Unter dem Chefarzt für Chirurgie Peter Šandera haben mehrere Kaderleute das Kantonsspital verlassen. Angestellte sprechen von Erniedrigung und Machtmissbrauch.
Das Gesundheitswesen leidet unter Fachkräftemangel. Lohndruck und interkantonale Konkurrenz sind in einem Randspital wie Schaffhausen umso ausgeprägter. Die Spitalleitung weiss, dass sie im Wettbewerb um Personal weniger mit dem Lohn als mit einem positiven Arbeitsklima punkten kann. In der neuen Spitalstrategie findet man daher den folgenden Satz: «Grosser Wert liegt auf respektvoller, wertschätzender und interprofessioneller Zusammenarbeit.»
Recherchen der AZ zeigen nun, dass es im Kantonsspital noch einen anderen Grund dafür gibt, dass Fachkräfte die Flucht ergreifen. Dieser Grund sitzt ausgerechnet in der Spitalleitung. Er ist seit viereinhalb Jahren Chefarzt der Chirurgie und führt das Leistungszentrum Operative Disziplinen: Peter Šandera.
Peter Šandera ist in der Region bekannt und für das Spital ein Aushängeschild. Der Schaffhauser ist das Gesicht von Werbekampagnen und setzte sich jüngst für ein Ja zum Spitalneubau ein. Und er ist medial präsent: Radio Munot erzählte er von seiner Liebe zur Region und den Schaffhauser Nachrichten von seinen Freiwilligeneinsätzen in Tadschikistan. Chirurg sei sein Traumberuf, hält Peter Šandera fest – und Teamwork dafür unverzichtbar.
In den vergangenen Monaten haben neun aktuelle und ehemalige Angestellte der Spitäler Schaffhausen mit der AZ über Peter Šandera gesprochen. Viele haben schon im Kantonsspital gearbeitet, bevor er ihr Chefarzt wurde. Sie sind oder waren Leitende Ärzt:innen, Ober- und Assistenzärzt:innen oder Pflegefachkräfte aus verschiedenen Abteilungen. Alle neun wollen in diesem Bericht – aus Angst vor Repression oder Stellenverlust – anonym bleiben. Ihre Namen sind der AZ bekannt.
Sie zeichnen ein Bild von Šandera, das in eklatantem Widerspruch zu seiner öffentlichen Wahrnehmung steht: Sie werfen ihm vor, Mitarbeitende zu erniedrigen und zu degradieren, ein Klima der Angst und Verunsicherung zu schaffen und zahlreiche Ärzt:innen aus dem Betrieb gedrängt zu haben. Besonders deutsche Angestellte hatten es unter ihm schwierig. So habe er eine Teamkultur, die zuvor von Zusammenhalt und Unterstützung geprägt war, untergraben. Eine Person, die Šandera aus dem Operationssaal kennt, beschreibt es so: «In den Jahrzehnten, in denen ich am Kantonsspital arbeite, habe ich so etwas noch nie erlebt.»
Freundliche Anfänge
Peter Šandera kam 2021 zu einer turbulenten Zeit in die Spitäler Schaffhausen. Mit der Chef-Chirurgin Adrienne Imhof hatte das Kantonsspital gerade eine fachlich hoch gelobte und beliebte Ärztin an die Privatklinik Belair verloren; ein Leitender Arzt übernahm die Chirurgie interimistisch. Dann warf im Sommer auch noch der Spitaldirektor Rolf Leutert das Handtuch, nachdem seine überzogenen Lohnbezüge rund um den Neubau bekannt geworden waren. Die Spitäler kamen auch unter Leuterts Nachfolger, Alphons Schnyder, nicht zur Ruhe – immerhin in der Chirurgie erhoffte man sich, dass mit dem engagierten Peter Šandera wieder Stabilität einkehren würde.
Gemäss der Personen, mit denen die AZ gesprochen hat, trat Šandera in ein familiäres und gut eingespieltes Team ein: «Man ist füreinander eingesprungen, traf sich auch privat. Mein Team war jahrelang meine zweite Familie», sagt eine ehemalige Pflegerin. Peter Šandera habe sich am Anfang sehr freundlich und nahbar gezeigt. «Er hielt sich zurück, schaute erst einmal nur zu und half sogar in einzelnen Berufsgruppen aus, um das Spital kennenzulernen – sogar in der Cafeteria.» Zudem habe er alle Ärzt:innen zu Einzelgesprächen eingeladen, um sich vorzustellen und gegenseitige Erwartungen zu besprechen. Dabei habe er Respekt, Wertschätzung und offene Kommunikation in Aussicht gestellt.
Diese Versprechen hätten jedoch nicht lange gehalten. Sie hätten etwa damit Risse bekommen, dass er mehreren Oberärztinnen in solchen Einzelgesprächen die Kündigung nahegelegt habe, ohne ihnen die Gründe plausibel machen zu können – und, als sich diese weigerten, mit Schikanen begonnen habe.
Die AZ hat mit einer dieser Oberärztinnen sprechen können. Sie hat über fünf Jahre am Kantonsspital gearbeitet. Sie berichtet, dass Šandera ihr im Einzelgespräch sehr schnell klar gemacht habe, dass er für sie keine Zukunft am Spital sehe. «Für mich kam seine Einschätzung aus dem Nichts. Ich wollte bleiben, wusste nun aber, dass mein Chef mich loswerden will.» Sie habe sich bei der HR-Leitung gemeldet, doch diese habe Šanderas Urteil bestärkt. Danach seien ihr Sprechstundentermine und Operationen entzogen und sie in den Notfalldienst eingeplant worden. «Damit wurde mir jede Entwicklungsmöglichkeit genommen», sagt sie. «Ohne Šandera wäre ich noch am Spital tätig. Ich wollte nicht gehen.» Mehrere Quellen, die zu dieser Zeit mit der Oberärztin gearbeitet haben, stützen ihre Aussagen und bestätigen die anderen Fälle. «Peter Šandera weiss, wie er erreichen kann, was er möchte», sagt ein ehemaliger Arzt. «So konnte er jeden, der Rückgrat hatte und etwas bewegen wollte, rausbugsieren.»
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Auch bei anderen Personalien habe Šandera seine Macht unzimperlich spielen lassen. Als letztes Jahr der Chefanästhesist in den Ruhestand trat, habe Peter Šandera erst einem hausinternen Leitenden Arzt die Nachfolge in Aussicht gestellt, der im Team offenbar sehr grossen Rückhalt genoss. Letztlich fiel die Wahl auf einen Externen – der gleichzeitig mit Šandera die Kantonsschule Schaffhausen besucht hatte. Aufgrund dieser Wahl geht der Unmut gegen den Chefchirurgen heute bei manchen in eine Unzufriedenheit mit der gesamten Spitalleitung über – und mit einem Spitalrat, dem jede Verankerung in der Basis fehle.
Nun ist nicht ungewöhnlich, dass ein neuer Chef sein Team auswechseln will und seine Entscheide auf Unverständnis stossen können.
Šandera soll aber auch ein überzogenes Selbstbild von sich haben. Er sehe sich als «Rockstar» und wolle, dass seine Arbeit entsprechend gewürdigt werde. Mehrere Quellen berichten, er habe nach Operationen verlangt, man solle sagen, so schön habe man das noch nie gesehen. Eine Person, mit der die AZ gesprochen hat, meint sich zudem an diese Aussage von ihm zu erinnern: Im Triemlispital habe er in der «Champions League» gearbeitet – sein Team in Schaffhausen sei dagegen der FC Ramsen.
Mit dieser Überheblichkeit sei er seinen Angestellten auch im Operationssaal begegnet – und habe sie ohne Anlass gedemütigt.
Angstkultur im OP
Wenn Peter Šandera im OP sei, herrsche dort miserable Stimmung und Angst. In dem ohnehin schon stressigen Umfeld habe er Angestellte immer wieder als «zu dumm» bezeichnet, sie erniedrigt und schon bei kleinen Fehlern zusammengestaucht. Eigene Fehler könne er dagegen nicht zugeben. Das sagen Angestellte, die regelmässig mit Šandera operiert haben.
Besonders Frauen würden unter seinem Verhalten leiden: Eine Ärztin berichtet, sie habe den Saal aufgrund der erlebten Demütigung auch schon weinend verlassen müssen, Ähnliches habe sie bei Kolleginnen beobachtet. Mehrere Frauen berichten von anzüglichen Bemerkungen, die Šandera gemacht habe: dass er etwa OP-Handschuhe nicht doppelt tragen wolle, weil er es «gefühlsecht» möge. Eine Frau berichtet, dass er sie ausserhalb des Operationssaals gefragt habe, warum sie ihre Maske trage – und ob sie ihr «hübsches Gesicht verstecken» wolle. Mehrere weibliche Angestellte reden zudem von für sie unangemessener körperlicher Nähe. Zum Schutz der Quellen verzichtet die AZ auf eine detaillierte Schilderung.
Besonders frappant ist allerdings eine Aussage von Peter Šandera, mit der er in die Personalpolitik der Spitäler Schaffhausen eingreift. Mehrere Angestellte haben sie bestätigt; zudem ist sie in einem Brief einer ehemaligen Angestellten dokumentiert, der im Spital zirkuliert und der AZ vorliegt (dessen Autorin wollte keinen Kontakt zur AZ): Peter Šandera habe in einem Rapport angekündigt, das Spital «helvetisieren» zu wollen. Öfters habe er sich abfällig über vor allem deutsches Personal geäussert. Er habe Mitarbeitende als «zu deutsch» bezeichnet und betont, dass leitende Positionen unter seiner Führung nur noch schweizerisch besetzt würden. Das sind nicht nur arbeitsrechtlich schwierige Aussagen, sie sind gerade im lokalen Kontext schlicht auch realitätsfern: Rund ein Drittel aller Mitarbeiter:innen am Kantonsspital hat die deutsche Staatsbürgerschaft, das Randspital ist auf sie angewiesen. Eine Quelle erklärt sich Šanderas Aussagen so: «Die Wirkung gegen aussen war ihm sehr wichtig. Auf die Schaffhauser:innen in seinem Team war er besonders stolz.»
Die Spitäler Schaffhausen verweisen in ihrer Stellungnahme (siehe Kasten) darauf, dass bei ihnen keine formellen Beschwerden eingegangen seien und dass Beschwerden bei der HR-Abteilung vertraulich platziert werden können. Einige der Personen, mit denen die AZ gesprochen hat, sagen aber, sie hätten sich durchaus an die Spitalleitung oder ans HR gewandt – nur sei dann nichts passiert. Die meisten sagen, dass sie sich nicht getraut hätten, diese Wege zu gehen, weil ihre Erlebnisse etwa in Rapporten oder OP-Berichten nicht dokumentiert worden seien oder weil sie sich trotzdem vor Folgen fürchteten. Eine Frau sagt: «Nachdem ich miterlebt habe, was mit Leuten geschieht, die nicht ins Konzept von Peter Šandera passen, hatte von uns niemand den Mut, etwas derartiges zu tun.»
Mehrere Quellen berichten, dass die hohe Belastung, die Angst und Aussichtslosigkeit sie in ein Burnout getrieben haben. Eine ehemalige Ärztin beschreibt ihre somatischen Beschwerden als so schwer, dass sie sich nicht mehr in der Lage sah, ihre Arbeit hinsichtlich der Patientensicherheit adäquat leisten zu können.
Eine andere Ärztin erzählt, dass sie im Kantonsspital ihre erste Stelle nach dem Studium hatte. Sie habe aufgrund ihrer Erfahrungen im OP-Saal nicht nur die Stelle gekündigt, sondern auch den Fachbereich gewechselt. «Ich wollte Chirurgin werden. Aber die Zeit in Schaffhausen war so schlimm für mich, dass ich etwas anderes machen muss.» Dafür habe es keinen anderen Grund gegeben als Peter Šandera.
Statement der Spitäler und von Peter Šandera
Die AZ bat Peter Šandera vor zwei Wochen um ein Gespräch. Er leitete die Anfrage an die Kommunikation des Kantonsspitals weiter, beide nahmen schriftlich Stellung. Šandera hält fest, dass er in seiner Rolle hohe Verantwortung für das Wohl der Patient:innen des Kantonsspitals trage wie auch für die Ausbildung junger Ärzt:innen. Den Vorwurf der unangemessenen Nähe weise er entschieden zurück. «Sollte mein Kommunikationsstil im Operationssaal in der Vergangenheit nicht immer angemessen gewesen sein, dann entschuldige ich mich dafür und übernehme die Verantwortung.»
Die Spitäler verwenden in ihrer Antwort in einem Punkt klare Worte: Grenzüberschreitendes Verhalten jeglicher Art würde «in keiner Art und Weise geduldet». Bei Meldung würden diese mit höchster Priorität untersucht und bei belegten Vorfällen «umgehend disziplinarische Massnahmen bis hin zur Kündigung» ergriffen. Formelle Beschwerden in diesem Bereich gegen Peter Šandera würden nicht vorliegen.
Auch bestreiten sie Šanderas Beteiligung an der Nomination des Chefanästhesisten: Diese obliege dem Spitalrat, nicht der Spitalleitung oder einem einzelnen Chefarzt. Ihnen seien zudem keine Fälle von Kündigungsdruck bekannt.
Bei anderen Aspekten bleiben die Spitäler Schaffhausen vage. Insgesamt liest sich ihre Antwort so: In den vergangenen zwei Jahren habe sich die Situation rund um Peter Šandera verbessert.
Die geäusserten Bestrebungen bezüglich «Helvetisierung» weisen die Spitäler zurück und halten fest, dass die Spitalleitung keine Art von Diskriminierung aufgrund des Geschlechts, der Herkunft oder Religion dulde. Zudem habe Šandera erst kürzlich einen Kaderarzt mit deutscher Staatsbürgerschaft eingestellt.
Insgesamt habe sich die Arbeitskultur in der Abteilung Chirurgie in den vergangenen zwei Jahren stark verbessert, führen die Spitäler aus. Extern erhobene Umfragen würden zeigen, dass sowohl die Lern- als auch die Führungskultur verbessert werden konnte und sehr gut sei. Dass es im Alltag zu Konflikten komme, sei nicht ungewöhnlich: «Entscheidend ist der konstruktive Umgang damit.» Die anonymen Hinweise liessen sich formal nicht überprüfen, würden aber zum Anlass genommen, die Führungskultur zu überprüfen und zu verbessern.
Schliesslich weisen die Spitäler auf die internen Prozesse hin, wie sich Mitarbeitende im Konfliktfall mit dem Vorgesetzten wehren können: Die HR-Abteilung behandle Besprochenes vertraulich, dazu gebe es die interne Personalvertretung, die unabhängige Beratungsstelle Movis und den Weg der direkten Kontaktaufnahme mit der Geschäftsleitung.
