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Die Quoten-Sprengerinnen

Luzia Zollinger, Nina Schärrer, Linda De Ventura und Isabelle Lüthi (von links) engagieren sich für mehr Frauen in der Politik. Foto: Robin Kohler

Luzia Zollinger, Nina Schärrer, Linda De Ventura und Isabelle Lüthi (von links) engagieren sich für mehr Frauen in der Politik. Foto: Robin Kohler

Frauen sind in politischen Ämtern chronisch untervertreten. Seit zwei Jahren setzt sich ein Schaffhauser Verein dafür ein, dies zu ändern.

Im Kanton Schaffhausen sind sieben von elf Parteipräsidien in Frauenhand. Eine Quote mit Ansage. Wenn sogar die Chefin eine Frau ist, beweist das doch, dass es um die Gleichstellung der Frauen in der Schaffhauser Politiklandschaft besser steht als anderswo. Also alles gut? Nein, sagt FDP-Kantonsrätin Nina Schärrer. Die Erklärung sei eine andere: «Das Amt bedeutet viel Arbeit für wenig Lohn.» Es ist also bestimmt kein Ausdruck von Feminismus, wenn Frauen den Posten mit der härtesten Arbeit übernehmen. Bloss weil eine Frau zuvorderst ist, stimmt nicht automatisch die Quote. Seit zwei Jahren setzt Schärrer sich deshalb für mehr Frauen in politischen Ämtern ein. Und sie ist nicht allein

Rückblick: Eine Turnhalle in Schaffhausen, im Januar vor zwei Jahren. Mitten im Gewusel ihrer turnenden Kinder diskutieren Nina Schärrer und Kantonsrätin Linda De Ventura (SP) die Frauenquote in der Schaffhauser Politlandschaft. Sie sind sich einig: Alle beklagen sich, dass es zu wenig Frauen in der Politik gebe, aber niemand setzt sich dafür ein, dies wirklich zu ändern. Das durfte nicht so bleiben. 2024 war Wahljahr, und den beiden Frauen war klar: Sie mussten sofort loslegen.

Kater nach der Party?

Nicht einmal einen Monat später trafen sich unter dem Titel «Frau macht Politik» Schaffhauserinnen jeder Couleur auf einem Podium. Sie sprachen über ihren politischen Alltag und darüber, warum die Frauen in der Politik fehlen. Es war der Auftakt eines Engagements, das noch im gleichen Jahr für Wirbel in der kantonalen Politik sorgen sollte. Der Name «Frau macht Politik» blieb Programm: Die Vereinsgründung zusammen mit Stadträtin Katrin Bernath (GLP), Kantonsrätin Deborah Isliker (SVP) und Luzia Zollinger (GLP) folgte einen Monat später, bald darauf eine grosse Plakatkampagne, Social-Media-Präsenz und Strassenaktionen im Vorfeld der kantonalen Erneuerungswahlen. Das Ziel: mehr Frauen zu politischen Ämtern verhelfen.

In den darauffolgenden Wahlen zogen acht Frauen zusätzlich in den Kantonsrat ein, im Grossen Stadtrat erhöhte sich die Frauenquote um 50 Prozent. Den erfolgreichen Wahlherbst feierte «Frau macht Politik» auf allen Kanälen.

Obwohl sich der Verein das Schlagwort «Sichtbarkeit» gross auf die Fahne geschrieben hatte, ist es danach ruhig geworden um ihn. Letztes Jahr gab es eine einzige öffentliche Veranstaltung: die Mitgliederversammlung mit anschliessender Stadtführung. Dieses Jahr stehen neben dem Podium zur Individualbesteuerung nur die jährliche Mitgliederversammlung sowie ein Besuch im Bundeshaus auf der Agenda. Ist die Euphorie schon wieder verflogen?

«Wir sind ein Verein, der arbeitet»

Wir treffen Nina Schärrer, Linda De Ventura, Luzia Zollinger und Kantonsrätin Isabelle Lüthi (SP) am Montag dieser Woche. Am Tag darauf werden auf dem vom Verein organisierten Podium zur Individualbesteuerung die Ständerätinnen Eva Herzog und Esther Friedli zusammen mit ihren Kollegen Hannes Germann und Severin Brüngger über die Abstimmungsvorlage debattieren.

Auf den Wahlerfolg 2024 angesprochen, sagt Nina Schärrer: Man müsse verstehen, dass diese gewählten Frauen ja schon da waren. «Sie kamen nicht plötzlich aus dem Nichts.» Der Verein habe aber sichtbar machen können, wie untervertreten die Frauen in politischen Ämtern waren (und noch sind). «Wir kommunizierten diesen Missstand», sagt Schärrer. «Die Leute begriffen, dass Schaffhausen eine der niedrigsten Frauenquoten aller Kantonsparlamente hatte.» Das schien zu wirken: Wähler:innen haben die Wahllisten bewusst bearbeitet, anstatt sie unverändert in die Urne zu legen, also zum Beispiel mit der Möglichkeit des Panaschierens einer Frau zu einer weiteren Stimme verholfen.

Der Grund für die spärlich gefüllte Agenda sei ein anderer, sagt der Vorstand des Vereins. Dessen Mitglieder bleiben vom Dilemma vieler politisch aktiver Menschen nicht verschont: der fehlenden Zeit. «Auch wir müssen priorisieren», sagt Schärrer. Die Zeit ist nur ein Aspekt der Analyse, warum es weniger Frauen gibt in den Parteien. Diese fällt im Vorstand unterschiedlich aus:

Nina Schärrer: Frauen trauen sich häufig zu wenig zu. Sie glauben, schon alles können und wissen zu müssen, bevor sie sich engagieren. Männer folgen eher dem Ansatz: Das klingt spannend, das werde ich schon hinkriegen. Frauen brauchen mehr Überzeugungsarbeit von aussen, mehr Stimmen, die sie motivieren. Bei Männern reicht es oft zu sagen: Hey, wir suchen noch jemanden – und sie fühlen sich direkt angesprochen. Die Hürde ist grösser, weil Frauen sich die Hürde selber höher legen.

Linda De Ventura: Das ist nur ein Teil der Erklärung. Frauen stellen hohe Erwartungen an sich selbst, ja. Viele Parteien begreifen aber nicht, dass man nicht erst ein Jahr vor den Wahlen anfangen kann, Kandidatinnen zu finden. Lange haben die Parteien diese Verantwortung nicht wahrgenommen und sich zu wenig Zeit genommen, um Frauen zu rekrutieren. Dazu kommen strukturelle Hindernisse, die das Mitwirken von Frauen erschweren. Wenn man neben Job und Familie noch Politik machen will, ist das nicht nur eine Doppel-, sondern eine Dreifachbelastung. Politik findet oft an den Abenden statt. Heute müssen vermehrt auch jüngere Männer diese Balance finden, wo ältere Politiker noch von den «alten» Familienstrukturen profitierten. Man muss seine Zeit gut einteilen, wenn man «richtig» Politik machen will. 

Isabelle Lüthi: Und es ist sehr oft auch eine finanzielle Frage. Lohneinbussen oder Entschädigung für politisches Engagement: Kann ich mir das leisten? Für Frauen, die tendenziell weniger Geld zur Verfügung haben, ist das ein grosser Punkt. Er kann sie davon abhalten, ein politisches Amt anzustreben.

Es geht alle etwas an

Im Gespräch wird immer wieder spürbar, dass die Frauen nicht durchgehend gleicher Meinung sind. Letztlich gehe es aber darum, gemeinsam etwas zu erreichen, ergänzt Deborah Isliker am nächsten Tag am Podium. «Wir alle stecken dafür unsere persönliche Meinung halt etwas zurück.» Die Vorstandsmitglieder lassen sich daher nicht auf ideologische Debatten ein, nicht gegen aussen, aber eben auch nicht intern. «Wir würden unseren Zweck aus den Augen verlieren und Leute irritieren, die unser Ziel, mehr Frauen in die Politik zu bringen, eigentlich teilen», sagt Luzia Zollinger. Darüber hinaus geht es dem Verein darum, den Frauen zu zeigen, was es eigentlich an Möglichkeiten gäbe, sich politisch zu engagieren.

Die Resonanz auf den Erfolg des noch jungen Vereins fällt unterschiedlich aus. Obwohl der Verein sich neutral definiert, sich dezidiert politisch unabhängig gibt und in der Regel keine Parolen fasst, müssen vor allem De Ventura und Isliker ihn immer wieder vor den eigenen Parteimitgliedern verteidigen. Ihr gegenüber sei zwar noch nie direkt Kritik geäussert worden, sagt Schärrer, von rechter Seite werde aber gerne mal der Nutzen des Vereins infrage gestellt.

Auf linker Seite, die sich ebenfalls dafür einsetzt, Frauen politisch zu fördern, zeige man sich zwar wohlwollend gegenüber dem Ziel von «Frau macht Politik», so De Ventura. Es gibt aber bereits viele Gefässe wie zum Beispiel die SP Frauen oder den Frauenstammtisch. Das Interesse an einem parteiübergreifenden Austausch sei auf linker Seite deshalb nicht so gross. «Aber auch wir als Verein profitieren, wenn wir nicht mehr alleine dafür verantwortlich sind, die Frauenquote zu steigern.» Oft werde das Thema aber zu Unrecht als ausschliesslich linkes Anliegen angesehen.

Und nicht zuletzt – als parteiübergreifendes Phänomen – fühlten sich die Männer angegriffen. Für acht gewählte Frauen stehen faktisch acht nicht gewählte Männer. Es gibt deshalb Stimmen, die sagen, jede Frau müsse sich ihren Platz selbst erkämpfen. Und kritisieren einen Verein, der «moralische Botschaften» verbreitet – also auf die Relevanz von Frauenförderung aufmerksam macht.

Und dann hört man noch, dass gewisse Vertreterinnen den Verein als Plattform nutzen, um ihre eigene Karriere voranzutreiben, um sich Sichtbarkeit zu verschaffen – also genau das erreichen wollen, wofür sich der Verein einsetzt. Es ist doch höchst ironisch, dass ein Verein, der sich für die Sichtbarkeit von Frauen einsetzt, dafür kritisiert wird, dass diese Frauen dann auch tatsächlich sichtbar werden.

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