Fischer gegen Kapitän

20. Juni 2026, Andrina Gerner
Foto: Robin Kohler
Foto: Robin Kohler

In Schaffhausen sorgt eine kleine Muschel für Schlagzeilen. Und Streit: Fischerei und Schifffahrt sind sich uneins, was zu tun ist.

In Schaffhausen streiten sich Fischerei und Schifffahrt. Grund dafür: der niedrige Wasserstand und die Quaggamuschel. Sie verstopfte einmal mehr die Fahrrinne der Kursschiffe. Ausgerechnet der schönste Abschnitt der Rheinstrecke zwischen Schaffhausen und Stein am Rhein war bis gestern nicht befahrbar, und das mitten in der Saison. Und einmal mehr rückte der Bagger an, um die Rinne von den Muschelschalen zu befreien – ab heute gilt wieder der reguläre Fahrbetrieb. 

Die Massnahme erzürnte die Fischer, sie schossen mit scharfen Worten gegen die Schifffahrtsgesellschaft (URh) und warfen ihr vor, die Behörden vor sich herzutreiben, damit ihre viel zu grossen «Schlachtschiffe» fahren könnten. Die URh zeigte sich irritiert. Der Streit um die invasive Muschel löste ein nationales Medienecho aus, dessen Tragweite sogar die beiden Kontrahenten erstaunte. Wir bringen Fischervereinspräsident Marco Stoll und den obersten Kapitän der URh, Geschäftsführer Remo Rey, an einen Tisch.

Marco Stoll und Remo Rey, Sie sitzen sich hier im Disput gegenüber, obwohl Sie eigentlich gegen den gleichen Feind kämpfen: eine kleine Muschel. 

Remo Rey So ist es.

Marco Stoll (lacht) Mit dieser Feststellung hätte ich das Gespräch auch begonnen. Die Muschel ist auch für uns Fischer ein leidiges Thema, sie verändert das Ökosystem. (Mehr dazu im Kasten, Anm. d. Red.)

Trotzdem hat der Fischereiverband die URh für die jüngsten Massnahmen gegen die Quaggamuschel scharf kritisiert. Warum sind Sie aus dem Nichts so auf die Barrikaden gegangen?

Stoll Im Grunde geht es uns gar nicht um diese eine Ausbaggerung. Ich lebe jetzt 46 Jahre hier am Rhein und noch nie hat man an der Schifffahrtsrinne herumgegraben. 

2024 wurde mit einer ersten Baggermassnahme gegen die Muscheln ein Präzedenzfall geschaffen. Damals glaubte man, es sei eine einmalige Sache. Doch man merkte schnell, dass die Quaggamuschel zum dauerhaften Thema werden würde. Deshalb: Wehret den Anfängen. Wir wollen, dass der Rhein in Ruhe gelassen wird. 

Rey Auch wir wissen, dass die Abbaggerung nicht die dauerhafte Lösung aller Probleme ist, aber sie hilft, dass der Tourismus nicht komplett einbricht. Unser Betrieb nützt nicht nur unserem Unternehmen, sondern auch der touristischen Wertschöpfung in der Region. 

Deshalb waren wir ehrlich gesagt sehr irritiert über den Frontalangriff des Fischereiverbands gegen uns. Wir haben die aktuelle Situation ja nicht verschuldet, wir alle nicht.

Stoll Dass die Muschelablagerungen ein Problem für die Schiffe sind, sehen wir auch. Aber wir haben Angst, dass solche «Notfallaktionen» in Zukunft zum Dauerzustand werden. Deshalb sind wir lieber jetzt laut, als dass wir später permanent und immer wieder gegen solche Massnahmen ankämpfen müssen. 

Der Fischereiverband fordert ausserdem ganz klar eine Anpassung der Schiffe an den Rhein, und nicht umgekehrt. Passt Ihnen das, Herr Rey?

Rey Der Rhein ist eine Strasse, er darf befahren werden. Wir haben eine Konzession vom Bund, die uns erlaubt, hier unterwegs zu sein. Die Kantone müssen dafür sorgen, dass die Schiffbarkeit weiterhin möglich ist, so steht es im Binnenschifffahrtsgesetz. Wir haben also nicht nur das Recht, auf dem Fluss zu fahren, sondern auch die Pflicht, den Fahrplan einzuhalten. 

Stoll Für uns Fischer und Naturschützer ist der Rhein keine Wasserstrasse, sondern ein sensibles Ökosystem, einer der letzten nicht regulierten Flussabschnitte, das ist einmalig hier. Hier gibt es Lebewesen, die es sonst kaum mehr gibt, aber sie sind permanent unter Druck – und sie können keine Interviews geben oder Medienmitteilungen schrieben. Es gibt hier viele Flachwasserzonen. Jedes Mal, wenn ein Kursschiff vorbeifährt, werden Tonnen von Wasser bewegt. Das ganze Ökosystem wird durchgepflügt, und das x-mal am Tag.  Deshalb unsere Forderung: Kursschifffahrt gerne, aber sie muss sich den Rahmenbedingungen anpassen. Auch wir Fischer müssen uns anpassen. Wir haben keine Chance gegen die Quagga-Muschel. Wir müssen also lernen, mir ihr klarzukommen.

Was fordern Sie konkret?

Stoll Seit sechzig Jahren fährt man mit diesen grossen Schiffen auf dem Rhein – und sie wurden immer grösser. Wir fordern, dass die jetzige Situation als Gelegenheit zügig genutzt wird, um einen sanfteren Schifffahrtsbetrieb zu starten: kleinere Schiffe mit weniger Tiefgang und weniger Wellenschlag. 

Rey Wir brauchen die Schiffe in der aktuellen Grösse, damit wir an sonnigen Tagen keine Menschen stehen lassen müssen, Einnahmen generieren und das ganze Jahr über Löhne zahlen können – nicht nur während der Saison. 

Die URh hat sich den Gegebenheiten schon immer angepasst. Vor 30 Jahren sind wir noch mit doppelter Geschwindigkeit den Rhein hochgefahren. Das könnten wir auch jetzt noch tun. Machen wir aber nicht, weil der Wellenschlag dem Rhein nicht gut tut. Es geht uns nicht darum, möglichst schnell übers Wasser zu brettern, sondern darum, die Schönheit der Region zu schützen. 

Das müssen Sie auch, denn sie ist Ihr Kapital. 

Rey Es mag so aussehen, als würden wir nur punktuell reagieren, aber hinter den Kulissen läuft viel. Die grossen Pläne werden gemacht, doch es braucht einfach Zeit. Niemand hat Erfahrungen mit den aktuellen Problemen, das ist eine wirklich schwierige Aufgabe. Mit unserer kürzlich vorgestellten «Vision 2035» arbeiten wir darauf hin, unsere Flotte den Veränderungen anzupassen – leichtere Bauweise, weniger Tiefgang. Aber ein neues Schiff kostet 18 bis 20 Millionen Franken, und wir brauchen mindestens zwei davon. Keine Schifffahrtsgesellschaft kann sich das aus eigener Tasche leisten. Die Frage ist, ob die Bevölkerung den Wert unseres Angebots für die Region erkennt und bereit ist, darin zu investieren. 

Stoll Darf ich dazu etwas Provokatives sagen?

Unbedingt.

Stoll Die Flotte ist also auf Maximalkapazität ausgerichtet. Und allfällige Kollateralschäden, so wie ich sie vorhin beschrieben habe, nimmt man in Kauf. 

Rey Nein, so habe ich das nicht gesagt. 

Stoll So kam es aber bei mir an. 

Rey Man kann das so deuten, aber wir brauchen eine gewisse Menge an Passagieren, damit sich der Betrieb überhaupt lohnt. Sonst müssen wir personelle Massnahmen ergreifen. Geplant und in Abklärung ist die Anschaffung von Schiffen mit wesentlich geringerem Tiefgang,  ausschliesslich für den Rhein. Auf dem See wären diese wie Nussschalen, kaum noch steuerbar bei Wind und Wellen. Wir müssen gut abwägen und das Angebot auf die beiden Streckenabschnitte anpassen.  

Eine Muschel als Brandbeschleuniger (hier klicken für mehr)

Sie sind nur die Spitze des Eisbergs: Die Ablagerungen toter Muscheln im Rhein sind nur ein Teil der massiven Auswirkungen, welche die invasive Quagga-Muschel in Schweizer Gewässern hat – und nicht nur hier: Im Lake Michigan etwa macht die Muschel bereits 95 Prozent der gesamten Biomasse aus. 

Ein Szenario, das man in der Schweiz verhindern will. Die Muschel, die ursprünglich aus dem Schwarzen Meer stammt, wurde in die ganze Welt verschleppt. In der Schweiz wurde sie 2014 erstmals in Basel nachgewiesen, von dort gelangte sie als blinde Passagierin in die nächsten Gewässer. Das Problem: Sie hat hier keine Fressfeinde, filtert aber ihrerseits ihren neuen Nachbarn das Plankton aus dem Wasser. Womit sie, eigentlich fast am Ende der Nahrungskette stehend, Einfluss auf das ganze Ökosystem hat. 

Aber nicht nur die Tierwelt muss sich ihr stellen, auch menschliche Infrastrukturen kämpfen mit dem hartnäckigen Schalentier: Die Muschel haftet sich an Wasserfassungen und Wasserwerke und verstopft regelmässig die Leitungen, die dann kostenintensiv saniert werden müssen – bis der Kreislauf von Neuem beginnt. Die Quagga-Muschel wirkt im Rhein und Bodensee als Brandbeschleuniger für grössere Probleme, die der Klimawandel bereits ausgelöst hat. 

Noch ist keine Lösung in Sicht.

Die Zeit läuft gegen Sie. Die URh hat jetzt schon zu kämpfen. Die Jahresrechnung 2025 schloss erneut mit einem Verlust ab. Müssten Sie nicht eher früher als später auf die veränderten Umstände reagieren?

Rey Diesen Zukunftsfragen können wir natürlich nicht ausweichen, das stimmt. Da sind wir auch schon länger dran. Es geht um klimatische Veränderungen, extremes Hoch- oder eben Niedrigwasser. Das sind die Hauptfragestellungen, die gar nichts mit der Quaggamuschel zu tun haben. Diese kommt noch on top. Und diese Problematik bindet Ressourcen. Seit einer Woche bin ich nur damit beschäftigt, Medienanfragen zu beantworten. 

Stoll Das leidige Thema treibt mich auch schon die ganze Woche um. Das ist einfach nicht zielführend im Moment. Aber: Die Reaktionen zeigen, dass wir wohl einen Nerv getroffen haben. Mit so einem grossen Medienecho haben wir nicht gerechnet. Es ist ein guter Zeitpunkt, das andere grosse Problem mit anzusprechen, nämlich die zu grossen Schiffe, die schon immer eine Belastung waren für den Rhein, auf gewissen Strecken zumindest. Ich glaube, wir Fischer sind nicht die einzigen, die so denken. 

Was würde eigentlich passieren, wenn gar nichts gegen die Quaggamuschel unternommen würde?

Rey Die Nulloption wurde tatsächlich besprochen, und die URh kann einschätzen, was sie bedeuten würde. Wenn man gar nichts macht, würde die Schiffsrinne an der betroffenen Stelle verlanden. Es würde ein neuer Ökoraum entstehen. Das könnte ja sogar eine Chance sein. Für die Schifffahrt wäre vielleicht ein alternativer, direkter Weg unter der Hemishofer Brücke hindurch denkbar. 

Stoll Man soll eine neue Rinne baggern?

Rey Das wäre natürlich ein grosser Eingriff, aber man hätte im Gegenzug der Natur etwas zurückgegeben. 

Stoll Da sprechen wir aber von einem sehr grossen Bauprojekt. Das wäre ein Kanal!

Rey Beim Bewässerungsprojekt Bibertal wird im Moment ja auch sehr stark in die Natur eingegriffen. 

Stoll Ja, das war eine Lektion für uns Fischer, dort haben wir es verpasst, rechtzeitig zu intervenieren und im Sinne des Gewässerschutzes im Gegenzug strengere Auflagen bei der Landwirtschaft im Bibertal einzufordern. Wir haben aus unseren Fehlern gelehrt.  

Rey Es stellt sich doch aber immer die Frage, für wen man den Eingriff macht. Wasserfassungen sind wichtig für die Bevölkerung und für die Landwirtschaft, damit wir leben können in diesem Raum. Ich finde es berechtigt, dass man die Natur schützt, das stelle ich nicht infrage. Aber man muss klar sagen: Schlussendlich profitieren wir alle von der Natur.

Aber wäre zuschauen und abwarten wirklich eine Option? Das klingt ein bisschen nach Kapitulation vor der Muschel.

Stoll Im Moment wäre Abwarten die günstigste Variante gewesen und hätte einen nicht nachhaltigen Eingriff verhindert, der das Problem einmal mehr zeitlich und räumlich verlagert. Deshalb wäre dies eine echte Option, die man unserer Meinung nach nicht genug geprüft hat.

Rey Nein, volkswirtschaftlich wäre es nicht die günstigste Variante. Der Tourismus und die Gastronomie würden massiv darunter leiden. Schon jetzt klagen Gastrobetriebe in Stein am Rhein und auch die Tourismusbetriebe rund um den Rheinfall über Einbussen wegen fehlender Schiffspassagiere. Bei einem dauerhaften Unterbruch oder einer Zweiteilung der Strecke würden Leute ihre Stelle verlieren, Steuereinnahmen wegfallen und so weiter.

Stoll Dann sind wir mal gespannt, wann die nächsten Massnahmen angekündigt werden…