Die SVP will die SRG halbieren und rund die Hälfte der Bevölkerung will mitmachen. Woher kommt sie nur, die Entfremdung vom einstigen Lagerfeuer der Nation?
von Nora Leutert und Simon Muster
mit einer Bildreportage von Robin Kohler
Irgendwann packt die Frau mit den gewellten grauen Haaren den Journalisten von hinten an der Schulter: «Pass nur auf, dass sie dich nicht entjungfert», johlt sie, auf eine ihrer Freundinnen im Kaffeekränzchen zeigend. Es ist der Höhepunkt eines kurzen, aufgeheizten Gesprächs an einem Café-Stammtisch im Herblingermarkt. Um die SRG geht es dabei kaum. Sondern um den Hintern einer Passantin und um die «Narrenfreiheit», welche Frauen über 60 haben, glaubt man diesen Seniorinnen. Dabei wollten wir von ihnen wissen, was sie über das Schweizer Radio und Fernsehen denken. Doch auch ihre blonde, 98-jährige «Chefin», die sagt, sie sei unsterblich, kann uns mangels Interesse nicht weiterhelfen.
Einen Monat vor der Abstimmung über die Halbierungs-Initiative, die nichts weniger als die komplette Aushöhlung der SRG bedeuten würde, scheint das Volk im Herblingermarkt in Schaffhausen weniger gespalten als gleichgültig. Uns beiden Schreibenden hingegen geht diese Abstimmung nahe. Und das nicht nur, weil ein Ja unsere Arbeit erschweren und einen Kahlschlag in unserer Branche bedeuten würde. Es rührt auch etwas Früheres, Inneres in uns an. Das Schweizer Radio und Fernsehen prägte unsere Kindheit: Bei einem von uns war das Echo der Zeit der Radio-Fixstern im Familienalltag, auf der Küchenbank oder auf dem Auto-Rücksitz lauschend. Bei der anderen gab die Tagesschau den Takt des Abends vor. Am Donnerstag kam das «Netz Natur» hinzu, am Freitag «Fascht e Familie» mit Kult-Tagedieb Flip. Wie trauerten wir, als dessen Darsteller Martin Schenkel 2003 starb. Und wie empörten wir uns, weil man seine Rolle im sonnabendlichen «Lüthi & Blanc» einfach mit einem anderen Schauspieler besetzte.
Auch wir schauen heute mehr Netflix als Schweizer Fernsehen. Aber hat Netflix je etwas so Lustiges produziert wie die SRF-Dokumentation über Gerhard Blocher, der mit energisch erhobenem Finger vom Hallauer Berg herab befiehlt: «Hallauer Recht bricht Bundesrecht»?
Hier liegt ein Auftrag, Gopfriedstutz!
Doch bereits 2018 zeigte sich, dass die Schaffhauser:innen unsere sentimentalen Gefühle für das Schweizer Fernsehen nicht ganz teilen. Zwar lehnte auch hier die Mehrheit die No-Billag-Initiative ab, mit über 37 Prozent war Schaffhausen jedoch der zweitstärkste Befürworter unter den Kantonen. Die SRG auferlegte sich selbst nach dem Abstimmungssieg 2018 ein Sparprogramm über hundert Millionen, zudem senkte der Bundesrat die Gebühren von 451 auf 335 Franken, ab 2029 sollen es sogar nur noch 300 Franken sein. Trotz all dem zeigen Umfragen, dass rund die Hälfte der Schweiz die Gebühren am 8. März nochmals stark senken will, auf 200 Franken. Und unser SRG-kritischer Heimatkanton dürfte besonders beherzt draufhauen.
Was ist nur passiert bi de Lüt, dass sie sich so von ihrem Radio und Fernsehen entfremdet haben?
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Zurück im Herblingermarkt. Nachdem uns die eingangs erwähnte Seniorinnen-Runde am Café-Stammtisch in die Knie gezwungen hat, wechseln wir noch ein paar Worte mit einer Angestellten. Als sie vor Jahrzehnten in die Schweiz kam, habe sie nur die Billag und ein Internet-Abo zahlen müssen. «Heute kommen Abos für Netflix, Spotify und weiteres hinzu. Es wird immer mehr Geld, das man für Unterhaltung ausgeben muss.»
Wir gehen am grossen Fixleintuch- und Plastikorchideen-Ausverkauf vorbei nach draussen. In der Nähe des Bratwurststandes treffen wir eine Gruppe von vier älteren Herrschaften beim Rauchen. Als wir sie auf die SRG ansprechen, schnauben sie verächtlich. «Den Schweizer kannst du nicht mehr schauen. Wir schauen nicht mal mehr im Schweizer die Tagesschau, weisst du wieso?», sagt der beschnauzte Mann an seine Mutter neben ihm gerichtet: «Die bringen bloss vom Ausland und vom Krieg. Von der Schweiz bringen sie nichts. Den Schweizer könnte man von mir aus streichen.»
Den Schweizer streichen? Wir hätten erwartet, sie wären noch so richtige Schweizer, antworten wir.
«Sind wir auch», sagen sie. «Aber im SRF bringen sie nur Wiederholungen. Mehr Spielfilme wären schön», pflichtet die Mutter des Mannes bei. Und mehr Sport bräuchte es, fügt jemand hinzu. Nun müssten sie aber nach Hause, sagen alle, um die Ski-Abfahrt zu schauen. Auf dem Schweizer, natürlich.
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Am SRG-kritischsten im ganzen Kanton Schaffhausen ist man in Trasadingen. Das Dorf zuhinterst im Chläggi ist eine von schweizweit gerade mal sechs Gemeinden, die der SRG bereits 2018 den Stecker ziehen wollten. Hier an der Kantons- und Landesgrenze griff die SRG-Entfremdung Jahre früher als im Rest des Landes um sich. Vielleicht lassen sich aus der Traadinger Volksseele ja die Gründe für die Entzweiung ablesen.
Wir rufen bei Alois Hauser an, ehemaliger Gemeindepräsident und Rebbauer, doch er winkt ab. Die Initiative sei noch kein Thema. «Wir haben in Traadingen nicht mal mehr eine Beiz, man kommt im Dorf kaum mehr richtig zusammen.» Er selbst sei noch unentschlossen, ob er der Halbierungs-Initiative zustimmen soll oder nicht, ihn störe die viele Werbung. «Aber wenns durchkommt, wirds wahrscheinlich noch verreckter.» Dann erzählt Hauser eine Episode aus den 2010er-Jahren. Als die Gebühren noch von der Billag eingetrieben wurden, sei ein Inspektor im Dorf gewesen und habe ein paar Leute erwischt, die ihre Gebühren nicht gezahlt hatten. Mit einem sei der Inspekteur sich sogar in die Haare geraten. «Der Traadinger sagte, er habe kein Radio. Aber weil er einen Computer hatte, mit dem man auch Radio hören kann, musste er am Schluss trotzdem zahlen.»
Mag sein, dass die Trasadinger den Besuch des kontrollierenden Bürokraten nicht verziehen haben. Der Ruf der Billag AG war jedenfalls so schlecht, dass die Gebühren seit ein paar Jahren von einer neuen Firma, der Serafe AG, eingetrieben werden.
Sind es am Ende solche einzelne Erlebnisse wie in Trasadingen, die über die Fernseh- und Radiozukunft des Landes bestimmen sollen?
Vielleicht kann uns Lisa Stoll, Alphorn-Star und Liebling der Nation, ihre Klettgauer Heimat näherbringen. Die Wilchingerin kam zum ersten Mal als 13-Jährige in der SRF-Sendung «Hopp de Bäse» zu nationaler Präsenz. Es folgten «Aeschbacher», «Musikwelle Brunch», «Potzmusig». «Das SRF ist sehr wichtig für die Volksmusik», sagt denn auch Lisa Stoll, die sofort Duzis macht am Telefon. «Sie sind auch immer an den eidgenössischen Festen.» Allein deshalb sei die SRG unverzichtbar – aber auch für unabhängige Informationen.
Wie ihre Heimat tickt, kann die Volksmusikerin und Tochter der Wilchinger SVP-Gemeindepräsidentin Virginia Stoll nicht sagen, glaubt aber: «Auf dem Land wird man vielleicht eher gegen die Initiative sein, weil man den Wert dieser Schweizer Institution noch zu schätzen weiss. Ich hoffe, dass SVP-Mitglieder sich Gedanken machen, was für sie wichtig ist, und nicht einfach nach Parole stimmen.»
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Wir resümieren: Gebühren-Frust, zu hohe Lebenskosten, Unzufriedenheit mit dem Programm – zu wenig Sport, zu wenig Spielfilme, zu wenig Schweiz. Verwirrend. Hat die SRG für die Schaffhauser:innen überhaupt noch irgendeine Bedeutung?
Wir legen eine kurze Pause im Büro von Roger Steinemann in der Neustadt ein. Er ist der Radio-Mann, welcher der Restschweiz zuverlässig die Schaffhauser Eigenarten erklärt. Vergangene Woche machte er eine Reportage über den Skilift in Hallau – für das Schaffhauser Publikum no news, in Zürich schon. Wieso aber sollte die Schweiz sich überhaupt für Schaffhausen interessieren? «Es wäre doch verrückt, wenn ich nicht wüsste, was die Menschen im Tessin oder in Genf beschäftigt», sagt Steinemann. «Ich finde es für den Zusammenhalt der Schweiz wichtig, dass auch aus den Randregionen berichtet wird.»
Roger Steinemann wäre die Beschreibung unangenehm, aber das macht sie nicht weniger wahr: Er ist der Vorzeigejournalist für ein Medienhaus, das gesetzlich zur Herkulesaufgabe verpflichtet ist: kritische Berichterstattung, in der möglichst alle politischen Lager gleichermassen vorkommen. Steinemann empfand es als Strafaufgabe, als er seinerzeit als Redaktor bei den Schaffhauser Nachrichten eine Abstimmungs- oder Wahlempfehlung schreiben musste. Heute sagt der Freundliche und Faire: «Wenn am Ende eines Beitrags niemand meine Haltung kennt, habe ich meinen Job gut gemacht.» Der SRF-Mann möchte sich zur Halbierungs-Initiative nicht äussern – aber es ist kaum vorstellbar, dass der kleine Schaffhauser Aussenposten die Kürzung überleben würde.
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Das Schützenhaus auf der Breite platzt aus all seinen Nähten. Es ist Dienstag, 14 Uhr, und wie jede Woche organisieren die Fussballveteranen ein Jassturnier.
Wir setzen uns zu einer Gruppe von sieben älteren Herren, ihres Zeichens Altkadetten. Damit ist nicht der Schaffhauser Handballverein gemeint, sondern die gleichnamige Jugendorganisation, Gründungsjahr 1933. «Pfadfinder, aber mit Kleinkaliber», erklärt uns einer der Herren.
Ob sie die Halbierungs-Initiative bereits im Visier haben, fragen wir, und einer von ihnen, der blaue Kragen lugt unter dem grünen Pullover hervor, setzt an. Für ihn seien Politik und Medien zwei Paar Schuhe. «Der Staat soll mir nicht sagen, was ich glauben soll.» Die SRG berichte aus seiner Sicht einseitig und nicht unabhängig. Er sei früher in der SP Klettgau aktiv gewesen. «Ich hatte Glück im Leben. Für die Bevölkerung auf der Schattenseite bedeuten die Gebühren aber etwas.» Er will der SVP-Initiative zustimmen.
Anders seine Kollegen: Er sei gegen die Initiative, aber der Meinung, bei der SRG gäbe es durchaus Sparpotenzial, etwa bei der Sportberichterstattung, sagt einer.
Ein anderer ergänzt: «Ich brauche die SRG täglich, und ich gehe auch davon aus, dass sie auf ihre Finanzen schaut. Ich sehe es aber bei meinen Kindern, die informieren sich über andere Kanäle und müssen trotzdem für die SRG zahlen. Wobei ich immer wieder erstaunt bin, wie wenig sie über elementare Dinge informiert sind. Gerade auch, was in der Region passiert.»
Wie alt seine Kinder sind, fragen wir ihn.
«Um die Vierzig.»
«Knapp erwachsen», scherzt ein Kadettenkumpan.
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Die Meinungen bi de Lüt gären einen Monat vor der Abstimmung. Zum Abschluss unserer Tour de Schaffhouse fragen wir Gabriel Vetter, was er aus dem Kaffeesatz der Volksseele liest. Vetter ist derzeit das vielleicht bekannteste Schaffhauser Gesicht im SRF-Universum. Jeden letzten Sonntag im Monat nimmt der Begginger Satiriker die Schweiz und den Rest der Welt auf die Schippe. Daneben gibts von ihm «Vetters Töne» im Radio. Er ist selbst ein SRF-Vielkonsumierer, schaut querbeet allerlei – und nicht ungern Werbung («da lernt man viel über das Land und die Gegenwart»).
Und wieso glaubt er, dass sich die Menschen von der SRG entfremdet haben? «Natürlich durch personalisierte News und Feeds und Inhalte», welche die eigenen Belohnungsmechanismen sofort befriedigen, antwortet uns Vetter per Mail. «Die SRG hingegen kann nicht immer genau jeder Privatperson liefern, auf was sie gerade Bock hat. Sie ist ein gemeinsamer Muskel, der auch Anstrengung verlangt.» Deswegen sei das SRF für so viele Leute ein wenig nervig: «Es verlangt nach Auseinandersetzung. Es braucht Aufmerksamkeit. Es braucht Zeit. Und: Es ist da. Ich sehe bei einigen Leuten eine Art Mutterkomplex der SRG gegenüber: Man ist wütend auf sie, weil sie da ist. Wie unsere Gesellschaft historisch halt auch auf die Mütter wütend ist, weil sie nunmal jene sind, die da geblieben sind.»
Wie in jeder Beziehungskrise brauche es Beziehungsarbeit. Von beiden Seiten.
