Website-Icon Schaffhauser AZ

Mein Revier, dein Revier

Alles ausgeräumt: Die Jagdhütte am Büttenhardter Waldrand. Sogar die Fensterläden fehlen. Bild: Robin Kohler

Alles ausgeräumt: Die Jagdhütte am Büttenhardter Waldrand. Sogar die Fensterläden fehlen. Bild: Robin Kohler

In Büttenhardt ist ein Revierkampf neu entbrannt, der 25 Jahre schwelte. Als
Sieger geht vor allem einer hervor: der neue Jagdobmann – und Gemeindepräsident.

Am Waldrand, 20 Minuten Marschweg vom Dorfkern von Büttenhardt entfernt, thront die alte Jagdhütte der Gemeinde. Daneben liegt eine ausgebrannte Feuerstelle. Die Dachziegel sind mit Moos bedeckt, die Holzbretter vom Regen verwittert.

In diese Jagdhütte hat Martin Lehmann «sein ganzes Herzblut» gesteckt, wie er sagt. Das Häuschen hätten er und seine Kollegen selbst in Fronarbeit erbaut. Die fast 70 errichteten Hochsitze, die überall im Jagdrevier der Gemeinde verstreut waren, hat Lehmann hingegen kurzerhand abgerissen.

«Das hat er gemacht, um mir eins auszuwischen», sagt sein Kontrahent Alex Schlatter, der heute vor der Jagdhütte steht. Er deutet zum Hauseingang. Lehmann habe auch hier einiges abgeräumt, das Brennholz, sogar die Fensterläden wurden entfernt – auf Letzteres deuten nur noch helle Holzflecken an der Fassade hin.

Nach mehr als zwei Jahrzehnten müssen der bisherige Jagdaufseher Martin Lehmann und seine Getreuen den Hut nehmen. Die Pacht des Jagdgebiets Büttenhardt geht seit 2025 an eine andere Gruppe. Dazu gehört Alex Schlatter – der seit fünf Jahren auch die Gemeinde Büttenhardt regiert. Der Gemeindepräsident geht damit als Gewinner aus einem Konflikt hervor, der über 25 Jahre schwelte und zweimal bis auf den Verhandlungstisch des Regierungsrats gelangte.

Der Prolog

Alles begann im Januar 2001: Nach nur einem halben Jahr im Amt trat das Büttenhardter Gemeinderatsmitglied Hans Peyer empört zurück. Die kurze Zusammenarbeit habe «keinesfalls seinen Vorstellungen entsprochen», tat er damals kund, er nehme an keiner weiteren Gemeinderatssitzung teil.

Was dabei eine Rolle gespielt haben dürfte: Seine Gemeinderatskollegen hatten ihn damals als Jagdaufseher entmachtet und mit ihm seine damalige Jagdgesellschaft. Mit im Boot waren auch Bernhard Bürgin sowie Alex Schlatter, wobei Letzterer gerade erst auf die neue Saison hatte einsteigen wollen. Dazu kam es nicht.

«Davon kann man halten, was man will.»

Martin Lehmann, Jäger und ehemaliger Jagdaufseher Büttenhardt

Auslöser für die damalige Neuvergabe in Büttenhardt waren Querelen zwischen den Jägern und den Landwirten gewesen. Denn diese arbeiten traditionellerweise Seite an Seite. Besonders die heimischen Wildschweine, im Jagdjargon Schwarzwild genannt, sorgen bei den Landwirten für Ertrags- und Landschäden – und werden deshalb von den Schaffhauser Jäger:innen erlegt.

Damals, vor knapp 25 Jahren, waren die Bauern und der Gemeinderat unzufrieden mit der Jagdgesellschaft, weil zu wenig Wildschweine erlegt worden seien. Die Schäden am Land seien zwar hinterher erstattet, aber nicht verhindert worden. Deshalb wurde die Pacht an eine neue Jagdgesellschaft vergeben.

«Die Bauern und Teile der Gemeinde kamen damals auf mich zu», erinnert sich Jäger Martin Lehmann zurück. «Sie wollten einen Wechsel.» Der Thaynger bewarb sich als neuer Pächter des Jagdgebiets in Büttenhardt – von da an war es das Revier seiner Jagdgesellschaft.

Auch bei der nächsten Vergabe 2009 erteilte man der Gesellschaft rund um Obmann Lehmann wieder das Jagdrecht. Bei der darauffolgenden Vergabe acht Jahre später indessen lag neben Lehmanns Bewerbung noch eine andere auf dem Tisch der Gemeinde: Dieses Mal bewarb sich neben Lehmann auch Alex Schlatter – der bereits 2001 gerne in dem Gebiet gejagt hätte, letztlich aber nicht zum Zug kam.

Mittlerweile war Schlatter Teil des Gemeinderats. Die Gemeinde entschied sich aber erneut für den bisherigen Jäger Lehmann. Seit 2020 ist Alex Schlatter nun Gemeindepräsident. Als es 2025 wieder Zeit wurde, die Pacht neu zu vergeben, war es schliesslich der bisherige Obmann und Jagdaufseher Lehmann, der verjagt wurde; der Gemeinderat entschied sich für die Jagdgesellschaft ihres
Gemeindepräsidenten.

Sagt der eine…

Wer sich dieser Tage im Dorf umhört, bekommt zwei verschiedene Seiten der Geschichte erzählt: Jene von Jäger Lehmann und jene von Jäger Schlatter.

Lehmann erzählt, die Bauern seien mit seiner Jagdgesellschaft immer sehr zufrieden gewesen. Trotzdem habe man 2025 eine neue gewählt. Ein Entscheid, den Lehmann nicht auf sich sitzen lassen wollte: Er legte Rekurs beim Regierungsrat ein – erfolglos. «Der Regierungsrat hat lediglich die Vergabe angeschaut, nicht aber den jahrelangen Kontext, der hinter dem Thema steht», sagt er.

Doch das ist legal: Rechtlich gesehen hat die Gemeinde, wenn sich mehrere Pächter für das Revier bewerben, freie Hand. Zumindest dann, wenn zwei gleich hohe Angebote vorgelegt werden.

Und mehr noch: Die Gemeinde müsse nicht jene Bewerbergruppe auswählen, die «am meisten positive Kriterien aufweist», so steht es im Rekursentscheid, welcher der AZ vorliegt. Beide Gruppen seien grundsätzlich als Pächterschaft geeignet.

«Für viele ist das unverständlich», sagt Lehmann. Er habe mit einigen aus dem Dorf gesprochen. «Ein paar Kollegen meinten auch, ich solle den Entscheid doch nochmals weiterziehen.» Dafür habe er keine Energie – wenn ja, müsste man bereit sein, bis ans Bundesgericht in Lausanne zu gehen. Und dass sein Nachfolger der Gemeindepräsident persönlich ist? «Davon kann man halten, was man will», gibt Lehmann knapp an.

Dass zumindest ein Teil der Bauern hinter Lehmann steht, wurde mehrfach sichtbar: Bereits an der Gemeindeversammlung 2024 meldete sich Thomas Buchmann, Präsident der Landwirtschaftlichen Genossenschaft Büttenhardt, vorausschauend zu Wort: Die Büttenhardter Landwirte seien mit der jetzigen Jägerschaft sehr zufrieden und möchten dies auch ab 2025 so beibehalten, sagte er damals.

Im darauffolgenden Sommer, nachdem der Entscheid für eine neue Pächterschaft bekannt wurde, äusserte sich Landwirt Buchmann erneut an der Gemeindeversammlung. Er fragte, weshalb die Jagdpacht nun anders vergeben werde, «obwohl man mit dem bisherigen Jagdpächter zufrieden war». Die Antwort der Gemeinde: Es sei mehrfach der Wunsch eingegangen, nach 24 Jahren die Jagdpacht anderweitig zu vergeben. Auf Anfrage der AZ wollte sich Buchmann nicht näher zum Geschehen äussern – er habe seine Meinung bereits kundgetan.

Auch andernorts äusserte sich der Unmut über die neue Pachtvergabe: an der diesjährigen Kinderfasnacht des Dorfs Anfang März. Unter den Verkleideten und Festwagen hat sich eine Anspielung auf den Streit eingeschlichen: ein fahrender Jagdhochsitz, auf dem mit Sprayfarbe geschrieben steht: «Super-Jagt 2001 – 2025. Was wird kommen?» und auf der Rückseite: «dJagd isch verbi.»

Gebaut hat den Fasnachtswagen Robert Brütsch, Büttenhardter Landwirt. Er kann den Entscheid der Gemeinde nicht nachvollziehen. Mit dem Festwagen wollte er das deutlich machen und der Gemeinde ein wenig «ans Bein pinkeln», erzählt er: Gemeindepräsident Alex Schlatter habe sich die Jagdpacht unter
den Nagel gerissen.

«Schon an der Gemeindeversammlung 2024 waren die Bauern vor Ort, Thomas Buchmann betonte sogar, dass man zufrieden sei und die Pacht nicht anders vergeben sollte. Aber es hat nichts genützt.» Unverständnis habe sich unter den Bauern breitgemacht. Aber keine Überraschung: «Man weiss, dass Alex schon vor einigen Jahren versucht hat, die Pacht zu bekommen.

«Es ging rein um Emotionen, teils um Neid, teils um Missgunst.»

Alex Schlatter, Gemeindepräsident Büttenhardt

Und das, obwohl er schon bei jener in Merishausen involviert ist.» Grundsätzlich ist es nicht verboten, als Jäger in zwei Jagdgesellschaften unterschiedlicher Gemeinden aktiv zu sein. «Aber die ganze Geschichte hinterlässt einen fahlen Beigeschmack», findet Bauer Brütsch.

2001 war noch Brütschs Vater als Landwirt aktiv, erzählt er. «Die Bauern hielten die Situation für eine Katastrophe, man hat gar nichts mehr gemacht.» Durch die sich ausbreitenden Wildschweine habe es nur Schäden gegeben. «Die haben die Jäger zwar erstattet, aber das Problem blieb.» Nun sei mit Schlatter wieder der ehemalige Jäger Bürgin ins Boot geholt worden. «Wir haben also quasi einen Rückschritt gemacht.»

Sagt der andere…

Treffen mit Alex Schlatter in der Gemeindekanzlei Büttenhardt. Dieser zeichnet ein anderes Bild: Das Thema sei emotional, ja. Auch für ihn. Doch die Begründung der Landwirte, dass vor 25 Jahren zu wenig gejagt worden sei und dadurch Schäden entstanden, sei nichts mehr als ein Vorwand gewesen.

Es sei um etwas ganz anderes gegangen: «Jemand wollte das alte Jagdhaus haben, das Bernhard Bürgin geerbt hatte. Er hat deshalb die Landwirte gegen die Jäger aufgewiegelt.» Gemeint ist damit nicht die Büttenhardter Jagdhütte am Waldrand des Dorfs, sondern ein anderes Haus, auf das Schlatter nicht näher eingeht.

Sowieso aber macht Schlatter geltend: Er sei damals noch nicht Teil der Jagdgesellschaft gewesen. «Ich hätte für die folgende Periode dazustossen sollen.» Die Wildschäden habe Bürgin den Bauern entschädigt. Und: Die neuen Jäger hätten genauso viel – oder wenig – geschossen.

«Es ging rein um Emotionen, teils um Neid, teils um Missgunst.» Schlatter bestätigt, sich bereits für die letzte Jagdperiode ab 2018 beworben zu haben. Und er widerspricht Lehmanns Aussagen: Er kenne durchaus Anwohner, die mit dessen Pächterschaft nicht zufrieden gewesen seien. Es habe über die Jahre hinweg einige Reklamationen gegeben.

«Und Buchmann hat nur für einen Teil der Bauern gesprochen. Nicht für alle.» Während der Abstimmung zur neuen Pachtvergabe sei er in den Ausstand getreten, betont Schlatter. Er habe nie versucht, die restlichen Gemeinderäte in ihrem Entscheid zu beeinflussen.

Das Déjà-vu

Mit der Episode um die Pachtvergabe 2025 schliesst sich der Kreis, der Entscheid ist seit Ende Januar dieses Jahres final. Doch die Geschichte wiederholt sich beinahe eins zu eins:

Bereits 2001 war die geschasste Jagdgesellschaft an den Regierungsrat getreten, um sich gegen die Neuvergabe an Lehmann und seine Jagdkollegen zu wehren. Auch damals erfolglos. Mit den fast identischen Worten, die man auch im jüngsten Entscheid findet, lehnte der Regierungsrat den Rekurs ab.

Sowohl Schlatter als auch Lehmann erinnern sich daran: «Die Regierung hat damals dem Gesetz entsprechend entschieden, so wie sie es heute auch getan hat», gibt Schlatter an. «Es war die gleiche Situation, nur umgekehrt.» Und wie heute auch, hatten sich auch damals mehrere Anwohner:innen Büttenhardts über den Wechsel beschwert.

Im April 2004 schrieb etwa jemand in einem Leserbrief in den Schaffhauser Nachrichten, die Vergabe an die neue Pächterschaft sei eine «schallende, unverdiente Ohrfeige» an die Einwohner. In einem anderen Brief hiess es: «Der Gemeinderat Büttenhardt wäre gut beraten, wenn er seinen Entscheid rückgängig machen würde, damit er sein Gesicht nicht ganz verliert.»

Die Frage des Stolzes

Das Jagdgebiet in Büttenhardt ist weder das flächenmässig grösste des Kantons, noch jenes mit der grössten Artenvielfalt, noch geographisch einzigartig. Darin sind sich alle Beteiligten grundsätzlich einig. Weshalb dann dieser Revierkampf?

Laut Landwirt Robert Brütsch könnte es schlichtweg eine Frage des Stolzes sein. «Ich denke, auch Lehmann durfte stolz auf sein Revier sein und darauf, was er in seiner Zeit geleistet hat.» Nun müsse es wiederum für Schlatter schön sein, sagen zu können, im eigenen Zuhause jagen zu dürfen.

Das räumt Alex Schlatter auch im Gespräch ein: «Jagen ist etwas Emotionales. Das ist einfach so», erzählt er nach dem Treffen in der Gemeindekanzlei, draussen vor der Jadghütte.

«Man geht eine Verbindung mit dem Jagdgebiet ein, mit der Natur, und schöpft ab, was nachwächst.» Die Bestandsregulierung, also das Erlegen der Tiere, mache dabei lediglich 10 Prozent der Pflichten aus, die einer Jagdgesellschaft zukommen.

Mit dem Beschluss des Regierungsrats ist nun, zumindest für die kommenden acht Jahre, der Fall klar: Künftig ist Schlatter der Jagdobmann der Gesellschaft, Jagdaufseher ist Tino Steiner und Pächter ist künftig Bernhard Bürgin.

Natürlich sei er froh über den abgewiesenen Rekurs, sagt Schlatter. Für ihn sei dessen Einreichung aber erwartbar gewesen. «Man gibt dieses Gebiet nicht kampflos ab.»

Wir schenken Dir diesen Artikel. Aber Journalismus kostet.
Hier geht es zum Probe-Abo: drei Monate lang jede Woche eine AZ für nur 48 Franken.

Die mobile Version verlassen