Nicht müssen: wollen

16. Mai 2026, Sharon Saameli
Die Spielvi-Frauen im Dienstagstraining (v.l.): Lisa Spitz, Anela Ademi, Jorina Duss, Ramiya Mahentiran, Irina Keiser, Gaetano Longhitano, Domenik Grbic, Fiona Gloor, Valentina Zollinger, Mikal Kidane; vorne: Pascale Pfeiffer, Jana Mihajloska, Lara Galliker, Ronja Huggler, Arianna Barberio. Fotos: Robin Kohler
Die Spielvi-Frauen im Dienstagstraining (v.l.): Lisa Spitz, Anela Ademi, Jorina Duss, Ramiya Mahentiran, Irina Keiser, Gaetano Longhitano, Domenik Grbic, Fiona Gloor, Valentina Zollinger, Mikal Kidane; vorne: Pascale Pfeiffer, Jana Mihajloska, Lara Galliker, Ronja Huggler, Arianna Barberio. Fotos: Robin Kohler

16 Spiele ohne Niederlage: Noch nie waren die Spielvi-Frauen dem Aufstieg so nah. Was macht dieses Team gerade richtig?

Anpfiff auf dem Sportplatz Bühl: Die Spielvi-Frauen setzen an diesem Sonntag im Mai zum Duell gegen FF Züri Unterland an. Die ersten Minuten sind verhalten. Und dann, nach nicht einmal einer Viertelstunde, sieht die Zürcher Stürmerin ein Loch in der Spielvi-Defensive. Sie erkennt die Chance, sprintet nach vorn, schiesst – und trifft. In einer Ecke des Kunstrasens jubelt eine kleine, pinke Fangemeinde ins Megaphon.

Noch vor ein, zwei Jahren hätte ein solcher Fehler die Schaffhauserinnen in eine Negativspirale gestossen. Heute aber ist er ihr Weckruf. Nur acht Minuten später schiesst Irina Keiser nach einem Freistoss den Ausgleich. Von da an überrollt die Maschine Spielvi ihre Gegnerinnen: Darlyn Iannattone holt das 2:1, Pascale Pfeiffer drei Minuten später das 3:1. In der zweiten Halbzeit legt Keiser mit dem 4:1 nach. Auch ein letztes Gegentor kurz vor Abpfiff ändert nichts mehr an den Tatsachen: Die Spielvi hat ihre erste echte Nagelprobe der Rückrunde bestanden. Und sie ist dem Aufstieg in die zweite Liga so nah wie nie.

Die höhere Resilienz – das Nichtverzagen bei einem Gegentor – ist ein Grund dafür. Hört man sich in der Spielvi und ihrer Fankurve um, ist das aber nur ein Puzzleteil des jetzigen Erfolg.

Stabiler Kern

Spätestens mit der EM vergangenen Jahres ist Frauenfussball aus dem Schatten der Männerligen getreten. Lang aber wurden fussballbegeisterte Mädchen ins Abseits gestellt: 1967 gründete die Wehrsportvereinigung Schaffhausen die erste Damenmannschaft des Kantons, die nach einem Umweg in den FC Schaffhausen ab 1971 in der Spielvi mittschuttete. Sieben Jahre später wurde sie mangels Nachwuchs wieder aufgelöst. Weitere Anläufe, ein Frauenteam zu gründen, scheiterten – vereinzelte Mädchen spielten bei den Jungs mit. Aufwind erhielt das Frauenteam erst mit einer Gruppe Mädchen rund um Pascale Pfeiffer, Captain der ersten Stunde (siehe dazu unser Porträt von Pfeiffer in der AZ vom 16. Mai 2024).

Diese Frauen stellen bis heute den Kern des Teams dar: die Stürmerin Darlyn Iannattone, die Mittelfeldspielerinnen Anela Ademi und Pascale Pfeiffer sowie die Verteidigerinnen Jorina Duss, Lara Galliker und Irina Keiser. Wir treffen sie zwei Tage nach dem Sieg gegen Züri Unterland auf dem Bühl im Training. «Wir kennen uns teilweise schon seit früher Kindheit und sehen einander öfter als unsere Leute zuhause», sagt Anela Ademi. «Die Spielvi ist ein Stück Zuhause für uns.» Ein weiterer Vorteil der Alteingesessenen: Sie sind mit 22 bis 25 Jahren noch nicht einmal im besten Fussballerinnenalter. «Andere Frauenteams sind im Durchschnitt älter, und älter heisst tendenziell Familie», erklärt Lara Galliker. «Danach ist ein Comeback oft schwierig.»

An der Kernstruktur der Spielvi-Frauen zu rütteln vermochten auch die jüngsten Kapriolen des FC Schaffhausen nicht: Ab Juli, wenn die laufende Saison beendet ist, will der FCS eine eigene Frauenabteilung stellen, die sich von der untersten Liga nach oben spielen soll – leistungsorientiert, wie man den FCS kennt. Der Klub spekulierte dafür auf eine Zusammenarbeit mit der eingespielten Spielvi. Diese aber erteilte ihm eine Abfuhr: Der Breitensport, die Nachwuchsförderung und der Vereinsgedanke stehe bei ihr im Vordergrund. Vereinzelte Spielvi-anerinnen werden Stand jetzt zwar wechseln, darunter vier des ersten Frauenteams, jedoch keine aus dessen Mitte.

Nachwuchsförderung in house

Im Windschatten der Frauen 1 konnten in der Spielvi ganze Generationen Wurzeln schlagen: 2021 – im Jahr, in dem die Pionierinnen um Pascale Pfeiffer in die dritte Liga aufgestiegen waren – trainierten in der Frauenabteilung bereits 80 Mädchen und Frauen ab acht Jahren, 2023 waren es deren 100. Und jetzt sind in den sieben Teams schon über 150 Spielerinnen im Einsatz. «Das ist klar ein Verdienst der Frauen, die sich nicht nur als Spielerinnen, sondern auch als Trainerinnen, im Vorstand sowie als Funktionärinnen sichtbar machen», sagt Lara Galliker. Sie ist zusammen mit Pfeiffer für die Juniorinnenabteilung zuständig. «Diese enorme Präsenz führt dazu, dass Nachwuchsspielerinnen Vorbilder sehen und eine Perspektive haben: Der Verein bietet ihnen auch nach der Juniorinnenzeit eine Bühne, ob auf dem Feld oder in einer leitenden Rolle.» Aus diesen Gründen, sagt Galliker, gelinge die Integration des Nachwuchses ins erste und zweite Frauenteam.

Aktuell jüngstes Teammitglied ist Fiona Gloor: Die 16-Jährige steht im Spiel gegen Züri Unterland in der ersten Halbzeit im Goal, in der zweiten übernimmt die erfahrene 21-Jährige Ramiya Mahentiran. Rotationen wie diese gehören in anderen Teams nicht zur Spielstrategie. Coach Gaetano Longhitano hat dafür aber deutliche Worte: «Ich bin der Meinung: Du brauchst alle, um zu gewinnen.» Ihm sei es wichtiger, Vertrauen zu zeigen und seine Spielerinnen auf diese Art anzuspornen, anstatt immer nur die beste Elf auf den Rasen zu stellen. «Ich will, dass die Ladies jetzt keinen Druck verspüren, sondern einfach ums Verrecken gewinnen wollen. Nicht müssen: wollen.»

16 Spiele ungeschlagen

Zusätzlich angespornt sind die Frauen, weil der Aufstieg für manche schon drei Mal nicht geklappt hat – einmal sogar sehr knapp. «Die Enttäuschung darüber war saugross», erinnert sich Pascale Pfeiffer. «Wir sind dieses Mal aber mehr Spielerinnen, wir sind fitter als letztes Mal, und wir haben ein Netz, das uns unterstützt: Aushilfen aus dem Frauenteam 2, der Vorstand, Helferinnen und Fans an der Seitenlinie tragen uns. Auch das war vor zwei Jahren anders.» Und trotzdem, ergänzt Pfeiffer, sei das Frauen 1 bescheiden geblieben. «Wir gehen in Bezug auf unser Können tendenziell zu demütig auf den Platz. Das ist nicht immer ein Vorteil, aber jetzt hilft es uns, bis zum Schluss konzentriert zu bleiben. Wir wissen, es ist noch nicht gelaufen.»

Gerade kämpfen die Spielvi-Frauen an drei Wochenenden hintereinander gegen die gewichtigsten Gegnerinnen ihrer Liga. Gegen Züri Unterland machten sie vor zwei Wochen das 4:2. Am Sonntag nach dem Gespräch mit der AZ, vor fünf Tagen also, holten die Schaffhauserinnen gegen die Tabellenzweite Veltheim ein 3:3 heraus – der Sieg über den temporeichen und emotionalen Match war nah, in den letzten Minuten schoss die Spielvi allerdings mit einem Eigengoal den Ausgleich. Trotzdem: Seit genau 16 Spielen sind die Spielvi-Frauen schon ungeschlagen.

Im dritten Spiel kommenden Sonntag bestreiten sie Team Furttal, das sie in der Hinrunde mit 3:2 geschlagen haben. Tabellenerste sind sie schon jetzt – und sie haben einen guten Vorsprung an Punkten zur Konkurrenz Veltheim. Gewinnen sie auch dieses Mal, steht dem Aufstieg in die zweite Liga nichts mehr im Weg.

Aus der Kurve heisst es: Das wär der krasseste Sieg des Frauenfussballs seit dem zusammengekauften Triumph des FC Neunkirch. Und was sagt das Team?

«Manchmal bin ich etwas sprachlos», sagt Anela Ademi. «Gerade kommen so viele Emotionen zusammen: Befriedigung, weil wir so viel investiert haben und sich das in den meisten Ergebnissen widerspiegelt. Druck, weil wir schon lange daran arbeiten. Und einfach riesige Freude, dass es so gut läuft und wir das zusammen geschafft haben.»

Lara Galliker sagt, dass ein Aufstieg des ersten auch dem zweiten Team neue Bahnen öffnen würde, das jetzt nur eine Liga weiter unten spielt – denn dieses kann nur aufsteigen, wenn es auch das erste schafft. «Und uns würde der Aufstieg mehr Respekt verschaffen. Nicht zuletzt wäre es schlicht auch ein ‹Lucky Punch›, wenn es uns im zehnten Jahr gelingen würde.»

Die sechs Pionierinnen, die sich in- und auswendig kennen; die Integration talentierten Nachwuchses, der schnell auch Spielzeit erhält; das dahinterstehende Vertrauen der Coaches in ihr Team; und nicht zuletzt die höhere Resilienz und Fitness: Hinter dem jetzigen Erfolg der Spielvi-Frauen stehen verschiedene Gründe. Hört man sie darüber sprechen, wie sie zueinander stehen und wie stolz sie angesichts ihres Erfolgs aufeinander sind, ist es ein Leichtes, sich vom Spielvi-Fieber anstecken zu lassen.

Der Merksatz von Coach Longhitano ist eingebrannt: Nicht müssen, sondern wollen.