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«Ich gebe auf»

Der Physiker Harald Jenny beim Hinkelstein des Widerstands gegen ein Tiefenlager in Marthalen. Bild: Robin Kohler

Zwei Jahrzehnte­ kämpfte Harald Jenny gegen ein Tiefenlager für Atommüll. Nun ist er an seine Grenzen gekommen – und zieht die Handbremse

Am 19. Januar erhalten die Redaktionen der Region eine Medienmitteilung des Unabhängigen Schweizer Begleitgremiums Tiefenlager (USBT). Das Gremium ist ein Zusammenschluss aus Wissenschaftler:innen und Laien, die sich seit Jahren kritisch mit den Plänen des Bundes für ein Tiefenlager für radioaktive Abfälle auseinandersetzen. Kopf und Herz der Organisation ist der Physiker Harald Jenny. Der Baselbieter lebte über zwanzig Jahre in Gächlingen und war in seinem Leben schon vieles: Technischer Leiter bei Alusuisse in Neuhausen, Präsident der Industrie-Vereinigung Schaffhausen (IVS), der FDP Schaffhausen und der Offiziersgesellschaft Schaffhausen. Und fragt man die ehemalige Schaffhauser SP-Nationalrätin Martina Munz, ist er auch einer der profiliertesten Kritiker der Nationalen Genossenschaft für die Lagerung radioaktiver Abfälle, kurz Nagra. 

In der Medienmitteilung von Mitte Januar verkündet Jenny nun, dass er seine ehrenamtliche Arbeit im USBT niederlegt. Wir treffen ihn in Marthalen, dem ehemaligen Zentrum des Widerstands gegen ein Tiefenlager im Zürcher Weinland.

Herr Jenny, geben Sie auf?

Natürlich müssen Sie das, was ich gerade tue, so verstehen. Das muss man nicht schönreden. 

Wieso geben Sie gerade jetzt auf?

Schauen Sie sich an, was in nächster Zeit ansteht. Wir haben das Rahmenbewilligungsgesuch der Nagra in gedruckter Form angefordert und zwei grosse Kartonschachteln mit über 5000 Seiten erhalten. Und das waren nur die Teile des Gesuchs, die wir als wichtig eingestuft haben. Der Intellekt dafür, sich da durchzuarbeiten, ist vorhanden. Aber wer hat die Zeit?

Bis soeben: Sie. Was hat sich geändert?

Die Nagra spielt ein Powerplay. Ausserdem dürfen meine Frau und ich für sechs Grosskinder dasein. Und die warten. 

Sie sind Physiker, Unternehmer, ehemaliger Präsident der Schaffhauser FDP und der IVS. In der Armee haben Sie den Rang eines Majors. Wie wird einer wie Sie ein Atomkraft-Gegner?

Aus dem Studium der wissenschaftlichen Erkenntnisse. Aber ich möchte präzisieren: Wir sprechen hier nicht über Atomenergie, sondern über das, was man mit den radioaktiven Abfällen anstellt. Die Schweiz möchte sie in einem Tiefenlager vergraben und vergessen. Das ist aus wissenschaftlicher Sicht aber nicht möglich: In ihrem Gesuch schreibt die Nagra selbst, dass das Tiefenlager nach 10 000 Jahren nicht mehr dicht ist. Und so stellt sich die  Frage, ob wir den nächsten Generationen wirklich ein solches Vermächtnis überlassen wollen. Die ethische Antwort darauf ist Nein. Ich kann mit Leuten zusammenarbeiten, die eine Zukunft mit oder ohne Atomkraftwerke wollen – was uns verbindet, ist ein Nein zum Tiefenlager.

Trotzdem: Wie halten Sie es mit der Atomenergie?

(denkt nach) Meine älteste Tochter war etwa drei Monate alt, als Tschernobyl in die Luft flog. Dann folgte Fukushima und heute muss im ukrainischen Saporischschja immer wieder der Strom abgestellt werden. Ich bin mir bewusst, wie gefährlich die Technologie ist. Wenn das Atomkraftwerk in Saporischschja, das grösste in Europa, in die Luft fliegt… das darf einfach nicht passieren. 

Wie wohl fühlen Sie sich noch in der FDP? 

Ich fühle mich tiptop, ich sitze im Vorstand der FDP Nesslau. Das Freiheitliche, das Unternehmerische, das entspricht mir. Der Umweltflügel des Freisinns, zu dem ich Sie zählen würde, ist in den vergangenen Jahren arg zusammengestutzt worden.

Ihre Partei unterstützt den indirekten Gegenvorschlag zur Blackout-Initiative, welcher den Bau neuer AKW künftig wieder ermöglichen würde. 

Keine Partei ist perfekt. Und ich bin der Überzeugung, dass es die GLP heute nicht gäbe, wenn die FDP ökologischer gewesen wäre. Aber es gibt auch das ungeschriebene Gesetz, dass man öffentlich lieber still ist, wenn man anderer Meinung ist als die eigene Partei.

Physiker Harald Jenny im Gasthof Rössli in Marthalen. Bild: Robin Kohler

Wie sind Sie zur Überzeugung gelangt, dass ein Tiefenlager nicht sicher ist? 

Ich hatte mich vor über 20 Jahren bei der Nagra gemeldet, nachdem ich mich mit meinem Beratungsunternehmen selbstständig gemacht hatte. Der Umgang mit radioaktiven Abfällen ist technisch anspruchsvoll und lag in meinem Fachgebiet. Für die Nagra knüpfte ich damals Kontakte zu Gemeindepräsidenten in der Region Schaffhausen, die als möglicher Standort für ein Endlager von radioaktiven Abfällen in Frage kam. Dann kam der Südranden als Option dazu. Der ehemalige Neuhauser Gemeindepräsident Stephan Rawyler fragte mich an, ob ich in der Leitungsgruppe der Regionalkonferenz Südranden mitarbeiten wollte. Das waren meine ersten Schritte im Themengebiet.  

Wie führten diese Schritte in den Widerstand? 

Nachdem die Regionalkonferenz Südranden aufgelöst wurde, arbeitete ich in jener von Zürich-Nord-Ost weiter, als technische Unterstützung. Das war eine wertvolle Zeit: Wir hatten die finanziellen Mittel vom Bund und direkten Zugang zu den Informationen der Nagra. Und unsere Regionalkonferenz äusserte sich relativ kritisch zu den Plänen eines Tiefenlagers. Wir luden auch Ärzte zu Vorträgen ein, die über die Gefahren radioaktiver Strahlung sprechen sollten. Das gefiel dem Bundesamt für Energie (BfE) überhaupt nicht, die hätten es lieber gehabt, wenn wir alles abgenickt hätten. Die Nagra beruft sich bis heute darauf, mit ihren Plänen würde man die Grenzwerte für radioaktive Strahlung einhalten. Aber auch nur kleinste Mengen an Radioaktivität sind sehr gefährlich! 

Sie schweifen ab. Sie arbeiteten also in der Regionalkonferenz Zürich-Nord-Ost weiter…

… und trotz unserer Arbeit waren wir überzeugt, dass die Nagra sich am Schluss für den Standort im Weinland entscheiden würde. Ich  werde es nie vergessen, als es 2022 anders kam: Wir waren im Feuerwehrmagazin hier in Mar-thalen versammelt, als die Vertreter des BfE uns eröffneten, dass die Nagra sich für den Standort Nördlich Lägern entschieden hatte. Das hat einiges verändert.

Was hat sich verändert?

Die Regionalkonferenz Zürich-Nordost wurde aufgelöst. Dass das BfE mich in der Folge nicht in der Regionalgruppe Nördlich Lägern dabei haben wollte, wird Sie kaum erstaunen. Seither arbeitete ich ehrenamtlich im USBT.

Sie bekämpfen die Option Tiefenlager. Wo soll unser Atommüll sonst hin?

Es gibt verschiedene Alternativen. Wir könnten mit anderen Ländern eine internationale Lösung suchen. Finnland zum Beispiel will seine radioaktiven Abfälle in Granit lagern, das ist viel sicherer ist als die Lagerung im Opalinus-Ton, den die Nagra anpeilt. Dann gibt es vielversprechende Ansätze, wie man radioaktiven Abfall bestrahlen kann, damit er weniger gefährlich ist. 
Und wir haben mit dem Paul-Scherrer-Institut und dem Cern Topleute im Land. Wieso nehmen wir nicht einen Teil der Milliarden Franken, die in ein Tiefenlager fliessen sollen, und investieren sie in die Forschung einer wirklich sicheren Alternative? Das ist mein Vorwurf an die Nagra: Sie befindet sich in einer Sackgasse und anstatt umzukehren, will sie dort ein Loch bohren und radioaktiven Abfall verbuddeln.

Wir sprechen hier aber von gewaltigen Zeiträumen. Ihre ganze Kritik am Tiefenlager basiert auf der Annahme, dass in 10 000 Jahren ein wenig Radioaktivität aus der Erde austritt. Zum Vergleich: Die Pyramiden wurden vor rund 4500 Jahren errichtet.

Den Weg, den wir heute gehen, ist der Weg der Einfachheit. Die Nagra und die Energiebranche wollen den Abfall vergraben, vergessen und dann neue AKW bauen. Ich frage Sie zurück: Würden Sie zustimmen, wenn Sie heute mit Sicherheit wüssten, dass das Material irgendwann an die Oberfläche tritt?

Wahrscheinlich nicht, nein.

Stellen Sie sich vor, wenn heute aus den Pyramiden radioaktiver Abfall austreten würde. Wir würden uns fragen: Was haben die uns bloss hinterlassen? Und in unserem Fall wird niemand später sagen können, wir hätten es nicht gewusst: Es steht in den Daten!

Jetzt klingen Sie doch wieder wie ein Mann auf Mission.

Ich bin auch immer noch auf Mission. Ich habe nach drei Jahren Freiwilligkeit nur realisiert: So geht das nicht weiter. 

Sie sind auch ein Getriebener: Die FDP Schaffhausen übernahmen Sie kurz nachdem ihre Partei mit der Wahl von Thomas Minder in den Ständerat die grösste Niederlage erlitt. Und in Ihrer Wahlheimat Toggenburg versuchen Sie mit einer Facebook-Gruppe und Protestwanderungen, zwei verfeindete Bergbahnenbetreiber zu versöhnen. Woher kommt diese Überzeugung, dass Sie der Richtige für brenzlige Situationen sind?

(denkt lange nach) Eigentlich habe ich diese Dinge nicht gesucht, sie sind zu mir gekommen. Die Ausnahme ist mein Widerstand gegen das Tiefenlager, das habe ich aktiv gesucht. Ich halte es mit Christoph Blocher: Wenn man etwas tun muss, tut man es. Sein Mindset diesbezüglich gefällt mir, auch wenn ich nicht mit seinen Schlussfolgerungen einverstanden bin. 

Jetzt ziehen Sie die Handbremse. Haben Sie sich übernommen?

Ich habe mir viel, aber nicht zu viel aufgeladen. Aber ich habe realisiert, dass der Widerstand in den nächsten Jahren immer mehr Arbeit bedeuten wird. Ein mögliches Referendum kommt in vier, fünf Jahren, ein Abstimmungskampf in sechs, sieben… und ich werde nicht jünger. Ich habe weiss Gott versucht, eine Finanzierung für das USBT auf die Beine zu stellen. Aber wenn niemand dazu bereit ist, für die unabhängige Expertise zu zahlen, dann kommt der Punkt, an dem ich sagen muss: So, stopp.

Wer soll in die Bresche springen?

Das Knowhow des USBT bleibt vorhanden, aber nicht in Form von Fronarbeit. Wer unsere Expertise will, kann sie einkaufen. Das USBT wird zu einer Beratungsstelle.

Wer soll diese Expertise einkaufen?

Das wird sich zeigen müssen.

Schaffhausen ist per Kantonsverfassung weiterhin dazu verpflichtet, sich gegen ein Tiefenlager an seinen Kantonsgrenzen einzusetzen. Das trifft auch auf den Standort Nördlich Lägern zu, der für die Gemeinden Rüdlingen und Buchberg eine Belastung bedeutet. Hat sich der Kanton bei Ihnen gemeldet, seit Sie Ihre Medienmitteilung versandt haben? 

Nein, es ist erstaunlich ruhig. 

Haben Sie eine Vermutung wieso?

Die betroffenen Kantone sind aktuell damit beschäftigt, das Haar in der Suppe im Rahmenbewilligungsgesuch der Nagra zu finden. 

Und Sie sagen: Nicht das Haar ist das Problem, sondern die Suppe. 

Genau.

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