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«Fantasie ist überlebenswichtig»

Diese Szene vom «Zwergenmarkt» ist ein persönlicher Favorit von Illustratorin Daniela Räss. Sie ist Teil des Buchs «Eine Suppe für Zipf», das Räss gemeinsam mit Autor Daniel Badraun erarbeitet hat. (zVg Daniela Räss / Lehrmittelverlag Zürich)

Diese Szene vom «Zwergenmarkt» ist ein persönlicher Favorit von Illustratorin Daniela Räss. Sie ist Teil des Buchs «Eine Suppe für Zipf», das Räss gemeinsam mit Autor Daniel Badraun erarbeitet hat. (zVg Daniela Räss / Lehrmittelverlag Zürich)

Daniela Räss schafft seit über 30 Jahren märchenhafte Bilder für Kinderbücher und Plakate, die in der ganzen Stadt verteilt waren. Nun lässt sie ihre Pinsel ruhen.

Daniela Räss ist Kindergärtnerin und Illustratorin. Seit mehr als 30 Jahren hat sie sich in und um Schaffhausen einen Namen gemacht – und bis heute kennt beinahe jedes Kind ihre märchenhaften Figuren. Mittlerweile hat Räss den Pinsel auf unbestimmte Zeit niedergelegt. Die AZ hat sie zum Gespräch zwischen Kaffee- und Teetassen getroffen, um über ihr Schaffen, fehlende Inspiration und die Bedeutung von Fantasie zu sprechen.

AZ: Frau Räss, während Jahrzehnten haben Sie Plakate für die Kleine Bühne gemalt, Ihr unverkennbarer, sanfter Stil ist quasi zum Schaffhauser Kulturgut geworden. Derzeit haben Sie keine neuen Plakate, auch keine Geschichten für Zipfelwitz und Co. in Arbeit. Weshalb ist es um Sie ruhiger geworden?

Daniela Räss: Ich war reich; reich an Ideen. Egal, was in meinem Leben los war, ob im Kindergarten oder sonst im Alltag, alles habe ich aufgeschnappt und für meine Zeichnungen verwendet. Der entscheidende Moment kam dann aber bei meiner Arbeit am «Zwergen-Kochbuch», das 2020 erschienen ist: Jeder Arbeitsschritt musste illustriert werden, damit die Kinder auch anhand der Bilder verstehen, was sie tun sollen. Also sass ich jede freie Minute an diesen Zeichnungen, und weil ich alleine wohne, hatte ich niemanden, der mir die Bewegungen oder die Handform vormachen konnte. Ich habe dann versucht, die Schritte vor dem Spiegel auszuführen und entsprechend abzuzeichnen. Als ich mit dem Buch fertig war, brauchte ich wirklich eine Pause. Aber das Buch ist gut geworden – und vom Verdienst davon konnte ich mir eine neue Küche einbauen lassen! (lacht)

Wie haben Sie sich nach dem «Zwergen-Kochbuch» gefühlt?

Nach dem Projekt hatte ich eine Art künstlerische Schaffenskrise; diesen Knoten im Bauch, nur in Bezug aufs Malen. Ich illustriere jeweils die Elternbriefe für den Kindergarten, und als ich mich nach dem Kochbuch wieder daran gesetzt habe, hätte ich weinen können – nur schon, ein kleines Eichhörnchen zu malen, kostete plötzlich riesige Überwindung.

Hat sich dieser «Knoten im Bauch» seither wieder gelöst?

2021 kam mit dem Plakat für das «Pippi Langstrumpf»-Stück der Kleinen Bühne ein neuer Auftrag rein. Da merkte ich: Doch, ich kanns noch. Es ist noch in mir drin. Trotzdem kamen zu dieser Zeit auch andere Dinge hinzu, die mich ins Wanken gebracht haben.

Zum Beispiel?

Als Kindergärtnerin war ich vor kurzem an einer Weiterbildung, die sich mit künstlicher Intelligenz befasst hat. Ich habe mich dort an KI-Kunst versucht, einen Vorschlag formuliert, und zack war das Bild schon generiert. Das hat mich enorm ausgebremst. Ich dachte mir damals: Es gibt so derart viel im Angebot, alles ist möglich – meine Kunst braucht es nicht auch noch.

Seit Jahren haben Sie beinahe jedes Jahr die Illustrationen für die Märchen der Kleinen Bühne übernommen. Heute arbeiten Sie nicht mehr für sie.

Richtig. Viele wissen nicht, weshalb ich das Plakat im letzten Jahr nicht gemacht habe.  Ich möchte, dass die Kinder auf die Plakate schauen und die Figuren dort wiedererkennen. Während ich anfangs immer genügend Zeit zur Vorbereitung bekommen hatte, verschob sich die Produktion so, dass meine Arbeit immer früher begann, wenn ich die Kostüme für das Stück noch nicht sehen konnte. Dazu kam, dass mich die Stücke in den letzten Jahren immer weniger angesprochen haben. «Der kleine Vampir» 2024 ist mir zum Beispiel schwergefallen. Ich hatte mir zuvor die Proben angesehen, sah die Bühne mit Särgen und Grabsteinen und dachte mir: Jetzt muss ich ein Programm erstellen, in dem die Kinder Grabsteine ausmalen können? Das Stück richtet sich an kleine Kinder. Ich weiss von meinem Gottibub, dass er dieses Stück vor etlichen Jahren besucht hat und danach tagelang nicht mehr einschlafen konnte – der Vampir im Stück hat ihn so erschreckt.

Und wie kam es, dass Sie letztlich die Zusammenarbeit beendeten?

Ich hatte mich sehr auf das letztjährige Stück «Himmeltunnertoria» gefreut, hatte sofort zig Ideen im Kopf und Bilder gesehen für die Zuckerwattenfrau oder den Tausendfüssler Balthasar. Dann wurde mir der Inhalt vorgestellt, und es wurde klar, dass es um ein Mädchen geht, das im Spital liegt, an die Dialyse muss und auf eine Nierentransplantation wartet. In meinem Kopf kamen daraufhin ganz ähnliche Bedenken auf, die ich schon im Vorjahr beim «Kleinen Vampir» hatte. Gleichzeitig trafen meine Sorgen über die fehlende Inspiration beim Theater nicht auf Gehör. Ich habe tagelang vor einem leeren Blatt gesessen. Ich kam auf nichts.

Weshalb? Eine Geschichte über ein Kind im Spital kann doch wichtige Repräsentation bedeuten, Relevantes spielerisch aufgreifen.

Verstehen Sie mich nicht falsch, eine solche Geschichte hat natürlich auch einen Wert. Aber es gehört für mich nicht in ein Weihnachtsmärchen. In dieser Zeit lag ich zudem selbst wegen eines Hörsturzes im Spital und hatte deshalb eine Infusion. Und damals dachte ich mir: So schliesst sich der Kreis – die Infusion könnte ich jetzt als Inspiration nutzen. Dieser Gedanke hat mich erschreckt. Das war für mich ein Zeichen, dass ich absagen muss.

In diesem Fall hat Ihnen Ihre eigene Fantasie also Angst gemacht, Sie an die falschen Orte geführt. Trotzdem: Sie beobachten es an sich selbst, an den Kindern – wie wichtig ist es, die eigene Fantasie zu nutzen?

Fantasie ist überlebenswichtig. Vor allem in strengen Zeiten – sich dann in eine Fantasiewelt fallen lassen, mal wieder «Räuber Hotzenplotz» oder «Die chlii Häx» lesen, das tut einfach gut. Ich merke das auch im Kindergarten: Heute ist dort schon vieles auf die spätere Schulzeit ausgerichtet, man bereitet die Schüler:innen vor. Das ist wichtig. Aber was ist mit dem Kindsein? Die Kinder sind oft gerade erst vier Jahre auf dieser Welt, sie müssen erst mal ankommen, nicht direkt gedeckelt werden mit wissenschaftlichen Themen. Die Fantasie kommt heute oft zu kurz.

Illustratorin und Kindergärtnerin Daniela Räss in ihrem Garten. Foto: Robin Kohler

Neben Ihrer Arbeit an den Theaterplakaten sind Sie vor allem durch Ihre kleinen Zwerge bekannt. Warum sind es ausgerechnet diese Kreaturen geworden, die Sie in Ihrer Kunst begleiten?

Die habe ich schon immer gemalt! Vor Jahren konnte ich eine Zwergen-Adventsgeschichte gestalten, die in der Schaffhauser Unterstadt ausgestellt wurde. Eine Mitarbeiterin vom Zürcher Lehrmittelverlag lief zufällig an den ausgestellten Bildern vorbei und fand: «Daraus sollten wir einen Kalender machen.» Dass die Zwerge seither aber so gross geworden sind, kam nicht von mir, sondern vom Verlag. Sie wurden gewissermassen zur Marke: Es gibt ein Kochbuch, ein Memory-Spiel, sogar Plüschzwerge. Alles wird vom Lehrmittelverlag vertrieben.

Und was ist mit heute: Wie muss oder kann man die Kinder abholen? Sind es immer noch die Zwerge, die zur Fantasie und den Gefühlen der Jüngsten passen?

Ich ringe selbst mit dieser Frage. Viele mögen denken, dass man in der heutigen Welt neue Geschichten finden muss. Doch in meinem Herzen bin ich auch noch die junge Kindergärtnerin, die damals ihre Ausbildung gemacht hat und findet: Doch, die Zwerge sind noch aktuell. Auch wenn es vielleicht rational nicht so ist. Es ist ihre Einfachheit, die ich vermitteln will. Die Bilder sind nicht überladen, und die Zwerge sind leicht zufriedengestellt – mit ihrem Tee, ihrer Suppe, ihren Räbeliechtli, ihren Mäuse-Mitbewohnern und so weiter … Die Bilder sollen Geborgenheit und Wärme ausstrahlen. Das ist genug. Und die Kinder lieben sie; das sehe ich, wenn ich alle zwei Jahre, zur Weihnachtszeit, wieder den Zwergenkalender mit in den Kindergarten bringe.

Trotz allem haben Sie vorerst mit der Malerei aufgehört. Ihre Schaffenskrise hat sich hartnäckig gehalten. Was würde es brauchen, damit Sie wieder zum Pinsel greifen? 

Langsam merke ich, dass ich genug von den Auftragsarbeiten habe – davon, mich hinzusetzen und genau das zu liefern, was von mir verlangt wird. Ich brauche einen Anstoss, etwas, das mir wichtig ist, aber dafür brauche ich Ruhe. Ich muss für mich sein und zulassen, dass die Inspiration auf mich zukommt. Auch Menschen geben mir Inspiration, ihre Ausstrahlung, wie sie mit mir kommunizieren, leitet mich. In drei Jahren werde ich pensioniert. Der Kindergarten verlangt mir viel ab, die Jüngste bin ich auch nicht mehr. Kurzum: Ich denke, ich werde schon wieder malen, irgendwann. Immer wieder blitzt eine Idee auf. Ich bin am Sammeln.

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