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Heidrun geht

Fotos: Robin Kohler

Fotos: Robin Kohler

In der reformierten Kirchgemeinde Thayngen-Opfertshofen ist ein Streit um die Pensionierung einer Pfarrerin entbrannt. Ein Drama in vier Akten.

Monika Weber hat Tränen in den Augen, als sie erzählt, wie sie abends jeweils von der Arbeit zurück nach Opfertshofen kommt. «Dann sehe ich das wunderschöne Pfarrhaus und weiss: Unsere Pfarrerin Heidrun ist da drinnen und schaut nach uns», sagt sie. Für viele in der Gemeinde sei das sehr wichtig, ein wunderschönes Gefühl. «Und jetzt wird Heidrun nach ihrer Pensionierung nicht weiterbeschäftigt, obwohl sie das gewollt hätte – trotz des grossen Pfarrermangels. Ich verstehe nicht, warum.»

Es ist ein ruhiger Freitagmorgen in Opfertshofen, vor dem Pfarrhaus leuchten tausend Butterblumen in der Sonne. Drinnen stapeln sich im Flur die Umzugskisten, die Sachen fürs Osteranspiel und das Krippenspiel sind längst verstaut. In der Stube von Heidrun und Andreas Werder hat sich ein kleines Grüppchen versammelt. Es möchte nicht, dass seine Pfarrerin im August wegzieht.

Heidrun und Andreas Werders Auszug ist der Abspann einer Geschichte, die die reformierte Kirchgemeinde Thayngen-Opfertshofen die letzten Jahre in Aufruhr versetzt und dabei Ausmasse eines klassischen Dramas angenommen hat. In seinem Zentrum stehen grosse Fragen: Was macht einen guten Christenmenschen aus? Und wie funktioniert eine Demokratie?

Es treten auf:

Heidrun Werder, ehemalige Pfarrerin in Opfertshofen
Andreas Werder, ihr Mann
Astrid Abderhalden, Kirchenstandspräsidentin der Gemeinde Thayngen-Opfertshofen
Wolfram Kötter, Präsident des kantonalen Kirchenrats
und das Reiatgrüppchen, bestehend aus Monika Weber, Ruedi Büchi und Katharina Waldvogel, die Heidrun Werder gerne als Pfarrerin behalten hätten

Vorhang auf.

Erster Akt: Türeschletzen und ein Grossaufmarsch

November 2024. Es ist kühl in der Kirche von Thayngen, trotzdem sind die Bänke rappelvoll. Über hundert Stimmberechtigte sind zur Kirchgemeindeversammlung gekommen, in wattierten Jacken und Pullis, «ein Grossaufmarsch», schreibt später der Thaynger Anzeiger. Etwas liegt in der Luft. Dann steht eine Frau auf, verlangt, dass ein Antrag auf die Traktandenliste gesetzt werde: Pfarrerin Heidrun Werder, deren Pensionierung im September 2025 anstehe, solle auch danach weiterbeschäftigt werden.

Im Kirchenschiff entsteht eine hitzige Diskussion. Gut möglich, dass der eine oder andere währendessen seine Jacke ablegt. Vorwürfe fliegen durch den Raum, einmal verlässt eine Frau türeschletzend die Versammlung. Jemand sagt: «Heidrun Werder hat gute Arbeit gemacht, aber sie spaltet auch.» Wegen ihr hätten Angestellte gekündigt, fünf Kirchenstandsmitglieder hätten ihr Amt niedergelegt. Die Frau spricht von Verletzungen und von einem Graben, der die Kirchgemeinde durchziehe. Eine andere Frau entgegnet, niemand in der Gemeinde habe das Amt als Pfarrerin so leidenschaftlich gemacht wie Heidrun Werder. «Sie ist ein Mensch, der die Leute versteht.»

Als es endlich zur Abstimmung kommt, sind einige ältere Gemeindemitglieder schon gegangen; sie hätten sonst den Zmittag im Altersheim verpasst. Der Antrag für die Weiterbeschäftigung der Pfarrerin scheitert knapp. Nur eine Handvoll Stimmen fehlt.

Hier hat das Drama seinen Initialkonflikt. Heidrun Werder sagt, sie wäre über die Pension hinaus gerne Pfarrerin in Opfertshofen geblieben und habe das so auch kommuniziert. Wieso also hat der Kirchenstand das im Vorfeld der Versammlung nicht bekanntgemacht?

Wolfram Kötter, der als Präsident des Kirchenrats – der ­Exekutive der Kantonalkirche – für Personalfragen zuständig ist, gibt aus personalrechtlichen Gründen keine Auskunft. An der Kirchgemeindeversammlung heisst es aber, der Kirchenrat habe «grosse Bedenken», Heidrun Werder in der Gemeinde Thayngen-Opfertshofen weiterzubeschäftigen. In Dörflingen, wo die Pfarrerin zu diesem Zeitpunkt in einem Kleinstpensum arbeitet, sei eine Weiterbeschäftigung hingegen «denkbar».

Ein klares Zeichen, dass der Haussegen in der Gemeinde damals bereits ordentlich schief hing.

Zweiter Akt: Eine Ausschreibung und ein erfolgloser runder Tisch

Eine Nachfolge für Heidrun Werder gibt es zu diesem Zeitpunkt keine. Nach einem ersten erfolglosen Versuch schreibt die Pfarrwahlkommission im Januar 2025 ihre Stelle aus. Keine leichte Aufgabe: Die grossen Landeskirchen kämpfen seit Jahren mit einem krassen Pfarrer:innenmangel. In der laufenden Legislatur (2023–2027) werden in Schaffhausen zwei Drittel der reformierten Pfarrer:innen pensioniert. Es ist unmöglich, sie alle zu ersetzen (siehe AZ vom 2.3.2023).

Die Kirchgemeinde fürchtet, dass der Konflikt die ohnehin schon raren Kandidat:innen zusätzlich abschreckt. In der Stellenausschreibung beschreibt die Pfarrwahlkommission die zerstrittene Gemeinde als Rebberg. Die Rebe ist eine Pflanze, die sich unterschiedlichen Lagen anpasst, ein schönes Sinnbild für ein fruchtbares Zusammenleben also, ausserdem seien Reben «ja auch in den Wappen von Altdorf, Opfertshofen und Thayngen ein Thema.» Es folgen einige Telefonate mit Interessent:innen. Keins davon gedeiht.

In der Zwischenzeit gibt es verschiedene Gespräche und Schlichtungsversuche. Im März 2025 sitzen mehrere Unterstützer:innen von Heidrun Werder aus dem Unteren Reiat mit Vertreter:innen der Kirchgemeinde und der Kantonalkirche an einem runden Tisch zusammen. Das Angebot an Heidrun Werder: Sie dürfe in Zukunft «definierte Dienste in der Kirchgemeinde übernehmen», beispielsweise einzelne Gottesdienste im Altersheim.

Das Reiatgrüppli ist damit nicht einverstanden. Auch rückblickend nicht. «Das ist wie wenn du jemandem ein Guetzli hinhältst und das nachher wegziehst», sagt Ruedi Büchi im Pfarrhaus in Opfertshofen der AZ. «Das ist nicht fair.» Wegen des Konflikts um die Pensionierung habe es sogar Kirchenaustritte gegeben. Mehrere Dutzend, sagt Büchi.

Bald nach dem runden Tisch stellt ein Gemeindemitglied aus dem Unteren Reiat per Einschreiben einen schriftlichen Antrag, dass die Weiterbeschäftigung von Heidrun Werder an der nächsten Kirchgemeindeversammlung im Mai 2025 traktandiert werde. Das Stück geht weiter.

Zwischenspiel: Ein Körper und viele Teile

Vor dem Drama war ein Bindestrich. Vor bald zehn Jahren fusionierten die beiden Kirchgemeinden Thayngen-Barzheim und Opfertshofen-Altdorf-Bibern-Hofen zur Grossgemeinde Thayngen-Opfertshofen. Im Fusionsvertrag steht, dass man in Zukunft eine Kultur leben wolle, «in der wir aufeinander zugehen und die Bedürfnisse beider bisherigen Kirchgemeinden berücksichtigen».

Vielleicht war dieses Vorhaben von Anfang an zum Scheitern verurteilt. Denn mit der Fusion prallten zwei verschiedene Vorstellungen von Frömmigkeit aufeinander.

In Thayngen, so erklärt es die Gruppe im Pfarrhaus, gibt es eine historisch gewachsene Gruppe von Kirchgänger:innen, die das Gemeindeleben seit langem prägt. Sie lebt ihre Jesusverbundenheit in Bibelkreisen, legt grossen Wert auf den sonntäglichen Gottesdienstbesuch. Heidrun Werders Vorgänger sei in dieser Gottesdienstgemeinde fest verankert gewesen, sagt Andreas Werder. «Als er ging, war es so, als hätten sie ihre Identifikationsfigur verloren. Vermutlich ist Heidrun dadurch als Konkurrentin erschienen.»

In Opfertshofen wird Glaube anders gelebt. Gott, sagt Heidrun Werder, begegne jedem da, wo er stehe in seiner ­Lebenssituation. «Das kann in der Kirche sein. Das kann aber auch auf dem Feld sein, im Stall, auf dem Mähdrescher oder im Rosengarten. Jeder hört Seine Stimme, jeder hat seine Art von Frömmigkeit.» (Wobei auch die Opfertshofer Kirche an Festtagen aus allen Nähten platzt: Zu Ostern wurden im Pfarrgarten 120 Würste verspiesen.)

Kirchenratspräsident Wolfram Kötter bestätigt, dass die Fusion der grossen Gemeinde Thayngen-Barzheim mit den kleineren Dörfern aus dem Unteren Reiat von Beginn weg ein gewisses Konfliktpotenzial geborgen habe. «Eine Fusion birgt immer die Gefahr, dass der Eindruck erweckt wird: Jetzt kommt der Grosse und schluckt die Kleinen.»

An der Kirchgemeindeversammlung im Mai 2025, als der Konflikt um die Pfarrerin von Opfertshofen zum zweiten Mal verhandelt wird, erinnert er an das Wort des Apostels Paulus, 1. Kor. 12:

Denn wie der Leib einer ist und hat doch viele Glieder, alle Glieder des Leibes aber, obwohl sie viele sind, doch ein Leib sind: so auch Christus.

Davon könnte man in Thayngen-Opfertshofen zu diesem Zeitpunkt aber kaum weiter entfernt sein.

Dritter Akt: Viel Lärm um eine Unterschrift

Der Kirchgemeindeversammlung war ein weiteres Drama vorangegangen, das Kötter an jenem 18. Mai vor der versammelten Gemeinde Schritt für Schritt rekapituliert. Im Monat zuvor, sagt er, sei Heidrun Werder im Rahmen eines weiteren runden Tischs ein «Konsensvorschlag» unterbreitet worden, der regeln sollte, welche Aufgaben sie nach der Pensionierung in der Gemeinde übernehmen dürfe. Der Kirchenrat habe von ihr eine Unterschrift verlangt und dafür als verbindliche Deadline den 5. Mai festgesetzt.

Heidrun Werder liess die Deadline verstreichen. Man habe sie unter Druck gesetzt, erklärt sie der versammelten Kirchgemeinde: «Vogel friss oder stirb, so komme ich mir vor.» Später reichte sie ihre Unterschrift noch nach. Zu spät, befand der Kirchenrat.

Auf die Frage der AZ, wieso sie den Vorschlag nicht rechtzeitig unterschrieben habe, sagt Heidrun Werder, dass sie ihn zuerst der Kirchgemeindeversammlung habe vorlegen wollen. Ihr Ehemann vermutet, dass der Kirchenrat das verhindern wollte, weil er Angst vor den Mehrheitsverhältnissen hatte. «Wahrscheinlich hätte er an der Versammlung gerne ein fertiges Papier präsentiert, damit es keine Diskussionen gibt.»

Nach zwei Frömmigkeitsvorstellungen treffen in diesem Akt des Dramas nun auch zwei verschiedene Demokratieverständnisse aufeinander. Rechtlich ist die Sache klar: Die Kirchgemeindeversammlung hatte nie eine Entscheidungskompetenz über die Weiterbeschäftigung von Heidrun Werder. Die liegt allein beim Kirchenrat. Trotzdem stellt sich in der Praxis die Frage, inwiefern die Basis in Entscheidungen miteinbezogen wird. «Es wäre das normalste, zuerst die Kirchgemeindemitglieder nach ihrer Meinung zu fragen und auf dieser Grundlage zu entscheiden», sagt Andreas Werder. «Das wäre Demokratie.»

Das sieht auch ein Teil der Kirchgemeinde so. An der Versammlung vom 18. Mai empört sich ein Gemeindemitglied: «Ich denke, da hat sich ein Klan gebildet, der gegen Heidrun vorgeht.» «Was soll dieses ganze Theater», echauffiert sich eine Frau: «Offenbar suchen Heidruns Gegner Selbstbestätigung und stellen ihre Empfindlichkeiten über das Allgemeinwohl der Gemeinde.» Hätte sie doch bloss den Vorschlag unterschrieben, grämt sich eine andere. Irgendwann ruft eine ältere Dame: «Jetzt ist Schluss!»

Der Kirchenrat hält an seiner Haltung fest, dass die Pfarrerin den Konsensvorschlag nicht mehr unterschreiben kann. Gegen diesen Entscheid könne Heidrun Werder Rekurs einlegen, sagt Kötter an der Versammlung. Das heisst aber auch: Die Pfarrerin müsste rechtlich gegen ihren Arbeitgeber, die Kantonskirche, vorgehen, der auch über ihre Weiterbeschäftigung in Dörflingen entscheidet. Eine Ombudsstelle gibt es in der reformierten Kantonalkirche Schaffhausens keine.

Zwei Tage nach der Versammlung meldet sich eine Person mit Interesse für die Pfarrstelle bei der Pfarrwahlkommission. Sie wird per Februar 2026 eingestellt.

Vierter Akt: Ein letztes Aufbäumen

Im Sommer 2025 startet das Reiatgrüppli einen letzten Versuch. Es schickt der Kirchgemeinde einen Unterstützerbrief mit 180 Unterschriften, fast alle aus dem Unteren Reiat. Vom Kirchenstand sei daraufhin eine «nichtssagende Reaktion» gekommen. Es kommt zu einem weiteren runden Tisch, der an der Situation nichts ändert. Allerdings wird dort die Gründung einer Arbeitsgruppe beschlossen, die sich bis heute um die Aufarbeitung des Konflikts bemüht.

Im September 2025 wird Heidrun Werder ordentlich pensioniert. Für das halbe Jahr, bis die inzwischen gefundene neue Pfarrerin ihr Amt in Opfertshofen antritt, hat man einen Stellvertreter gefunden. Heidrun und Andreas Werder gesteht man zu, dass sie noch bis Sommer 2026 im Pfarrhaus wohnen dürfen.

An der Kirchgemeindeversammlung im November kochen die Gemüter noch einmal hoch. Das Protokoll liest sich wie ein letztes Aufbäumen der Reiatgruppe. Eine Unterstützerin stellt erneut einen Antrag: Heidrun Werder solle temporär weiterarbeiten und die neue Pfarrerin während der Einarbeitungszeit unterstützen. Er wird von der Versammlung knapp angenommen, im Anschluss von Kirchenstandspräsidentin Astrid Abderhalden aber abgelehnt: Der Übergang sei geregelt.

Auch eine Vertreterin des Kirchenrats nimmt Stellung. Sie betont, dass die Qualität der Arbeit von Heidrun Weder nie infrage gestellt worden sei. Sie sei ohne Zweifel eine sehr gute Seelsorgerin. Der Kirchenrat habe deshalb ihre Weiterbeschäftigung in Dörflingen gutgeheissen. «Mehr geht leider nicht. Danke.»

Das Protokoll endet mit einem Zitat aus Bertold Brechts Der gute Mensch von Sezuan, das der Aktuar eingefügt hat:

Wir stehen selbst enttäuscht und sehn betroffen.
Den Vorhang zu und alle Fragen offen.

Nachspiel: Ein Neuanfang

Bald wird Andreas Werder sein Aprikosenbäumchen aus dem Pfarrgarten in Opfertshofen ausgraben und vor dem Pfarrhaus in Dörflingen neu einpflanzen. Auch Heidrun Werder wird am neuen Ort, wo sie seit kurzem in einem Teilzeitpensum als Pfarrerin eingestellt ist, neue Wurzeln schlagen. In Opfertshofen darf sie weiterhin Abdankungen übernehmen für Menschen, die sie gut kennt. Auch für Sterbebegleitungen im Altersheim wird sie immer wieder gerufen. Das mache sie nun ehrenamtlich: «Da gehe ich als Heidrun Werder.»

Jetzt will sie nach vorne schauen. Im September möchte sie am Zwetschgenfest in Bibern gemeinsam mit der neuen Opfertshofer Pfarrerin einen Gottesdienst halten. Auch die Katholik:innen hat sie angefragt (die dann allerdings auf Pilgerwanderung sind) und die Freie Evangelische Gemeinschaft. Von ihrer Art her sei sie ökumenisch, sagt Werder: «Die Kirche muss ein Miteinander sein.»

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