Wie geht Kunst im Exil? Adar Tank sagt: Sie will nicht nur kurdische Kunst machen, sondern sie muss. Ein Gespräch über Zugehörigkeit und Repräsentation.
Adar Tank Bevor wir beginnen, ist mir wichtig, etwas zu sagen.
AZ Ja?
Ich werde in meiner Geschichte oft von Schmerz sprechen. Aber ich möchte diese Geschichte nicht als aussergewöhnlich traurig oder dramatisch verstanden wissen. Sie ist einfach Realität, und zwar nicht nur meine, sondern die von tausenden Kurd:innen. Sie ist eine Geschichte des Widerstandes.
Adar Tank ist Kurdin. 1998 kommt sie im Flüchtlingscamp Makhmour zur Welt. Makhmour entstand zu Beginn der 1990er-Jahre, als rund 17 000 Kurd:innen vor der türkischen Armee in den Nordirak flüchteten.
Adar Tank studiert in der Stadt Erbil Zahnmedizin. 2023 flüchtet sie vor dem Krieg in die Schweiz und erhält die Bewilligung, zu bleiben. Fast von Beginn weg lebt sie in Schaffhausen. Nicht viel später lerne ich sie kennen. Im Januar dieses Jahres sitzen wir in der «Garage» in Schaffhausen zusammen auf der Bühne, um über Verwurzelung und Entwurzelung zu sprechen.
Seither ist in Kurdistan ein weiterer Krieg ausgebrochen. Erst vergangene Woche ist in der Nähe von Makhmour ein irakischer Stützpunkt mit Kamikaze-Drohnen angegriffen worden. Adar Tank ist Künstlerin, und ich denke wieder öfter an die Gemälde, die ich von ihr kenne: Die Frauenkörper, die sie malt, sind oft von Leid gezeichnet, aber auch von Kraft. Ich möchte verstehen, wie sie im Exil Kunst macht und was dies mit ihrem Selbstverständnis als Kurdin macht. Wir treffen uns Anfang dieser Woche zu Tee und Süssem, zwei Tage nach dem kurdischen Neujahrsfest Newroz, das dieses Jahr unter dem Stern der Freiheit und der Demokratie stand.
Adar, wie bist du ins neue Jahr gestartet?
Was soll ich sagen: Es ist immer noch Krieg. Schon als ich ein kleines Kind war, habe ich immer wieder gehört, irgendwann werde Frieden sein. Die Kurd:innen werden frei sein. Doch derartige Versuche sind – wie jüngst in der Türkei – bis anhin gescheitert. Darum habe ich grosse Zweifel an einem Frieden. Und trotz alldem bin ich besser in dieses Jahr gestartet als in die anderen, die ich bisher in der Schweiz verbracht habe. Ich kann von mir sagen: Ich existiere. Ich kenne meinen Weg besser, habe Freunde und eine gute Umgebung. Und ich habe Hoffnung, dass ich dieses Jahr das Zahnmedizinstudium wieder aufnehmen kann.
Du hast dafür in den vergangenen Wochen die C1-Prüfungen in Deutsch abgelegt.
Genau. Ich hoffe, dass es das letzte Mal ist, dass ich eine Sprache lerne.
Wie meinst du das?
Sprache war stets ein Trauma für mich. In Makhmour sprechen wir Kurdisch Kurmanci. Ich hatte bis zur Volljährigkeit keinen Kontakt zu Menschen ausserhalb Makhmour, wir sind völlig isoliert aufgewachsen. In Erbil kam darum Kurdisch Sorani – und Arabisch – dazu. Und dann an der Universität auch noch Englisch. Ich kann dir heute nicht mehr sagen, wie ich schon im ersten Jahr die Prüfungen bestanden habe, ich habe nur Bahnhof verstanden. Wohl waren es Glück und die hohen Erwartungen, die ich an mich selbst hatte. Und jetzt bin ich Flüchtling und lerne schon wieder eine neue Sprache.
Du lebst mit deinem Bruder in Schaffhausen. Welche Sprache sprecht ihr miteinander?
Vor allem Kurdisch. Aber ich merke, dass mir manches heute auf Deutsch leichter fällt. Manchmal macht mich das traurig: der Gedanke, dass ich meine Muttersprache vergessen könnte. Und dass mein Nachwuchs sie nicht kennt, wenn ich in der Schweiz bleiben sollte.
Willst du denn in der Schweiz bleiben?
Die Schweiz war nichts, das ich mir ausgesucht hätte. Sie war ein Muss, keine Option. Ich will das Leben hier nicht schlecht machen, ich habe ja alles, und ich will mich in der Schweiz verwurzeln. Aber ich bevorzuge mein Leben in Makhmour. Die Kurd:innen haben dort mitten im Nichts Leben erschaffen, und dieses Leben war bedeutungsvoll für mich. Gleichzeitig habe ich Angst davor, je dorthin zurückzukehren. Was, wenn ich mich nicht mehr zugehörig fühle? Was passiert dann?
Heimat muss ein kompliziertes Wort für dich sein.
Ich würde dazu gern eine Geschichte erzählen.
Sicher.
Sie stammt von einem Kämpfer der PKK, der uns Kinder in Makhmour in Selbstverteidigung unterrichte. Er erzählte, wie er sich während einer militärischen Aktion verirrt hatte und seine Kollegen nicht wiederfand. Die Region war gefährlich, darum versteckte er sich im Stamm eines hohlen Baumes. Dort blieb er lange Zeit, tagelang. Er hatte weder zu essen noch zu trinken, so hatte er eines Tages Halluzinationen. Eine dieser Halluzinationen war ein grosser Nussbaum, der Früchte trug, die der Kämpfer früher einmal gesammelt hatte. Doch er war sich nicht sicher, ob der Baum wirklich real war, und so sagte er sich: Ich bleibe im Versteck, damit ich nicht enttäuscht werde. Wäre er nach draussen gegangen und hätte dort keinen Nussbaum vorgefunden, hätte er alle Hoffnung verloren. Er blieb, bis Kollegen ihn irgendwann fanden. Für mich ist Heimat wie dieser Nussbaum: Sie ist eine Hoffnung. Ich bin nicht verloren, sondern einfach weit weg zuhause. Wenn ich aber dorthin zurückgehen und mich fremd fühlen würde, wüsste ich nicht, wohin ich noch gehörte.
Du bist nun seit drei Jahren in der Schweiz. Was spendet dir in Schaffhausen ein Gefühl der Zugehörigkeit?
Der Rhein. Ich gehe fast jeden Tag an den Rhein und beobachte die Bewegung des Wassers. Ich fühle, dass es mich anzieht, mich zu sich ruft, ganz besonders wenn ich traurig bin. Vielleicht schwimme ich diesen Sommer das erste Mal im Rhein. Manchmal fahre ich Kanu – ich wusste nicht, dass ich Wassersport toll finde, bevor ich in der Schweiz war!
In Makhmour und Erbil gibt es keine Gewässer, gell?
Nein, das ist alles Wüste. Und diese Wüste ist mein Zuhause, ich finde sie so schön: den freien Horizont zu sehen, die Verbindung zwischen Himmel und Erde, wie die Sonne untergeht.
Die Heimat Wüste, aber auch ein bisschen der Rhein?
Vielleicht. Es gibt eine Redewendung bei uns: Nass zu sein bedeutet Freude.
Hier in Schaffhausen kennt man vor allem deine Kunst. In deinen Gemälden ist der weibliche Körper ein wichtiges Element. In der Museumsnacht im Allerheiligen vergangenen Herbst zum Beispiel hast du ein Bild gemalt, auf dem eine Frau keinen Kopf hat – stattdessen spriessen Blumen aus ihrem Hals. Woher kommt dieser Schwerpunkt?
Eines der Fächer, das ich an der Schule hatte, heisst Jineologie. Jin: Frau, Logie: Wissenschaft. In diesem Fach haben wir gelernt, dass Frauenkörper und die Welt gleich sind. Die Welt erneuert sich ständig: Im Herbst werden die Blätter zu Laub, im Frühling öffnen sich die Blumen. Frauen haben auch einen solchen Zyklus: Sie haben eine Periode, und wie die Erde können sie Leben erschaffen und Kinder aus ihrem Körper nähren. Das Gemälde, das du ansprichst, zeigt im Übrigen eine kurdische Frau.
Woran ist das erkennbar?
An der roten Schleife, die um ihren Körper weht. Wenn bei uns eine Frau heiratet, bindet man ihr manchmal eine solche rote Schleife um die Taille. Das bedeutet, dass sie noch Jungfrau ist. Damit, dass diese Schleife auf dem Gemälde um ihren nackten Körper im Wind weht, äussere ich Kritik an diesem Umstand.
Deine allererste Einzelausstellung hattest du 2015 in Amed, Nordkurdistan. Wie hat Kunst dich mit der Welt verbunden?
Lange Zeit konnte ich mich ohne Kunst nicht akzeptieren. Ich wusste nicht, ob ich ohne Kunst überhaupt existiere. Das künstlerische Umfeld war der einzige Weg, damit ich mich nicht immer fremd fühlte. Ich hatte ein schlechtes Gewissen, wenn ich ein, zwei Monate lang nicht gemalt habe.
Und heute?
Langsam verstehe ich, dass ich mich auch ohne Kunst akzeptieren muss, einfach als Mensch. Aber sie ist ein Teil von mir. Ich mache Kunst vor allem dann, wenn ich Schmerzen habe. Ich meine das nicht in einem negativen Sinn. Kunst bringt mich dazu, genau hinzuschauen: Wenn ich Blumen anschaue, sehe ich ein Gemälde mit wunderbaren, naiven Verbindungen und Harmonien von Farbtönen. Das macht mich empfindlich, eben fast wie ein Schmerz. Dieser Schmerz macht mir Freude, ich mag ihn und vermisse ihn, wenn ich ihn nicht fühle. In ihm liegt für mich mehr Bedeutung als in Glück. Trotzdem haben mir viele Leute angeraten, stattdessen einfach Glück zu malen.
Warum?
Weil sie traurig sind, wenn sie meine Kunst sehen. Während meiner Zeit an der Universität in Erbil haben mir Professor:innen gesagt, sie wollten deshalb nicht mehr an meine Ausstellung kommen. Sie wollten sich nicht mit der kurdischen Realität konfrontieren, die 40 Autominuten von ihnen entfernt stattfand. Das hat mich wütend gemacht, aber ich habe nach einer Weile aufgegeben zu versuchen, ihnen die Situation zu erklären.
Werden deine Gemälde in der Schweiz anders verstanden als in Erbil oder in Kurdistan?
Ja. In Kurdistan habe ich mich, anders als manche kurdische Künstler:innen, europäisch orientiert: Ich habe zum Beispiel die «Venus» von Boticelli interpretiert oder den «Kuss» von Klimt. Hier wird meine Kunst als kurdische Kunst verstanden. Ich zeige meine Identität deutlicher, weil sie hier weniger bekannt ist.
Hast du manchmal das Gefühl, etwas repräsentieren zu müssen?
Ein bisschen. Aber ich mag es auch einfach, eine nackte Frau zu malen und mit meiner Kultur zu verbinden, das macht mir Spass. Heute kann ich kaum noch malen, ohne einen Schal oder etwas anderes aus meiner Kultur einzubauen. So fühle ich mich meinem Bild zugehörig. Es ist ein Müssen genauso wie ein Wollen. Letztlich geht es mir in jedem Bild darum, etwas zu suchen.
Wonach suchst du?
Nach dem, was fehlt. Wenn man nichts hat und nirgendwo hingehört, sucht man nach allem. Zum Beispiel suche ich in einem Bild nach Freiheit. Freiheit ist für mich nicht mehr eine Flagge oder ein Staat, sondern einfach Ruhe. Freiheit ist, sagen zu können: Ich spreche diese Sprache, und das ist akzeptiert.
Woran arbeitest du gerade?
Im Kulturlabor steht ein unfertiges Gemälde von mir, an dem ich wegen der Schule lange nicht habe arbeiten können. Ich vermisse es. Es zeigt einen Frauenkörper in einer vom Krieg zerstörten Stadt, und die Frau spielt Geige, ohne aber eine Geige in der Hand zu halten. Wir sagen: «Musik ist die feinste Form des Krieges.» Die Frau wird ausserdem einen langen Zopf tragen, das habe ich von Anfang an gewusst. Auch er ist bedeutungsvoll.
Inwiefern?
Lange Haare sind für Kurdinnen sehr wichtig und gelten als schön. Der Zopf ist ein Symbol dafür, dass kurdische Frauen immer arbeiten, zuhause genauso wie an der Front als Kämpferinnen. Das Symbol wurde weltweit bekannt, als die Kurd:innen gegen ISIS kämpften: Ein ISIS-Terrorist hat eine junge Kämpferin aus Rojava getötet und ihr den Zopf abgeschnitten. Danach haben sehr viele Frauen, nicht nur Kurdinnen, ihre Haare geflochten, um ihre Solidarität auszudrücken.
Zu Beginn unseres Gesprächs sagtest du, die Geschichte der Kurd:innen sei auch eine Geschichte des Widerstands. Die kurdische Diaspora hat eine starke Tradition zum politischen Widerstand: Erst Ende Januar fand auf dem Herrenacker eine grosse Demonstration für Rojava statt.
Ja, weil wir keine andere Option haben. Seit Jahrhunderten stehen Kurd:innen vor der Vernichtung. Besonders wir Kurd:innen in Makhmour sind seit Jahrzehnten Geflüchtete und staatenlos. Wir haben keine Menschenrechte, unser Lebensraum war und ist nicht zum Leben gemacht. In den ersten Jahren sind Dutzende Kinder an Schlangenbissen gestorben oder an Skorpionstichen. Kurd:innen zeigen nicht nur im Krieg Widerstand, sondern mit dem Leben selbst.
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