Patrick Portmann sitzt für die SP im Kantonsrat. Seine rappende Kunstfigur Sympaddyc hat gerade ein zweites Album herausgegeben und polarisiert die Schaffhauser Rapszene.
Schaffhausens Rapszene hat so etwas wie einen Anti-Thron, besetzt von einem Mann mit dunkler Topffrisur. Er ist der Antiheld schlechthin auf dem Platz: Patrick «Paddy» Portmann ist Kantonsrat und ehemaliger Co-Präsident der SP Schaffhausen. Ausserdem ist er Pflegefachmann im Altersheim und Polizeigewerkschafter. Und dann eben auch noch Rapper. Unter dem Namen Sympaddyc macht er seit ungefähr 2007 Musik. Gerade ist sein zweites Album erschienen.
Wo über den Mann mit dem Seitenscheitel und den vielen Hüten gesprochen wird, ist ein latent belustigtes Zucken der Mundwinkel selten weit. Denn einerseits macht er scheinbar ohne Scham Dinge, die einfach nicht als sehr cool gelten. Einmal hat er sich rappend für die Ständeratskandidatur der SP empfohlen. Für die Präsidentinnenfeier der letztjährigen Kantonsratspräsidentin Eva Neumann hat er mit der gesamten Fraktion einige Lines einstudiert. Andererseits ist seine offensichtlichste Eigenschaft eine, die weder zum Klischee eines Politikers noch eines Polizeigewerkschafters gehört. Und schon gar nicht zu einem Rapper: Sympaddyc ist fast schon absurd freundlich. «Für die eine zwenig Rapper für die andre zwenig Intellekt», geht eine seiner eigenen Lines.
Mit dieser Freundlichkeit, ein wenig Beharrlichkeit und einem grossen Coup hat er etwas geschafft, woran sich manch Provinz-Provokateur die Zähne ausbeisst: Sympaddyc ist kontrovers. Vielleicht ist in der Schaffhauser Rapszene keiner so umstritten wie er. Im Verlauf der Arbeit an diesem Artikel wurden Telefone abrupt beendet, Zitate zurückgezogen, und jemand warnte, ein Artikel über Sympaddyc sei bloss Öl ins Feuer gegossen.
Das isch mini Stadt
Sympaddyc kommt in einer Lacoste-Trainerjacke und nervös zum Gespräch mit der AZ. In der medialen Öffentlichkeit steht er vorrangig als Politiker, die Aufmerksamkeit als Musiker sei er sich weniger gewohnt. Am sehr frühen Morgen hatte er aus der Nachtschicht-Pause heraus eine Liste mit einer Auswahl seiner Songs geschickt. Sie bilden verschiedene Teile seines Schaffens ab. Darunter ist eine Aufnahme von Sympaddyc mit Kindern auf einer Bühne – er gibt Kurse an Schulen. Da ist der Track «Mini Stadt» über Schaffhausen: «Mini Freud, mini Liebi, mini Wort, min Dialekt, mini City, beschte Ort. Das isch mini Stadt, das isch mini Stadt». Ein andermal ist «Alles verbi». Darauf besingt er eine Trennung so, dass man das Gefühl bekommt, er habe sich vor dem Texten in die Prävention von geschlechtsspezifischer Gewalt eingelesen. In Sympaddycs etwas holprigen Reimen gibts keinen Stress mit Queens und Bitches, sondern facettenreiche weibliche Persönlichkeiten, die sich von ihm getrennt haben, was ihn traurig macht: «Du hesch dich glöst vo mir, du gahsch din eigne Weg, ich bi nöd bös uf dich, nur fallt de Abschied schwer».
Es gibt ein einziges Kriterium, das darüber entscheidet, ob der Feminismus von linken Soft-Boys zu süsser Zuckerguss über einen bitteren Kuchen ist oder vielleicht doch ein zaghafter Hoffnungsschimmer: Authentizität. Von den Personen, mit denen die AZ für diesen Text gesprochen hat, haben mehrere gesagt, dass Sympaddyc als Rapper manchmal nicht ernstgenommen wird. Aber niemand hat ihm unterstellt, nicht authentisch zu sein. Wahrscheinlich darf man ihm glauben wenn er sagt: «Toxische Männlichkeit hat mich schon immer abgeschreckt. So recht konnte ich diesem Männerbild nie entsprechen. Die Schule war nicht nur einfach für mich.» Elmar Oettli alias Sherpa stammt wie Portmann aus Beringen, er war in der Sek eine Klasse über ihm und weiss deshalb: «Er war schon als Schüler so extrem aufrichtig und freundlich. Den konnte man ins Gesicht beleidigen und er blieb trotzdem nett. Heute schätze ich das, damals fanden wir das natürlich gespenstisch.»
Provinz-Rap ist ein seltsames Hobby für einen Teenie, der schon für die Provinz-Sek zu zart ist. «Aber es war nun mal der Rap, in den ich mich verliebte. Und ein wenig wollte ich mich auch aus Prinzip nicht abschrecken lassen.»
So wie er es selbst erzählt, waren es auch nicht die anderen Jungs, die ihn zum Rap brachten, sondern die jungen Frauen in der Pflege-Berufsschule. Sie hätten ihn zu Konzerten mitgeschleppt, sagt er. Er begann, mit einem Freund zuhause über alte Kassetten zu trällern. Der Freund hörte bald wieder auf, Portmann machte weiter.
Für ein Jahrzehnt war er einfach ein nicht sehr norm-cooler Typ, der ausserhalb der Codes der Szene rappte. Stress gibts erst, wenn sich einer wie er einmischt.
Sympaddyc und der SHypher
Im Dezember letzten Jahres trat diese Schaffhauser Rap-Szene so auf, wie sie eigentlich nicht ist: Geeint. Aus «Liebe zu Hip-Hop und um den Rest der Schweiz auf die Schaffhauser Szene aufmerksam zu machen», trommelte Raphael De Quervain, Künstlername DuZo, alle Namen zusammen, die ihm in den Sinn kamen. Über 40 Rapper:innen aus dem Kanton haben eine Sequenz zum SHypher beigesteuert. Herausgekommen sind 19 Minuten mit etwas vielen Referenzen an «Bloss e chlini Stadt» – vor allem aber sind sie ein zugängliches Schaufenster für diesen Teil der Kultur des Kantons und eine organisatorische Meisterleistung. Sogar Sulaya reiht sich zum Schluss noch ein.
Den Teil Sympaddycs kann man sich in Minute 16 zu Gemüte führen. «Hend meh Street Credibility als s SRF» rappt er, eine Referenz daran, dass sich ein Teil der Schaffhauser Rapper:innen vom Cypher-Team des SRF übergangen fühlt. Dass Sympaddyc wiederum am SHypher vertreten ist, ist allerdings auch keine Selbstverständlichkeit.
Die Acts, die zum Track beigetragen haben, wurden in Gruppen eingeteilt, die gemeinsam filmten. Während einer rappt, posen die anderen dieser Gruppe im Hintergrund. Sympaddyc in einer davon unterzubringen, sei nicht einfach gewesen, sagt Organisator DuZo. Einerseits weil Sympaddycs Terminkalender voll gewesen sei und ihm nicht alles gepasst habe. Aber auch deswegen, weil sich manche geziert hätten, in einer Gruppe mit ihm zu arbeiten, sagt DuZo.
Sympaddyc selbst weiss auch, dass es in der Szene Vorurteile gegen ihn gibt. «Ich habe mich sehr gefreut, dass ich an den SHypher eingeladen worden bin. Für mich ist es ein Zeichen, dass ich wieder akzeptierter bin.»
Denn es hat Zeiten gegeben, da ist er auf offener Strasse so angefeindet worden, dass er damit irgendwann zur Polizei gegangen sei.
Megan not amused
Das kam so: 2018 hätten Kollegah und Farid Bang in der BBC-Arena auftreten sollen. Kurz davor hatten die zwei Rapper einen Eklat ausgelöst, weil sie in Deutschland einen Echo-Award bekommen hatten, trotz antisemitischer und sexistischer Texte. Paddy Portmann stand mit Anna Rosenwasser und Isabelle Lüthi an der Spitze des Widerstandes gegen das Schaffhauser Konzert. Sie waren erfolgreich, Medien in der ganzen Schweiz berichteten über die Absage – doch ein Teil der Schaffhauser Rapper war not amused. Das habe ein Ausmass angenommen, das es für ihn «wirklich unangenehm» geworden sei, sagt Sympaddyc. «Heute merke ich nicht mehr viel davon, offen geht mich niemand mehr an.»
DuZo will nicht verraten, welche Leute auch heute nicht in einem Videoframe mit Sympaddyc erscheinen wollen. Aber im Jahr nach der Konzertabsage hatte sich die damals grösste Nachwuchshoffnung des Platzes Schaffhausen offen gegen Sympaddyc gestellt: Max Blattner (damals Albrecht) alias Megan rappte in «Veilchen» darüber, wie Sympaddyc Konzerte verhindere statt selbst aufzutreten, «du willst kredibil sein, erzähl das deinem Wahlkreis». Und er disste ihn, weil er Fans sowohl im Altersheim als auch in der Grundschule hat. Er und Sympaddyc seien vor Jahren als Rapper aneinandergeraten, sagt Megan heute. Aber er wolle nicht mehr auf ihm herumhacken. Telefoniert man etwas weiter, bekommt man kleine Fingerzeige, wo der Hate sonst ungefähr zu finden sein könnte. Aber dazu später mehr. Auf Veilchen hatte Megan Sympaddyc nicht nur persönlich angegangen, sondern auch gerappt, «keine Line ist klar, versteht ihr da ein Wort?».
Über die musikalische Qualität Sympaddycs sagen auch Personen, die ihm wohlgesonnen sind, auffällig oft Sachen wie: Man wolle sich «kein Urteil erlauben». Eine enger Freund Sympaddycs wird deutlicher.
Der C-Real-Faktor
In einem Jungschi-Lager – Portmann ist religiös aufgewachsen und ist es bis heute – ergatterte er über Umwege den MSN-Kontakt eines Mannes, der als Musiker in Schaffhausen weitherum geschätzt wird und der schon einige Jahre vor Portmann den Rap für sich entdeckt hatte: Cyrille Huber alias C-Real. Er war es, der ihm den Künstlernamen Sympaddyc verpasst hat, so mindestens erzählt es Sympaddyc. Cyrille Huber hingegen sagt, er könne sich nicht mehr genau erinnern, wie sie sich kennengelernt hätten. Er weiss aber noch, dass er sich für etwas Besseres hielt als der Anfänger aus Beringen: «Früher habe ich manchmal etwas zu viel von mir selbst gehalten. Ich habe auch erst lernen müssen, mich auf Paddy einzulassen und ihn so zu respektieren, wie er ist.» Dass er das gelernt habe, liege daran, dass Paddy einfach immer wieder auf ihn zugekommen sei «und mich auf seine Projekte gezogen hat». Mittlerweile sehe er grosse Stärken: «Paddy hat ein gutes Feeling für ein breites Publikum, er kann Menschen musikalisch ansprechen. Da konnte ich von ihm lernen. Seine Texte dürften für mich hingegen etwas ausgeklügelter sein», sagt C-Real. Sympaddyc habe ihn nicht nur als Musiker, sondern auch als Mensch überzeugt: «Ich habe mich auch mit ihm angefreundet, als ich gemerkt habe, dass sein politisches Engagement Hand und Fuss hat.» Gehe es um Politik, sei Sympaddyc für ihn ein Leitstern.

Dass Sympaddyc eng mit C-Real zusammenarbeitet (aktuell wohnen sie sogar zusammen), gibt ihm musikalische Glaubwürdigkeit, sagen mehrere Szenekenner. Es ist so etwas wie ein Gütesiegel. «Musikalisch können wir alle noch was von C-Real lernen» sagt zum Beispiel Sherpa. «Sympaddyc profitiert wohl von diesem Fachwissen und von diesem Respekt.»
Sympaddyc sagt, er wisse selbst, dass er nicht der beste Rapper sei. Musik ist ihm wichtig, um das neue Album zu finanzieren, habe er in die Nachtschicht gewechselt. Aber wenn er wählen muss, gehen seine anderen Aufgaben vor. Er ist Politiker, bevor er Rapper ist. Das zeigt sich vielleicht auch daran, dass ihn der Kommentar eines SVP-Mannes mehr stört als solche aus der Szene. Der Kantonsrat Pentti Aellig hat seine Frisur unlängst mit jener Kim Jong-Uns verglichen. Sympaddyc findets nicht lustig: «Ich habe kreisrunden Haarausfall und schneide meine Haare so, um kahle Stellen etwas zu kaschieren». Einen äusserlichen Vergleich mit einem der schlimmsten Diktatoren weltweit sei «völlig unangebracht» und toxisch männliches Bodyshaming.
Vielleicht ist eine Art, sich toxischer Männlichkeit zu entziehen, sein eigenes Können realistisch und unaufgeregt einzuschätzen. «Ich bin nicht wie C-Real, der erstens einfach dieses krasse Talent hat und ausserdem auch seine ganze Freizeit in die Musik investiert. Ich bin viel schneller als er auch mal zufrieden mit einem Track.» Er profitiere enorm von der Zusammenarbeit.
C-Real wiederum sagt, er habe das Gefühl, nach dem Farid-Bang-Kollegah-Zerwürfnis versöhnend auf Sympaddyc und die Szene eingewirkt zu haben. Dass Sympaddyc damit bis heute polarisiere: «Das ist ein Erfolg. Ich finds auch einfach geil, dass er mit der Aktion Leute gezwungen hat, mal Stellung zu nehmen. Und falls das für manche wirklich heute noch ein Thema ist, finde ich diese Typen scheisse.»
Santa sagt nichts
Hört man sich aber noch etwas weiter um, zeigen manche nach Neuhausen und nach Stein am Rhein. Dort dominiert die Crew SAR, in der zum Beispiel Santino Gaido alias Santa das Drachentöten besingt.
Santa scheint sich nicht besonders zu freuen, als die AZ anruft: Ein schlechter Mensch sei Sympaddyc nicht. Die Frage, ob er trotzdem noch immer Stimmung gegen ihn mache, beantwortet er nicht, jetzt sei mal langsam gut mit den Fragen, sagt er und hängt auf. Zwei Rapper aus Neuhausen sind für die AZ vor Redaktionsschluss nicht erreichbar.
So recht will heute niemand mehr etwas von dem Beef wissen, ganz vergessen scheint er trotzdem nicht. «Die Szene gönnt nicht», sagt DuZo. «Ein Teil davon ist ein undankbarer Haufen», der ausserdem zersplittert sei: «Es gibt die Friedlicheren, die Agressiveren, die Old Schooler und und und. Manche haben halt einfach diese Angst, man klaue ihnen die Gonfi vom Brot.» Sherpa siehts etwas positiver. Er habe das Gefühl, die hitzigen Gemüter beruhigten sich langsam – dieses Jahr jährt sich die Konzert-Absage zum 8. Mal. Zudem sei ein Generationenwechsel im Gang.
Felix Frey von den neuen Stadtschaffhauser Lokalmatadoren DMS Boyz ist zum Beispiel so jung, dass er keine eigenen Erinnerungen an die Farid Bang/Kollegah-Episode hat. Er habe von diesem Beef gehört, grundsätzlich gelte für ihn: «Ich will eh nicht von irgendeinem Tubel Musik hören.» Er kenne die Hip-Hop-Szene nicht gut, sagt Frey, er hätte beim SHypher das erste Mal einen grösseren Berührungspunkt mit ihr gehabt und dabei auch das erste Mal mit Sympaddyc zu tun gehabt. «Er war der mit Abstand Sympathischste aus dem Haufen, ich fand seinen Part auch deshalb fucking fresh, weil er fucking sympathisch war.»
Nicht verstecken
Vielleicht war Sympaddyc seiner Szene auch einfach voraus. Beim Kaffee im Reber gefragt, ob es ihn störe, wenn er belächelt werde, nimmt Patrick Portmann die Hände vor die Brust und überlegt kurz. «Naja», sagt er, «ich finde, verstecken muss ich mich unter den Schaffhauser Rapper:innen nicht.» Er sei stolz auf die Songs, die ins Programm von Radio Top aufgenommen worden seien, die respektable Anzahl Videoaufrufe auf Youtube, die vielen Auftritte in der Region, und darauf, dass «Mini Stadt» lange das Stadionlied beim FC Schaffhausen war. «So viel erfolgreicher waren die anderen Rapper bis jetzt auch nicht.» Später wird er fragen, ob er mit dieser Antwort wohl zu hart ausgeteilt habe.
Aber was will der Mann mit dem sozialen Gewissen eigentlich von dieser Rap-Szene, an der er so viel zu kritisieren hat – und sie an ihm? «Ich will gar nicht um jeden Preis Teil der Szene sein und bin es auch nur bedingt. Was ich will, ist meine Musik machen», so Portmann. «Und mir das nicht ausreden lassen von Menschen, die sagen, ich gehöre hier nicht hin, die sagen, dass Rap nur Personen mit einer bestimmten Attitüde gehöre. Vielleicht macht es meine Präsenz auch anderen wiederum einfacher, sich etwas zu trauen.»
Auf dem SHypher-Track rappen zwei Frauen. Eine von ihnen ist Fabienne W. alias Aline. Sie bestätigt das: «Es ist ein Statement und es kann Frauen ermutigen, wenn sie sehen, dass es in dieser Szene nicht nur Platz für harte Typen hat.»
Als sich Portmann zurück in seiner WG fürs Foto an einen Text setzten soll, legt er im Hintergrund einen Beat auf. Der Authentizität wegen, sagt er, sonst fühle sich das komisch an. «Ich bin nicht gut vor der Kamera, das sagen mir auch Videographer immer wieder.» Im Hintergrund läuft ein C-Real-Beat, Sympaddyc rappt leise mit, während er abgelichtet wird, über die Schultern schaut ihm ein Plüschkamel.
Wie so oft bei Antihelden ist es mit Sympaddyc so: Nur wer sich nicht darum schert, cool zu sein, ist am Ende frei. Und dann vielleicht doch wieder sehr cool.
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