Die Schaffhauser Band Defo taufte ihr Debutalbum im TapTab. Darauf versucht die Band, Einflüsse verschiedener Richtungen zusammenzubringen. Mit Erfolg.
Sommer 2025: In der Küche eines Hauses in der Region Schaffhausen sitzt eine Katze auf einem Mischpult. Fünf Musiker haben sich für einige Tage in den Räumen eines Einfamilienhauses eingerichtet. Wohnzimmer und Küche sind zum Studio umfunktioniert, durch die Räume hallt Lärm, neben dem Esstisch steht ein Monitor, auf der Toilette ein Mikrophon. Kurz nachdem sich die Band eingerichtet hat, gesellt sich die Katze aus dem Quartier dazu. «Alfredo ist wieder da», sagt einer der fünf Musiker einmal ironisch, als sich die Katze trotz des konstanten Lärms wieder und wieder unter die Band mischt. Nach ein paar Tagen wird Alfie daraus.
Dem treuesten aller Zuhörer hat die Schaffhauser Rap-Band Defo ihr Debutalbum gewidmet. «Songs for Alfie» lautet der Titel der Platte, mit der die fünf Musiker letzten Samstag das TapTab füllten. Sowohl der AZ-Kreuzworträtsel-Macher Jérôme Ehrat als auch Elmar Oettli alias Rapper Sherpa («OG drissg Plus»), der leidenschaftliche Fischer Daniel Perrin («Es muss nicht immer der ganz grosse Fang sein»), Luca Padovan aus dem ehemaligen Rhybadi-Team oder Bruno Marques als Teil der ehemaligen Hardcore-Punk-Band Mad Brains («Bruche chan mer eus nöd!») dürften zahlreichen Leser:innen Schaffhauser Lokalmedien bekannt sein.
Doch Defo, das ist etwas Neues. Etwas, das weder hedonistisch-wutvoller-HC-Nihilismus noch reibungsgeladenes Hip-Hop-Game sein will. Die Band verzichtet darauf, sich mit zu viel Konzept zu überladen. Stattdessen arbeitet sie mit Bedacht.
S Reale verschiebt sich, Wahnsinn und Irrwitz
Alles formiert sich, kontinuierlich
Und wohere das goht isch en unklärti Frog
Denn mir merked erst spot:
Alles in Bewegig und alles chunnt anders
Alles in Hektik und alles im Wandel.
Nimm mi zrugg und betrachts
wiene Funke entfacht
Mache Moves mit Bedacht.
(Alles in Bewegig)
Zwischen Soundcheck und Abendessen sitzen die fünf Musiker letzten Samstagabend auf den Sofas im Backstage des TapTab. Den einen ist die kribblige Stimmung vor dem ersten gemeinsamen Konzert anzumerken, die anderen rauchen entspannt und strecken die Beine aus. «Defo, das ist Dienstagabend, Bandkeller, andere Welt, abschalten», sagt der Gitarrist Ehrat. «In der Band zu spielen ist schöner als allein zu Hause mit dem Loopgerät Sound aufzunehmen.» Der Rapper Sherpa drückt es etwas passionierter aus: «Ich nenne es gerne Leidenschaft. Musikmachen ist mir extrem wichtig. Bis anhin habe ich sehr oft allein gearbeitet. Mit Band komme ich auf neue Ideen.»
Der Song «Alles in Bewegig» steht exemplarisch für das Debutalbum von Defo. Wie der Titel des Tracks anteasert, fliesst auch auf «Songs for Alfie» alles aus verschiedenen Richtungen zusammen: In ihrem Alltag bewegen sich die fünf Musiker zwischen Schule, Museumstechnik und Bauingenieurskunst. Musikalisch stehen sie irgendwo zwischen Hardcore und einer Stilrichtung, die nach einer unterhaltsamen, kurzen Diskussion über die musikalischen Vorlieben des Keyboard-Spielers Daniel Perrin als Poprock klassifiziert wird. So wechseln sich auf dem Album melancholischer Oldschool, Funk, Rock und Jazz ab. Auf Songs, die eine ruhige, melodiöse, nachdenkliche Sprache sprechen, folgen schneller Funk, zum Schluss Rock. Tönen die Keyboard-Klänge in Kombination mit dem Beat an mancher Stelle so weich wie in einem Song der britischen Rap-Jazz-Legende Alfa Mist, dreht an anderer Stelle die Gitarre durch, als wolle sie alles abfackeln. Den Grundstein der wechselnden Genres bilden die Schaffhauser Mundart Rap-Texte von Sherpa, oft mit einer sozialkritischen Note versehen.
Sind überfluetet, sowohl vom Böse als em Guete
Vo dem Gfühl, wo di überströmt
D Emotion, wo sich ahstaut
D Emotion, wo sich ahstaut
Vo dem Züg, wo di nümme gwöhnsch
Und das, wo dr nohlauft
Vo de Infos, de Frog nachem Wohrhetsghalt
Vo Liebi – und vo roher Gwalt
Werded stetig übermannt, Ordnig und Chaos
De Pathos min Ahstoss, die Balance zfinde.
(Fluetä)
Der Song sei zuerst ohne Text entstanden, worauf sich Sherpa überlegt habe, welche Bilder die Melodie in ihm auslösen würde: Fluten kamen ihm in den Sinn. Eine Metapher für eine Zeit, in der die Herzen kälter werden, in der «Liebi nur zwüsched de Ziile» möglich scheint, in der alles auf der Kippe steht, zwischen den Extremen. Aber Defo, das merkt man, wenn man mit der Band spricht und das Album hört, will sich entfernen vom Rausch an den grossen Eskapaden. Stattdessen ist das Album eine Flucht in den Kompromiss.
Dienstagabend, Bandkeller, andere Welt: Das hört man auf jedem Song. Trotz dem Hin- und Herspringen zwischen den Stilen sickert auf jedem Track eine Ruhe durch, in der sich die Suche nach einer Übereinkunft äussert. Es ist ein ehrliches Album. Feinfühlig. Und in manchen Songs taucht im Hinterkopf die Katze Alfie auf, wie sie zwischen Mikrophon, Monitor und Schlagzeug umherschleicht, auf der Suche nach einem gemütlichen Platz in der Runde.
Einige Stunden nach dem Gespräch im Backstage leuchten auf der Bühne die dicken Lichtbalken rot und lassen den Saal und die Bühne grösser scheinen, als sie sind. Defo betritt die Bühne. Die Besucher:innen füllen den Raum. «Guete Obig. Mir sind Defo», begrüsst Sherpa das Publikum noch etwas nervös, ehe der weiche Keyboard-Klang des Intro-Songs «Doomsday» ertönt. Gitarrenriff und Drums kommen zusammen, Marques gesellt sich im 1312-SBB-Shirt und mit seinem Bass hinzu, Sherpa beginnt zu rappen:
Es isch neblig
Black Hoodie, Hose dreckig, schäbig
Doch Flows deadly, heavy
Isch scho gäbig, Beats punched täglich, Rocksteady
Wenni i de Baggy nur en Zwänni find
Lebi, strebi nur noch Raps und Skills
Kein Actionfilm, sondern s echte Ding
Schmetterlingseffekt
(Doomsday)
Es ist smoother und besonnener Sound, den Defo mit Doomsday auf die Bühne bringt. Eine Musik, die sich nicht in zu hohen Ansprüchen verliert, sondern eine Stimmung festhält und sich begnügt mit dem, was vorhanden ist. Wer ausufernde Konzeptsongs sucht, wird bei Defo also nicht fündig. Auch kompetitive Lyrics, die man sonst aus dem Rapgame kennt, gibt es auf dem Album keine. «Bei diesem Sound hat das einfach keinen Platz», sagt Sherpa vor dem Konzert. «Musikalisch macht es überhaupt keinen Sinn, angriffig oder aggressiv zu werden. Wir wären uns wahrscheinlich nicht einig darüber, wen wir jetzt würden dissen wollen.» Die fünf lachen. Sie wollen alles eine Nummer ruhiger nehmen. Bandraum, andere Welt, runterfahren. Freundschaft.
Als der Sound von Oldschool in Funk kehrt, steht Daniel Perrin hinter seinem Keyboard auf, gesellt sich hüpfend zu Sherpa in die Mitte der Bühne, tanzt im Kreis, hebt die Arme in die Höhe, um das Publikum zu animieren. Es ist eine etwas aufgesetzte, aber lustige Szene und die Zuschauer:innen steigen ein.
Dass das erste Konzert von Defo so gut besucht ist, liegt auch am Bekanntheitsgrad der fünf Musiker in der Stadt. «Schaffhausen ist unser Horizont», sagt etwa der Drummer Luca Padovan vor dem Konzert. «Dort, wo wir leben, wo wir gelandet, wo wir aufgewachsen sind. Schaffhausen ist das, was wir wahrnehmen.» Gitarrist Ehrat geht noch einen Schritt weiter: Wenn man nicht aus Schaffhausen käme, sondern aus Nidwalden, dann würde man manche Zeilen einfach nicht rappen, meint er. «Zum Beispiel jene aus Doomsday: ‹Stachle mitem Boot im Flow›. Das ist Schaffhauser Text.»
Zwischen zwei Songs erzählt Sherpa, wie man manchmal an einem Stück arbeite, alle Teile zusammensetze, aber nie ganz zufrieden sei. «Aber me mue en Punkt setze. Ihr kenned da. Next Song Sisyphus». Mit dem Verweis auf die Figur aus der griechischen Mythologie, die von den Göttern auf ewig dazu verurteilt wird, einen Stein den Berg hinaufzuschieben, eröffnet Defo aber keine konzeptuelle Referenz-Schlacht um die intelligenteste Interpretation des Sisyphos-Mythos. Stattdessen nimmt die Band das Bild der unaufhörlichen Tätigkeit als Anlass, um daraus einen stimmungsbetonten Moment zu erzeugen.
Dass sich die Katze Alfie in diesem Setting wohlfühlte, kann man nachvollziehen. Man muss sich Defo als glückliche Band vorstellen.
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