Ein Anker der lokalen Skaterszene verschwindet: «work4donuts» schliesst nach 32 Jahren sein Geschäft in der Altstadt. Eine letzte Begegnung.
Dienstagnachmittag im Posthof nahe der Schwertstrasse. Gerade erst hat Claudio Biedermann seinen Laden aufgeschlossen, schon pendelt er zwischen Lager und Theke und schraubt mit seinen Händen an einem Brett herum. Der «work4donuts» ist ein Unikat in der Stadt. Die vielen Sticker an der Theke, das Tagstiftregal am Eingang und die über drei Stöcke an jeder Ecke hängenden Streetwear-Artikel erinnern an ein schmuckes alternatives Kulturlokal. Die Atmosphäre lädt zum Wühlen ein.
Im Verlauf des Nachmittags werden vor allem mittelalte, aber auch jüngere Kund:innen im «work4donuts» ein und ausgehen. Die meisten grüsst Biedermann mit Namen. Manche seien Stammkunden der ersten Stunde, sagt er. Und: «Wenn das Rahmenprogramm noch funktionieren würde, hätte ich gerne weitergemacht.»
Die erste Stunde: Das war 1994 an der Oberstadt 21. Zu einer Zeit, in der der Snowboard-Boom gerade seinen Höhepunkt erreichte, machte Biedermann seine Leidenschaft zum Beruf. Zwischen Kanada und den USA schloss er Deals mit Marken und brachte sie exklusiv in die Schweiz. Im Jahr 2000 zog der Laden weiter an den Posthof. Biedermann traf mit dem Geschäft den Nerv einer Generation: Wer Ende der 1990er- oder Anfang der Nullerjahre Teenager war und sich für Skaten interessierte, kannte nicht nur die Kleidermarken Etnies, Volcom, DC und Westbeach, sondern wollte sich das Skateboard am liebsten selbst zusammenbauen.
Claudio Biedermann hatte jedes Ersatzteil zur Hand, half beim Zusammenbauen und liess sich auf lange Gespräche ein. Im «work4donuts» realisierte man nicht nur, dass die Skateboards aus dem Athleticum nichts taugen. Man tauchte auch ein in die Do-it-yourself- und Anti-Establishment-Kultur der Skate-Szene. Und in dieser ist die Unterstützung lokaler Läden wichtig. So etablierte sich «work4donuts» als fester Anker der Szene.
Nun, nach 32 Jahren, soll Schluss damit sein, schon in ein paar Wochen. Ist der Hype der Jahrtausendwende definitiv out?
Subversion ist Geschichte
Kurz suchte Biedermann gar einen Nachfolger. Aber ernsthaft verfolgt wurde das Thema nie – obwohl schon der Umzug des ganzen Ladens an die Vordergasse geplant war. Damit verbunden gewesen wäre auch eine Neupositionierung der Marken des «work4donuts».
«Ich merkte, dass die Veränderungen nicht nachhaltig gewesen wären», sagt Biedermann. «Wir sind einfach zu klein für die Lieferanten. Das hat nichts mit der Skate-Branche zu tun, sondern ist ein allgemeines Problem: Die Kleinen gehen ein.» Das heisst: Entweder man geht mit Marken eine Partnerschaft ein und kauft eine grosse Anzahl Produkte. Oder man darf nicht mehr bestellen. «Für viele Marken sind kleine Läden zu aufwändig geworden.»
Drückten Marken wie Volcom in den 1990er-Jahren noch mit Sprüchen wie «Youth Against Establishment» das Subversive der Skate-Kultur aus, sind sie heute selbst Teil grosser Unternehmen. Die Globalisierung macht auch vor dem Posthof nicht Halt. Gegen die permanent verfügbare Produktpalette im Onlinehandel kommt «work4donuts» nicht an. Dass Kund:innen schon aufgrund der Logo-Farbe eines Produkts den Kauf im Netz vorziehen würden, sei mittlerweile Realität, so Biedermann.
Dagegen half auch der kurze Skate-Boom während der Corona-Pandemie nichts. «Wenn man die Sache genau anschaut, tragen die Konsumenten Mitschuld, dass die Läden zugehen. Weil sie nicht mehr hier einkaufen kommen. Es gibt deshalb auch nur noch zwei Bäckereien und einen Metzger an einem kleinen Ort.» Von der Stadt fühlt sich der Inhaber des «work4donuts» wenig unterstützt. «Sie findet, wir hätten jetzt einen Support mit dem ‹First Friday›. Aber die Aktion wird hauptsächlich von den Läden selbst finanziert, durch Überstunden und spezielle Aktionen.»
Ein Ort von DIY und Zusammenhalt
Das Einkaufsverhalten der Einzelnen, die Stadt, das Internet – wenn man Claudio Biedermann zuhört, wie er über sein Geschäft spricht, merkt man, wie er seinem Laden nachtrauert. Und so führt er alle möglichen unterschiedlichen Gründe auf, die für das Scheitern verantwortlich sind. Darin steckt Enttäuschung, aber auch eine Sehnsucht nach den früheren Zeiten. «Die Familie, die der Laden früher war, ist nicht mehr.» Als die Nachricht der Schliessung rausging, reagierten zahlreiche Schaffhauser:innen traurig. «Es gibt viele, die mit uns aufgewachsen sind und ihre Jugend hier verbrachten. Da ist viel Nostalgie im Spiel.»
Einst liess die Snowboard-Leidenschaft den gelernten Elektroniker zum Verkäufer werden. Biedermann fuhr selbst Snowboard-Wettkämpfe und hätte 1998 gar als Punkterichter an die Olympiade nach Japan reisen können. Da er sich nicht für den Verband einspannen lassen wollte, der den Sport kommerzieller und populärer machen wollte, sagte er ab. Auch hier drückt wieder die Anti-Establishment-Kultur der Skate-Szene durch, die den Laden prägte.
Zu einer Zeit, in der die Sportart gerade ihren grössten Hype erfuhr, liess die DIY-Mentalität Biedermanns ihn stattdessen ins lokale Kleidergeschäft einsteigen. Dass das nie sein Plan war, nahmen in der Anfangszeit auch einige Kund:innen wahr. «Jemand erzählte mir Jahre später, dass er einmal gekommen sei und dann nie wieder, weil ich ihn nicht bediente. Dabei war ich nur sehr schüchtern und traute mich nicht, ihn anzusprechen.»
Dass sich das mit der Zeit geändert hat, erfährt man, wenn man mit Stammkund:innen spricht. Der Laden sei ein Ort gewesen, der die Szene zusammengehalten habe, sagt etwa Giordano De Grandis. «Claudio und das Team waren immer da und haben Projekte unterstützt, die mit Skaten zu tun hatten. Er schaute und kümmerte sich, weil er schon seit über 30 Jahren dabei ist und alle kennt.» Der langjährige Skater war als 13-jähriger Bub zum ersten Mal im Laden. Seither habe er viel Geld dort liegen lassen. «Die Skater-Marken kosten natürlich etwas und halten dann wegen des Skatens nur wenige Monate. Als ich letztens dort war, sprach ich mit Claudio über ein Paar Schuhe, das ich nice fand. Vier Monate später schrieb er mir, ich solle vorbeikommen. Er habe die Schuhe nun im Laden.»
Nicht selten hielt Claudio Biedermann bei der Stadt den Kopf hin, wenn es um Skate-Projekte ging, zuletzt beim Aufbau der Gaswerk-Halle oder auch beim Skatepark unter der N4-Brücke. Als er auf der Suche nach Erinnerungen in sein «Museum» im Keller des «work4donuts» führt und eingerahmte Bilder zeigt, kommen nicht nur Fotos der zahlreichen Konzerte zum Vorschein, die das Team einst im TapTap oder in der Kammgarn organisierte. Auch ein altes Snowboardbrett aus Thayngen in den Farben von Knorr liegt da.
Noch bis Ende Juli läuft der Ausverkauf, dann ist Schluss. «Wir können sogar noch Artikel bestellen, wenn jemand Wünsche hat», sagt Biedermann. Einen Plan für die Zukunft hat er noch nicht. Als Abwart, im Tourismus und bei der Armee habe er sich beworben. «Ich bin offen für vieles», sagt er. «Aber diese Branche muss es nicht mehr sein. Sie ist nicht mehr, was sie früher einmal war.» Was er sich hingegen wünsche: Dass das neue Umfeld ähnlich tickt wie jenes, in dem er sich einst bewegte. Man ahnt, dass er damit den Spirit des Anti-Establishments meint.
