25 Jahre nach «Apes» zeigt Olaf Breuning im Museum zu Allerheiligen die Ausstellung «Humans». Wie hat sich seine Kunst verändert – und wie seine alte Heimat?
«Könnte ich ganz unfreundlich vielleicht nochmals einen Espresso bestellen?»
Olaf Breuning fragt es ausgesprochen freundlich. Sein Habitus ist nicht der des Starkünstlers im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit. Viel eher wirkt er wie jemand, der sich oft fragt, ob er gerade stört.
Kurz vor der Vernissage führten Olaf Breuning und Kuratorin Sarah Merten die Medien durch die Ausstellung. Einmal musste sie ihn bitten, etwas lauter zu sprechen. Er fiel mit einfachen, kurzen Antworten auf, und sie sah sich gezwungen, das kunstaffine Journalist:innengrüppchen mit etwas Kontext zu versorgen. Im Saal mit der Videoinstallation «Simple Human» ist es die Kuratorin, nicht der Künstler, die auf die Parallele zwischen Instagram-Reels und den Schatten in Platons Höhlengleichnis hinweist.
Jetzt zerdrückt Olaf Breuning einen der Lavendeltriebe, die im Museumscafé in einer Vase auf dem Tisch stehen, zwischen Daumen und Zeigefinger und schnuppert daran. Dann ist er bereit für die Fragen der AZ.
AZ: Olaf Breuning, am vergangenen Freitag war Vernissage ihrer Ausstellung «Humans». Welche Reaktionen erreichen Sie?
Olaf Breuning: Es kommt natürlich selten vor, dass dir als Künstler jemand sagt, eine Ausstellung sei schlecht (lacht). Die Reaktionen sind sehr positiv. Nach so vielen Jahren wieder in der Schweiz auszustellen, war für mich mit einer gewissen Angst verbunden. Was, wenn die Kritiken sagen, es ist noch das Gleiche wie vor zehn Jahren?
Es ist nicht das Gleiche. Kuratorin Sarah Merten schreibt in der Publikation zur Ausstellung, Ihre neuen Arbeiten seien «ernsthafter und nachdenklicher». Wird der Künstler Olaf Breuning mit 56 Jahren erwachsen?
Vielleicht. Aber die Welt hat sich verändert und du musst heute aufpassen, wie du etwas sagst. Meine Kunst war manchmal wie eine Faust ins Gesicht, und ich wollte auch provozieren, Diskussionen anregen. Heute tritt man schnell in ein Fettnäpfchen, gerät in unangenehme Situationen. Ich verurteile das auch nicht, es ist gut, dass wir uns heute bewusster sind, was und wie wir etwas sagen. Und ja, ich bin auch älter geworden.
Lustig ist die Ausstellung trotzdem. Warum spielt Humor in Ihrer Kunst eine so grosse Rolle?
Humor ist eine gute Kommunikationsbrücke. Und er hilft bei den harten Themen, kann eine bittere Pille zuckersüss machen. Ich glaube auch, Humor ist eine menschliche Eigenschaft. Eine Katze hat vermutlich keinen Humor.
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Fast alle in «Humans» gezeigten Arbeiten sind eigens für die Ausstellung in Schaffhausen entstanden. Wieder bespielt der Multimediakünstler eine breite Palette von Formen und Techniken: Ein Saal ist der Fotografie gewidmet, eine Installation und eine Serie von Videos inklusive Musik hat der Künstler mit Hilfe von KI erstellt, zwei grosse Skulpturen bilden den Fokus der Ausstellung.
In «Out of Balance» haben sich lebensgrosse Ritterfiguren mit Rollschuhen zu einem funkelnden Chaos verkeilt – Schwert und Ritterrüstung sind im Zeitalter des Rollschuhs etwa so funktional wie Männlichkeitsvorstellungen aus dem Mittelalter in der Gegenwart. Beim Espresso im Museumscafé erzählt Breuning, er habe im Voraus nicht gewusst, wie dieses Schlüsselstück der Ausstellung aussehen würde, er baute es direkt in Schaffhausen auf.
Die andere plastische Arbeit mit dem Titel «20 mm» zeigt einen Affen aus Bronze, der verwundert auf die vergoldete Spitze eines 300 Meter langen Seils blickt. Das Seil entspricht 4,5 Milliarden Jahren Erdgeschichte, die 20 Millimeter stehen für das Zeitalter des Menschen. Das Gold, sagt Breuning, habe sich als Material angeboten: Wir sind die einzige Spezies, die sich dafür interessiert.
Beim Besuch am Tag nach der Vernissage fällt auf: Am meisten Zeit verbringen Besucher:innen mit den kleinsten Werken: 60 humoristische Bleistiftzeichnungen an den Wänden um den bronzenen Affen. Um sich aufs Zeichnen zu konzentrieren, überquerte Breuning den Atlantik zweimal mit dem Schiff statt mit dem Flugzeug.
AZ: Sie sagten an der Führung: Alle, beispielsweise auch Kinder, sollen etwas mit Ihrer Kunst anfangen können. Was meinten Sie damit?
Breuning: Zugänglichkeit ist mir extrem wichtig. Von Anfang an habe ich versucht, Kunst zu machen, die alle verstehen können. Dass zeitgenössische Kunst manchmal versucht, möglichst schwer zugänglich zu sein und damit oft Leute ausschliesst, die nichts über Kunstgeschichte wissen, geht mir seit dreissig Jahren auf den Wecker.
Ihre Heimat seit 25 Jahren, die USA, hat sich verändert. Die Trump-Regierung trägt autoritäre und faschistische Züge und führt zwei neue Kriege. Eine Beschäftigung damit sehe ich in Ihrem Werk aber nicht. Warum?
Ich würde sagen, ich fokussiere mich auf grössere Themen.
Grösser als Faschismus und Krieg?
Trump ist in drei Jahren hoffentlich weg, vielleicht schon früher. Ich bin interessiert am Menschen insgesamt. Es gibt viele, die bessere Gründe haben, Kunst über politische Aktualitäten zu machen. Wenn du als Künstler im Iran lebst, ist das eine andere Situation. Ich habe die Freiheit und das Privileg, ohne politischen Druck zu arbeiten, kein Messer am Hals zu haben. Viele Schweizer Künstler haben diese Freiheit, vielleicht sieht man bei ihnen deshalb so viel Humor.
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Olaf Breuning blickt belustigt und kritisch zugleich auf das Anthropozän. Konsumgesellschaft und Umweltzerstörung etwa sind als langjährige Motive seiner Arbeit auch in «Humans» unzweideutig benannt. Gleichzeitig und mit etwas Suchen findet man auch Bewunderung für das, was nur Menschen können.
Als die Menschheit vor gut sieben Jahren über mehrere Kontinente hinweg die Radioteleskope zusammenschaltete, um zum ersten Mal ein Schwarzes Loch zu fotografieren, faszinierte dies den 55 Millionen Lichtjahre vom Schwarzen Loch entfernten und am menschlichen Verhalten interessierten Künstler Olaf Breuning. Neben den Plastikstühlen in seinem Garten schuf er sein eigenes Schwarzes Loch, sein Foto davon wurde zu einem der Kuriosa der Ausstellung. Bei Breuning ist kein Thema zu gross, um von einem Augenzwinkern begleitet zu werden. Das muss konsequenterweise auch für die Auswirkungen von KI auf Kunst und Menschheit gelten.
AZ: Der sogenannte KI-Slop ist verhasst und generative KI untergräbt die Existenzgrundlage von Kunstschaffenden. Sie finden aber einen entspannten Umgang mit künstlicher Intelligenz. Warum nutzen Sie überhaupt KI?
Breuning: KI wird die Welt verändern. Es ist die erste Technologie, die uns fast keine Zeit zum Reagieren lässt. Für mich als Künstler, der mit ganz unterschiedlichen Medien arbeitet, wäre es falsch, das zu ignorieren. Und solange ich die generierten Bilder verändern kann und KI als Werkzeug nutze, das mich überraschen kann, aber meine Sprache nicht kompromittiert, finde ich es sehr interessant.
Die Videos in dieser Ausstellung sind mit einem etwas älteren Modell erstellt, das noch nicht so perfekt war. Dieser Zwischenmoment hat mir sehr gefallen, und ich denke, wir werden uns an ihn erinnern: der Moment, als KI-Bilder noch nicht perfekt waren.
Sie sagen: KI ist ein Werkzeug, aber ein Werkzeug mit Überraschungen. Ist das nicht ein fundamentaler Unterschied zu anderen Werkzeugen, wenn eine von KI generierte «Überraschung» ins Werk kommt?
Es ist wie bei den Rittern. Wie alles zusammenkam, war auch eine Überraschung. Oder wenn ich ein Foto mit zehn oder zwanzig Leuten inszeniere; da lässt sich auch nicht alles planen, es gibt Überraschungsmomente. Wenn ich mit KI arbeite, passiert das Gleiche.
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Vor 25 Jahren diskutierte man in Schaffhausen vertieft, ob man diesem 31-jährigen «Shooting Star» (Schaffhauser AZ) noch einen Kunstpreis geben müsse, die eigentlich als Förderung und Starthilfe gedacht sind. Der «Qualitätsanspruch» setzte sich jedoch durch, und man verlieh Olaf Breuning den Manor-Kunstpreis. Die Stadt war ihm aber zu klein geworden, er war gerade nach New York ausgewandert, wo er sich zu einem der erfolgreichsten Schweizer Künstler überhaupt entwickeln sollte, der seither Preise und Einzelausstellungen in den prestigeträchtigsten Museen der Welt aneinanderreiht. Von Schaffhausen verabschiedete er sich mit einer Ausstellung im Museum zu Allerheiligen. Heute lebt er in Upstate New York, zwei Stunden nördlich von der Metropole.
AZ: 2001 zeigten Sie «Apes» im Museum zu Allerheiligen, heute «Humans». Wie ist es, wieder in Schaffhausen zu sein?
Breuning: Ich freue mich richtig darauf, immer wieder hier zu sein und über die Ausstellung zu sprechen. Schaffhausen ist mir in den letzten zwei Wochen recht gut eingefahren. Zum ersten Mal in 25 Jahren könnte ich mir vorstellen, sogar wieder hier zu wohnen.
Sie kommen zurück?
Es könnte sein, meine Frau und ich denken darüber nach. Meine Tochter ist acht, und die Infrastruktur in der Schweiz ist schon um einiges besser als in den USA, gerade, wenn es um Bildung geht. Und Schaffhausen hat sich verändert. Als ich ging, hat es sich wie eine etwas rohe Kleinstadt angefühlt, heute erlebe ich die Stadt als viel offener und internationaler.

«Olaf Breuning. Humans» ist bis am 27. September zu sehen. Begleitet wird die Ausstellung von einer Publikation, die ab Mitte Juli erhältlich ist. Bei diversen Begleitveranstaltungen ist Olaf Breuning anzutreffen, unter anderem leitet er am 23. August in einer Zusammenarbeit mit dem Kulturlabor zum Kunstmachen an – alle Infos auf allerheiligen.ch.
