit dem nahen Kanton Thurgau. «Der Thurgau erhält als Standortkanton von Bundesasylzentren eine Kompensation für die besonderen Aufgaben, indem ihm weniger Personen im erweiterten Verfahren zugewiesen werden.»
Das Staatssekretariat für Migration (SEM), das für die Verteilung der Asylsuchenden ohne freie Wohnsitzwahl in die Kantone zuständig ist, bestätigt die Aussage von Kunz. Die aussergewöhnlich hohe Quote an Menschen im Asylprozess in Schaffhausen kann es sich jedoch nicht erklären. Seinerseits sei der Verteilschlüssel in den letzten Jahren mit geringen Abweichungen eingehalten worden.
Zum Verteilsystem des SEM (klicken für mehr)
Das SEM will Asylsuchende gleichmässig auf die Kantone verteilen, tut dies aber nicht rigide. Es achtet demnach nicht nur auf die absolute Anzahl Personen im Asylprozess, sondern auch darauf, welchen Kriterien sie entsprechen. Dies zeigt ein internes Dokument, das der AZ vorliegt. Beispielsweise werden betreuungsintensivere Fälle wie unbegleitete Minderjährige oder Personen mit schweren gesundheitlichen Problemen oder mit einer Behinderung möglichst ausgeglichen verteilt. Auch die Staatsangehörigkeit wird berücksichtigt sowie der Umstand, ob bereits Familienmitglieder in der Schweiz leben.
1,54 Prozent: Die Zahl ist nicht nur eine Momentaufnahme, sondern lässt auch offen, welche Faktoren in sie hineinspielen. Ein kleines Beispiel: Wenn eine Asylsuchende ein Baby bekommt, wird dies im Maschinenraum Asylsystem als neues Asylgesuch verarbeitet. Ob Schaffhausen besonders attraktiv ist für Personen mit Schutzstatus S, sodass sie seltener ausreisen als aus anderen Kantonen, oder ob die Schaffhauser:innen besonders engagiert Ukrainer:innen bei sich aufgenommen haben, lässt sich also nicht ablesen.
Kapitel 2: Zum Beispiel Bargen
Nicht nur innerhalb des Landes, auch innerhalb des Kantons Schaffhausen sind die Asylsuchenden ungleich auf die Gemeinden verteilt. Während Kantone wie Zürich oder St. Gallen auf eine fast rigide Gleichmässigkeit achten, sind die Unterschiede in Schaffhausen deutlich: In den Gemeinden mit dem höchsten Anteil an Asylsuchenden leben insgesamt 18 Prozent der Bevölkerung. Sie nehmen aber 27 Prozent aller Asylsuchenden im Kanton auf.
Dass das Dörfchen Buch in diesem Ranking ganz zuoberst steht, erstaunt hier niemanden: Das Durchgangszentrum Friedeck ist seit Jahrzehnten ein fester Teil der Gemeinde (nachzulesen zum Beispiel in der AZ vom 7. April 2022). Rund jede fünfte Person, die in Buch lebt, befindet sich im Asylprozess – das ist im Übrigen nicht nur ein Kantons-, sondern ein Landesrekord, und zwar schon seit 30 Jahren. Dass Bargen mit einer Quote von 6,42 Prozent an zweiter Stelle liegt, ist aber eine Überraschung: Noch bis ins Jahr 2020 lebte im kleinen Dorf keine einzige Person im Asylprozess. Der Zusammenhang mit dem Ukraine-Krieg ist hier besonders frappant: Zwischen 2021 und 2025 stieg die Quote um satte 5,89 Prozent an.
Am unteren Ende des Rankings liegt Büttenhardt: 2025 kommen auf 472 Einwohner:innen genau null Asylsuchende, dicht gefolgt von Dörflingen mit einer (1) Person auf 1073 Einwohner:innen.
Diese Extreme haben nicht mit Solidarität oder einer allfälligen Unwilligkeit der Gemeinden zu tun – die Zeiten, in denen sich Gemeinden über Ausgleichszahlungen quasi freikaufen konnten (das berühmteste Beispiel dafür ist das Aargauer Kaff Oberwil-Lieli) sind vorbei. Es gibt zwei Gründe dafür: Einer kommt aus der Verwaltung, der andere aus dem Markt.
Grund Nummer 1: Das kantonale Sozialamt koordiniert die Verteilung der vom Bund zugewiesenen Asylsuchenden seit dem Jahr 2020 zentral (davor teilten sich Gemeinden und Kanton diese Verantwortung). «Dieser Entscheid fiel damals mit den Gemeinden zusammen», betont Andi Kunz. Bis heute erfahre man zu dieser Architektur viel Zustimmung. Simone Flacher ergänzt: «Wir haben als Kompetenzzentrum in der Flüchtlingsbetreuung viel Erfahrung und können mehr leisten als eine Teilzeitstelle in der Sozialarbeit in einem kleinen Dorf.» Der Systemwechsel sei mehrheitlich ein Erfolg, mit einer Ausnahme. «Früher war das Engagement der Gemeinden, Geflüchtete bei der sozialen Integration vor Ort zu unterstützen, grösser. Diese Aufgabe fällt dem Sozialamt, das die örtlichen Gegebenheiten weniger kennt, deutlich schwerer», so Flacher.
Grund Nummer 2 ist der Wohnungsmarkt. Um etwa das Beispiel Bargen zu verstehen, muss man die Unterbringungsstrategie des Kantons verstehen. Anders als etwa Zürich oder St. Gallen baute Schaffhausen in den vergangenen Jahren keine neuen Kollektivunterkünfte auf, sondern mietete stets Wohnungen auf dem Markt an. Und in Bargen hat das Sozialamt eben günstige Wohnungen gefunden. Gerade in reichen Gemeinden wie Buchberg, Rüdlingen oder Stetten gibt es dagegen schlicht keinen günstigen Wohnraum. Aber auch das sei eine Momentaufnahme, sagt Kunz: Bargen war sogar eine Zahlergemeinde, als es noch Ausgleichszahlungen gab. «Auch hier muss man die Verteilgerechtigkeit über einen längeren Zeitraum ansehen.»
Die Schaffhauser Unterbringungsstrategie ist historisch gewachsen; und lange gab es viel verfügbaren und günstigen Wohnraum. Sie ist nicht nur ein wirtschaftlicher Entscheid, sondern auch ein politischer: Personen, die dem Kanton Schaffhausen zugeteilt werden, haben tendenziell höhere Chancen auf Bleiberecht – beispielsweise sind sogenannte Dublin-Fälle hier seltener als etwa in Zürich. «Der Kanton Schaffhausen kann auch davon ausgehen, dass viele der zugewiesenen Personen aus dem Asylbereich hier bleiben werden», sagt Kunz. «Darum ist es sinnvoll, sie früh in der Integration zu unterstützen.»
Epilog: Die Grenzen des Systems
Der Schaffhauser Weg schrieb die Integration früh gross – aber es ist ein Weg, der an seine Grenzen stösst. Per 1. Juni 2025 standen im Kanton insgesamt 383 Wohnungen leer, vor sechs Jahren waren es noch fast dreimal so viele. Darum muss das Sozialamt umdenken. Das hatte schon politisch pikante Folgen: Im Sommer vergangenen Jahres machte die AZ öffentlich, dass der Kanton zehn Mieter:innen von günstigen Wohnungen an der Krebsbachstrasse kündigte, um dort Menschen aus dem Asylbereich unterzubringen (AZ vom 17. Juli 2025). Und wie Radio Munot im Herbst berichtete, sucht das Sozialamt nach Gewerbeflächen und Lagerräumen, die zu Wohnraum umgenutzt werden könnten. Andi Kunz tönt «einen ganzen Strauss an Massnahmen» an, den das Sozialamt derzeit prüfe. «Innere Verdichtung ist eine, die Umnutzung von Liegenschaften eine andere, die Anpassung der Mietzinsobergrenze eine andere. Wir haben auch in Richtung kleinerer Kollektivunterkünfte oder Neubauten keine Scheuklappen.» Man sei derzeit in der Sondierungsphase.
Ob eine zentrale oder eine proportionale Verteilung von Asylsuchenden deren Integration besser unterstützt und politische Konflikte reduziert, ist indes nie untersucht worden. Die Schweiz mit ihren 26 Kantonen hat 26 Wege, Asylsuchende unterzubringen. Angesichts dessen, dass dieses Land seit Jahrzehnten darüber diskutiert, wie viele Menschen es aufnehmen soll, weiss es erstaunlich wenig darüber, wie es die Verantwortung für diese Menschen am besten verteilt.
Dieser Artikel entstand im Rahmen des Projekts «Asyl-Atlas», einer gemeinsamen Recherche von Reflekt, Öffentlichkeitsgesetz.ch sowie von elf Redaktionen in der ganzen Schweiz. Grundlage der Recherchen ist die erstmalige Auswertung eines Datensatzes des Staatssekretariats für Migration (SEM) zur Verteilung von Personen im Asylprozess auf die Gemeinden. Unterstützt wurde das Projekt vom LokalHub. Alle Ergebnisse sind online unter asylatlas.ch abrufbar.
