Die AfD könnte in Baden-Württemberg gross gewinnen. Ein Stimmungsbild vor den Wahlen am Sonntag.
Jonas Frey
Forellen, Fischbrötchen, Freilandeier: Das Angebot auf dem Wochenmarkt in Jestetten auf dem Platz vor der Grundschule ist reichhaltig an diesem Samstagnachmittag. Die Regale sind voll. Doch die Leute scheinen den nahegelegenen Aldi für ihre Einkäufe zu bevorzugen. Auf dem Parkplatz stehen Dutzende Autos mit Schweizer Kennzeichen, zwischen den Marktständen schlendern nur wenige Leute.
Es ist eine Woche vor den Landtagswahlen in Baden-Württemberg am 8. März. Schnell und mit einem Velohelm auf dem Kopf schreitet eine rüstige Rentnerin vom Käse- zum Gemüsestand. Sie stellt sich als Irmgard vor. Seit über 40 Jahren lebt die Schweizerin in Jestetten, zuvor hatte sie in der Radiologie eines Kantonsspitals gearbeitet. Schweizer Medien konsumiert sie trotzdem noch, am liebsten «Bern einfach», den Podcast des rechtsliberalen Nebelspalter, unter anderem moderiert vom Journalisten Dominik Feusi. «Der ist der beste Journalist der Schweiz», sagt Irmgard. Und auf ihre Präferenz für die Landtagswahlen am 8. März angesprochen, sagt die Schweizerin: «Selbstverständlich die AfD.»
Damit ist die Rentnerin nicht alleine. Jüngste Umfragen versprechen der Alternative für Deutschland 19 Prozent der Stimmen in Baden-Württemberg. Im Grenzdorf Jestetten ist sie noch stärker: Bei den Bundestagswahlen vergangenes Jahr verdoppelte die Partei ihr Ergebnis auf über 23 Prozent. Im wohlhabenden Kreis Rottweil-Tuttlingen erzielte die AfD gar das beste Ergebnis in ganz Westdeutschland. Ein Blick auf andere Grenzgemeinden zu Schaffhausen zeigt Ähnliches. Aber wieso ist die Partei, die umfassende Grenzkontrollen fordert und seit 2022 vom Verfassungsschutz von Baden-Württemberg als rechtsextremer Verdachtsfall eingestuft ist, gerade hier im Grenzland so beliebt? Ein Stimmungsbild kurz vor den Wahlen bei unseren Nachbaren.
Schweizer Brot schmeckt besser
«Die Menschen wollen endlich mitbestimmen können, wie das Land funktioniert. Sie möchten nicht nur alle vier Jahre ein Kreuz machen und dann von Brüssel fremdbestimmt werden. Sie wollen wirkliche Demokratie.» So lautet die Erklärung von Rentnerin Irmgard für die guten Umfrageergebnisse der AfD, die sie ruhig und freundlich vorträgt. Sie kann am 8. März nicht abstimmen, den deutschen Pass hat sie nicht. Doch schon vor Jahren begann sie, Aushängeschilder wie Beatrix von Storch mit Spenden zu unterstützen. «Deutschland ist keine Demokratie mehr. Es gibt hier keine Meinungsfreiheit. Die AfD ist die einzige Partei, die das thematisiert.» Angela Merkel nennt die Rentnerin wegen ihrer Flüchtlingspolitik eine Verbrecherin.
«Hier ging alles immer bergauf. Wir haben ein Haus gebaut, in der Schweiz gearbeitet, ein tolles Leben gelebt. Seit fünf Jahren kehrt das komplett. So fühlt es sich auf jeden Fall an.»
Eine Büsingerin
Für sie ist die Anti-Migrationspolitik, mit der die AfD meist in Verbindung gebracht wird, nur ein Symptom eines tieferliegenden Phänomens: des Kulturkampfs. Viele Wähler:innen der AfD und ihre Politiker:innen wähnen sich in einem Konflikt mit «denen da oben», eine als Elite verstandene Gruppe aus «Altparteien», Medien, Wissenschaft und Kultur. Es ist jener populistische Kampf gegen die Eliten von Berlin und Brüssel, für den man gerne Inspiration in der Schweiz sucht. So nahe an der Grenze dient die direkte Demokratie des Nicht-EU-Landes als willkommenes Gegenprogramm.
Das zeigt sich auch im Gespräch mit anderen Marktgänger:innen. Eine Logopädin kommt auf die Kontrollen der deutschen Polizei in den Zügen von Schaffhausen zu sprechen, die sie unterstützt. «Die Menschen brauchen Kontrolle. Sonst bricht das Chaos aus», sagt sie. Offene Grenze seien ihr trotzdem wichtig. Ihr Brot kauft die Frau ennet der deutschen Grenze – «dort ist es besser». In Schaffhausen ist sie auch im Jodelverein. Sie habe zwar Sympathien für die Positionen der AfD, eine Wahl der Partei komme trotzdem nicht in Frage. Wegen deren aggressivem Auftreten.
Angst vor AfD-Sieg
Eine Regierungsbeteiligung der AfD ist faktisch ausgeschlossen: Alle Parteien lehnen eine Zusammenarbeit mit der AfD ab und es dürften die CDU und das Bündnis 90/Die Grünen sein, die das beste Wahlergebnis untereinander ausmachen werden. Trotzdem dominiert die Rechtsaussenpartei die politische Tagesordnung. Das zeigt eine kurze Presseschau: «AfD in Baden-Württemberg: Rechtsextreme Krisengewinnler?» (ARD); «Wolf im Schafspelz» (Grünen-Kandidat Cem Özdemir über den AfD-Spitzenkandidaten); «AfD Baden-Württemberg: Radikale Rhetorik und Verfassungsschutz» (FAZ).
In Jestetten dominieren aber die Plakate der CDU. Und auf dem Wochenmarkt steht neben einem Schild, das Glücksmomente mit «Gute Laune Käse» verspricht, kein blauer, sondern ein grüner Sonnenschirm: ein Wahlstand von Bündnis 90/Die Grünen.
Dort steht die Lehrerin und Wahlkämpferin Anna Chavier von den Grünen und verteilt Flyer und Sticker. «Wir sind sehr gut angeschlossen und rund ein Drittel der Bevölkerung von Jestetten arbeitet in der Schweiz. Und es gibt so viele Einfamilienhäuser!» Die schwächelnde Wirtschaft im sonst starken Standort Baden-Württemberg ist eines der prominentesten Themen im Wahlkampf.
Die AfD hat eine einfache Antwort auf die Misere: Die offenen Grenzen und die Politik der «Altparteien» seien verantwortlich für die stockende Wirtschaftsentwicklung. Die hohe Anzahl Grenzgänger:innen, die aus Baden-Württemberg in die Schweiz arbeiten gehen, stehen in den Augen der AfD symbolisch für die Krise. Alleine in den Kanton Schaffhausen reisen täglich rund 7000 Deutsche, um hier zu arbeiten. Das sind rund zehn Prozent aller Arbeitsplätze im Kanton.
Wahlkämpferin Chavier selbst sagt, sie lebe in einer Bubble und kenne nicht viele AfD-Wähler:innen. In ihrer Bubble herrsche aber eine grosse Angst vor der Partei und ihren Anhänger:innen: «Der Hass der AfD auf Queere und Flüchtlinge macht etwas mit den Leuten.» Und auch die Grünen waren ein beliebtes Hassobjekt, als die Partei zusammen mit der SPD und der FDP die Bundesregierung stellte.
Doch was will die AfD überhaupt in Baden-Württemberg – und was sind ihre Pläne für die Grenzregion? Die AZ hätte gerne mit einem AfD-Kandidaten gesprochen, doch das ist schwieriger als erwartet. Der Landtagsabgeordnete aus dem Kreis Konstanz, Bernhard Eisenhut, antwortet auf mehrere Anfragen der AZ nicht. Auch ein AfD-Funktionär aus Gottmadingen will sich am Telefon nicht zu den Fragen der AZ äussern. Stattdessen solle man den Fragekatalog per Mail schicken.
Auf diesen antwortet schliesslich Steffen Jahnke, ein weiterer Kandidat für den Wahlkreis Konstanz. Was also sind die Pläne für das Grenzgebiet zu Schaffhausen? «Die Grenze zur Schweiz ist eine EU-Aussengrenze. Mit dieser Einstufung sind alle vertraglich notwendigen und gesetzlich erforderlichen Massnahmen zu treffen. Dazu gehören auch umfassende Grenzkontrollen.» Diese seien nach der Verhältnismässigkeit zu prüfen, aber: «Die Sicherheit unserer Bürger muss uns die einzelnen Einschränkungen eben doch wert sein.»
Noch deutlicher wird das Parteiprogramm: Dort spricht sich die Partei für die Errichtung einer baden-württembergischen Grenzpolizei und eines Zaunes zum Schutz der Grenze aus.
«Schnauze voll» in der Exklave
«Eine Grenzschliessung wünscht sich hier niemand. Das ganze Leben der Menschen findet über die Grenze hinweg statt.» Das sagt Verena Schraner, die Bürgermeisterin von Büsingen. Wir treffen sie am Dienstag vor der Landtagswahl bei einem Kaffee in der Dorfkirche. Wie jede Woche haben sich in der Kirche etwa 15 Personen aus Büsingen und den umliegenden Gemeinden zum Dorfcafé eingefunden. An mehreren Tischen sitzen die meist betagteren Leute bei Kaffee und Kuchen. Die Bürgermeisterin Schraner schüttelt Hände, begrüsst, umarmt. Die Stimmung ist locker. Eine Frau geht in die Kirche und will sich selbst an der Kaffeemaschine bedienen. Ein Mann ruft «Halt!» durch den Saal. Diese Aufgabe ist ihm vorbehalten.

Die Strassen, die durch die Exklave führen, sind voller Wahlplakate. «Schnauze voll? AfD wählen» heisst es auf einem. Bei der Bundestagswahl 2025 holte die AfD hier sogar 26 Prozent. «Wir sind abgehängt hier», erzählt eine alte Frau mit blauem Rollkragen. Büsingen habe etwa keinen Bankomaten, man müsse mit dem Bus ins nächste Dorf fahren, um Geld beziehen zu können. Das sei gerade für betagtere Menschen eine Herausforderung. Auch steigende Gesundheitskosten, die Reform des Rentensystems und allem voran das Gefühl des wirtschaftlichen Abstiegs sind Themen, welche die Leute beschäftigen. Doch wenn man dies öffentlich anspreche, sagt eine Frau verschwörerisch, würde einem vielleicht die Krankenkasse gekürzt. Wer das dann genau tun würde, sagt sie nicht.
Wie in Jestetten spürt man auch hier in der Büsinger Dorfkirche ein tiefes Misstrauen gegenüber den landes- und bundesweiten Behörden und Politik. Aus einem Gefühl, abgehängt zu sein, will man eine Protestnachricht an «die da oben» senden: nach Stuttgart, Berlin und Brüssel. Die AfD punktet in dieser Gemengelage im Grenzgebiet mit der Forderung nach einem radikalen Wandel der Politik – und meint damit auch Grenzzäune und «Remigration».
Wir schenken Dir diesen Artikel. Aber Journalismus kostet.
Hier geht es zum Probe-Abo: drei Monate lang jede Woche eine AZ für nur 48 Franken.
Solche Forderungen schocken in der Dorfkirche niemanden mehr. Eine Frau, die auch am Tisch sitzt, sagt: «Es gibt einzelne Politiker wie Björn Höcke, die rassistisch und antidemokratisch sind. Aber es sind auch viele ganz normale Bürger bei der AfD dabei. Die können keine Nazis sein.» Einst sei sie mit ihrem Ehemann aus der DDR nach Büsingen gekommen, wo sie nun bereits seit 45 Jahren lebe. «Hier ging alles immer bergauf. Wir haben ein Haus gebaut, in der Schweiz gearbeitet, ein tolles Leben gelebt. Seit fünf Jahren kehrt das komplett. So fühlt es sich auf jeden Fall an.» Deshalb erstaune es sie nicht, dass die AfD auch hier immer stärker werde. Sie selbst habe sich noch nicht entschieden für den 8. März, könne sich aber gut vorstellen, ihr Kreuz bei der AfD zu machen – aus Protest. «Sie haben viele gute Sachen in ihrem Programm, zum Beispiel ihre Ideen zur Migration.» Gar nicht infrage kämen hingegen die Grünen. «Überall fliesst Geld hin. Aber für uns bleibt nichts übrig.»
«Gibt es denn hier überhaupt eine AfD?», fragt auf einmal die alte Frau mit blauem Rollkragenpullover in die Runde. Ein Mann zeigt auf ihren Sitznachbarn – «der ist einer». «Damit kannst du mich nicht schockieren», sagt die Frau. Und lacht.
