Im alten Kern von Thayngen hat ein Bordell eröffnet. Ist das der Anfang vom Untergang?
Fabienne Niederer und Anne-Christine Schindler
Der liebe Gott blickt dieser Tage wohl mit gerunzelter Stirn auf Thayngen – zumindest, wenn man wütenden Online-Kommentaren Glauben schenkt. Da werden Bibelverse zitiert («Ihr sollt nicht blind eurer Leidenschaft folgen, wie die Menschen, die Gott nicht kennen», 1. Thessalonicher 4,5), von «moralischem Verfall» ist die Rede, von einer «gottlosen Einrichtung», und drohend prophezeit eine Anwohnerin: «Das Dorf wird den Fluch ernten».
Auslöser der Empörung: ein privates Baugesuch, das die Gemeinde Thayngen am 20. Februar veröffentlichte. Es beantragt für ein Haus im Dorfzentrum eine Nutzungsänderung von Wohnen zu Gewerbe. Genau genommen, in Klammern: «Massagen, Sexgewerbe».
Die Reaktion kam prompt: Wenige Tage nach der Auflage des Baugesuchs startete eine anonyme «IG Rotlicht» die Online-Petition «Kein SEXgewerbe im Dorf» zuhanden des Gemeinderats. Darin heisst es, man habe «mit grosser Sorge» erfahren, dass im Wohngebiet ein Sexgewerbe bewilligt werden solle. Ein solches Gewerbe gehöre «klar nicht in eine Dorfzone bzw. ein Wohngebiet».
Auf Anfrage der AZ finden die Verantwortlichen hinter der IG kurze Worte: «Wir möchten nicht in der Öffentlichkeit auftreten».
Bis Redaktionsschluss haben bereits 416 Personen unterschrieben, in den Kommentarspalten machen besorgte Eltern und Anwohner:innen ihrem Ärger Luft. Auch Dörfler:innen aus dem Thurgau bis nach Luzern und Bern solidarisieren sich in der Petition. In Thayngen habe sie endlich den Ort für ihre Familie gefunden, den sie sich immer gewünscht habe, schreibt eine besorgte Mutter in die Kommentare. Und das nach einer Kindheit in einem «Zürcher Problemviertel».
Steht die «Reiatmetropole», wie die Schaffhauser Nachrichten die Gemeinde unlängst nannten, am Abgrund der Verstädterung?
Das Bauchgefühl
Thayngen bietet ein historisches Pfahlbaudorf, ein Schloss – und den Erotikclub Leguan. Und der Leguan reicht, findet Jennifer Klaus.
Die AZ trifft die Thayngerin an einem sonnigen Nachmittag auf dem Kirchplatz. Nur wenige Meter von der Kirche entfernt, in einem unscheinbaren Riegelhaus, befindet sich das neue Bordell. Dieses ist offenbar bereits in Betrieb, obwohl die Baubewilligung noch nicht vorliegt. Die Türklingel ist mit «Studio Amor» und «Secret Atelier» angeschrieben. Während Jennifer Klaus’ Tochter munter Seifenblasen in den Himmel pustet, setzt sich die Mutter auf eine Bank vor dem Kircheneingang. «Ich finde einfach, so etwas gehört nicht in einen typischen, belebten Dorfkern», setzt sie an.

Klaus hat die Petition unterschrieben und, wie einige andere auch, auf Facebook geteilt. Sie zeigt zum grossen Brunnen auf dem Kirchplatz: «Im Sommer gehen die Kinder oft hier baden.» Die Kita, Schulhäuser, der Kindergarten: Alles sei so nah.
Klaus erinnert sich, als am Dorfrand nahe dem Zoll der Leguan aufmachte. Damals war sie selbst ein Kind. Man denke immer, Kinder bekämen so etwas nicht mit, sagt sie: «Aber bei uns war das damals ein riesiges Thema.» In der Schule ihres Sohns habe die Geschichte längst die Runde gemacht. «Er meinte, er fühle sich nicht wohl, gerade abends auf dem Heimweg. Und dass es der Kirche gegenüber respektlos sei», sagt Klaus. Und denkt weiter: «Jetzt haben wir zwei Puffs hier. Und nun? Konkurrieren die vielleicht bald miteinander, gibt es Ärger zwischen den zwei Betreibern?» Vielleicht sei das auch zu weit hergeholt, aber: «So fangen die Gedanken einfach an zu rollen.»
Klaus beschreibt eine instinktive Sorge, spricht von einem «schlechten Bauchgefühl». «Das haben viele Eltern hier, mit denen ich Kontakt hatte. Ich finde, das muss man ernst nehmen.»
Ein stilles Gewerbe
Rebecca Angelini kennt diese Sorgen. Als Geschäftsleiterin des nationalen Netzwerks ProCoRe, das sich für die Rechte und Anliegen von Sexarbeiter:innen in der Schweiz einsetzt, kenne sie ähnliche Situationen wie jene in Thayngen. Sie könne die Aufregung der Anwohner:innen nachvollziehen, sagt sie der AZ am Telefon. Meistens sei die Realität aber anders, als man sich vorstelle. «Die Sexarbeit ist eine sehr diskrete Arbeit, auch die Kunden sind daran interessiert, möglichst wenig Aufmerksamkeit zu erregen.» Kein Sex and Crime in Thayngen also?
Angelini sagt: Es sei klar, dass es zu Reibungen kommen könne, etwa wegen Lärmemissionen. Deshalb sei es an den Behörden, zu beurteilen, ob ein Standort im Dorf sinnvoll sei oder nicht. «Das ist sowohl im Interesse der Sexarbeiter:innen, wie auch der Bevölkerung.»
Von solchen Reibungen berichtet der Thaynger Christian Müller. Er steht im Türrahmen seines Hauses, gleich gegenüber des Bordells auf der anderen Strassenseite. Hören tue man nicht viel, so Müller, es sei schliesslich ein stilles Gewerbe. Aber nachdem das Bordell geöffnet habe, sei wiederholt Abfall auf seinem Vorplatz deponiert worden. Auch die Autos der Freier, die auf seinem Grundstück parkieren würden, stören ihn.
Die Sache mit dem Abfall ist indes geregelt: An der Hauswand des Bordells steht ein grosser Container für Gebührensäcke, auf Müllers Vorplatz ist seither nichts mehr gelandet. Aber die Autos fahren laut Müller noch immer vor. Auch Müller hat die Petition unterschrieben und im Bekanntenkreis geteilt. Er schaut das Haus gegenüber an, dann den Container. «Do änne isch es Puff», sagt er, «und da stört mich.»
«Sexarbeit ist eine Realität»
Laura Spiri ist die Episode mit dem Abfall im Thaynger Bordell bekannt; sie arbeitet bei der Fachstelle Perspektive Thurgau, deren Beratungsangebote im Bereich Gesundheitsförderung und Prävention auch das Sexgewerbe umfassen.
2021 hat der Kanton Schaffhausen eine Leistungsvereinbarung mit Perspektive Thurgau abgeschlossen und diese letztes Jahr finanziell aufgestockt, sodass Spiri und ihrem Team mehr Ressourcen und häufigere Besuche möglich sind. Vor Ort tauschen sie sich mit den Sexarbeiter:innen aus, bieten Beratung und Testing an. Auch in Thayngen waren bereits Mitarbeiter:innen vor Ort.
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«Im Schnitt kauft in der Schweiz jeder fünfte Mann mindestens einmal in seinem Leben sexuelle Dienstleistungen», sagt Spiri. Sie könne die Bedenken der Anwohner:innen nachvollziehen. Aber: «Sexarbeit ist eine Realität.» Nur wolle man sie nicht direkt vor der Haustür erleben, sondern lieber woanders. So tönt es auch auf den Strassen Thayngens. Der Leguan erfährt in der Debatte paradoxerweise viel Akzeptanz, gar Zuspruch. Es ist die Nähe des neuen Bordells zu Kirche, Schule und Kita, die stört.
Gerade die zentrale Lage kann für die Sexarbeiter:innen aber entscheidend sein. Müssen sie irgendwo an der Peripherie im Verborgenen arbeiten, wo es keine soziale Kontrolle gibt, ist das für sie laut Fachpersonen deutlich gefährlicher.
Gemeinde und Kanton müssten im Fall von Thayngen abwägen, ob der Standort der richtige sei, sagt Spiri. «Eine Entscheidung ohne Einbezug aller betroffenen Personen halte ich aber für unpassend.»
«Nicht bis mässig störend»
Die Besitzer des Bordells haben indessen längst Fakten geschaffen. Im Haus ist eine Metalltür eingelassen, dahinter ein brokatbezogener Treppenaufgang. Der Leiter des Hochbauamts Thayngen, Gregor Schweri, gibt auf Anfrage an, dass das Gesuch erst mit Verzug auf dem Tisch der Gemeinde gelandet sei. Nachdem eine Beschwerde bei der Gemeinde eingegangen sei, dass das Gewerbe bereits laufe, habe man sofort einen Antrag auf Nutzungsänderung verlangt.
Aus baulicher Sicht ist die Sache allerdings klar: Das Gebäude liege in einer Mischzone, erklärt Schweri. «Das heisst, sowohl Wohn- als auch gewerbliche Nutzungen sind grundsätzlich möglich, wenn sie nicht oder nur mässig störend sind.» Noch bis Ende März kann man gegen das öffentlich aufgelegte Baugesuch Einwände erheben, danach entscheidet der Gemeinderat, ob das Bordell mehr als mässig störend ist.
Dampf ablassen müssen die Thaynger:innen aber schon jetzt. Seit der Veröffentlichung des Baugesuchs habe er schon «einige Telefonate» führen müssen, sagt Schweri. Heute Donnerstag hat die Gemeinde das Dorf zu einer ausserordentlichen Sitzung eingeladen, um das Wutthema zu besprechen.
