Wer sagt, dass alte Rechner hässlich sind? In Schaffhausen eröffnet Nikolai Knopp-Stockfisch demnächst das charmanteste Computer-Museum der Schweiz.
Anne-Christine Schindler
Obwohl er spät dran ist, hat sich Nikolai Knopp-Stockfisch fürs Treffen mit der AZ extra seinen Bart neu geflochten. Winkend fährt er auf dem Gaswerkareal vor. Der Bart wippt fröhlich.
Gemeinsam mit seinem Mann Lenard hat Nikolai Knopp-Stockfisch hier am Lindli ein kleines Nerd-Paradies geschaffen. In der Zwischennutzung haben sich die beiden zwei Räume gesichert: Im einen organisiert Lenard Strategiespiele, im andern eröffnet Nikolai in wenigen Tagen ein Computermuseum.
«Diskette» heisst es und ist klein und fein, wie das Speichermedium. Knopp-Stockfisch schliesst die Tür auf und man spürt ihm die Freude an, dass er seine Leidenschaft bald mit der grossen, weiten Welt teilen kann.
Die Böden im Ausstellungsraum sind frisch abgeschliffen, die Wände haben Lenard und Nikolai fliederfarben gestrichen. Vor dem Fenster fliesst der Rhein vorbei. Auf Tischen sind Computer aus den Achtziger- und Neunzigerjahren aufgereiht.
«Soll ich alle einschalten?», fragt Knopp-Stockfisch. Surrend und ratternd fahren die Geräte hoch. Der Amstrad PPC 512, Baujahr 1987, meldet sich mit einem insistierenden Piepen.
Gutes für Grosis
Der Amstrad PPC sieht aus wie eine abstrahierte Schreibmaschine, läuft mit acht dicken Batterien, Typ D, «die gleichen, die auch in den fetten Boomboxen steckten», erklärt Nikolai Knopp-Stockfisch. Relativ teuer seien die gewesen, und sie hielten, wenn man Glück hatte, zwei Stunden. «Das musste man wirklich wollen», kommentiert er trocken.
Oder hier, der legendäre Apple Lisa. Bei der Lancierung 1983 kostete er 10 000 Dollar. Ein Rohrkrepierer.
Seine Ausstellungstücke findet Knopp-Stockfisch auf Flohmärkten. Manchmal qualmt so ein Computer beim ersten Einstecken. Magic Smoke nennt man das in der Szene. Das stinke dann höllisch, für Tage, sagt er.
Zischend öffnet Nikolai Knopp-Stockfisch eine Hülse Spezi. Erzählt, wie er als Vierjähriger auf den Macintosh Plus angefixt wurde, den sein Vater eines Tages nach Hause brachte. Im Städtchen bei Köln, wo er aufwuchs, sei er schon als Primarschüler der Computerfachmann «für alle Bekannten und deren Katzen» gewesen.
«Soll ich den Party-Trick vorführen?»
Nikolai Knopp-Stockfisch
Als Steve Jobs 1998 im obligaten Rollkragenpulli den iMac präsentierte – eine bunte Kiste, die an eine Kreuzung von einem Bonbon und einem Motorradhelm erinnerte und statt mit einem Diskettenlaufwerk mit einem Schlitz für CD-Roms und USB-Anschlüssen daherkam – versetzte das den zwölfjährigen Disketten-Fan Nikolai in ungläubiges Erstaunen.
Später studierte er Informatik. Das Studium habe sein Nerdtum auf ein neues Level gehoben, sagt er: Weil da plötzlich so viele Leute mit mit den gleichen Interessen und viel Wissen waren.
Auch bei Google war das so. Elf Jahre lang tüftelte er dort an Software herum, legte eine ordentliche Karriere hin. Er glaubte an die Vision, das Umfeld, das inoffizielle Google-Motto: Don’t be evil. Einmal gewann sein Team einen «Awesomeness Award».
Dann kam die erste grosse Runde Layoffs: Im Januar 2023 entliess Google über Nacht 12 000 seiner US-Angestellten per E-Mail. Das Klima änderte sich, die Interessen der Shareholder wurden wichtiger. «Die Magie war für mich raus», sagt Knopp-Stockfisch. Ende 2024 hängte er seinen Job an den Nagel.
Jetzt macht er vorerst, was er möchte. «Das», sagt er, «ist der Luxus aus elf Jahren Grosskonzern.»
Knopp-Stockfisch sieht aus wie ein Metalhead und ist auch einer. Er erzählt von LAN-Partys – Gaming-Sessions mit anderen Computerfans, die ihre alten Kisten an einen Ort schleppen, um gemeinsam zu gamen – bei denen es ähnlich wild zu und hergehe wie im Moshpit. Man brülle sich an, lasse allen Druck ab, und wenn man fertig sei, helfe man wieder den Grosis über die Strasse.
Das macht Spass, und die Grosis haben auch etwas davon.
Serious Business und Spassgeräte
Am Fenster steht ein Compaq Portable II, Baujahr 1986, in Koffer-Optik. Mit knapp elf Kilogramm ist er ungefähr so schwer wie eine moderne Hightech-Nähmaschine, verfügt allerdings über deutlich weniger Speicherplatz. Googelt man den Compaq Portable II, spuckt das Internet ein Filmchen von Knopp-Stockfisch aus, der das Teil, mit lüpfiger Computermusik unterlegt, durch Zürich spazieren trägt.
«Soll ich den Party-Trick vorführen?», fragt er mit der ihm eigenen Mischung aus Freundlichkeit und Begeisterung, und man stellt sich gleich lebhaft vor, wie er das Monstrum auf einen Beer-Pong-Tisch wuchtet.
Der Trick ist wirklich ziemlich cool: Nikolai Knopp-Stockfisch hat die originale Festplatte – sie böte heute Platz für ein TikTok-Video oder ein WhatsApp-Sticker-Set (aber nicht für beides) – durch eine grössere ersetzt und das Gerät dazu gebracht, das Netflix-Logo abzuspielen. Allein das ist ein Brüller.
Dann flimmert ein Anime-Video mit catchy Sound über den grünen Röhrenbildschirm. Als er den Portable II an der Fantasy Basel aufgebaut hatte, gerieten die Besucher:innen ab diesem charmanten Anachronismus völlig aus dem Häuschen. Knopp-Stockfisch erzählt von Anime-Fans in Cosplay, die vor dem Computer tanzten. «Jö!», ruft er.
Lenard, der im Nebenraum gewerkelt hat, streckt den Kopf zur Tür rein, um sich zu versichern, dass die Getränkeversorgung sichergestellt ist. Tee, Kaffee?, will er wissen. Fühlen sich alle wohl?
Im Ausstellungskonzept der Diskette sind regelmässig wechselnde Themen vorgesehen. «Tragbare Mikrocomputer ab 1980» ist das erste. «Mikro» im Vergleich zu den raumfüllenden Rechnern, die Grossunternehmen und dem militärisch-industriellen Komplex vorbehalten waren. Apple, IBM und Co. bewarben die neuen, kleineren Rechner damals als Revolution.
Eine schlaue Marketing-Strategie; tatsächlich aber auch der Beginn eines «neumodischen, fancy elektronischen Zeitalters des Businessmachens», wie Knopp-Stockfisch es formuliert.
«Das zum Beispiel ist serious business», sagt er und zeigt auf einen Knochen in einer Dockingstation: «Very Important Business-Personen konnten damit ihre Very Important Business-Marketingtermine ausserhalb des Büros wahrnehmen, ohne auf ihre Zahlen und Slideshows verzichten zu müssen.» Compaq zum Beispiel, erklärt Knopp-Stockfisch, bewarb seine Portable-Serie damit, dass sich die Geräte unter einem Flugzeugsitz verstauen liessen.

Und dann gab es Spassgeräte wie den Commodore 64, vor dem Knopp-Stockfisch jetzt steht.
Er lässt Chiptunes laufen. «Das ist so ein Klassiker», sagt er. «Der Commodore konnte das; in der MS-DOS-Microsoft-Welt war Biep das höchste der Gefühle.»
Bis heute habe der C64 eine eingefleischte Fanbase. Man glaubt es ihm sofort.
Nikolai Knopp-Stockfisch redet schnell und sprudelnd. Seine Leidenschaft ist ansteckend. Zu jedem Computer im Raum hat er ein Schildchen gestaltet, einen Erklärtext geschrieben, ausserdem mehrere Bögen mit Challenges vorbereitet, manche für Kinder, andere für Turbonerds. «Das Motto ist Touch, don’t look», sagt er und holt einen Stapel Papier.
Die Journalistin darf eine Kinder-Challenge lösen: Gestalten mit dem Programm KidPix, das Apple 1989 für seinen Macintosh veröffentlichte. Damit lassen sich Dinosaurier stempeln, kleine Monde, Buchstaben und Hündchen, die lustige Geräusche machen. Während auf dem Bildschirm eine wilde Collage entsteht, erzählt Knopp-Stockfisch von Andy Warhol, der Mitte der Achtziger mit dem Commodore Amiga Bilder malte. Die Kunstwelt war baff.
Als das Meisterwerk fertig ist, klemmt der Nadeldrucker. Nikolai Knopp-Stockfisch freut sich und holt WD-40.
Liebevolle Bastelei
Zum Bastler wurde Knopp-Stockfisch eher zufällig. Eines Tages legte ihm ein Arbeitskollege ein Ali-Express-Päckchen mit Bauteilen auf den Schreibtisch; in der Google-Werkstatt baute er sie zusammen. Werkeln ist ein soziales Ding, gemeinsame Flohmarkt-Ausflüge und Schaltplanstudien, aber auch viel learning by doing: Das meiste habe er sich auf YouTube reingeschlürft, sagt Knopp-Stockfisch.
Wie eine Schnitzeljagd sei das, oder ein Nerd-Puzzle: «Ich nehme den Lötkolben und suche das eine kleine Bauteil für, weiss ich nicht, 50 Rappen, was jetzt gerade die Füsse hochgelegt hat, tausche das aus, und dann läuft die Kiste wieder.» Seine Skills setzt er auch in der reparierBar ein, wo er den kaputten Handmixern, Kaffeemaschinen und Lampen Schaffhausens neues Leben schenkt.
Draussen geht die Sonne unter, gülden glimmen die Rechner im Abendlicht. Bald lässt Knopp-Stockfisch erstmals die Öffentlichkeit auf sie los. Saaltexte möchte er bis dahin noch anbringen, den alten Nadeldrucker wieder zum Laufen bringen. Lenard kümmert sich um die Schnittchen und den Kaffee.
Später, der Rhein hat die Sonne schon lang verschluckt, schickt Knopp-Stockfisch ein Signal-Video. Es ist der Drucker, der wieder läuft; eine ordentliche Portion Schmiermittel hat das Problem gelöst. Ratternd spuckt er das Meisterwerk aus. «Ta-daa!», ruft es fröhlich im Hintergrund.
Die Vernissage war am Samstag, 14. März. Seither ist die Diskette einmal pro Monat geöffnet. Infos und alle Daten auf www.diskette.ch.
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