Wo sich Fuchs und Hase Gutenacht sagen

7. April 2026, Nora Leutert
Alte Pädagogik für junge Geister: Die naturhistorische Ausstellung im Allerheiligen hat sich über 40 Jahre nicht bewegt. Fotos: Robin Kohler
Alte Pädagogik für junge Geister: Die naturhistorische Ausstellung im Allerheiligen hat sich über 40 Jahre nicht bewegt. Fotos: Robin Kohler

Die angestaubte Naturausstellung im Allerheiligen ist passé. Wird die neue legendär oder langweilig? Eine erste Feldbegehung.

Meine Erinnerungen an die Naturausstellung im Allerheiligen sind nicht sehr eindrucksvoll. Schwerfällig streckten sich Museumsnachmittage ihrem Ende entgegen, mit der Naturabteilung zuoberst im stickigen Estrich als letzte Station. Die modellhaften Lehren an den Wänden zu tektonischen Verschiebungen, Gesteinsschichten und Zellteilung in ihrer 80er-Jahre-Ästhetik erinnerten an ein Sek-Lehrbuch. Der träge Blick schweifte darüber hinweg, wir Kinder schlüpften stattdessen weiter zu den paar ausgestopften Tieren in den Vitrinen.

Das Highlight: das Rheinufer-Diorama ganz zuhinterst im Raum, wo es Schwan und Biber zu entdecken gibt – wenn natürlich auch nicht so legendär, wie das berühmte Kesslerloch-Diorama mit den Steinzeitmenschen in der Archäologieausstellung.

Die Naturausstellung des damaligen Kurators Rudolf Schlatter, die 1985 und 1988 in zwei Etappen entstand, war in diesem edukativen Duktus auf der Höhe ihrer Zeit. 1991 wurde sie sogar mit der Sonderauszeichnung des «European Museum of the Year Award» ausgezeichnet. Dann liess man sie über 40 Jahre dort oben verharren, nun wird sie abgebaut. 2029 soll die neue Dauerausstellung eröffnet werden.

Nur: Ist dort oben im Dachstock des Allerheiligen überhaupt etwas möglich, das nicht nach drögen Hausaufgaben an einem Sonntagnachmittag riecht?

In Kästen verborgen

Theoretisch, ja. Die aktuelle Ausstellung zeigt gerade mal 300 Objekte – im Haus lagern aber über 150 000 naturhistorische Schätze in verschlossenen Kästen. Das zeigt ein seltener Einblick an einem der letzten Samstagnachmittage in der Naturausstellung. Kurator Urs Weibel und Michele Büttner bringen die Handvoll Besucher:innen, die zur Führung erschienen sind, ins Depot im Dachgeschoss.

Büttner schlägt ein wertvolles 200-jähriges Herbarium mit gepressten, sorgfältig beschrifteten Pflanzen auf. Es ist das massgebende Grundlagenwerk der langen Tradition Schaffhauser Botanik. Der Apotheker Johann Conrad Laffon sammelte von jeder Pflanzenart im Kanton Schaffhausen ein Exemplar. Knapp 1000 Stück – 154 davon sind heute im Kanton ausgestorben. Solche Herbarien gerieten lange Zeit in Vergessenheit, in den 90ern wurden sie teils eingestampft und nur ihre Schriftbelege aufbewahrt.

Heute haben die gepressten Pflanzen eine neue Bedeutung, wie Büttner erklärt: Anhand physischer Proben kann die DNA der Pflanzen und ihre Evolution genetisch erforscht werden.

Die 50 000 botanischen Belege des Museums zu Allerheiligen – sie machen etwa ein Drittel der naturhistorischen Sammlung aus – sind also naturwissenschaftlich genauso wertvoll wie kulturgeschichtlich.

Gleiches gilt auch für den zoologischen Bestand, ein weiteres Drittel der Sammlung.

Urs Weibel zeigt Glaskästen mit aufgespiessten, sorgfältigst klassifizierten und beschrifteten Ameisen: «Jede ist eine Mona Lisa. Jede ist ein Unikat», so Urs Weibel. Mit unglaublicher Akribie, die heute als Schrulligkeit anmutet, dokumentierten die damaligen Schaffhauser Sammler den regionalen Artenreichtum – und hinterliessen damit ein Stück ihrer Lebensgeschichte. Daneben findet man im Depot spektakuläre Objekte wie die Millionen von Jahren alten Rhinozeroszähne aus dem deutschen Chläggi. Oder natürlich die fossilen Knochen des Schaffhauser Dinos Schleitheimia Schutzi, benannt nach seinem Finder Emil Schutz.

Auch die geologische Sammlung, die den letzten Drittel der 150 000 naturhistorischen Objekte stellt, ist ein riesiger Fundus, der in langen Reihen von Kästen vor sich hin dämmert.

Ein schlummernder Schatz also. Eigentlich, denkt man als Besucherin, muss man doch diesen ganzen, wundersamen Reichtum in der Dauerausstellung zeigen.

Beflügelte Fantasie

Tatsächlich könnte das auch Realität werden – jedenfalls mehr oder weniger. Die neue Naturausstellung, die 2029 eröffnen soll, wird Urs Weibel verantworten, langjähriger Kurator der Naturabteilung. Während er durch die bisherige Dauerausstellung führt, sagt er, diese sei mit enorm viel Fachwissen gestaltet geworden. «Man hat das Museum damals als Bildungsort verstanden, die Ausstellung ist älter als das Internet. Sie wollte primär Wissen vermitteln.»

Das private Sammlertum hingegen sei damals in den 80er-Jahren eher verpönt gewesen. Man habe infrage gestellt, ob tatsächlich jedes geschützte Pflänzchen ausgerissen, jeder seltene Schmetterling mit dem Netz eingefangen werden müsse. Deshalb seien die Schaffhauser Sammler im Ausstellungsraum kaum präsent.

Und heute ist das anders?, wollen wir nach der Führung von Urs Weibel wissen. «Natürlich gilt der Naturschutzgedanke immer noch. Aber die damaligen Sammlungen sind die Basis des Wissens, das wir haben», so Urs Weibel. «Wir wollen die Entstehung der Sammlungen thematisieren – sie aber auch zeigen und erlebbar machen.» Sein eigenes Motto laute «Steingeschichten statt Gesteinsschichten», so der Kurator. Es gehe ihm darum, Geschichten zu erzählen und die Entdeckerfreude und Neugier zu wecken.

Wird sich der Naturkurator also mit der neuen Ausstellung austoben? Denn so viel ist klar: Man könnte Imposantes zeigen. Zum Beispiel eine hohe Wand aus Glaskästen, welche mit der unglaublichen Vielfalt an aufgespiessten Insekten beeindruckt. – «Oder», sinniert Urs Weibel seinerseits, «einen gläsernen Boden, unter dem sich Schaffhauser Gesteine, Mineralien und Fossilien erstrecken.» Ja, sagt er, solche Dinge seien vorstellbar.

Gestutzte Flügel

Die Frage ist eher, ob sich Weibel überhaupt wird austoben können. Denn der Fantasie und Freiheit des Kurators sind Schranken gesetzt. Das zeigten die Diskussionen ums Museum der letzten Jahre. Ursprünglich war angedacht, dass die Naturabteilung mehr Platz innerhalb des Hauses bekommen soll. Diese Pläne wurden mit der gescheiterten Museumsstrategie 2025 aber auf Eis gelegt.

Nun muss die Natur vorerst weiterhin mit dem abgelegenen, gotischen Dachstuhl vorliebnehmen, wenn er denn saniert ist. Viel mehr Platz als jetzt wird die Dauerausstellung somit nicht haben, sondern lediglich einen Raum mehr. Die Stadt kommunizierte 2023, als sie die Pläne präsentierte, die neue Naturausstellung soll flexibel gestaltet werden. So, dass sie in Zukunft allenfalls auch in anderen Räumen präsentiert und in Etappen erweitert werden kann. Dies wohl für den Fall, sollte dereinst wirklich eine zukunftstaugliche Vision für das Museum vorliegen.

Auf lange Sicht ist also noch vieles unklar. Das klingt nicht gerade nach traumhaften Voraussetzungen für einen Ausstellungsmacher. Urs Weibel lässt sich davon nicht entmutigen: «Zurzeit ist dies die einzige Option. Wir haben den Platz, den wir haben. Ich sehe die Gelegenheit als Chance. Die Besucher haben es verdient, dass man ihnen zeitnah eine neue Ausstellung bietet.»

Genau wisse er noch nicht, was er alles umsetzen könne. Grundsätzlich wolle er die geplante Dauerausstellung von den Schaffhauser Landschaftsräumen her denken, also etwa vom Randen, Hegau oder Chläggi. Dabei, so lässt Weibel durchblicken, darf man sich wahrscheinlich auch auf mindestens ein – bestenfalls legendäres – Diorama freuen.

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