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Von einem, der sich treiben liess

Urs Kohler hat in seinem Leben rund 170 Weidlinge gebaut. Bilder: Robin Kohler

Urs Kohler hat in seinem Leben rund 170 Weidlinge gebaut. Bilder: Robin Kohler

Weidlingsbauer Urs Kohler geht in Pension. In den letzten Jahren war er nicht mehr so oft im Schaaren anzutreffen. Wer ist der Mann hinter den Booten?

Ein mit Filzstift beschriebenes Schild weist die steile Treppe zum Büro von Urs Kohler hoch, das wie ein Horst über der Holz-Werkhalle in Thayngen liegt. Oben steht Kohler hinter seinem Reissbrett. Und ständig läutet das Telefon.

«Das chömer scho aaluege» – «chömer mache» – «kei Problem». Kohler, in kurzer Arbeitshose trotz Apriltag von 10 Grad, schreibt einen weiteren Termin auf seinem Reissbrett ein. Auf diesem plant er die letzten Wochen bis zu seiner Pensionierung. Mit Kugelschreiber und Leuchtstift hat er ein gedrungenes, rudimentäres Raster aufs Papier gezeichnet. «Das müsst ihr nicht verstehen. Das muss nur ich verstehen», meint er.

Am 30. Juni ist sein letzter Arbeitstag. Fünf Weidlinge fertigt der Zimmermann bis dahin noch an, bevor er das Geschäft in die Hände seines Nachfolgers legt. Damit endet eine Ära auf dem Rhein.

Urs Kohler ist ein Mann, der Fragen mit zusammengezogenen Augenbrauen begegnet und geradeheraus antwortet. Fast demonstrativ kratzt er sich mit dem Baumeter am Rücken. Er ist aus knorrigem Holz geschnitzt. Und genau betrachtet sind seine Boote, in denen ganz Schaffhausen auf dem Rhein treibt, ein wenig wie er.

Sein eigener Herr

Für Urs Kohler müssen die Dinge handlich sein und funktionieren. Auf der Werkbank steht sein Computer: ein uralter Windows 98, der noch nie das Internet gesehen hat. «Der ist tiptop und braucht keine Updates, der läuft einfach.» Den Laptop daneben braucht Kohler nur für Mails. Auch der abgewetzte Bürostuhl tut seinen Dienst noch, alles im Raum ist mit einer dünnen Schicht Sägemehl überzogen.

Ein anderer hätte hier oben vielleicht ein schöne Fensterfront mit Blick nach draussen eingebaut. Doch Kohler stören die milchigen Kunststoffplatten, die ihrer statt montiert sind, nicht. Rustikal sei es hier, findet er, und beisst in sein Znüni-Sandwich.

Das ungezwungene Leben hat es ihm schon immer angetan. Er sei sehr freiheitsliebend, sagen Freunde. Urs Kohler, früher auch Gögs genannt (wieso, das wisse er auch nicht wirklich), ist in Neuhausen aufgewachsen. Ursprünglich lernte er Betriebsdisponent bei der SBB: Einen Kleinbahnhof eigenständig führen und verwalten, diese Vorstellung passte ihm. So wurde er als junger Mann Bahnhofsvorsteher in Schlatt, wohnte in der Dienstwohnung am Gleis.

«Natürlich ist es eine schöne Aufgabe.
Aber ich habe das nicht gesucht, es hat sich einfach ergeben.»

Urs Kohler

Aber bald zog es ihn in die Welt hinaus. Er packte seine Sachen und ging für ein Jahr nach Amerika. Nach seiner Rückkehr hatte die SBB keine Stelle mehr frei, so fing er als Handlanger auf dem Bau an, holte später den Zimmermannsbrief nach.

Nach weiteren Aufenthalten in Amerika, wo er Jugendcamps und Reisen leitete, machte er sich 1993 selbstständig: zusammen mit Schreiner Christian Bareiss mietete er die Halle in Thayngen, wo die beiden seither ihre getrennten Handwerksbetriebe führten (auch Bareiss übergab seine Nachfolge kürzlich in junge Hände).

2002 kam ein entscheidender Umbruch für Kohler: Kollege Peter Wanner rief ihn an und fragte, ob er sein Weidlings-Geschäft übernehmen wolle. Wanner, der einzige Schaffhauser, der damals traditionelle Weidlinge baute, wollte in die Philippinen auswandern. Und kaum ein Handwerker, den man beim Stacheln auf dem Rhein antraf, hatte auch die Räumlichkeiten, um die Zehnmeter-Boote zu bauen.

Kohler schon. Nach einigen Diskussionen zu Hause – er war damals bereits junger Vater – wagte er den Schritt. Er kaufte Wanners Knowhow und die nötige einmalige Zehnmeter-Längskreissäge, die früher dem Militär gehörte.

Originelle Interessen

Neben der grossen Holzwerkhalle liegt Urs Kohlers Werft. Hier harrt ein halbfertiger Weidling eingespannt seiner Vollendung. Kohler lässt seinen prüfenden Blick vom Weidlingsspitz über die Länge der Bootskante gleiten. Er sucht die Ideallinie. «Das muss man von Hand abschleifen, es darf nicht holpern.» Als Nächstes wird er die Schnürleiste auf die Bootskante zimmern sowie etwas weiter unten zur Verstärkung die Schnürlatte, auf die man sich setzen kann.

An der Bauweise, die er von Peter Wanner übernahm, hat Kohler praktisch nichts geändert. Er ist nicht der Perfektionist, der von der Suche nach der besten, elegantesten Lösung getrieben wird. Für Kohler muss es nichts Spezielles, nichts möglichst Innovatives sein.

Das war auch nicht nötig. Das Geschäft lief nach der Übernahme gut, neben Weidlingen bot Kohler weiterhin andere Holzbauarbeiten an. Bald hatte er bis zu fünf Angestellte. Doch er war nie der Selbstständige, der sich rund um die Uhr abrackert, um sein Business voranzutreiben. Auf seiner Website heisst es bis heute, diese sei noch «in Aufbau». Denn was braucht man schon mehr, als Kohlers Kontaktangaben?

Kohler strebte nicht danach, immer grösser zu werden. 2016 fällte er einen bemerkenswerten Entscheid. Er fuhr seine gewachsene Zimmerei wieder zum Quasi-Einmann-Betrieb herunter. Fortan baute er vor allem noch Weidlinge. «Der Sohnemann war damals gross, den mussten wir nicht mehr durchfüttern. So konnte ich etwas reduzieren», meint Kohler heute.

Schliesslich hatte er neben dem Job immer auch andere vielfältige Interessen. Er ging oft zu Berg und ist bis heute angefressener Gleitschirmflieger. Und auch über das eine oder andere originelle Hobby mag man staunen: So trat Kohler bereits mehrfach als Statist im Fernsehen auf. Seine Frau und er schauten manchmal «Inspector Barnaby», wo viel in Pubs rumgesessen wird. «Ich habe immer gesagt, ich möchte einfach mal in einem Film in einer Ecke sitzen und ein Bier trinken», so Kohler belustigt.

Der Wunsch erfüllte sich: Als er für den Film über «Zwingli» wegen eines Weidlings angefragt wurde, heuerte er sogleich auch als bärtiger Fährmann an. Und auch sein Bier in der Beiz bekommt er in einer späteren Filmszene noch vorgesetzt. Träumchen erfüllt, Bier getrunken. Auch wenn im Becher eigentlich nur Wasser war.
Der Bootsbauer ist zufrieden mit dem Leben. Eben auch, weil er das kann: sich zufrieden geben.

Nur nichts Hochgestochenes

Andere (meist Männer) mögen etwas Archaisches darin sehen, ein Boot zu bauen. Geeignet, um Bedeutungsvolles zu tun. Nicht so Kohler: «Natürlich ist es eine schöne Aufgabe. Aber ich habe das nicht gesucht, es hat sich einfach ergeben.»

Urs Kohler macht die Sachen so, wie er für sie richtig hält und zerdenkt sie nicht. Er wehrt sich auch mit Händen und Füssen gegen jeglichen philosophischen Überbau, Hochgestochenes geht ihm gegen den Strich. Über Studierte, insbesondere Lehrer, spöttelt er gern und bei Kunden kann er auch mal etwas ruppig klingen. Der Bootsbauer ist beileibe keiner, der höfelet.

In den vergangenen Jahren sah man ihn auch kaum auf dem Rhein und im Schaaren an den Wochenenden. Denn brät er dort eine Wurst am Feuer, wird er ständig angehauen von Weidlingsleuten, die dieses oder jenes mit ihm besprechen wollen.

Manche der Altlinken scheuten sich auch nicht, ihn an einem Samstag wegen eines Problems anzurufen. Kohler war stets eine Schlüsselperson in der Szene rund um den Schaaren, dazugehören mochte er aber eher nicht. Im Grunde will er einfach seinen Frieden.

Die Verantwortung ist ihm aber wichtig. Das merkt man gerade auch jetzt, wo es um seine Nachfolge geht. Es liegt ihm viel daran, dass sein Bootsbaubetrieb ruhig und zuverlässig in neue Gewässer übergehen kann. Ende Saison übergibt der 68-Jährige das Ruder seinem temporären Mitarbeiter der vergangenen sechs Jahre: Oliver Leutwiler.

Aus anderem Holz

Kohlers Nachfolger ist aus anderem Holz geschnitzt. Leutwiler ist gelernter Orgelbauer. Der 30-Jährige hat eine gewinnende, sanftmütige Art. Er ist ein präziser Feinhandwerker und setzt sich gern mit historischer Baustilkunde auseinander. Der Bootsbau sei etwas grober, sagt er, fasziniere ihn aber genauso wie die Kunst des Orgelbaus: «Der gemeinsame Nenner ist das alte Holzhandwerk. Bei Orgeln als auch Booten handelt es sich um schöne, einzeln angefertigte Objekte. Beim einen ist es die Verbindung zur Musik, die ich stimmig finde, beim andern jene zum Wasser.»

Er wolle die Weidinge nicht neu erfinden, habe aber Lust, sie weiterzuentwickeln und gewisse Dinge zu optimieren, wenn er es sich denn zeitlich leisten könne. So wolle er am Kistenmechanismus tüfteln und allenfalls Zubehör für den Weidling entwickeln. Neben den Booten müsse er in der Nebensaison sowieso auch weiteres Holzhandwerk anbieten, um seinen Lebensunterhalt zu bestreiten: «Ich denke etwa an die Restaurierung alter Holzobjekte.»

Halle und Inventar übernimmt er von Kohler vorerst mietweise. Ob der Patron dem Weidlingsbau ein Tränchen nachweinen wird, wenn er am 30. Juni den Schlüssel für seine Werft übergibt?
«Nein», sagt dieser verschmitzt. «Ich kann mich gut trennen.» Dennoch schaut auch er wohlwollend auf die Früchte seiner Arbeit.

Ein Highlight war für ihn das Langschiff, das er für die historische «Hirsebreifahrt» von Zürich nach Strassburg im Jahr 2016 herstellen durfte – sowie ein zweites für die Fahrt, die just kommenden August wieder stattfindet. Selbst wenn man nichts von Sentimentalitäten hält: Das ist ein runder Abschluss.

Und was die Zeiten betrifft, welche Kohler nicht mehr auf dem Reissbrett in seinem Büro planen muss: Er hat schöne Pläne für die Pensionierung. Gleitschirmfliegen, Wandern, Holzen, Werken – und vielleicht die eine oder andere Bieridee. Er spiele mit dem Gedanken, zusammen mit Kollegen einen Bagger zu kaufen – um zu baggern.

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