Website-Icon Schaffhauser AZ

Inside GVS

Der Siloturm: Symbol und Relikt einer Genossenschaftsstruktur im Wandel. Bild: Robin Kohler

Der GVS kommt nicht zur Ruhe: Im Herbst 2024 entliessen der Verwaltungsratspräsident und der CEO drei führende Mitarbeiter. Nun sind es die beiden Führungspersonen, die gehen. Eine Rekonstruktion mit Innensicht.

Vor zwei Wochen wurde bekannt, dass der Verwaltungsratspräsident des Landwirtschaftlichen Genossenschaftsverbands Schaffhausen (GVS) seinen sofortigen Rücktritt bekannt gegeben hat. Eine Woche später informierte das Unternehmen intern auch über die Kündigung des CEO. Man wolle damit «Raum schaffen für neue Perspektiven und Impulse». Der Abgang der zwei Führungspersonen ist das Ergebnis einer Entwicklung, die sich seit Längerem abzeichnete. Nun steckt der Karren im Dreck. Haben die Verantwortlichen zu spät reagiert?

Der Funke

Es war ein warmer Septembermorgen, vor eineinhalb Jahren: Noch vor acht Uhr bekamen drei führende Mitarbeiter der GVS Gruppe die Kündigung vorgelegt und wurden per sofort freigestellt. Wenige Stunden später informierte die Unternehmensleitung die Belegschaft und erklärte den Schritt mit einer Restrukturierung der Führungsebene, welche die Entlassungen unumgänglich gemacht hätte. Und versicherte, dass es keine weiteren Kündigungen geben würde. Das vermochte die Zweifel in der Belegschaft nicht legen. Man fragte sich, warum Leute gehen mussten, während andere bleiben durften. Was bedeutete es, sich der «aktuellen und zukünftigen wirtschaftlichen Situation» anpassen zu müssen? Kam da bald noch mehr? 

Dann aber ging alles wieder seinen gewohnten Gang. Das Unternehmen hielt Wort, Entlassungen gab es keine weiteren. Der Geschäftsführer und die Bereichsleiter:innen stellten bald die halbjährlichen Geschäftszahlen vor. Die Konjunkturlage sei angespannter als auch schon, man sei aber auf gutem Weg. Heute, eineinhalb Jahre später, ist klar, dass das zu optimistisch war: Das Unternehmen muss erneut die Notbremse ziehen. 

Der AZ liegt ein internes Infoschreiben vor, das an die GVS-Belegschaft gesendet wurde. Es habe sich gezeigt, dass «die strukturellen Herausforderungen in einzelnen Bereichen» massiv grösser seien als ursprünglich angenommen. Zudem habe sich die Situation angesichts der provisorischen Zahlen des Jahresabschlusses 2025 noch verschärft. So könne das Transformationsprojekt in seiner bisherigen Form «nicht mehr sinnvoll» umgesetzt werden. Anders gesagt: Das Unternehmen hat grosse finanzielle Probleme.

Der Knall 

Von aussen wirkt der Rücktritt von VR-Präsident Tappolet und CEO Markus Angst wie eine Flucht aus der Verantwortung. Ihm sei klar, dass dieser Eindruck entstehen könnte, so Markus Angst gegenüber der AZ. Aber nach über 20 Jahren im GVS brauche es ein neues Mindset in der Führung. Ihm fehlten die nötige Zeit und Energie dafür. So klingt Resignation.

Um zu verstehen, wie der GVS sich in diese festgefahrene Lage manövriert hat, muss man sich die Geschichte des Verbandes anschauen. Ende des 19. Jahrhunderts, als viele Bauern durch Industrialisierung und beginnende Globalisierung um ihre Existenz fürchten mussten, erschien der Genossenschaftsgedanke als Retter in der Not. Überall im Land schlossen sich die Landwirte zusammen – als Hilfe zur Selbsthilfe. Der gemeinsame Bezug von Gütern, wie zum Beispiel Landmaschinen oder die Beschaffung von Saatgut oder Dünger, waren zentrale Zwecke der Genossenschaften und sind es bis heute. 

Immer noch hat im Kanton Schaffhausen praktisch jedes Dorf seine eigene landwirtschaftliche Genossenschaft mit eigener Verwaltung. Sie sind Sektionen und Eigentümer des GVS, der 1911 als Dachverband gegründet wurde. Die Sektionen wählen alle fünf Jahre die Mitglieder des Verwaltungsrates, verabschieden den Jahresabschluss und entscheiden über grössere Investitionen. Es ist eine symbiotische Beziehung: Die Sektionen sind verpflichtet, «ihren Warenbedarf nach Möglichkeit beim Verband zu beziehen» und «Aussenkäufe zu vermeiden», wie es in den Statuten festgehalten ist. Umgekehrt nimmt der Verband die landwirtschaftlichen Erzeugnisse – Trauben, Getreide – seiner Mitglieder an und vermarktet sie. Auch das ist fester Bestandteil des Verbandszwecks und darauf berufen sich die Schaffhauser Landwirte gerne. Sowohl die Schaffhauser Bauern wie der GVS betonen immer wieder die Pfeiler ihrer Gründungsidee: Solidarität, Selbsthilfe und Selbstverantwortung. 

Unter dieser Prämisse und als «Unternehmen der Schaffhauser Bauernfamilien» ist der GVS über die Jahrzehnte weiter gewachsen und hat seine Tätigkeitsfelder ausgeweitet. Aus der bäuerlichen Selbsthilfe ist ein international tätiger Konzern mit über 500 Mitarbeitenden und 300 Millionen Franken Gesamtumsatz geworden (Zahlen aus dem Jahresbericht 2024). Der GVS besteht aus drei Geschäftsbereichen, wovon zwei (die GVS Weine AG und die GVS Landi AG) ihre Tätigkeit auf die Region Schaffhausen konzentrieren. Im Landmaschinenhandel ist er schweizweit tätig und ist mit 36 Prozent Marktanteil der Marktleader. Umsatz: 219 Millionen Franken. Eine Tochterfirma mit über 100 Angestellten agiert zudem im grenznahen Frankreich. 

Die Geschäftsbereiche sind zu Aktiengesellschaften geworden, aber immer noch als Tochterfirmen den Delegierten des Verbandes – den Schaffhauser Landwirten – als oberstes Organ unterstellt. Ein Konzern, der genossenschaftlich organisiert ist – kann das gut gehen?

Lange ist es gut gegangen. Auch vor allem deshalb, weil der gut aufgestellte Landmaschinenzweig die beiden lokalen Bereiche quersubventioniert hat, als sich bei diesen Probleme abzuzeichnen begannen (zum Beispiel durch den sinkenden Weinkonsum). Das ist ein offenes Geheimnis. Nun aber schlägt sich die abgekühlte Konjunkturlage auch im Landmaschinensektor nieder. Und dem Goldesel gehen die Batzen aus.

Noch-CEO Markus Angst gibt gegenüber der AZ zu, dass das genossenschaftlich geprägte Geschäftsmodell mehr und mehr am Markt vorbei produziert habe und der angezeigte Wandel verpasst worden sei. Und erklärt diese Trägheit mit dem Bild eines grossen, schwer beladenen Frachters: «Die heutige Form des Verbandes hat den Nachteil, dass es etwas länger geht, bis ein Steuerimpuls greift.» Der eingeschlagene Kurs hätte seiner Meinung nach funktioniert, wenn sich die Rahmenbedingungen in den letzten fünf Jahren nicht massiv und schneller als erwartet verschlechtert hätten. Die Zeit soll also die grosse Spielverderberin sein. 

Wer sich aber umhört, erhält auch das Bild von einem Geschäftsführer, dem die Arbeit zunehmend über den Kopf gewachsen ist und der zu viele Dinge gleichzeitig erledigen wollte. Hatte er für die Umsetzung seines Kurses die falschen Leute an Bord? Den Vorwurf weist Markus Angst entschieden zurück: Die Geschäftsführung und die Bereichsleitung hätten keine Probleme in der Zusammenarbeit gehabt. «Die Transformation wurde sehr wohl vorangetrieben.»

Keine Energie mehr: Markus Angst (links) war 20 Jahre lang für den GVS tätig, davon drei Jahre als CEO. Der Landwirt Cyril Tappolet verabschiedet sich nach fünf Jahren aus dem Verwaltungsrat. Fotos: zVg / GVS Gruppe

Die Organisation des GVS bringt in der Führungsebene zudem eine weitere Besonderheit mit sich. In den Verbands-Statuten ist festgehalten, dass die Mitglieder des Verwaltungsrates einer seiner Sektionen angehören müssen – sie also mit grosser Wahrscheinlichkeit landwirtschaftlich tätig sind. Müsste die Leitung eines international tätigen Millionenunternehmens nicht breiter aufgestellt sein? Es sei ein Bestreben, die aktuell bestehenden Vakanzen mit den geforderten Kompetenzen zu besetzen, antwortet Kommunikationschef Philippe Brühlmann. Die Suche sei bereits eingeleitet worden.

Es wäre aber zu einfach, die ganze Verantwortung für die letzten zwei Jahre alleine der Unternehmensführung zuzuschreiben. Schweizweit haben sich die Strukturbereinigungen in ähnlichen Genossenschaftsgebilden schon lange vollzogen, während die Schaffhauser in ihrem lokal begrenzten Denken hängengeblieben und von den strukturellen Veränderungen überholt worden sind. Das haben die Eigentümer des GVS, die Schaffhauser Bauern, offensichtlich nicht bemerkt. 

Doch Christian Müller, Chef des Schaffhauser Bauernverbandes, gab sich im Gespräch mit den Schaffhauser Nachrichten nicht selbstkritisch, sondern äusserte vielmehr die Vermutung, die Bauern seien nicht genügend über die prekäre Lage ihres Unternehmens informiert gewesen. Darauf angesprochen, winkt Noch-Geschäftsführer Angst ab: «Die Geschäftsberichte aus den vergangenen Jahren sind online verfügbar.» Zur Frage, ob seine Vorgänger Fehler begangen hätten, möchte er sich nicht äussern, in der Vergangenheit zu wühlen, bringe nichts. Die Kommunikation sei in den letzten zwei Jahren offen und transparent gewesen. Hätte man dann nicht erst recht schneller reagieren müssen? 

Man könnte diese Frage mit einem einfachen Ja beantworten, aber so einfach sei es eben nicht. Die Welt des Genossenschaftsverbandes sei komplex. «Grundsätzlich werden Veränderungen ungern angenommen, und wenn der Leidensdruck nicht hoch genug ist, finden sich immer wieder Gründe, warum man etwas jetzt nicht oder eben später umsetzen könnte.»

Der Nachhall

Der GVS ist stolz darauf, ein familiäres Unternehmen zu sein. So familiär, dass es seinen Mitarbeitenden einiges durchgehen lässt – die sich im Gegenzug sehr loyal zeigen. Nicht wenige sind dem GVS bereits ihr ganzes Arbeitsleben treu. Trotz all der Unsicherheiten und Veränderungen in den letzten Monaten und Jahren gab es erstaunlich wenig Abgänge.

Doch die Kommunikation zur aktuellen Situation verunsichert die Belegschaft nun doch –  und sie wirft Fragen auf: Über die Veränderungen wurde nur intern und mit grossem zeitlichem Abstand informiert, während die Nachricht über den Abgang der beiden Führungspersonen über Umwege bereits an die Öffentlichkeit kam, bevor die Mitarbeitenden überhaupt wussten, was los war. Eine offizielle Pressemitteilung wurde bis Redaktionsschluss nicht verschickt. Markus Angst nimmt seinen Kommunikationschef Philippe Brühlmann in Schutz. Die Kommunikation in einem genossenschaftlichen Konstrukt mit seiner vielschichtigen Eigentümerschaft sei schwierig: Man stehe sofort in der breiten Öffentlichkeit. «Wir müssen uns aber auch eingestehen, dass nicht alles optimal abgelaufen ist, was wir bedauern – dies hatte unter anderem auch mit Indiskretionen zu tun, was unserem gewünschten Prozess massiv geschadet hat.» Das Unternehmen habe seine Lehren daraus gezogen.

Bis gestern Mittwoch wurden alle Mitarbeitenden über die aktuelle Lage und die nächsten Schritte informiert. Das Unternehmen verfügt einen teilweisen sofortigen Einstellungs- und Investitionsstopp. Der bisherige Verwaltungsrat Sacha Cerini (Schleitheimer Gemeinderat und zuletzt im Entsorgungsbereich tätig) übernimmt die Geschäftsführung ab Juli, nachdem er bereits seit einigen Monaten den abtretenden Markus Angst als rechte Hand unterstützt hatte. Weitere Schritte sollen nach und nach bekannt gegeben werden. Es werde alles dafür getan, die Arbeitsplätze zu sichern, beteuerte das Unternehmen. Gleichzeitig liess der GVS verlauten, man könne sich Angestellte, die für die Firma keinen Gegenwert mehr erbringen, nicht mehr leisten. Vorerst bleiben – mit wenigen Rochaden – die gleichen Leute am Steuer wie bisher. Sie müssen einen schwerfälligen Koloss aus dem Dreck ziehen. 

Die Autorin arbeitete bis 2025 während acht Jahren als Mediengestalterin bei der GVS Agrar AG.

Wir schenken Dir diesen Artikel. Aber Journalismus kostet.
Hier geht es zum Probe-Abo: drei Monate lang jede Woche eine AZ für nur 48 Franken.

Die mobile Version verlassen