Eine AZ-Analyse der Belegungsdaten von drei Schaffhauser Parkhäusern zeigt: Die Parkplatznot ist ein Mythos.
Es git für jede doch en Parkplatz
Und dä isch meischtens nöd mal wiit,
S chunt nur drufaa, wo das mer herchunt
Und wie me ziitlich dine liit.
– Pfannestil Chammer Sexdeet, 2004
Die Erzählung, es gäbe in der Stadt Schaffhausen zu wenige Parkplätze, hat sich längst verselbstständigt. Bürgerliche Politiker:innen und eine ihnen nahestehende Tageszeitung wiederholen sie so oft wie möglich, gerne noch geschmückt mit der Erzählung vom linksgrün-ideologischen Stadtrat oder mit einem Lament über die vielen Baustellen.
In den Schaffhauser Nachrichten kam der von ihr geprägte Ausdruck «Parkplatznot» im Jahr 2025 in zwölf Artikeln vor, davon sieben Mal im Titel.
Eine Versachlichung der Debatte scheint unmöglich: Man ist sich schon nicht einig darüber, ob es heute eigentlich mehr oder weniger Parkplätze gibt als vor 15 oder 20 Jahren.
Letzte Woche wurde die Parkplatzdebatte einmal mehr im Grossen Stadtrat ausgetragen, als es um ein neues Parkhaus als Ersatz für die Parkfelder auf dem Kirchhofplatz ging. FDP-Präsident Stephan Schlatter postulierte: «Es darf keinen weiteren Parkplatzabbau geben.»
Die Schaffhauser Suchschleife
Wer mit dem Auto in die Stadt fährt und parkieren will, interessiert sich für die ideologischen Abgründe nicht besonders. Was zählt, ist einzig, ob es einen freien Parkplatz hat.
Ein Parkleitsystem gibt es in Schaffhausen nicht (mehr dazu später), und so entsteht ein Suchverkehr, der mutmasslich für die Personen in den Autos etwa gleich angenehm ist wie für die Fussgänger:innen. Die Schlaufe beginnt vielleicht mit einer Fahrt durch die Neustadt, dann am Museum vorbei über den Münsterplatz, um es schliesslich von der Bachstrasse aus noch beim Kirchhofplatz zu versuchen. Zu Spitzenzeiten sind Wiederholungen möglich. Was für ein Frust!
Doch was ist eigentlich mit den Parkhäusern? Sieben solche Tiefgaragen unterschiedlicher Grösse gibt es in der Innenstadt oder direkt an sie angrenzend. Eine achte, diejenige unter dem Kammgarnhof, wird nächstes Jahr eröffnet, und fünf Jahre später könnte auch unter dem Kirchhofplatz ein weiteres Parkhaus gebaut sein.
Warum in wachsender Verzweiflung Schlaufen drehen, anstatt einfach mitten in der Altstadt, unter dem Herrenacker zu parkieren? Schliesslich führt die oben beschriebenen Schlaufe an den Einfahrten mehrerer Parkhäuser vorbei. Und dort ist eigentlich immer ein Parkplatz frei.
Das ist längst bekannt: Im Jahr 2022 legte die Herrenacker Parkhaus AG, welche drei Parkhäuser betreibt, gegenüber dem Stadtrat eine Auslastung von 61 Prozent (Parkhaus Herrenacker), 45 Prozent (Parkhaus Schifflände) und 30 Prozent (Parkhaus Bahnhof) offen. Die Zahlen bezogen sich auf Montag bis Samstag von 9 bis 20 Uhr.
Doch auch hier gilt: Wenn ich einen Parkplatz suche, interessiere ich mich nicht für die durchschnittliche Auslastung – sondern dafür, ob ich genau jetzt schnell einen finde.
Wann also gibt es in Schaffhausen freie Parkplätze? Und wann sind alle belegt?
Die Suche nach Antworten führt wieder zur Herrenacker Parkhaus AG. Sie listet auf ihrer Website in Echtzeit auf, wie viele Parkplätze an den drei Stadtorten Herrenacker, Schifflände und Bahnhof gerade frei sind.

Mit technischer Unterstützung von Sebastian Schmid, Software-Entwickler und GLP-Vorstandsmitglied, hat die AZ diese Daten alle zehn Minuten abgerufen und in eine immer länger werdende Datei eingetragen – fünf Monate lang. Vom 21. September 2025 bis zum 20. Februar 2026 entstanden so für jedes der drei Parkhäuser über 21 000 Datenpunkte, die eine Langzeit-Betrachtung ermöglichen.
Ein paar der wichtigsten Erkenntnisse:
- Voll ausgelastet waren alle drei Parkhäuser im fünfmonatigen Zeitraum während weniger als 0,05 Prozent der Zeit: Nur neun Mal zeigten alle drei keinen einzigen freien Platz.
- Zu 80 Prozent oder mehr ausgelastet sind die Parkhäuser nur während rund 5 Prozent der Zeit.
- Während rund 30 Prozent der Zeit sind die Plätze in den drei Parkhäusern zu mehr als der Hälfte belegt.
- Die Situation, dass in allen drei Parkhäusern zusammen weniger als 25 Parkplätze frei waren, kam 27 mal vor.
- Am häufigsten voll ausgebucht, nämlich bei 1,05 Prozent unserer Messungen, war das Parkhaus Herrenacker.
Es hat jederzeit freie Plätze
Die Tabelle oben und die Grafik unten zeigen, wie sich die Anzahl freier Parkplätze im Tages- und Wochenverlauf verändert. Am stärksten belegt sind die drei Parkhäuser am Dienstagvormittag zwischen zehn und elf Uhr – dann sind im Durchschnitt immer noch 146 Parkplätze verfügbar.
Am Dienstagvormittag besteht auch eine reale, wenn auch kleine Wahrscheinlichkeit, dass im Parkhaus Herrenacker, das die höchste Auslastung aufweist, kein Parkfeld mehr frei ist: Seit September kam das an jedem zweiten Dienstagvormittag mindestens einmal vor, und an den meisten dieser Dienstage gab es auch am Nachmittag kurz eine Vollbelegung des Parkhauses Herrenacker.

Aber: Zu jedem dieser Zeitpunkte waren in den anderen beiden Parkhäusern noch Plätze verfügbar.
Unabhängig von Wochentag und Uhrzeit gilt: Immer, wenn das Parkhaus Herrenacker voll war, gab es im Parkhaus Bahnhof mindestens 25 freie Parkplätze.
Es gab in den fünf Monaten unserer Messungen nur eine einzige Ausnahme.
Grossevent als einziges Nadelöhr
Genau neun Mal (von über 21 000 Messungen) zeigte die Website der Herrenacker Parkhaus AG keinen einzigen freien Parkplatz an. Diese neun Messungen entstanden alle am Freitag und Samstag, 7. und 8. November, zwischen 18 und 21 Uhr: am Wochenende des Lichterfests «Rheinlicht Festival».
Nur dieser Grossanlass vermochte es ganz kurz, nämlich während rund eineinhalb Stunden, die drei Parkhäuser an ihre Kapazitätsgrenze zu bringen. Zum Vergleich: Während des Saunamarathons vom vergangenen Wochenende waren zu jedem Zeitpunkt mindestens 200 Parkplätze frei. Einzig das mit 58 Plätzen relativ kleine Parkhaus an der Schifflände war einmal kurz voll ausgelastet.
Saunamarathon und Lichterfestival sind nicht eins zu eins vergleichbar, allein schon wegen ihrer unterschiedlichen Grösse. Ein weiterer Unterschied ist relevant: Der Saunamarathon hatte ein ÖV-Konzept, bei dem die Anfahrt aus der ganzen Schweiz im Eintritt inbegriffen war, ebenso der Transport zwischen Schaffhausen und den Neuhauser Saunastandorten mit dem Bus und dem Tourist:innenzügli «Rhyfall-Express».
Die Datenanalyse sagt aus: Im «Normalbetrieb» und selbst zu Spitzenzeiten gibt es in Schaffhausen immer freie Parkplätze. Vorausgesetzt, man hat nichts gegen Parkhäuser.
Das heisst also: Die Parkplatznot ist ein Mythos.
Finden statt suchen
Wenn die Parkplatznot nicht real ist, warum gibt es dennoch so etwas wie eine subjektive Parkplatznot? Warum steuern Autofahrer:innen nicht einfach direkt das Parkhaus an?
Es gibt immer einen kleinen Teil der autofahrenden Bevölkerung, der nicht ins Parkhaus will. Ängste können dabei eine Rolle spielen, nicht ohne Grund gibt es in den Parkhäusern Herrenacker und Bahnhof spezifisch an Frauen gerichtete und entsprechend angeschriebene Parkfelder, die gut ausgeleuchtet sind und nahe an den Ausgängen liegen.
Ganz sicher ein Faktor, der die Autofahrer:innen auf oberirdische Parkplätze lockt, ist das Gratis-Parkieren nachts und am Abend. Ab 18 Uhr parkiert man beispielsweise auf dem Kirchhofplatz gratis, während die Parkhäuser rund um die Uhr kosten.
Wir schenken Dir diesen Artikel. Aber Journalismus kostet.
Hier geht es zum Probe-Abo: drei Monate lang jede Woche eine AZ für nur 48 Franken.
Vielleicht hält sich die inzwischen falsche Annahme, das Parkhaus sei teurer, noch in den Köpfen. Dabei spielt der Preis eigentlich längst keine Rolle mehr, denn die Stadt hat ihre Preise für das Parkieren auf den oberirdischen Parkplätzen längst an die Preise der privaten Parkhäuser angeglichen.
Die Preisfrage will SVP-Grosstadtrat Hermann Schlatter dennoch mit einem zusätzlichen Anreiz für die Parkhäuser angehen: Er forderte, die erste Stunde im Parkhaus solle gratis sein, den Parkhausbetreibern also aus der Stadtkasse finanziert werden. Sein Vorstoss wurde im vergangenen April überwiesen, der Stadtrat muss einen Vorschlag zur Umsetzung ausarbeiten.
Und letztlich ist sicher auch relevant, dass in der Stadt eintreffende Automobilist:innen nicht wissen, wo Parkplätze frei sind. Hier sind wir wieder beim eingangs erwähnten Fehlen eines Parkleitsystems.
Wäre beim Einfahren in die Stadt auf einem Schild zu sehen, dass der Kirchhofplatz und der Münsterplatz voll belegt sind, das Herrenacker- und das Bahnhofparkhaus aber noch freie Plätze haben, blieben den Autofahrer:innen und den Fussgänger:innen der Stadt vielleicht unnötige und frustrierende Suchschleifen erspart – und der Verkehr würde vermehrt einfach direkt das Parkhaus ansteuern.
Bereits im Jahr 2006 schlug die damalige FDP-Grossstadträtin Nicole Herren, die im Verwaltungsrat der Herrenacker Parkhaus AG sitzt, mit einem Postulat die Einführung eines Parkleitsystems vor. Es scheiterte letztlich in einer Volksabstimmung im Herbst 2009. Fünfzehn Jahre später, im Herbst 2024, unternahm SVP-Grossstadtrat Michael Mundt einen neuen Anlauf. Sein Postulat wurde im Mai 2025 überwiesen und der Stadtrat wird eine Vorlage zur Einführung eines Parkleitsystems präsentieren.
Ausgerechnet FDP-Präsident Stephan Schlatter – der Mann, den wir einleitend mit seiner Forderung «kein Parkplatzabbau» zitierten, brachte in der Debatte auf den Punkt, was auch das Ergebnis der AZ-Datenanalyse ist: «Wenn Sie bereit sind, in ein Parkhaus zu fahren, dann muss man in Schaffhausen keinen Parkplatz suchen.»
