Der «Bindi-Streik» bewegte vor 80 Jahren die ganze Schweiz. Eine historische Spurensuche zwischen dem Arova-Gelände in Flurlingen und dem Sozialarchiv in Zürich.
Flurlingen, Juni 1946. Dutzende Arbeiterinnen sitzen dicht gedrängt in einem Saal und blicken für ein Foto in die Kamera. Auf den Tischen stehen halbvolle Biergläser, an den Kleiderbügeln hängen Taschen und Jacken. Die Frauen tragen Hemden, in manchen Gesichtern stehen Zweifel und Müdigkeit. Doch die Mehrheit der versammelten Arbeiterinnen strahlt Freude aus. Zu jenem Zeitpunkt ahnen sie wohl schon, dass sich ihr Risiko in der Not lohnen wird. Sechseinhalb Wochen lang legen sie ihre Arbeit nieder – und werden den Kampf gegen die Betriebsleitung gewinnen.
Zum 80. Mal jährt sich in diesem Mai der Beginn des Streiks in der Bindfadenfabrik in Flurlingen, wo jahrzehntelang aus Hanf, Sisal und später aus Kunststoff Schnüre, Seile oder Gürtel hergestellt wurden. Als billigere Arbeitskräfte und wegen der stereotypen Zuschreibung einer besseren Feinmotorik machten Frauen damals den Grossteil der Angestellten in der Textilindustrie aus. Doch da sie gewerkschaftlich nur schwach organisiert waren, barg die Arbeitsniederlegung für Frauen besondere Gefahren. Bei Streiks in der Schweiz im frühen 20. Jahrhundert wurden Arbeiterinnen etwa auf schwarze Listen bei anderen Arbeitgebern gesetzt oder deren Kinder sogar der Zugang zur städtischen Krippe verweigert.
Doch als die Fabrikleitung der «Bindi» nach dem Zweiten Weltkrieg trotz der kontinuierlichen Lohnsenkungen auch noch Grenzgängerinnen aus Deutschland zu Dumpinglöhnen engagieren wollte, hatte die Belegschaft genug. Angestellte legten sich auf die Strasse, als die Firma in Lastwagen versteckte Grenzgängerinnen in die Fabrik schleusen wollte. Mit dabei war die Schaffhauser AZ. Am 8. Mai 1946 publizierte sie einen Aufruf: «Die Belegschaft der «Bindi» ist gewillt, so lange keine Grenzgänger mehr im Betriebe zu dulden, bis die vertragliche Regelung der Löhne und Arbeitsbedingungen mit den Gewerkschaften geregelt sind.» Die Schaffhauser Nachrichten wiederum, die «freisinnige Hofpresse» und Sprachrohr «der «Flurlinger Millionäre», wie der ehemalige AZ-Chefredaktor Georg Leu in einer Broschüre zum «Bindi-Streik» schrieb, stellten sich gegen den Streik.
Nach sechseinhalb Wochen «hartem und opferreichem Kampf» erreichten die Arbeiterinnen eine Lohnerhöhung und zum ersten Mal einen Kollektivvertrag. Der «Bindi-Streik» wurde zum Kristallisationspunkt einer der grössten und erfolgreichsten Streikbewegungen der Schweizer Geschichte mit 159 Arbeitsniederlegungen und über 425 000 Beteiligten zwischen 1945 und 1949. Wieso war es ausgerechnet das kleine Flurlingen, von wo aus die Streikwelle Fahrt aufnahm?
Helikoptergeräusche
Spurensuche in der Gegenwart: An einem Mittwochnachmittag Anfang April tritt eine Frau mit einer Katzentragtasche aus dem Gebäude, in dem sich einst die Fabrikkantine befand. Heute ist es eine Tierklinik. Seit über 25 Jahren ist die 1968 in Arova umbenannte Bindfadenfabrik geschlossen. Statt dem Brummen von Textilmaschinen hört man hier tagsüber höchstens noch Geräusche aus einer Auto- oder Sägewerkstatt. Auch der King Fish Aquarienshop, der Bandraum der Mundart-Soul-Gruppe Min King und weitere private Mieter sind hier zu Hause. Die Zwirnerei von einst steht leer.
Wenn der Leiter des technischen Dienstes, Walter Weder, den renovierten ehemaligen Dachstock der Bindfadenfabrik betrachtet und sich überlegt, was hier einmal unterkommen könnte, kommt ihm ein Fitnessstudio in den Sinn. Die Vergangenheit spielt hingegen kaum eine Rolle. «Seit ich in den 1980er-Jahren hier begann, haben sich die Angestellten nie mit diesem Streik auseinandergesetzt», sagt Weder im Gespräch. Vor 40 Jahren begann er zunächst als Betriebsmechaniker, wurde dann Werkstattleiter und arbeitet nun als Leiter des technischen Dienstes der Arova Hallen. Er ist eine Art Haushistoriker und leitet Führungen für Besucher:innen.
«Nur einmal während meiner Zeit war der Streik Thema. Als die Gewerkschaft in den 1990er-Jahren noch einmal einen Aufruf zur Erinnerung lancierte. Unsere Geschäftsleitung erteilte ein Hausverbot.» Statt auf dem Gelände der Fabrik habe die Kundgebung beim Velounterstand stattgefunden. «Ich wusste, dass der Streik ein Erdbeben in der Schweiz ausgelöst hatte. Wir waren Pioniere. Aber die Fabrikleitung sah das natürlich nicht gerne.»
Auf die Frage, wie man sich den Ort 1946 vorstellen könne, antwortet Walter Weder mit Erinnerungen an die Geräusche der Bindfadenmaschinen, die er ab den 1980er-Jahren jeden Tag hörte. «Man konnte hier drinnen nicht ohne Gehörschutz arbeiten. Wenn man die Maschinen startete, tönten sie wie ein Helikopter. Als ob sie in die Höhe gingen.» Später beim Rundgang durch das Gelände zeigt Weder ein Haus, das früher als Kita für die Kinder der Gastarbeiter:innen genutzt wurde. Auch auf ein Gebäude, das während der Bombardierung im Zweiten Weltkrieg zerstört wurde, weist Weder hin. Er bleibt vor den ehemaligen Fenstern der Fabrik stehen, durch die nur sehr wenig Licht einfiel. «Dunkel, stickig und dreckig war es vor 80 Jahren hier drin.» In vielen der Räume riecht es mittlerweile nach frisch geschliffenem Boden und neu gestrichenen Wänden. Nur in einem zeugen der abgewetzte Boden und die verklebten Betonstützen von den tonnenschweren Maschinen und dem staubigen Gewusel von damals.
Hörnli und Brot
Doch die schlechten physischen Arbeitsbedingungen in der Textilindustrie waren nur einer der Gründe, weshalb die Angestellten 1946 ihre Arbeit niederlegten, wie die Historikerin Elisabeth Joris im Gespräch mit der AZ erzählt: «Man muss den Streik im Kontext der Situation der Frauen im Zweiten Weltkrieg sehen», sagt Joris. «In der Schweiz existierte der Industriestandort auch während des Kriegs. Die Belastungen für die Frauen waren hoch und ihre Löhne massiv niedriger als jene der Männer.» Wegen der Krise sanken die Reallöhne der Frauen dann noch mehr.
In ersten Streiks 1945 in der Baselbieter Schappe-Industrie, in der aus Abfallprodukten Seide hergestellt wurde, stellten Arbeiterinnen die Forderung nach besseren Stundenlöhnen. «Das Problem war, dass der Stundenlohn der Frauen in der Schappe-Industrie nicht einmal für ein Kilo Hörnli reichte», sagt die Historikerin. «Der Männerlohn hingegen reichte für ein Kilo Hörnli und ein Stück Brot.» Zahlreiche der Streiks zwischen 1945 und 1949 in der Textil- und Uhrenindustrie fanden vor dem Hintergrund der Lohnfrage statt und wurden von Frauen getragen. Exemplarisch dafür steht jener in der Bindfadenfabrik in Flurlingen 1946.
Die Streikwelle sei lange Zeit nicht erinnert worden. Erst im Zuge des Frauenstreiks 1991 begann Joris zusammen mit anderen Historikerinnen, sich vertieft mit den Arbeitsniederlegungen zwischen 1945 und 1949 zu beschäftigen. «Damals fragten wir uns, wann Frauen vor uns schon gestreikt hatten, und stiessen auf die Fotos aus der Zeit nach 1945, unter anderem auf jene aus Flurlingen.» Einige der Bilder liegen heute im Sozialarchiv in Zürich und zeugen von den Kundgebungen in jenen Jahren. «Man sieht auf den Bildern eine starke Präsenz der Frauen. Eine Lust am Aktivwerden», sagt Joris. Ihre Outfits seien vielfältiger als jene der Männer, die jeweils in einheitlichen Kleidern und mit erhobener Faust dastünden: «Die Frauen geben ein bunteres Bild ab. Sie strahlen Lebensfreude aus.»
Welle mit Erfolg
Neben Kundgebungen auf dem Walther-Bringolf-Platz kam es in der ganzen Schweiz zu Solidaritätsstreiks mit der «Bindi»-Belegschaft. Wieso es gerade der Arbeitskampf in Flurlingen war, der so viele Menschen mobilisierte, dafür hat der Direktor des Sozialarchivs, Christian Koller, eine Vermutung: «Vor allem die Frage der Grenzgängerinnen und das sehr schlechte Image Deutschlands nach dem Zweiten Weltkrieg waren ausschlaggebend», sagt der Historiker im Gespräch mit der AZ. Die Fabrikleitung engagierte die deutschen Arbeiterinnen, kurz nachdem die Grenzen zum wirtschaftlich katastrophal dastehenden Deutschland wieder passierbar waren. «Die Leiter der Bindfadenfabrik standen da als schamlose Unternehmer, die zu den schlechtesten Bedingungen Grenzgängerinnen engagierten, von denen man nicht einmal wusste, ob sie bis vor Kurzem noch Anhängerinnen des Nationalsozialismus waren.» Verschiedene Gewerkschaften sahen im Arbeitskampf in der Bindfadenfabrik auch einen Warnstreik für etwas Grösseres. «Zu jener Zeit stand die Möglichkeit eines landesweiten Bauarbeiterstreiks im Raum. Der Bundesrat tat alles, um dies zu verhindern.» Die Angst vor einer Wiederholung des Landesstreiks von 1918, der damals herrschende Arbeitskräftemangel im Bau und die Wohnungsnot liess die Regierung nervös werden. Dass die neue Labour-Regierung in Grossbritannien gerade dabei war, den Kohlebergbau zu verstaatlichen, kam noch dazu: «In der Presse wurden Debatten darüber geführt, ob es bald keine freien Marktwirtschaften mehr geben würde ausserhalb der Schweiz.»
In dieser aufgeheizten Stimmung wussten die Gewerkschaften ihren Vorteil auszunutzen und sowohl der Arbeitskampf in der Bindfadenfabrik als auch Dutzende andere Streiks zwischen 1945 und 1949 waren erfolgreich. Die Statistik zeigt, dass die Löhne der streikenden Arbeiterinnen prozentual höher stiegen als jene der Angestellten, die nicht streikten. «Auch führte die Streikwelle nach 1945 zu zahlreichen Gesamtarbeitsverträgen, in denen die Friedenspflicht verankert wurde», sagt Koller. Er hält die einseitige Fokussierung der Streikgeschichte auf den Landesstreik 1918 und den sogenannten Arbeitsfrieden 1937 für nicht ausreichend. «Erst nach der Streikwelle zwischen 1945 und 1949 kam es zu einem massiven Rückgang der Arbeitsniederlegung.»
Mit dem Wirtschaftsaufschwung in den kommenden Jahrzehnten stiegen die Löhne massiv – und bis auf eine kleine Streikwelle während der Erdölkrise in den 1970er-Jahren ging lange Zeit nicht mehr viel. «In den 1970er-Jahren gab es Fälle, in denen die Gewerkschaften gar nicht mehr wussten, wie man einen Streik führt», sagt Koller. Erst in den 1990er-Jahren setzte in den Gewerkschaften eine Diskussion ein, die Streikfähigkeit wieder zu erlangen, um wenigstens in der Lage zu sein, bei Verhandlungen Streik anzudrohen.
Im April 2026 sind auf dem Arova-Gelände keine Spuren mehr des «Bindi-Streiks» von 1946 zu finden. «Die Arbeitsbedingungen, die vor 80 Jahren in der Bindfadenfabrik in Flurlingen herrschten, gibt es heute in der Schweiz nicht mehr», sagt Koller. «Sie existieren aber weiterhin an vielen anderen Orten der Welt, wohin die Textilindustrie ausgelagert wurde.»
Der Streik in der Bindfadenfabrik bleibt ein zentrales Ereignis der Schweizer Streikgeschichte – und ein eindrücklickes Beispiel dafür, wie ein Arbeitskampf zum Erfolg führen kann.
