«Er gehört zu uns»

4. Juni 2026, Simon Muster
Volker Mohr bei einem Besuch der AZ im Jahr 2015. Foto: Peter Pfister
Volker Mohr bei einem Besuch der AZ im Jahr 2015. Foto: Peter Pfister

Volker Mohr, der produktivste Schriftsteller Schaffhausens, bewegt sich in Deutschland seit Jahren im rechtsextremen Milieu. Zu seinen grössten Bewunderern gehört Götz Kubitschek, der «Pate» der Neuen Rechten.

Nachdem sich die AZ Ende März per E-Mail an den Schaffhauser Schriftsteller Volker Mohr wendet, veröffentlicht dieser auf seinem Blog folgenden Post:

«Die Schaffhauser AZ wittert einen Skandal, weil vor 14 Jahren ein Büchlein von mir über Architektur (Der Verlust des Ortes) bei dem mittlerweile als rechtsextrem geltenden Antaios-Verlag herausgegeben wurde und ich später in einer Literaturrunde anlässlich eines Antaios-Sommerfestes mitdiskutiert habe.»

Der Post endet mit einem Zitat:

«Es gehört sich für eine Demokratie, dass man mit allen spricht.»

Mit der AZ wollte Mohr trotz mehrerer Gesprächsanfragen nicht sprechen.

Das hat wahrscheinlich damit zu tun, dass Mohrs Verbindungen zum Umfeld des Antaios-Verlags, den der deutsche Verfassungsschutz seit 2024 als gesichert rechtsextrem einstuft, deutlich enger sind, als er es in seinem Blogpost darstellt. Er hat wiederholt im Magazin Sezession des ebenfalls als rechtsextrem eingestuften «Metapolitik Verlags UG» publiziert; das letzte Mal im Oktober 2025. Zudem trat er in den letzten Jahren zweimal an Vernetzungstreffen der Neuen Rechten auf.

Die «Neue Rechte» (hier klicken für mehr)

Der Begriff «Neue Rechte» bezeichnet eine politische Strömung, die sich seit den 1960er-Jahren vordergründig vom historischen Nationalsozialismus abgrenzt und sich stattdessen auf rechtskonservative Denker der sogenannten «Konservativen Revolution» aus der Weimarer Republik bezieht. Der Schweizer Philosoph Armin Mohler vereinte unter diesem Sammelbegriff schon nach dem Zweiten Weltkrieg rechtskonservative und antidemokratische Denker wie die Brüder Ernst und Friedrich Jünger, Carl Schmitt oder Oswald Spengler. Der Politikwissenschaftler Richard Gebhardt spricht in einem Aufsatz zur Neuen Rechten und der Sezession von der «Konservativen Revolution» als einer «erfundenen Tradition», die «den Wunsch nach einer vermeintlich nicht-nazistischen Tradition der deutschen Rechten» bediene. Zum Netzwerk der Neuen Rechten in Deutschland zählen Expert:innen neben dem Antaios-Verlag unter anderen auch die Identitäre Bewegung, das Compact-Magazin und den Verein «Ein Prozent».

Hinter dem Antaios-Verlag und dem Sezession-Magazin steht Götz Kubitschek, eine der zentralen Figuren der rechtsextremen Szene Deutschlands. Der Spiegel bezeichnete ihn unlängst als «Paten der Neuen Rechten». Kubitschek wirkt von seinem Rittergut in Sachsen-Anhalt aus als Ideengeber für die rechtsextreme Szene im deutschsprachigen Raum und ist ein grosser Bewunderer von Mohrs Werk. Vor drei Jahren widmete er ihm eigens eine 45-seitige Literaturbeilage.

Und Volker Mohr? Der geniesst die Aufmerksamkeit von ganz rechts.

«Willkommene Öffnung»

Meist haben Volker Mohrs Erzählungen etwas dystopisches, seine Protagonist:innen sind Einzelgänger:innen, die sich schicksalhaft in grotesken Situationen wiederfinden. In «Das Riesenrad» wird der Protagonist in eine Stadt katapultiert, die aus einem einzigen Haus besteht. Dort tragen alle ausser ihm einen Hut. Auch er wird bald dazu gedrängt, einen Hut zu tragen, doch dagegen lehnt er sich auf (eine Rezension finden Sie in der AZ vom 10. Oktober 2019).

Nicht nur seine Protagonist:innen stellen sich gegen den Mainstream, auch Mohr selbst sieht sich gerne in der Rolle des Dissidenten. Weil seine Erzählungen in der rechten Szene in Deutschland immer wieder positiv rezipiert werden, unter anderem im neurechten Leitmedium Junge Freiheit, fragten ihn die Schaffhauser Nachrichten Ende vergangenes Jahr, ob ihm diese Aufmerksamkeit nicht unangenehm sei. Mohr entgegnete, er sehe sich als Freigeist und habe «durchaus Sympathien für freche Gedanken».

Solche teilt Mohr seit 2018 auch regelmässig auf seinem Blog. Sie kommen oft in Form kleiner Aphorismen und Beobachtungen daher. Beispielsweise spöttelt er, dass die Strophenzeile «Alles für Deutschland» bei unseren nördlichen Nachbarn verboten sei, aber fast jeder einen «Führer-Schein» besässe. Auch am Klimawandel, dem Gendern und Covid arbeitet er sich ab. Gerne auch mal mit verschwörerischem Unterton – so verfolgten sowohl die «Gen-Impfung» wie die «Genderbestrebung» das Ziel, den Menschen zu neutralisieren und zu verbrauchen.

2011 veröffentlichte Mohr in Kubitscheks Antaios-Verlag sein Essay «Der Verlust des Ortes». Darin sinniert der studierte Architekt über die Zersiedelung und den Verlust der Heimat. Die Industrie, moderne Städteplanung und Architektur hätten die Menschen in der Schweiz «ortlos» gemacht. «Dass ein Land, das ortlos geworden ist, Ortlose anzieht, ist naheliegend.» Damit meint Mohr Migrant:innen, die «aus wirtschaftlichen Gründen ausgewandert» seien oder aus ihrer Heimat vertrieben wurden. «Aber auch die Bewohner der Zielländer haben ihren Ort verloren – sie geben wie unter Zwang alles preis, was sie mit ihrem Land und ihrer Kultur verbindet.» Ein lesenswertes Büchlein, befand die renommierte Architekturzeitschrift Hochparterre: «weil man ganz und gar anderer Ansicht über den Lauf der Welt sein muss als der konservative Mann aus Diessenhofen, der viel weiss und gut schreibt, aber auf dem falschen Dampfer fährt.»

Scharfmacher in Wort und Tat

Für den Antaios-Verlag lohnte sich die Publikation von Mohrs Essay; in einem Podiumsgespräch mit Mohr 2023 sagte die Partnerin von Götz Kubitschek, das Buch des Schaffhausers gehöre zu den Bestsellern des Verlags. Wobei für Kubitschek als Verleger nicht nur wirtschaftliche, sondern vor allem politische Ziele im Zentrum stehen.

Um Kubitscheks Verlag einzuordnen, muss man einen zentralen Begriff der Neuen Rechten kennen: «Metapolitik». Die Theorie dahinter: Wer politische Macht haben will, muss erst die Deutungshoheit über Sprache, Werte und Symbole erringen. Die Neue Rechte versucht deshalb, ihre Konzepte und Begriffe in den sogenannten «vorpolitischen Raum» einzuschleusen, beispielsweise über Literatur. So soll sich langfristig das Denk- und Sagbare verschieben und der Boden für die Kulturrevolution von rechts gelegt werden.

Als Verleger will Kubitschek also extrem rechte Denker salonfähig machen. So erscheinen bei Antaios etwa die Schriften von Alain de Benoist, dem Vordenker von Frankreichs Rechtsaussen-Bewegung, oder des rechtsextremen US-Aktivisten Jack Donovan.

Historikerin und Rechtsextremismusexpertin Dr. Anke Hoffstadt von der Hochschule Düsseldorf spricht gegenüber der AZ von einer organisierten, strategischen Arbeitsteilung der Neuen Rechten, in der sich rechte Politiker:innen, Aktivist:innen und Publizist:innen austauschen und aufeinander beziehen. Kubitscheks Antaios-Verlag und sein Magazin Sezession lieferten dabei die Begriffe und Konzepte und verliehen der Neuen Rechten gleichzeitig einen intellektuellen Anstrich. Je öfter man die Ideen und Konzepte der Neuen Rechten wiederhole, desto wahrer und durchsetzungsfähiger erscheinen sie. «Das kann über die Verherrlichung soldatischer Männlichkeit im Kampfsport sein, über Comics, über politische Parolen oder eben auch durch Literatur.»

Mohr helfe mit, die Konzepte der Neuen Rechten zu verbreiten und salonfähig zu machen, sagt Historikerin Anke Hoffstadt.

Anders als heute galt der Antaios-Verlag Anfang der 2010er-Jahre, als Mohrs Essay erschien, noch nicht als gesichert rechtsextrem. Bereits damals wurde er aber von Journalist:innen und Wissenschaftler:innen eindeutig im Spektrum der Neuen Rechten verortet. Darauf sprach die Thurgauer Zeitung Mohr bei Erscheinen von «Der Verlust des Ortes» an. Bereits damals kultivierte Mohr das Selbstbild des Dissidenten: «Man mag diese Haltung [des Verlags, Anm. d. Red.] als sehr rechts bezeichnen. Ich sehe darin eher eine willkommene Öffnung einer zunehmend gleichförmig verlaufenden, allgemeinen Betrachtungsweise.»

Kubitschek: «Eine Entdeckung»

Seit 2011 hat Volker Mohr fünf Mal für das Magazin Sezession geschrieben, zuletzt im Oktober 2025 zum Thema «Arbeit und Werk». Herausgegeben wird es seit 2024 von der Metapolitik Verlags UG von Götz Kubitschek. Ursprünglich gehörte das Magazin zum «Institut für Staatspolitik», das der Deutsche Verfassungsschutz bereits 2023 als gesichert rechtsextrem einstufte. Das Institut wurde als Reaktion aufgelöst und als Unternehmensgruppe neu aufgestellt, dazu gehört auch die Metapolitik Verlags UG. Der Verfassungsschutz schreibt, dass auch die neue Unternehmensgruppe an einem «ethnisch-abstammungsmässig definierten Volksbegriff» festhalte und «geschichtsrevisionistische Positionen» publiziere.

Wie das klingt, wird in der Ausgabe vom Oktober 2025 deutlich. Neben Mohrs Beitrag erschienen darin Texte von hartgesottenen Rechten wie dem ehemaligen Neonazi Benedikt Kaiser und dem rechtsextremen Aktivisten Martin Sellner; an einer Stelle bezeichnet Verleger Götz Kubitschek die Deutschen als «propagandistisch und geschichtspolitisch zurechtgeformtes Volk» und propagiert die neurechte Verschwörungserzählung des «grossen Austauschs».

Solche Kampfbegriffe sucht man in Mohrs Beiträgen für die Sezession vergeblich. Seine Mitarbeit am Magazin ist trotz der vordergründigen Zurückhaltung nicht harmlos. Mohr helfe mit, die Konzepte der Neuen Rechten zu verbreiten und salonfähig zu machen, sagt Wissenschaftlerin Anke Hoffstadt. Und das willentlich: «Wer seit Jahren in den selben Publikationen wie Götz Kubitschek oder Benedikt Kaiser publiziert, kann sich nicht damit rausreden, ihm werde Kontaktschuld vorgeworfen.»

Zumal Mohr in der Sezession rege Grössen der Neuen Rechten zitiert. Wie nahe er ihrer Gedankenwelt steht, zeigt sich an einem Beitrag, der 2013 erschien. Darin stellt Mohr fest, dass der Heimatort als Ort, «aus dem die Vorfahren stammen», in der Schweiz seine Bedeutung verloren habe. Er bedauert das, denn: «Die Geburt kann irgendwo geschehen, das Blut aber, das in den Adern fliesst, ist immer das Blut der Familie». Daran scheint sich über die Jahre wenig geändert zu haben: In einem Fragebogeninterview mit der Rechtsaussen-Zeitung Junge Freiheit im November 2025 definiert Mohr Heimat als «das Eigene. Dann ein Umfeld, mit dem man Sprache, Religion und Geschichte teilt.»

«Ein Projekt der Gegenseitigkeit»

Die Frage, ob Volker Mohr ein Verbündeter der Neuen Rechten ist, beantworten deren Vordenker gleich selbst. In der 45-seitigen Literaturbeilage, die ihm die Sezession im Sommer 2023 gewidmet hat, schreibt er im Vorwort, er lese Volker Mohr bereits seit 2009; dieser sei eine «Entdeckung längst wert». In der Literaturbeilage erscheinen neben drei von Mohrs Erzählungen auch ein ausführlicher Aufsatz des Literaturwissenschaftlers und Sezession-Autors Günter Scholdt. Scholdt stellt darin fest, dass Mohrs Werk über die Jahre tagespolitischer geworden sei, aber eine «Belletristik-Scheu» der rechten Szene die Würdigung bisher verhindere. «Denn metapolitische Unterstützung ist ein Projekt auf Gegenseitigkeit.»

Was Scholdt hier etwas umständlich formuliert, ist entlarvend: Die Konzepte der Neuen Rechten können sich nur verbreiten, wenn das rechte Publikum die Autoren der Neuen Rechten auch liest und unterstützt. Dass Volker Mohr dazugehört, daran lässt der rechte Literaturwissenschaftler keinen Zweifel aufkommen. «Er gehört ins Lager der Freiheit und damit auch zu uns.»

2025 nahm Volker Mohr an den Studientagen des ehemaligen «Institut für Staatspolitik» in Schnellroda teil. (Screenshot X)
2025 nahm Volker Mohr an den Studientagen des ehemaligen «Institut für Staatspolitik» in Schnellroda teil. (Screenshot X)

Studientage mit Rechtsextremen

Würde er «ideologisch missbraucht», so würde ihn das stören – das sagte Volker Mohr im SN-Interview vergangenes Jahr. Das scheint nicht der Fall zu sein; vielmehr scheint es, als fühle sich Mohr wohl, Teil des Projekts der Neuen Rechten zu sein. Der ewige Dissident läuft hier gerne mit: Auch nachdem der deutsche Verfassungsschutz das Institut für Staatspolitik als gesichert rechtsextrem eingestuft hatte, publizierte er weiter in der Sezession und besuchte zwei Mal das Rittergut in Schnellroda, wo sich die Neue Rechte trifft und vernetzt. Auch 2025 ging er hin, für einen Studientag zum Thema «Arbeit», das zeigen Bilder, die das Sezession-Magazin auf der Plattform X veröffentlicht hatte. Neben Mohr traten unter anderem auch der rechtsextreme Aktivist Martin Sellner, der AfD-Abgeordnete und frühere Geschäftsführer des «Institut für Staatspolitik» Erik Lehnert sowie der ehemalige Neonazi Benedikt Kaiser als Redner auf.

Mehrere Gesprächsanfragen der AZ hat Volker Mohr über die vergangenen Monate abgelehnt, auf eine letzte antwortete er diese Woche: «Für ein Gespräch wäre ich gerne bereit gewesen, wenn ich nur ein wenig Interesse Ihrerseits am Inhalt gespürt hätte.»