Aktivist:innen blasen zum Widerstand gegen die Datencenter in der Region. Auf den Monat Juli ist ein einwöchiges Camp angekündigt. Was ist vom Kollektiv «Aufstände der Allmende» zu erwarten?
Es ist noch dunkel, als am frühen Sonntagmorgen eine Gruppe vermummter Menschen das Baugerüst des Mühleradhauses neben dem Rheinfall erklimmt. Zuoberst angekommen, montieren sie ein Transparent, zehn auf zehn Meter gross muss es sein. «KI kurzschliessen», steht da: «Kein neues Datenzentrum in Beringen!»
Noch am gleichen Tag stellen sich die Aktivist:innen, nun nicht mehr vermummt, hinter einen Infostand in Neuhausen. Dort plaudern sie mit der Bevölkerung, wollen wissen, was die Anwohner:innen über die Datencenter in der Region denken. Und sie lassen die Neuhauser:innen Fussbälle auf die Visagen von Elon Musk, Jeff Bezos und Konsorten kicken, die sie auf Schuhkartons geklebt haben.
Der erste regionale Auftritt der «Aufstände der Allmende» ist genauso ein Vernetzungsversuch wie eine Kampfansage: Schaffhausen soll gegen die Serverfarmen in Beringen und Herblingen aufbegehren. Auch visuell ist die Stossrichtung der neuen Bewegung unmissverständlich: In sozialen Medien rufen die Aktivist:innen mit Sturmmaske und Bolzenschneider zum Feldzug gegen die Herrschaft des Kapitals auf – und zu einem einwöchigen Widerstands-Camp in der Region, kommenden Juli.
Es wären Bilder, die Schaffhausen seit der Besetzung eines Schweinestalls in Guntmadingen nicht mehr gesehen hat (AZ vom August 2020). Was wollen die «Aufstände der Allmende», kurz AdA, hier erreichen?
Vorbild Zapatistas
Ein verschlüsseltes Telefongespräch wäre ihm am liebsten, schreibt uns Anfang dieser Woche ein Mann, der sich mit dem Namen Jannis Baumer vorstellt. Das sei sein richtiger Name, zumindest «für die Medien», sagt der Pressesprecher der AdA. «Die Schweiz hat europaweit die zweithöchste Dichte an Datencentern», beginnt er in Berner Dialekt zu erklären. «In der Gemeinde Beringen zeigt sich die Entwicklung dieses ökologischen und sozialen Skandals exemplarisch.»
Das Kollektiv, für das Baumer spricht, verweist in seinem Namen auf eine Fläche, die historisch gemeinschaftlich genutzt wurde: Als Allmende festgelegte Wälder und Weiden stellten sicher, dass auch Menschen mit wenig Bodenbesitz ans Nötigste kamen. Selbst das Symbol von AdA, ein umgekehrtes A, steht in der Mathematik für den Allquantor, also: für alle. In der Bewegung steht die gerechte Nutzung und Verteilung von Land, Wasser und anderer natürlicher Ressourcen im Vordergrund – und darum auch der Kampf gegen den Kapitalismus und insbesondere den privatisierten Ressourcenwahnsinn von Big Tech.
Auch wenn die AdA sich nicht als Vertreter:innen einer klaren Ideologie ansehen, so liegen ihre Bezugspunkte doch auf der Hand. Zunächst einmal gibt es Verflechtungen mit der jüngeren Klimabewegung: Spenden an die AdA gehen aufs Konto des Klimastreiks Basel. Eine historisch für sie wichtige Referenz, erklärt Jannis Baumer, sei der Aufstand der indigenen Völker Mexikos im Jahr 1994. Die Zapatistas besetzten ab 1994 mehrere Städte im südmexikanischen Bundesstaat Chiapas und erklärten der damaligen Regierung den Krieg. «Sie haben das Ende vom Ende der Geschichte eingeläutet», sagt Baumer. Was er damit meint: Die Zapatistas widersprachen mit ihrem damaligen Handeln jenen, die vom ideologischen Sieg des Kapitalismus (dem «Ende der Geschichte») geschwärmt hatten. So sagt auch Baumer: «Wir möchten aufzeigen, dass ein anderes Leben möglich ist, ein Leben jenseits des Kapitalismus.»
Krieg und Fürsorge
Einmal ist die Bewegung, zu deren Grösse Jannis Baumer übrigens auf Nachfrage schweigt, bereits in Erscheinung getreten: Im Juni vor einem Jahr nahm sie die seit Jahren umstrittene Umfahrungsstrasse Aarwangen im Oberaargau ins Visier. Was sie mit dem angriffslustigen Slogan «Autoindustrie entwaffnen, Land zurückholen» ankündigten, sah in der Realität dann aber vielmehr verspielt aus: Die Aktivist:innen pflanzten Bäume und ein Wildblumenbeet auf die Baustelle der Autobahn und nahmen im Anschluss den nahen Spychigwald in Beschlag. Für ein verlängertes Wochenende boten sie ihren Besucher:innen und sich selbst Lagerfeuer, Konzerte und kleine Kletterkurse.
Tatsächlich schwingt auch in der Rhetorik von AdA nicht nur Krieg und Revolution, sondern auch ein Fokus auf Fürsorge mit. Der «fürsorgliche Umgang miteinander, mit allen Lebewesen und unseren Lebensgrundlagen» ist in den Aktions-Guidelines der Gruppe festgeschrieben, und rassistische, koloniale oder patriarchale Gewalt haben in ihrem Aktivismus nichts verloren, hält Jannis Baumer fest. Dass der mitunter brachiale Auftritt des Kollektivs auf breite Bevölkerungsteile abschreckend wirkt, steht neben diesen Ansprüchen. Das Kollektiv löst den scheinbaren Widerspruch zwischen Militanz und Achtsamkeit nicht auf, auch dann nicht, wenn Baumer sagt: «Uns geht es darum, die herrschende Ordnung zu stören. Dabei ist uns klar, dass eine wirkmächtige Bewegung die zerstörerischen Projekte von Tech-Oligarchen und Politiker:innen auch materiell bekämpfen muss und nicht nur mit Worten.» Heisst: Sachen angreifen steht auf dem Programm.
Das «Widerstands-Camp», das die AdA auf die erste Juliwoche in der Region ankündigt – vermutlich auf einem Stück Land in Beringen –, wird in diesem Spannungsfeld liegen, falls es denn zustande kommt. Es ist also nicht auszuschliessen, dass vom Camp aus die Datencenter-Infrastruktur angegriffen wird. Gleichzeitig soll im Camp Vernetzung und Information möglich sein, wie Jannis Baumer sagt: «Wir wollen einen zugänglichen Ort für Menschen mit unterschiedlichen Hintergründen schaffen. So soll ein Raum entstehen, in dem sich globale Kämpfe mit lokalen Widerständen gegen Datencenter und den KI-Hype verbinden können.» Verschiedene Workshops zu den Themen Wasserverbrauch, Repression und Militarisierung oder auch zu der KI inhärenten Ausbeutung des globalen Südens rahmen das Programm.
«Viele sind fassungslos»
Im Spychig-Wald hält seit der Aktion der AdA eine Gruppe Anwohner:innen jeden Monat eine Mahnwache ab. Der erste Auftritt des Kollektivs zeigte also Wirkung. Aber wie wird es in Schaffhausen ankommen?
Denn hier hat sich in den vergangenen Monaten eine Kluft aufgetan: Die Pläne des ersten Datencenters provozierten noch einen Aufschrei. Seither haben sich die Datencenter-Pläne vervielfacht: Gemäss Schaffhauser Nachrichten soll eine zweite Serverfarm in Beringen zu stehen kommen. Und nahe des Stadions in Herblingen soll ein drittes, riesiges Zentrum zu stehen kommen, hinter der gar Amazon stecken soll. Doch auf diese Pläne ist weder Protest noch Debatte gefolgt. Nur ganz kurz wurde es laut, als die vom Kanton geplanten Windräder auf dem Randen mit dem Energiehunger der Server begründet wurden (AZ vom 30. Oktober 2025). Das Signal des Regierungsrates, dass man solche Pläne einfach bewilligen müsse, wenn sie sich an die Vorgaben halten, hallt noch nach.
Die SP-Kantonsrätin Eva Neumann hat das erste Datencenter in Beringen von Stunde eins an bekämpft. Sie kritisierte das Bewilligungsverfahren, die Intransparenz, die Unklarheiten bezüglich Abwärme und Ressourcenverschleiss. «Mich sprechen auch heute noch viele auf die Datencenter an», sagt sie. «Viele sind fassungslos, dass man gegen diese Pläne nichts unternehmen können soll. Aber ich weiss inzwischen auch nicht mehr, was man noch machen könnte.»
Darum hofft Eva Neumann auf einen breiten Protest in der Region. Das habe in den 1980er-Jahren gegen die Glasfabrik im Herblingertal auch gewirkt.
