Vier Köpfe der Firma Berformance müssen für bis zu neun Jahre in Haft. Der ehemalige Hauptsponsor des FC Schaffhausen hat laut Gericht gewerbs- und bandenmässigen Betrug begangen. Der Schaden beträgt 107 Millionen Euro.
«Das ist ein Multimilliarden-Business, wo wir jetzt sind.»
Berformance-CEO Christian L. in einem abgehörten Telefongespräch
Das Landgericht Erfurt, Bundesland Thüringen, sprach am 7. Mai langjährige Haftstrafen gegen vier Köpfe von Berformance aus. Erfinder und Gründer Andreas B. muss wegen gewerbs- und bandenmässigen Betrugs für neun Jahre und neun Monate hinter Gitter. Das gleiche Strafmass erhielt Gerrit K., der so etwas wie der Finanzverwalter war. Die Höchststrafe für dieses Delikt liegt bei zehn Jahren. Geschäftsführer Christian L. muss für achteinhalb Jahre in Haft. Seine Ehefrau Marion L. wegen Beihilfe für vier Jahre.
Das Urteil lautet auf Betrug in 7284 Fällen. Mit Begriffen wie Kryptowährung, Künstliche Intelligenz, Blockchain und dergleichen lockte Berformance Investorinnen und Investoren mit Traumrenditen – das angelegte Geld würde sich innert dreier Jahre verdreifachen. Der Gewinn werde durch die Verpachtung von Geldautomaten erwirtschaftet, die Bitcoin in Bargeld umtauschen, versprachen die Verantwortlichen. Oder mit Hochleistungscomputern, die Rechenleistung für Anwendungen wie Künstliche Intelligenz bereitstellen. Gemäss dem Gericht flossen die Einnahmen nicht in Geräte, sondern in ein Ponzi-System. Das heisst, dass ein Geschäftsmodell nur auf dem Papier existiert. Wer investiert, erhält über einen gewissen Zeitraum Geld ausbezahlt, um das Vertrauen von neuen Investorinnen zu gewinnen. Aber mit den neuen Einzahlungen werden die Auszahlungen an bisherige Anlegerinnen und Anleger gedeckt. Das System funktioniert so lange, wie das Geschäft exponentiell wächst. Danach bricht es zusammen. Laut Urteil beträgt die Schadenssumme 107 Millionen Euro. Ein wesentlicher Teil davon wurde in der Schweiz eingesammelt. Die Urteile sind noch nicht rechtskräftig.
In der Urteilsbegründung sagte der vorsitzende Richter, man hätte erkennen können, dass es sich um ein Schneeball- beziehungsweise Ponzi-System gehandelt habe. Ausserdem lobte er die vorbildliche Arbeit der Ermittler. So folgte das Gericht weitgehend den Anträgen der Staatsanwaltschaft.
Stolz beim FC Schaffhausen
Im September 2023, Berformance gab es seit fünf Jahren, enthüllte die AZ das Geschäftsmodell von Berformance. Mittels einer verdeckten Aktion, in der wir uns als potenzielle Investoren ausgaben, hatten wir uns ins System eingeschleust, um einige hochrangige Berformer zu treffen, wie man sich untereinander nannte. Wir fanden uns in der VIP-Loge des FC Schaffhausen wieder. Denn im Juni 2023 war Berformance Hauptsponsor des Klubs geworden. Das Stadion hiess ab sofort Berformance Arena. Der Deal kam durch ein gemeinsames Netzwerk von Berformance und Murat Yakin, Trainer des Schweizer Männernationalteams, und dessen Bruder Hakan zustande. Den Yakins wurden immer wieder Verbindungen zum FCS nachgesagt (was sie stets dementierten).
Christian L. drohte der AZ im Namen von Berformance mehrmals mit einer Schadenersatzklage. Auch andere Beteiligte wollten uns mit Millionenklagen unter Druck setzen. Der damalige Berformance-Kadermann Simon Grether, ein ehemaliger Schweizer Profifussballer, durfte im Tages-Anzeiger erzählen, der AZ-Bericht beinhalte «etliche Falschbehauptungen», übertriebene Darstellungen und «schlechte Recherchen». Konkret belegen konnte er das nicht. «Für viele klingt es utopisch, was wir machen», sagte Grether, «weil sie das Geschäft nicht kennen – mir ist es zu Beginn auch nicht anders gegangen.»
Der FC Schaffhausen berief eine Pressekonferenz ein, bei der auch Christian L. auftrat. «Es ist etwas Längerfristiges», begann der FCS-Mediensprecher. «Macht auch ein bisschen stolz.» Der damalige Geschäftsführer des Klubs, Süha Demokan, sagte: «Wir haben unsere Hausaufgaben gemacht. Wir haben rechtlich abgeklärt, Handelsregister, Strafregister et cetera, und uns fiel nichts auf, was gegen eine Zusammenarbeit sprechen würde.» Gemäss Beteiligten sollte Berformance dem Klub mehrere hunderttausend Franken bezahlen. Schon nach einigen Wochen blieben die Überweisungen aus.
Weder Süha Demokan noch der damalige FCS-Präsident Roland Klein wollen sich heute zu dieser Angelegenheit äussern.
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Dieser Text entstand mit finanzieller Unterstützung des AZ-Recherchefonds «Verein zur Demontage im Kaff». Der Fonds fördert kritischen, unabhängigen Lokaljournalismus in der Region Schaffhausen, insbesondere investigative Recherchen der Schaffhauser AZ. Spenden an den Recherchefonds: IBAN CH14 0839 0036 8361 1000 0 oder per Twint.
Nach unserer Recherche vergingen nochmals einige Monate, bis die Behörden zuschlugen. Bei einer grossangelegten internationalen Razzia im Juni 2024 wurden zahlreiche Leute verhaftet, die unter Verdacht standen, bei Berformance mitgewirkt zu haben. Darunter auch die vier Verurteilten, die seither in Untersuchungshaft sitzen. Federführend war das Landeskriminalamt Thüringen in Zusammenarbeit mit der Staatsanwaltschaft Erfurt.
Die Anklageschrift gegen die vier Köpfe umfasst 722 Seiten; die dazugehörigen Akten über 7500 Seiten. Darin befinden sich auch zahlreiche Transkripte von abgehörten Telefongesprächen. Einmal unterhielten sich Andreas B. und Gerrit K. darüber, wie man das Kon-strukt möglichst «komplex» gestalten kann. Offenbar nicht nur, um Leute zu täuschen, sondern auch mit dem Ziel, die Rolle von B. zu verschleiern. B. war nämlich schon mehrmals wegen Betrugs verurteilt worden. Die Anwälte von B. sowie den anderen Verurteilten stritten sämtliche Vorwürfe ab. Sie beteuerten sinngemäss, dass ihre Mandanten ein ganz normales Unternehmen geführt hätten und forderten Freisprüche. Gegen das Urteil wollen sie voraussichtlich Berufung einlegen.
Über 5000 Geschädigte
Zahlreiche Personen investierten hohe Beträge in Berformance. Ersparnisse aus jahrelanger Arbeit. Die Staatsanwaltschaft geht von über 5000 Betroffenen aus (manche schossen mehrmals Geld ein, woraus sich die Zahl von 7284 Betrugsfällen ergibt). Da ist der fünfzigjährige Entwicklungsingenieur, der 105 000 Euro aus seinem Bausparvertrag einbezahlte. Und Verwandte von Investitionen überzeugte. Da ist der Junge Anfang zwanzig, der 25 000 Euro angelegt hat und dann seine Grossmutter um weitere 20 000 anpumpte. Oder da ist die Kauffrau Ende fünfzig, die 100 000 Franken anlegte, nachdem sie ihre Pensionskasse aufgelöst hatte. «Wir sind immer noch in finanzieller Not wegen der Berformance», berichtet uns ihr Ehemann, der selber 11 000 Franken investiert hat. «Wenn man alles verloren hat an Pensionskassengeldern, ist es nicht leicht in unserem Alter.»
In Deutschland haben einige Anwaltsbüros Sammelklagen von Geschädigten lanciert. Dass die Opfer zumindest Teile ihres Gelds zurückerhalten, ist ziemlich unwahrscheinlich. Das lassen zumindest zahlreiche andere Fälle von Ponzi-Systemen vermuten.
Die Spur des Geldes
Wohin flossen die Millionen? Laut den Ermittlern führt die Spur in die Schweiz, zu einem schwerreichen Schweizer Unternehmer und seinem österreichischen Geschäftsführer. Beide traten regelmässig bei Veranstaltungen von Berformance auf. Der Österreicher war bei der Firmengründung von Berformance offiziell beteiligt. Im November 2023 hatten Ermittler des Landeskriminalamts Thüringen ein Telefongespräch zwischen Andreas B., Christian L. und Gerrit K. abgehört. Darin berichteten die drei, dass sie 110 Millionen Euro in Aktien eines Unternehmens investiert hätten, das dem Schweizer Unternehmer gehöre. Der Unternehmer habe ihnen eine Steigerung des Aktienwerts um das zwei- bis fünffache in Aussicht gestellt. Doch die Investition, so die drei, habe sich als «gefakte Scheisse» herausgestellt. Die Aktien seien «wertlos». «Im Endeffekt müssen wir drei jetzt feststellen, dass wir nichts haben», sagte Andreas B. Der «Vogel» hingegen habe «das Geschäft des Lebens» gemacht.
Gegen den Unternehmer und seinen Geschäftsführer wurde ein separates Strafverfahren eröffnet. Für die Behörden ist ihre Rolle im Berformance-System noch unklar. Es gilt die Unschuldsvermutung. Ob es überhaupt zu einer Anklage und einem Gerichtsprozess kommt, steht noch nicht fest.
