Eigentlich wollen alle dasselbe: einen gesunden, guten Wald. Doch wenn es darum geht, was dieser können soll, wachsen die Emotionen in den Himmel. Ein Verstehensversuch.
Im April prangte plötzlich ein leuchtend gelbes Plakat am Stadthaustor: «Stoppen Sie sofort die krassen Fällarbeiten im Wald auf dem Hohberg. Wir sind schockiert!» Die gleiche Botschaft fand sich auch vor den Räumlichkeiten von Grün Schaffhausen. Angebracht hatten sie besorgte Bürger:innen. Zudem schickten sie einen offenen Brief an die Stadtregierung mit der Forderung nach einer Erklärung für die Massnahmen am Hohberg und warum diese einen «derart zerstörerischen Eindruck» hinterlassen hätten. Dem dramatischen Appell legten sie Fotos von gefällten Stämmen und Forstmaschinen-Spuren bei. Es war ein Ruf unter vielen, die sich im Moment um den Wald Sorgen machen. In und um die Wälder rumort es.
Kapitel eins: Ärger
Auch andere nehmen das wahr: Im Stadtrat wurde gerade über Simon Furters Postulat für einen erholungsfreundlichen und naturnahen Stadtwald debattiert. Leserbriefschreibende beklagen aktuelle Forstmassnahmen, sprechen von einem «Trauerspiel» und von «klaffenden Wunden». Der Tenor: Die Nutzungsfunktion des Waldes als Energie- und Rohstofflieferant werde den anderen Funktionen übergeordnet. Solche Aussagen wiederum zogen die Reaktion eines strapazierten Regierungsrates nach sich: Martin Kessler sagte Mitte April an der Generalversammlung des Waldeigentümerverbandes, dass man die Diskussion über die Waldpflege doch denen überlassen soll, die wirklich eine Ahnung vom Thema hätten.
Auch Förster wehren sich gegen die Unterstellungen. So etwa der Schleitheimer Förster Christoph Gasser. Er schreibt der AZ in einem Mail von Grenzen, die überschritten wurden. Verbale Beleidigungen oder Anpöbelungen seien sie, die Forstarbeiter, sich ja gewohnt – aber aufgeschlitzte Reifen an Forstfahrzeugen, wie es kürzlich am Geissberg vorgekommen sei – das gehe eindeutig zu weit. Vor sechs Jahren führte Gasser uns durch sein Revier und erklärte, wie es den Bäumen geht in Zeiten von Klimawandel, Extremwetter und Trockenperioden (siehe AZ vom 20. Februar 2020). Nun, sechs Jahre später, landet seine E-Mail in unserem Postfach fast zeitgleich mit dem offenen Brief der besorgten Bürger:innen. Was ist da eigentlich los im Wald?
Kapitel zwei: Waldbegehung
Ein guter Monat nach dem Eingriff auf dem Hohberg stehen wir mit Nico Schwager, Abteilungsleiter Wald und Landschaft bei Grün Schaffhausen, am «Tatort». Ruhig und verlassen liegt der Aussichtspunkt in der Nachmittagssonne, ein kräftiger Wind rauscht durch die mächtigen Baumkronen rund um den Grillplatz. Es geht weiter über eine hübsch blühende Wiese, ein schmaler Trampelpfad führt an den Waldrand. Von den Spuren der Forstmaschine auf der Wiese oberhalb des steilen Waldstücks, von denen die besorgten Bürger:innen berichteten, ist nichts mehr zu sehen. Das Waldgebiet hier ist eines der wenigen stadtnahen Gebiete, die nicht nur der Erholungsfunktion, sondern auch der Funktion Lebensraum zugewiesen sind. So ist es im Waldfunktionsplan festgehalten. Wir sehen uns im schmalen, steilen Waldstück um. Zwei mächtige Eichen wachsen hier gen Himmel, daneben stehen vier, fünf frische Wurzelstöcke. Hier auf dem Hohberg gehe es darum, den Eichenbestand zu schützen und zu fördern, erklärt Schwager: «Wir steuern den Wald über das Licht.» Damit die Eichen als ausgeprägte Lichtbaumart genügend Sonnenlicht abbekommen, mussten einige andere Bäume weichen. Sie haben mit ihrem dichten Blattwerk die jungen Eichen daran gehindert, stabile Wurzeln zu schlagen. Es profitieren dadurch auch andere Arten wie Feld- und Spitzahorn oder auch Kirschbaum, die unter dem dichten Blätterdach ebenfalls ihre Mühe hatten.
Er verstehe den Ärger der Anwohner, wenn ihr Wald plötzlich ganz anders aussehe. Aber man müsse die Waldentwicklung in einem längeren Zeitraum betrachten, so Schwager: «In den nächsten Jahren sollen an dieser Stelle keine Eingriffe im Baumbestand stattfinden, damit die jungen Bäume aufwachsen können.»
Auf die Plakataktion angesprochen, zieht er eine Augenbraue hoch. Man könne jederzeit bei Grün Schaffhausen anrufen, wenn man Fragen habe, sagt er: «Wir geben gerne Auskunft über die geplanten Massnahmen.»
Urheber der Plakate am Stadthaus und bei Grün Schaffhausen sind der Hohberg-Anwohner Peter Mégel und seine Partnerin Andrea Maria Stirling. Eigentlich sei das ja nicht ihre Art, sagen die beiden fast entschuldigend, als wir sie nach den Gründen ihrer Aktion fragen. «Wir sind keine Aktivisten.» Aber der Eingriff hier am Hohberg sei für sie ohne Vorwarnung gekommen. Und schockierend gewesen. Das habe etwas ausgelöst. «Natürlich haben wir erst einmal emotional reagiert.»
Ihre darauffolgende Aktion indessen hat die gewünschte Wirkung nicht verfehlt: Die Stadt lud die Plakatsteller zum Austausch vor Ort ein. Gleichzeitig wies Stadträtin Katrin Bernath sie in ihrer Antwort auf den offenen Brief klar darauf hin, dass eine öffentliche Darstellung mit Namensnennung von Personen, die sich tagtäglich für die Natur in Schaffhausen einsetzen würden, nicht akzeptabel sei. Der AZ antwortet Bernath auf Nachfrage, die Stadtregierung sei immer offen für einen Austausch zu verschiedenen Interessen und Sichtweisen. Aber bei dieser Form der Kritik fehle der Respekt gegenüber den Mitarbeitenden.
Für die Aktivisten, die keine sein wollen, war die Aktion Mittel zum Zweck: Dass sie auf eine Audienz mit den Verantwortlichen der Stadt eingeladen wurden, wissen sie zu schätzen. «Es liegt uns fern, nur zu stören. So was machen wir nicht. Aber wir wollen mitreden.» Ihnen sei es vor allem darum gegangen, ihren Standpunkt klarzumachen: «Wir sagen nicht, dass alle Förster böse sind, überhaupt nicht. Es geht uns um eine Neuordnung der Gewichtung der verschiedenen Ansprüche.» Es sei ihnen ein Anliegen, den emotionalen Wert des Waldes auf gleiche Ebene wie die anderen Nutzungen zu bringen. «Als einen weiteren Anspruch, den man an den Wald stellen kann.»
Kapitel drei: Einer für alle
Der Wald muss vielen Ansprüchen gerecht werden. In Schaffhausen nimmt er viel Raum ein: 42 % der Gesamtfläche des Kantons ist bewaldet, er ist damit nach dem Tessin der zweitwaldreichste Kanton der Schweiz. Der Wald ist Refugium für Erholungssuchende, Lebensraum, Energie- und Rohstofflieferant, Schutzzone für Flora und Fauna und ein grosser Spielplatz für Freizeitaktivitäten.
«Das Betreten von Wald und Weide in ortsüblichem Umfange ist grundsätzlich jedermann gestattet.»
So steht es im Schweizer Zivilgesetzbuch unverändert seit 1912. Von diesem Jedermannsrecht machen die Menschen gerne und viel Gebrauch. Wo früher der Wald vor allem als Holzlieferant genutzt wurde, und manchmal zum Sammeln von Pilzen oder Beeren (auch das ist nach Gesetz explizit erlaubt), sind die Ansprüche an ihn über die Jahrzehnte gewachsen. Und somit auch die potenziellen Konfliktlinien.
Alle wollen etwas vom Wald. So sehr, dass dem Wald seit dem 19. Jahrhundert per Gesetz verschiedene Nutzungen zugeteilt werden, anfangs vor allem in seiner Funktion als Schutz- und Bannwald. Seit den 1970er-Jahren werden in der Waldfunktionsplanung die verschiedenen Funktionen bestimmt, explizit unter der Mitwirkung der Bevölkerung. In Schaffhausen sind dies die Schutzfunktion, Wohlfahrtsfunktion (darin Erholungs- und Walderlebnisfunktion), Lebensraum- und Naturschutzfunktion sowie Nutzungsfunktion. Dass sich diese Ansprüche ab und an in die Quere kommen, ist unvermeidbar. Wald ist multifunktional und soll alle Bedürfnisse auf kleinem Raum erfüllen.
Dabei können sich Ansprüche sogar innerhalb einer Funktion widersprechen. Erholungssuchende zum Beispiel haben konträre Ansprüche: Familien möchten eher eine gute Infrastruktur, gepflegte Grillstellen oder einen Waldspielplatz. Spaziergänger:innen wollen ihre Ruhe auf sicheren Wegen. Und Biker:innen wollen möglichst keinen Spaziergänger:innen begegnen. Kann der Wald all dem überhaupt gerecht werden?
In Schaffhausen prallen die Meinungen aufeinander, der Ton scheint rauer geworden. Immer öfter scheint das Verständnis für andere Waldnutzer:innen zu fehlen. Man berichtet uns von missachteten oder mit Farbe verschmierten Absperrblachen bei Holzschlägen, von Anpöbelungen und Beschimpfungen. Das sei früher so nicht vorgekommen.
Peter Mégel und Andrea Maria Stirling sagen, all die Eingriffe am Wald seien von den Behörden sauber begründet worden: Man habe ihnen gesagt, diese seien nötig gewesen für die Verjüngung des Waldes, um Lichtinseln zu schaffen, die Biodiversität zu fördern und Sicherheit zu garantieren. Die Frage, ob diese Argumente denn nicht auch in ihrem Interesse seien, bejahen die beiden nur teilweise. Die Massnahmen hätten zumindest mit mehr emotionaler Feinheit kommuniziert werden können, finden sie. Sowieso: Es gehe ihnen vor allem um die Kommunikation.
Im Gespräch bleibt das Misstrauen gegen die Behörden spürbar: Peter Mégel sagt, er wolle sich bald auch einem weiteren grossen Thema widmen: der Sicherheit im Wald. «Das ist eine indiskutable, heilige Kuh. Förster wie auch alle anderen Verantwortlichen brauchen diesen Aspekt als Grund, damit sie ihr Programm durchziehen können.» Man finde ja kaum noch richtig alte Bäume im Wald.
Es ist ein Gefühl der Ohnmacht und der Angst, etwas Vertrautes zu verlieren, ohne darauf Einfluss nehmen zu können, das hier mitschwingt. Auch dass Förster Sicherheit als Argument vorschieben würden, um Bäume zu fällen: Das alles hört Nico Schwager nicht zum ersten Mal. Sicherheit gehe aber halt trotzdem vor, gerade in Gebieten, die viel genutzt würden und in denen Kinder spielen. Er betont: «Der Stadtwald gehört der Bevölkerung.» Was man dabei nicht vergessen dürfe: «Die Betriebsplanung und die Massnahmen brauchen eine gewisse Langfristigkeit, damit sich der Wald entwickeln kann.»
Oder anders gesagt: Bäume wachsen nicht schneller, bloss weil die Leute sich dies wünschen. Der Wald hat eine andere Zeitrechnung. Zeitlos ist er höchstens aus menschlicher Sicht, weil unsere Lebenszeit kürzer ist als die eines Baumes. «Wir arbeiten hier an einem Mehrgenerationenprojekt», sagt auch Schwager. «Wir bewirtschaften den Wald, den mehrere Generationen vor uns gepflanzt und gepflegt haben. Und unsere Aufgabe ist es wiederum, dass die Waldleistungen, die wir heute haben, zukünftig erhalten bleiben.»
Und auch wenn ein Waldbestand so wirken mag, also wäre er ewig gleich – er verändert sich ständig. Die Strategie von Grün Schaffhausen, um dem Klimawandel zu begegnen: «Im Erholungswald folgen wir der Strategie der Baumartenvielfalt und einer guten Altersdurchmischung. Diese Aspekte werden in Zukunft noch wichtiger werden.»
Kapitel vier: Keine Wunder
Der Wald wird irgendwie überleben, da sind sich alle einig. Aber er wird sich durch den Klimawandel verändern. Der Schleitheimer Förster Christoph Gasser sagt es pointiert: «Wir müssen uns von dem gewohnten Bild unseres Waldes verabschieden. Das fällt schwer. Aber wenn wir das Gefühl haben, der Klimawandel gehe auf wundersame Weise an unserem Wald vorbei, wenn wir die Natur einfach machen lassen, dann stellen wir uns eigentlich auf die Stufe der Klimaleugner.»
Der Waldnutzungsplan wird alle zwanzig Jahre neu verhandelt. Dann werden die jeweiligen Pläne in jeder Gemeinde während 20 Tagen öffentlich aufgelegt und es können Anregungen und Einwände eingereicht werden. In vier Jahren ist es wieder so weit. Peter Mégel und Andrea Maria Stirling befürchten, dass es dann schon zu spät sein wird: «Wir haben Angst, dass der Wald, wie wir ihn kennen, bis dahin weg ist.» Deshalb wollen sie dranbleiben: «Solange man der Bevölkerung nicht ihren Erholungswald gibt, wird es immer Probleme geben.» Das stehe sogar im Forstlehrbuch, das sich die beiden extra gekauft haben.
