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Ein Hoffnungsträger hört auf

Der ehemalige Gemeindepräsident von Thayngen, Markus Brütsch. Foto: Robin Kohler

Der ehemalige Gemeindepräsident von Thayngen, Markus Brütsch. Foto: Robin Kohler

Nach 161 Tagen gibt Markus Brütsch sein Amt als Gemeindepräsident ab. Das wirft ein bezeichnendes Licht auf die Reiatgemeinde.

Am letzten Donnerstagmorgen um 6 Uhr greift Markus Brütsch zu seinem Handy, drückt die Audio-Taste und nimmt eine Nachricht auf. In der Nacht zuvor hat sein Herz ihm ein unmissverständliches Signal gegeben, schon zum zweiten Mal innert weniger Wochen. Das kann er nicht länger ignorieren. Per WhatsApp verschickt er die Nachricht an die Thaynger Gemeinderäte.

Und zieht sich per sofort als Gemeindepräsident zurück.

Tags darauf verschickt die Gemeinde eine Mitteilung: Brütsch sei aus gesundheitlichen Gründen zurückgetreten. Medien berichten von einem Burn-out, obwohl sich das so genau nicht sagen lässt.
In Thayngen ist noch Tage später eine Schockstarre über den Rücktritt spürbar. Wo immer man anklopft, weht Bedrücktheit und Betroffenheit entgegen.

Denn gestartet war Markus Brütsch vergangenes Jahr mit viel Motivation und mit einem Versprechen: Er wollte bis Ende der Legislatur bleiben. «Ich arbeite wirklich gern», sagte er der AZ im Frühling, «und ich übernehme gerne Verantwortung.»

Im Mai 2025 wurde er mit 78 Prozent Ja-Stimmen als Gemeindepräsident gewählt. An seinem ersten Arbeitstag stellte er sich hinter Schweizerkreuze und Glockenblumen ins Festzelt der Bundesfeier, lobte deren pragmatische lösungsorientierte Organisation und zeigte offene Freude an seiner neuen Aufgabe, für die er sogar seinen Job als Weibel des Kantons an den Nagel gehängt hatte.

Mit seiner besonnenen Art wurde der Verwaltungsexperte schnell zum Hoffnungsträger, der Thayngen nach den Turbulenzen wieder in ruhige Fahrwasser navigieren würde (AZ vom 10. April 2025).

Jetzt ist dieser Hoffnungsträger wieder weg, nach 161 Tagen. Und man fragt sich: Hat Markus Brütsch sich überschätzt?

Druck auf den Neuen

Markus Brütsch gibt auf Nachfrage der AZ keine Auskunft. In seiner Partei, der SP, hört man aber auch ganz andere Erklärungen zu seinem Rücktritt. Sie legen den Fokus auf Thayngen selbst – und auf Brütschs Vorgänger. Peter Marti, Präsident der SP Reiat, sagt es so: «Markus konnte voraussehen, wie viel Arbeit ein solches Amt in einer Gemeinde von 6000 Einwohner:innen bedeutet. Aber er konnte nicht voraussehen, wie viel in Thayngen im Argen liegt.»

Da ist zunächst der offensichtliche Faktor: das Seniorenzentrum im Reiat, kurz SIR. Nach der fristlosen Entlassung des ehemaligen Heimleiters im Jahr 2020 (weil er in die Kassen gegriffen hatte) und dem Rücktritt des damaligen Gemeindepräsidenten kurz darauf übernahmen zwei Neue: Michael Bührer führte künftig das Heim, Marcel Fringer das Dorf.

Vier Jahre später schlug eine Gruppe aus VPOD-Vertretern und Einwohnerrät:innen Alarm: Im SIR würden Mobbing, Machtmissbrauch und Verstösse gegen das Arbeitsgesetz herrschen. Im Zentrum der Kritik stand auch der Gemeindepräsident: «Fringer rührt keinen Finger» wurde zum geflügelten Wort im Dorf.

Bis heute sehen viele, mit denen die AZ in den letzten Tagen gesprochen hat, die Schuldfrage für Brütschs Abgang mit Marcel Fringer beantwortet: Am von ihm hinterlassenen Scherbenhaufen habe Brütsch sich geschnitten. Den Schaffhauser Nachrichten sagte Brütsch einmal, er habe von Tag eins an voll funktionieren müssen, da keine eigentliche Amtsübergabe stattgefunden habe.

In der Causa SIR entlasteten zwei Berichte, die der Gemeinderat in Auftrag gegeben hatten, die Heimleitung wie auch Fringer zu guten Teilen. Fringer trat dennoch aus der Exekutive zurück (AZ vom 6. März 2025). Und der Gemeinderat sorgte dafür, dass nie wieder ein Gemeindepräsident die Oberaufsicht des SIR haben würde: Das Heimdossier erhielt ein eigenes Referat, das seit Frühling von der neu gewählten SVP-Gemeinderätin Gabriella Coronelli betreut wird.

Diese sagt im Gespräch mit der AZ, das als 25-Prozent-Pensum gedachte Amt habe zu Beginn ihre volle Aufmerksamkeit benötigt. «Inzwischen bewege ich mich bei rund 50 bis 60 Prozent.» Markus Brütsch habe sie dennoch zu manchen Treffen begleitet. «Es brucht en lange Schnuuf», sagt sie. «Für mich ging das, weil ich mich auf eine einzelne Sache konzentrieren kann. Aber Markus hatte so viele verschiedene Bereiche, in denen er nicht schnell zu Erfolgserlebnissen kommen konnte.»

Die Aussage zeigt zweierlei. Erstens: Auch Menschen jenseits der SP nehmen Brütsch in Schutz. Und zweitens: Auf den beiden Neuen im Gemeinderat lastete viel Druck.

Das neue Dossier – und alle alten

Im Tauschhandel gegen das Heim wurde letztes Jahr der Bereich Schule zur Präsidialaufgabe. Davor hatte das Referat Andreas Winzeler gehört, der jedoch nicht als grosse Führungskraft bekannt war und Ende 2024 aus familiären Gründen per sofort zurücktrat.

In der Thaynger Schule brodelt es seit Jahren. 2019 setzte die Gemeinde eine Schulleitung ein – bis die Zusammenarbeit mit der Schulbehörde funktionierte, dauerte es aber. Im Sommer 2023 kündigten mehrere, auch langjährige Lehrpersonen im Schulhaus Silberberg ihre Stelle. Der Gemeinderat wies Kritik von sich, musste aber vom Einwohnerrat zusätzliche einstecken – was den Graben zwischen der Exekutive und dem Parlament noch vertiefte.

Das SIR genauso wie das Schuldossier frassen dem Gemeindepräsidenten viel Zeit weg. Und dann fiel ab August auch noch der Gemeindeschreiber aus.

Kaum hatte Markus Brütsch sein Amt im August angetreten, trat Gemeindeschreiber Tom Keller kürzer: Schon ab Anfang August war er zu 50 Prozent krankgeschrieben und verliess die Verwaltung auf Ende Jahr ganz. Warum, wurde bisher nie kommuniziert. Gemeinderat Walter Scheiwiller sagt, Keller sei am Anschlag gewesen und habe eine neue Herausforderung gesucht. Der Einwohnerrat Marco Passafaro sagt: «Seine Personalie war nicht unumstritten, was auch mit der Amtsführung seines Vorgängers zusammenhing.

Marcel Fringer hatte zahlreiche offene Baustellen hinterlassen und war aus meiner Sicht stärker in seiner Rolle als Gewerbeverbandspräsident präsent denn als Gemeindepräsident. Vor diesem Hintergrund interpretiere ich Kellers Weggang so, dass er mit der neuen Dynamik Mühe hatte.»
Mit dem Gemeindeschreiber fiel auch der wichtigste Berater des Gemeinderats aus. Seit zwei Wochen arbeitet sich Anja Keller neu in die Stelle ein.

«Zu spüren, dass er der ganzen Sache nicht Herr wird, hat Markus aufgefressen.»

Peter Marti, Präsident SP Reiat

Zu diesen drei grossen Brocken kamen etliche kleinere dazu. Etwa der Umstand, dass die Gemeinde – mit weit über hundert Angestellten – keinen Personalverantwortlichen hatte: Das HR war Aufgabe des Gemeindepräsidenten. «Markus hat in kurzer Zeit viel positiv bewegt. Die Verwaltung ist heute spürbar besser aufgestellt, und die HR-Funktion wird nun endlich systematisch aufgebaut», sagt SP-Einwohnerrat Marco Passafaro. Seit Kurzem ist der stellvertretende Gemeindeschreiber Giovanni Provenzano fürs Personal verantwortlich.

Gleichzeitig schreitet die Sanierung des Verwaltungsgebäudes voran – wo seit November klar ist, dass die Wände voller Asbest sind. Ende Jahr folgt der reguläre Budgetprozess, und dann steht in einer Dezembernacht auch noch ein Doppeleinfamilienhaus in Flammen.

Auch hier steht Brütsch an der unterstützenden Front: Während des rund 15-stündigen Feuerwehreinsatzes versorgt er die Einsatzkräfte mit Verpflegung, sucht eine neue Unterkunft für die plötzlich obdachlos gewordene Familie und plant dazu eine Spendenaktion für sie.

Darin kann man grosses Engagement erkennen. Aber auch die Unfähigkeit, sich in einer ohnehin schon schwierigen Lage abzugrenzen. Diese Kritik übt im Moment aber niemand – das mag an der Schockstarre liegen oder auch daran, dass in der jetzigen Situation niemand mehr nachtreten will.
Wer soll nun weitermachen?

Markus Brütsch trat also damals, am Nationalfeiertag 2025, in ein politisches Umfeld, das sich über Jahre hinweg aufgeladen hatte. Und in eine Gemeinde, die gleich mehrere Fronten bot, denen er Aufmerksamkeit schenken wollte. «Er ist ein Mann, der alles sauber erledigt haben will», sagt sein Freund Peter Marti. «Zu spüren, dass er der ganzen Sache nicht Herr wird, hat ihn aufgefressen.»

Manche berichten von Brütschs Schlafproblemen, davon, wie er schon in aller Herrgottsfrühe erreichbar gewesen sei. Dazu kam im September ein schwerer Sturz, der ihn zusätzlich einschränkte. Und dann begannen die Herzprobleme.

Nun sind auf den 8. März 2026 Ersatzwahlen angesetzt. Doch nach dem unerwarteten Rücktritt von Markus Brütsch drängt sich eine Frage auf: Wer kann diesen Job überhaupt machen?

Die meisten Parteien äussern sich noch nicht zu Nachfolgern. Die SP schon, nennt aber keine Namen. Vorübergehend bleibt das Amt bei Walter Scheiwiller, der noch am Tag von Brütschs Rücktritt in die Bresche gesprungen ist – er wird aber das Schuldossier nicht übernehmen, sondern bleibt im Tiefbau. Über den Verbleib des Schulreferats und alles weitere will der Gemeinderat heute Donnerstagabend an der Einwohnerratssitzung informieren.

Der SP-Einwohnerrat Andres Bührer sieht seine politische Kontrahentin Gabriella Coronelli in der besten Position fürs Präsidium. «Sie zeigte sich sehr engagiert und lösungsorientiert. Dann würde ich mich auch als Gemeinderat zur Verfügung stellen.» Coronelli ist allerdings auch Teilzeit-SVP-Parteisekretärin.

Und sie sagt: «Ich bin politisch noch ein Greenhorn, darum steht das nicht zuoberst auf meiner Prioritätenliste.» Aber sie müsse nach allem, was vorgefallen ist, erst einmal den Kopf frei bekommen.

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