Zur Uraufführung seiner Sinfonie «Gaia» kehrt Silvan Loher in die Kleinstadt zurück – an einen Ort, der auch schwere Erinnerungen hervorruft. Und er kommt mit einer Botschaft.
Silvan Loher kehrt nach Schaffhausen zurück; in eine Stadt, die für ihn bis heute mit schwierigen Erinnerungen verbunden ist. Beinahe 10 Jahre ist es her, seit der Komponist nach Norwegen auswanderte. Sein neuestes Werk ist eine Widmung an Mutter Natur, an Gaia, die personifizierte Erde. Wir treffen den Musiker zu einem Spaziergang entlang des Rheins, der aufgrund des anhaltenden Regens unruhig scheint. Ein Gespräch über starre Regeln, Klangwelten – und ein allgegenwärtiges Ohnmachtsgefühl.
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AZ: Herr Loher, Sie haben vorgeschlagen, sich für das Interview am Rhein zu treffen. Warum gerade hier?
Silvan Loher: Meine schönsten Erinnerungen an Schaffhausen sind mit dem Rhein verbunden. Meine Eltern hatten einen Weidling, mit dem wir früher oft zum Schaaren gestachelt sind. Wasser bedeutet mir generell viel. Natürlich, Oslo ist eine der grünsten Hauptstädte der Welt, und mein Partner und ich wohnen direkt am Fluss, der sich durch die Stadt schlängelt. Aber der Rhein ist etwas besonderes.
Der Rhein weckt also schöne Erinnerungen. Und was verbinden Sie mit Ihrer Heimat Schaffhausen?
Das ist etwas komplizierter. Meine Kindheit und Jugend war nicht immer nur glücklich. Ich war anders als die anderen. Schon von klein auf begann ich, mich im Komponieren auszuprobieren. Mit 13 begriff ich zudem, dass ich homosexuell bin, und vertraute mich meiner Familie an, die glücklicherweise sehr offen war. Zu Beginn der Kanti erzählte ich es meinen besten Freundinnen und Freunden. Aber in einer Kleinstadt verbreitet sich eine solche Nachricht nun mal rasend schnell. Ich wurde gemobbt und ausgegrenzt, und Schaffhausen fühlte sich dadurch noch enger an – fast klaustrophobisch. Es war keine leichte Zeit. Auch abgesehen davon hatte ich Mühe. Mich störte dieses erzwungene, starre Festhalten am Lehrplan in der Kantonsschule – es sei denn, man war Spitzensportler (lacht).
Wie blicken Sie heute auf diese Jahre zurück?
Heute habe ich das Gefühl, ich kann das hinter mir lassen. Es hilft, zu sehen, wie viel sich seither verändert hat: Sexualität und Identität sind für Kinder und Jugendliche heute viel normaler. Es ist kein grosses Unbekanntes mehr – auch wenn es Gegenbewegungen von rechts gibt, gerade unter jungen Männern. Die Mehrheit der Gesellschaft ist aufgeschlossener. In Norwegen arbeite ich als Springer in einer Kita; dort gibt es Kinder, deren Eltern zwei Männer oder zwei Frauen sind. Den anderen Kindern ist das völlig egal.
Später an der Hochschule für Musik und Theater Basel machten Sie ähnliche Erfahrungen, passten erneut nicht ins Schema. Würden Sie das Studium heute noch einmal machen?
Nein, ich würde eine andere Schule wählen. Mein Studium in Basel war ziemlich katastrophal. Ich passte einfach nicht hinein. Ich habe eine rebellische Seite, das gebe ich zu: Wenn mir jemand sagt, es sei problematisch, dass mir die Musik toter Komponisten näher steht als die zeitgenössische Musik, dann beisse ich mich erst recht fest. Man riet mir von meinen musikalischen Überzeugungen ab, aber ich dachte: Nein, ich gebe nicht auf. Gerade in einem künstlerischen Beruf ist es so wichtig, die eigene Stimme zu entwickeln, statt sich von viel älteren Lehrpersonen in ein Schema pressen zu lassen. Sie entschieden, wie man heute komponieren soll – obwohl das überhaupt nicht meiner Natur entsprach.
Was entspricht denn Ihrer Natur, besonders beim Komponieren?
Der Grund, wieso mich die Tradition der klassischen Musik schon als Kind so eingenommen hat, ist simpel: Diese Musik hat eine derart eindrückliche Poesie inne, eine Tiefe, eine extreme Schönheit. Ungefähr nach dem Ersten Weltkrieg gab es aber einen Punkt, an dem sich die Menschen plötzlich entschieden, Bisheriges niederzureissen. Auch in der Kunst. Seitdem versucht man fast manisch, das Rad neu zu erfinden – und hat dabei das Publikum verloren.
Wie meinen Sie das?
Es ist, als würde man ein Buch in einer fremden Sprache lesen. Wenn ein Musikstück nichts bietet, woran man sich festhalten kann, bleibt es verschlossen. Welche Art von klassischer Musik ist denn heute noch beliebt? Es sind Werke von Künstler:innen, die bereits tot sind. Die grossen Opernhäuser spielen nur sehr wenig von lebenden Komponist:innen, weil das Publikum da einfach nicht kommt. Für mich ist etwas schiefgelaufen, wenn Leuten, die eigentlich gerne sinfonische Konzerte besuchen, die Musik von Toten mehr zusagt als solche aus der Gegenwart. Das beziehe ich auch auf mich selbst: Wenn meine Musik nicht ankommt, dann liegt das nicht daran, dass das Publikum zu blöd ist. Wir Komponist:innen müssen uns fragen, was wir ändern können.
Ihr neues Werk «Gaia» thematisiert die Umweltkrise. Sie versuchen die Menschen nicht nur musikalisch zu erreichen, sondern auch politisch. Geht das überhaupt?
Das Werk bezieht sich besonders auch auf das sechste Massenaussterben, in dem wir uns befinden. Tierrechte und Naturschutz sollten für mich gar keine politischen Fragen sein, sondern – wenn überhaupt – rechtliche. Die Gesetze zum Schutz gegen Tierquälerei und für das Klima existieren – doch sie werden häufig nicht befolgt. Ich bin sicher, eines Tages wird man diesen Kampf in eine Reihe mit all den anderen Freiheitsbewegungen stellen. Ob ich das Thema musikalisch transportieren kann, möchte ich nun mit «Gaia» zum ersten Mal herausfinden. Ich habe keine Illusionen, mit meiner Musik die ganze Welt zu verändern. Aber ich glaube, die Sinfonie kann sensibilisieren. Beim Konzert werden Vertreter des WWF Fragen beantworten. Wenn nur eine Person danach die Tiere nachschlägt, die im Werk vorkommen, ist das ein Schritt. Man muss klein anfangen: Früher dachte ich immer, ich könne die ganze Welt auf einmal retten. Heute denke ich lokaler.
Ihr Werk ist eine Liebeserklärung an die Natur, eine Hymne auf ihre Schönheit und ein Klagegesang über ihren Verlust. Ich lese aber auch etwas anderes heraus: Wut und Ohnmacht. Es sind Gefühle, die sehr viele Menschen in Zeiten der Umweltkrise verspüren. Teilen Sie diese?
Ich kenne diese Gefühle gut – sowohl Wut, als auch Ohnmacht. Ich habe viel Zeit darin investiert, sie entweder zu bekämpfen oder zu nutzen, etwa durch mein Engagement in der norwegischen Grünen-Partei und in Tierschutzorganisationen. Einmal nahm ich sogar vor dem norwegischen Umweltdepartement an einem Sitzstreik teil. All das kam aus einer inneren Verzweiflung heraus und dem Verlangen, etwas zu tun. Doch es hat mich ausgebrannt. Während der Pandemie, als ich meine Arbeit verlor, geriet ich in eine tiefe Krise: «Wieso schreibe ich diese Musik, die nur wenige Leute hören?» oder «Wieso habe ich Komposition studiert? Warum habe ich nicht Biologie gewählt, um etwas Nützliches zu tun?» Solche Gedanken gingen mir durch den Kopf. Gleichzeitig trug ich die Ideen für «Gaia» schon lange in mir und den Wunsch, meine Gedanken zur ökologischen Krise musikalisch zu verarbeiten.
Und ist dafür ausgerechnet die klassische Musik das richtige Sprachrohr? Könnte ein Popsong nicht mehr Menschen erreichen?
Sicher, wenn jemand einen solchen Song schreiben will, wäre das grossartig. Aber trotzdem ist die klassische Musik mein Werkzeug und die Art, wie ich empfinde. Kunst hat eine lange Tradition, gesellschaftliche Entwicklungen zu kommentieren, auch wenn es bei Themen wie Klima und Umweltschutz noch ein neueres Phänomen ist.
Trotzdem ist die klassische Musik weiterhin ein Nischeninteresse. Damit scheint man die jüngeren Generationen nicht unbedingt ansprechen zu können.
Mich erstaunt es selbst, aber tatsächlich ist das in Norwegen etwas anders: Dort besuchen viele junge Menschen die Oper, ich vermute, weil der Staat den Kulturbereich stark subventioniert und die Angebote erschwinglich sind. Vergleichen Sie das mal mit der Oper in Zürich – dort kosten die Tickets ein halbes Vermögen. Konzerte sind so wichtig: Musik existiert nur in dem Moment, in dem sie gespielt wird. Ja, man kann sie auf Aufnahmen nochmals anhören, aber geschriebene Noten sind noch kein Kunstwerk, sondern es ist das, was letztlich erklingt. Und ich bin ein Mensch, der vor Ort ist, dem man Fragen stellen kann – und der die Musik mit seinem heutigen Empfinden geschrieben hat. So gibt es auch viele andere gegenwärtige Künstler:innen, die zugängliche Werke schreiben. Diese Stimmen müssen gehört werden – gerade heute, wo die Klassik zur Nische wird.
