In New York arbeitete GMD Three an Grossprojekten, dann spülte es ihn in die Kleinstadt zurück.
Jetzt wird ihm eben diese Stadt zu eng. Eine Begegnung.
Ein unscheinbarer Magnet an der Aludose hält die Kugel in Schach, damit nichts klimpert, wenn spätnachts Stadtmauern, Hauswände oder Autobahnschilder als Bildträger herhalten. Lärm macht dem Sprayer die meisten Probleme. Lärm und das Zwielicht, in dem die Farben zu einheitlichem Grau verblassen. Auch das hat der Sprayer bedacht: eine selbstgemachte Blindenschrift, kleine Klötzchen, die er ertastet. Viel Energie fliesst in sein Ziel: nicht von den Uniformierten entdeckt zu werden.
Graffiti ist eine genauso öffentlichkeitswirksame wie vergängliche Kunstform: Kaum ist die Farbe an der Hauswand angetrocknet, tritt schon der nächste Sprayer auf den Plan. «Das Sprayen lebt davon, dass die Leute das praktizieren, und es ist auch ein Weg, sich innerhalb der Szene auszutauschen», erklärt GMD Three. «Wie bei einem Hund, der sein Revier markiert und so die Infos an die anderen Hunde weitergibt – das sind die Tags.»
GMD selbst ist längst aus dem Schatten getreten. Und er hat seine Tricks verraten. Der Reiz, illegal zu malen, ist nicht mehr da, wie er sagt. Heute arbeitet er als Fotograf, Cinematograph und Gestalter von Stage Visuals. Und kann auf Projekte mit Beyoncé, Taylor Swift oder den Fantastischen Vier zurückblicken.
GMD gehörte zu den ersten, die den kontemporären, «amerikanischen» Stil des Sprayens nach Schaffhausen brachten. «Eigentlich war ich kein schwieriger Teenie, würde ich sagen. Ich rauche bis heute nicht, trinke nicht, nehme keine Drogen.» Nicht einmal Kaffee, erzählt uns seine Ehefrau Anne später, trinke der Künstler. «Mein Laster war das Sprayen, weil das die einzige Plattform für mich war, auf der ich mich kreativ ausdrücken konnte – auch wenn das oft die legale Grenze überschritten hat.»
Die Karriere von GMD hat in den Jahrzehnten, seit er als Teenager mit der Spraydose durch die Nächte Schaffhausens zog, sogar einen eigenen IMDb-Eintrag nach sich gezogen.
In wenigen Monaten packt GMD wieder seine sieben Sachen. Nächstes Ziel: Italien, zusammen mit seiner Ehefrau. Bevor er uns durch die Lappen geht, trifft sich die AZ mit ihm – und versucht, diesen Mann zu erfassen, der hierzulande noch immer unter dem Radar fliegt.
Nun, da der 54-Jährige wieder hier in Schaffhausen sitzt, bereit, schon wieder die Umzugskisten zu packen und weiterzuziehen, stellt sich die Frage: Was, wenn dir einmal die Welt zu Füssen lag – und du nun wieder im kleinkarierten Städtli feststeckst?
Ein riesiger Speicher
So geheimnisvoll GMD zunächst wirkt, so offen zeigt er sich im Gespräch. An diesem verschneiten Nachmittag sind wir vor ihm da; bei seinem Atelier an der Mühlenstrasse, im Gebäude der ehemaligen Lederwarenfabrik.
Diese Vergangenheit steckt noch in den Mauern, als er aufschliesst – endlose Decken, verstaubte Stahlträger, dunkler Linoleumboden. Heute arbeitet hier ein Künstler: Beinahe jede freie Fläche ist besetzt mit Requisiten, Souvenirs und Equipment. In einem Regal thront ein roter Löwenkopf, wie er für traditionelle Tänze zum chinesischen Neujahr benutzt wird. Darunter alte Analogkameras, DJ-Platten und grüne Kisten, randvoll mit Festplatten; ein Speicher für alles, was der 54-Jährige in den letzten Jahrzehnten geschaffen hat.
Bild: zVg / GMD Three
Lifeline in die Stadt
Manchmal fühlt man sich zurückversetzt in die Zeit, als man versehentlich diese eine Taste am Kassettenrecorder erwischte, der alles in doppelter Geschwindigkeit abspielen liess. Dieser Mann hat viel erlebt – und noch mehr zu erzählen.
GMD Three kam 1971 in Bulgarien zur Welt. Als die Eltern sich trennten und die Mutter einem neuen Partner in die Schweiz folgte, blieben GMD und sein Vater zunächst im Heimatland zurück. Ein Jahr später, mit 12, reiste er zu seiner Mutter nach Feuerthalen. Von seinem Atelier aus blickt er über die Zürcher Grenze hinüber, auf Höhe des Wasserkraftwerks. «Ich habe genau dort gegenüber gelebt», erzählt er. «Und die Arova-Treppe, die habe ich gehasst. Aber sie war meine lifeline in die Stadt.»
Man versteht erst mit der Zeit, warum diese lifeline so wichtig für den Jungen war. Denn Schweizerdeutsch lernte GMD relativ schnell. Doch hört man ihn heute über die Schulzeit sprechen, köchelt eine Wut in seiner Stimme. «In Bulgarien war eines der coolsten Dinge, die du tragen konntest, eine Jeanshose. Also kaufte mir meine Mutter hier eine, und ich trug sie stolz in der Schule. Ich wurde beschimpft, als schwul bezeichnet. Erst da checkte ich: Die Hose hat meine Mutter irgendwo im Ausverkauf geholt – es war eine Frauenjeans.»
Jahre später in den USA ist ihm klar geworden, dass auch er diverse Stereotype mit im Gepäck trug. Das erzählt er im Gespräch zwischen dampfendem Kaffee und Sprudelwasser. «Als ich in die USA kam, hatte ich so viele Vorurteile. Ich dachte zum Beispiel, alle Schwarzen würden Hiphop hören. Und das bisschen Englisch, das ich damals konnte, hatte ich von Hiphop-Platten gelernt, den Slang übernommen», sagt er. «Ein Kollege musste mich während eines Meetings einmal zur Seite ziehen: ‹Du musst wirklich ein bisschen weniger fuck sagen›, sagte er.» Als er spricht, spürt man die Scham über dieses frühere Ich heraus. Dabei wird er mit seinen Vorurteilen im Feuerthalen der 1980er-Jahre nicht alleine gewesen sein.
GMD beschreibt seine Jugend als scheisse. «Ich bin selbst fast homophob geworden, ohne es zu merken. So sehr wollte ich beweisen, dass ich nicht schwul war.» Das Label des Aussätzigen blieb, und der junge Mann suchte ein anderes Ventil, um sich auszuleben. Eigentlich wollte er Grafiker werden; ein Beruf, der ihm verwehrt blieb. «Mit einem ausländischen Namen konntest du das vergessen. Das habe ich erst im Nachhinein kapiert.» Diese Erkenntnis ist mit ein Grund, warum er bis heute nur als GMD auftritt. G.M.D. steht nicht nur für die Initialen des Künstlers, sondern auch für Gatherer of the Matter: Sammler der Materie. Die Zahl Three ist ein nostalgisches Relikt aus Zeiten mit seiner alten Sprayer-Crew aus Zürich.
Überforderung und Kunstschienen
In den späten 1980er-Jahren begann er also eine Ausbildung im Manor als Dekorationsgestalter, richtete Innenräume und Schaufenster ein. Schon vor der Lehre griff GMD erstmals zur Spraydose. Zeitgleich arbeitete er als DJ. «Ich habe das eine Zeit lang fast schon religiös betrieben, davon gelebt, so gut es ging.»
Immer mehr landete er auf einer alternativen Kunstschiene, wo die Werke experimenteller und die Partynächte wilder wurden. Alte Fotos aus dieser Zeit zeigen den jungen Schaffhauser mit Gasmaske (die durchaus auch einen praktischen Nutzen hatte), Camouflage-Hosen, klobigen Skischuhen oder Schusswesten, die an Equipment für Paintball-Spieler erinnern. Heute hat GMD einen anderen, schlichteren Signature-Look gefunden: eine tief geschnittene, überaus lockere Jogginghose (er sagt, davon hat er zwölf identische Stück), dazu eine Jacke mit asymmetrischem, silbern glänzendem Reissverschluss (davon besitzt er drei).
Ausserdem zur Ausstattung gehört ein simpler Filzhut (wie viele er davon besitzt, sagt er nicht). Sein Ziegenbart beginnt zu ergrauen, die markanten Augenbrauen dagegen sind weiterhin tiefschwarz – und wandern beim Sprechen immer wieder bis an die Haarlinie. Die Kanten haben sich mit den Jahren ein wenig geglättet. Die Selbstdarstellung aber ist geblieben.
GMD war 17, als ihn seine Mutter aus dem Haus schmiss. Überfordert, vermutet er heute; er beschreibt das Verhältnis zu ihr als schwierig, und von seinem Vater habe er zuletzt mit 15 gehört. Der Teenager kam stattdessen bei Freunden unter. Er mietete eine alte Garage als Atelier, bewegte sich in einer Szene, die in den 1980er-Jahren – zumindest hier – noch immer in den Kinderschuhen steckte.
Den Höhepunkt seiner Karriere als Sprayer verortet GMD in den Jahren 1992 und 1993 – insgesamt musste er sich zwei Mal wegen Sachbeschädigung verantworten und sass einmal sogar eine 45-tägige Gefängnisstrafe ab. «Ich glaube, es gab da einen Detektiv, der auf mich angesetzt wurde und jahrelang herausfinden musste, wer ich war», denkt er zurück. Er grinst dabei. «Der ist wohl fast verzweifelt, weil er sich so lange die Zähne ausgebissen hat.»
Der junge Mann plante jedes Projekt sorgfältig; wo er es umsetzte, wie er vorging, welchen Fluchtweg er notfalls nehmen könnte. «Es war fast unmöglich, mich währenddessen zu erwischen. Doch in den 90ern explodierte das Ganze und wurde plötzlich zu einer richtigen Szene.» Als endlich genügend Beweise für eine Razzia zusammengekommen waren, sammelte die Polizei jede einzelne Dose ein. «Das zweite Mal wurde ich dann zwei Jahre später nochmal erwischt, weil… Naja, ich hatte halt nicht aufgehört.»
Während er erzählt, lehnt er sich ausladend in seinem Stuhl zur Seite, als wäre er eine Fahnenstange, die vom Wind niedergedrückt wird. Die Erinnerung an diese Zeit gefällt ihm. Doch als die Szene in den Mainstream schwappte, ebbte auch seine Lust am Strassengraffiti ab. Es war damals, gemeinsam mit seiner Crew, dass er erstmals den Big Apple besuchte. Und danach jeden Sommer zurückkehrte.
Seinen Durchbruch hatte er allerdings nicht in New York, sondern 1996 in Zürich: mit einem Einrichtungs-Auftrag im ehemaligen «Sensor»-Club, laut Tages-Anzeiger dem «State of the Art der 90er-Jahre», der auf drei Stockwerken mehr als 1200 Ravern das reinste Schlaraffenland bot.
Von der Hiphop-Szene stolperte er so in die Techno-Welt, ausserhalb seiner Komfortzone. «Aber damals kam zum ersten Mal jemand zu mir und sagte: Hier hast du 60 K, mach etwas damit.» Das Endergebnis, das er uns auf alten Negativabzügen und verblichenen Fotos zeigt, ist eine treffgenaue Verschmelzung der Sci-Fi-Welten von «Blade Runner» und «Alien».
Am Telefon erreichen wir Anne, die Ehefrau von GMD. Sie erinnert sich an die Zeit, als die beiden sich gerade erst kennenlernten, das war 1994. Sein offenes Auftreten imponierte ihr, seine Neugierde, vor allem aber, «dass er so gern diskutierte», erzählt sie.
Die Hochzeit folgte drei Jahre später, ohne Ehering, im Stadthaus in Zürich. Anne trug ein blaues Kleid, GMD ein exzentrisches Outfit mitsamt klobigen Skischuhen. Sie erinnert sich noch daran, wie das laute Scheppern durchs Stadthaus hallte. «Anne hat mich sehr unterstützt, mich immer so akzeptiert, wie ich bin – fast mehr, als es meine Familie zu der Zeit konnte», sagt GMD, als wir ihn auf seine Beziehung ansprechen.
Dass Anne die Doppelbürgerschaft der Schweiz und der USA besitzt, vereinfachte die Pläne, die beide schon seit einigen Jahren verfolgten: das Auswandern nach Amerika.
Medaillen in New York
Dann ging alles schnell – zumindest gemäss dem Gespräch in der alten Fabrikhalle. Das Paar fand eine Wohnung im damals noch günstigen Chinatown in New York. GMD baute ein Studio auf, Anne arbeitete als Korrektorin für Modezeitschriften wie Vogue oder InStyle.
In Übersee machte er bedeutende Schritte. Der Künstler versammelte Angestellte unter sich, bildete aus. Er kreierte Visualisierungen für Shows von Popstars, für Auftritte bei den Grammy-Verleihungen und den Swiss Music Awards (eines der wenigen Grossprojekte, die er für die Schweiz umsetzte). In den 2000er-Jahren gründete er ein eigenes Animationsstudio unter seinem Künstlernamen, und kämpfte sich durch die Krisen nach 9/11 und dem Wirtschaftscrash. Endlich schien er sein Gewässer gefunden zu haben – fern vom gehänselten Schuljungen, fern vom Ausgeschlossenen, als der er sich in Schaffhausen gefühlt hatte.
GMD erinnert sich besonders an einen Moment, der dieses «Angekommen sein» exemplarisch zeigt: ein Besuch im Kino mit einem Freund, anfangs der 2000er-Jahre. «Zu Beginn kam natürlich der Werbeblock», erzählt er, «und zwei der Clips waren von mir. «Meine eigene Arbeit erstmals so zu sehen – da bin ich total ausgerastet. Und der Freund nebenan meinte nur so: ‹Hey buddy, calm down, this isn’t even the movie yet›, es hat kein Schwein interessiert, aber es war ein geiler Moment.» Von da an ging es aufwärts.
Zurück kam das Ehepaar 2020, beschleunigt durch die Pandemie. Geplant war ein Umzug nach Europa, am liebsten gen Süden. Das New Yorker Kapitel ist für sie abgeschlossen.
Das harte Pflaster
Der Kaffee ist längst getrunken, das Wasserglas steht leer auf dem Tisch. Wird er vom Schwelgen in Erinnerungen unterbrochen und denkt über die letzten paar Monate und Jahre nach, wirkt er ruhiger. Auch frustrierter.
Dabei hatte die Rückkehr durchaus auch Vorteile: Beide sahen bekannte Gesichter wieder, auch die Beziehung zu Mutter und Stiefvater konnte GMD in dieser Zeit kitten. Doch sowohl GMD als auch Anne sind hier, im kleinen Schaffhausen, gestrandet. «Dein Netzwerk ist ein riesiger Faktor», sagt Anne. «Das habe ich auch bei meiner Arbeit gemerkt, als ich zurückgekommen bin. Diese Diplomgläubigkeit, die es hier gibt… der Abschluss hat mehr Wert als der CV selbst.»
Auch GMD hat einen wuchtigen Lebenslauf vorzuweisen. Und doch: In der Schweiz läuft es nicht wie erhofft. «Ich lebe von der Zusammenarbeit mit anderen», erzählt er. In der Schweiz werden kleinere Brötchen gebacken. Keine milliardenschwere Modeindustrie, keine gigantischen Musiklabels, kein Hollywood. «Die Schweiz ist ein extrem hartes Pflaster für Kunstschaffende. Die Schweizer sind konservativ: Wenn alle etwas machen, will man auch dabei sein. Aber niemand will der erste sein», sagt er. «Darum wird meistens die Vergangenheit zelebriert, nicht die Gegenwart.» Der Grossteil der Aufträge, die er heute annimmt, stammen aus den USA. Mailand sei nun der Ort, wo beide wieder ihre Nische finden wollen. «Hier bin ich fehl am Platz. Die Leute starren mich auf der Strasse an, ich sehe auch heute nicht so aus, als ob ich hierher gehöre.»
GMD Three prallte oft auf Mauern, Absperrungen, Grenzen – und hinterliess stets seine Handschrift. So vergänglich wie das Graffiti ist sein Interesse, am selben Punkt zu verharren. «Er hat diesen Drive, immer etwas zu kreieren», sagt Anne dazu. «Auf Englisch würde man sagen: an inquisitive mind.» Der Umzug nach Mailand ist für diesen Herbst angesetzt.
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