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Wo die wilden Trolle wohnen

Bild: Robin Kohler

Auf der Suche nach einem Sehnsuchtsort: Unsere Serie «Randern» geht in die neue Saison.

Nora Weisst du, wo die Trolle wohnen?
Robin Trollst du mich?
Nora Nein, komm mit!

Wir fahren bei brütender Hitze mit dem Bus nach Bargen, der nördlichsten Gemeinde der Schweiz. Hier, wo die Autobahn durchs Dorf schneidet, gehen wir dem Mülibach nach aufwärts ins kühle Mülital. Beim Weier nach den letzten Häusern zweigen wir rechts ab und folgen später einem Naturpfad zu unserer Linken. Unsere Wanderschuhe tragen uns vorbei an blühenden und zirpenden Wiesen. Robin sagt: «Stell dir vor, das ist der letzte Weg, den du antrittst. Und du hast alle Zeit der Welt.»

Ein schimmernder Bläuling flattert vor uns auf. Vielleicht ist es Hermann Hesses berühmter «kleiner, blauer Falter»: 

«So mit Augenblicksblinken / So im Vorüberwehn / Sah ich das Glück mir winken, / Glitzern, flimmern, vergehn.»

Unser lyrisches Ich ist beflügelt. Bald werden wir die Trolle sehen.

Der «locus amoenus»

Unterwegs kommen wir auf etwas Berauschendes zu sprechen. Seit der Mensch existiert, sucht er nach dem locus amoenus, dem lieblichen Ort. Der literarische Topos dieses Lustplätzchens entspringt der Vorstellung eines «goldenen Zeitalters». Er liegt oft auf einem lichten Hain im Wald, ist mit einer Quelle ausgestattet und von singenden Vögeln umgeben. Der locus amoenus spielt in Theokrits antiker Hirtendichtung genauso eine Rolle wie 2000 Jahre später in den damals populären Idyllen Salomon Gessners (derselbe, der 1780 die «Zürcher Zeitung» gründete, aus der die NZZ entstand). Gerade in Zeiten von Verunsicherung prosperiert die Sehnsucht nach einer Realitätsflucht in die Idylle. Liegt am Ziel unseres Wegs also vielleicht der locus amoenus?

Bevor wir das herausfinden, müssen wir an den Trollen vorbei. Wir sehen sie bereits, sie stehen am Wegrand. Pummelig, aufgeplustert, gelb. Mit den nordischen Wichten haben sie wenig zu tun. Vielmehr handelt es sich bei diesen Wiesenbewohnerinnen um Trollblumen. In Büttenhardt werden sie «Trolle» genannt, in Bargen «gfüllti Bachbommele», in Thayngen «Chöbesli» und in Opfertshofen «Bueberolle» – das sind nur einige der überlieferten Namen, welche man der heute gefährdeten Blume in Schaffhausen einst gab. Nirgendwo sonst im Kanton sieht man Trollius so häufig wie am Ort unserer heutigen Wanderung. Die ganze Zeit über säumt sie unseren Weg und ergiesst sich über den Talkessel, der sich vor uns lichtet: die Galliwies. Unser Ziel. 

Unberührt?

Die Galliwies scheint aus der Zeit gefallen. In der abgeschiedenen Flur konnten sich nach dem Rückzug der Gletscher wegen des kühlen Klimas verschiedene subalpine Pflanzen halten. Auch die höchst seltene Wanstschrecke und eine Vielfalt an Schmetterlingen und Faltern tummeln sich auf der Galliwies, die seit 1963 unter Naturschutz steht.

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Ein Infoschild verrät, dass die Flur auf alten Karten noch als Bärenwiesli ausgewiesen ist. Ob der letzte Bär im Kanton im Jahr 1575 hier erlegt wurde, ist aber nicht verbürgt. Wir steigen am Weg entlang die Anhöhe der Galliwies hoch und setzen uns in den Schatten eines Baumes mit Blick ins Tälchen, wo zwei Bächlein zusammenfliessen. Wir packen Landjäger, Äpfel und Studentenfutter aus. Ein leichter Windhauch erfrischt uns. Ja, das kommt dem locus amoenus ziemlich nahe.

Der liebliche Ort ist eine Idealisierung. Genauso wie die Vorstellung, dass die Galliwies «unberührt» sei. Die aussergewöhnliche Artenvielfalt konnte hier nur gedeihen, weil die Menschen im Mittelalter den Wald nutzten. Durch weidendes Vieh und Brennholzschlag entstanden lichte Waldweiden und Magerwiesen. Die Aufforstungen in den vergangenen 150 Jahren drängten die Galliwies auf einen Drittel der einstigen Fläche zurück.

Bevor wir unseren locus amoenus verlassen, steigen wir durch den Wald zur Iblenquelle, um zu trinken. Im Waldbächlein, das später in die Durach mündet und unsere städtischen Brunnen mit Wasser versorgt, entdecken wir Feuersalamanderlarven. Auf dem Rückweg bei über 30 Grad treffen wir einen Einheimischen. Vor 50 Jahren seien sie hier im Winter in der Schlaufe rund um die Galliwies Langlauf gefahren. «Das, was wir jetzt hier haben», sagt er und weist auf die sengende Sonne, «ist erst der Anfang».

Wanderung: 6 Kilometer, 320 Höhenmeter, Ca. 1,5 Stunden ohne Pausen

Randern – Teil drei
Wir, zwei Schaffhauser:innen, kennen die spektakulärsten Ausflugsziele unseres Kantons. Denken wir zumindest. Für diese Wandersaison haben wir uns vorgenommen, diese vermeintliche Gewissheit zu hinterfragen.
Wir suchen nach Orten, an denen wir noch nie waren oder die wir noch nie bewusst wahrgenommen haben. Destinationen, die unsere Neugierde wecken und im Verdacht stehen, echte Geheimtipps zu sein, auf dem Randen oder anderswo im Randgebiet, das wir unsere Heimat nennen. Wer von uns beiden kann den anderen mit der spannenderen Wanderung – pardon Randerung – der schöneren Aus- oder Einsicht und gemütlicheren Beizen zum Einkehren übertrumpfen? Randern Sie uns nach, wir freuen uns auf Ihre Meinung! 

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