Der Tagesanzeiger stösst in den Schaffhauser Lokaljournalismus vor, laut Interna mit klarem Ziel. Ein Hoch auf die vierte Gewalt.
Wir lieben unsere Konkurrenz. Die Schaffhauser Nachrichten, die wir gerne necken und deren Tagesjournalismus wichtig für uns ist. Ebenso die Lokalblätter, die regionalen Radio- und Fernsehsender oder die Gratiszeitung Bock. Die Schaffhauser Medienvielfalt blüht – und nun haben wir einen weiteren Konkurrenten bekommen! Ein wahres Schwergewicht: Niemand geringeres als der Tagesanzeiger stösst neu in den Schaffhauser Lokaljournalismus vor.
Und offenbar ist er ganz nah dran: Seit Anfang Jahr berichtet die Zeitung online darüber, wenn das Munotstädtli einen neuen Feuerwehrkommandanten und die Gemeinde Neuhausen einen neuen Spielplatz hat. Gespannt klicken wir auf die publizierten Artikel: Vom Zürcher Medienhaus mit seinen ausgezeichneten Journalistinnen und Journalisten können wir bestimmt etwas lernen.
Denn völlig klar: Dass die TX Group auf den Platz Schaffhausen vorstösst, das muss Liebe zum Lokaljournalismus sein. Gerade vor zwei Monaten publizierte der Tagesanzeiger einen Meinungsbeitrag zur Wichtigkeit der Medienvielfalt. Als positives Beispiel nannten die beiden zeichnenden Politolog:innen Schaffhausen: «Nur noch dort, wo ein vielfältiger Medienplatz erhalten geblieben ist (etwa in Schaffhausen), finden die Kantonsbehörden weiterhin private Medien, die ihr Handeln regelmässig kritisch begleiten.»
Andernfalls seien die Folgen fatal: die Kantone würden die Lücke durch eigene «Newsrooms» füllen. Das Resultat sei journalistisch aufbereitete Behördenkommunikation, ohne Kontrolle einer unabhängigen «vierten Gewalt», so warnt der Beitrag. Ein Horrorszenario für die Demokratie.
Ungewöhnlich
Was ein Glück also, dass der Tagesanzeiger nun persönlich nach Schaffhausen kommt, um die vierte Gewalt zu stärken!
Wie wir uns durch die Schaffhauser Lokalnachrichten der Zeitung klicken, staunen wir dann aber doch. Der Tagesanzeiger bereichert das hiesige Medienleben mit neusten Methoden. Die Artikel kommen ohne Autoren aus – sie wurden «mithilfe künstlicher Intelligenz erstellt» und basieren im Original auf «Gemeindemitteilungen», so heisst es kleingeschrieben am Ende. Welch Paradebeispiel für die vierte Gewalt.
Damit setzt der Tagi ganz neue Massstäbe vor Ort: Journalistische Einordnung? Überbewertet. Lokalkenntnisse? Pff.
«Der Einsatz von KI soll auch in kleineren Gemeinden ein Grundrauschen erzeugen.»
Interne Mitteilung TX-Group
Besser einfach das Communiqué der Stadt Schaffhausen als journalistischen Inhalt verpacken. Einer der 14 Artikel, welche die Tagi-KI seit Anfang Jahr zu Schaffhausen veröffentlichte, widmet sich dem geplanten städtischen Gasausstieg, der nun bis 2040 erfolgen soll – kein Wort von der umkämpften Wärmeversorgung in der Stadt, die noch bis vor wenigen Jahren ihr Gasnetz weiter ausbaute.
Auch lesenswert der Bericht «Stadt sucht neuen Pächter für das Theaterrestaurant»: Wen interessiert schon, dass die Stadt bei ihrer Beiz in den vergangenen Jahren mit zahlreichen Wechseln und Problemen kämpfte?
Im Artikel zum neuen städtischen Feuerwehrkommandanten hingegen kommt man sehr wohl in den Genuss einer Einordnung: der künftige Chef bringe «einen ungewöhnlichen Werdegang mit», so die Schlagzeile des Tagis. Nun, der Mann arbeitete hauptberuflich über 20 Jahre bei Schutz & Rettung Zürich, aktuell in einer leitenden Funktion, zuvor war er Hauptmann bei der Schaffhauser Feuerwehr, der er lange diente. Ein regelrechter Quereinsteiger.
Das «Grundrauschen»
Trotz unserer Freude über die neue Konkurrenz aus Zürich stellen wir fest: ein klein bisschen derangiert wirken diese KI-Lokalnachrichten. Dennoch erscheinen sie bei der Googlesuche nach News aus Schaffhausen natürlich ganz oben und locken die Leserschaft auf die Website des Tagesanzeigers.
Das Zürcher Medienhaus kommunizierte intern gegenüber Mitarbeitenden im Frühjahr 2025 denn auch, es handle sich um das Projekt «Hyperlocal Content» (anders als die KI haben wir: recherchiert. Die interne Mitteilung liegt uns vor). Mit dem Einsatz von KI wolle man so auch in kleineren Gemeinden «ein Grundrauschen» erzeugen – für Vermarktungszwecke, versteht sich.
Gemäss interner Mitteilung geht es darum, den «Gemeinde-Newsletter» zu pushen. Dieser habe hohe Öffnungsraten – und der Verlag wolle «Gemeinden für bezahlte Modelle gewinnen». Natürlich könnte sich auch hinter den Lokalnews «eine Geschichte verbergen», die «redaktionelle Aufmerksamkeit erfordert», hält die TX Group dann doch immerhin fest. Wie oft das tatsächlich passiere, müsse man herausfinden.
Wie wir hingegen aus der öffentlichen Mitteilung von diesem Januar, in der TX-Group-Chefin Jessica Peppel-Schulz den Personalabbau von 25 bis 30 Stellen bekannt gab, ebenfalls wissen: der Konzern baut KI schliesslich nur für hehre Ziele aus – nämlich, um den Qualitätsjournalismus zu retten. Auch wenn Peppel-Schulz natürlich «jede verlorene Kollegin schmerzt, jeder verlorene Kollege schmerzt.» Das Unternehmen müsse diese Verantwortung «übernehmen, um Journalismus und Tamedia eine Zukunft zu geben», so die Chefin.
Wir sind also gespannt, mit welch künstlich intelligentem «Grundrauschen» die TX Group unseren Schaffhauser Medienplatz weiter fluten will.
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