Vor 20 Jahren schlossen sich Wilchingen und Osterfingen zu einer politischen Gemeinde zusammen. Ein Herz und eine Seele sind sie noch nicht. Verkupplungsversuch einer Wilchingerin.
«Vielleicht kann man auch in einer Vernunftehe lernen, sich zu lieben.»
Es sind über 20 Jahre vergangen, seit der altgediente Wilchinger Gemeindepräsident Hans Rudolf Meier diese pragmatischen Worte wählte, um den Anfang der gemeinsamen Zukunft von Wilchingen und Osterfingen als eine politische Gemeinde zu umschreiben.
Vergangenen Dezember nun feierte die Gemeinde ihr Jubiläum an einem kalten Abend auf dem neugestalteten Osterfinger Dorfplatz. Ein paar Duzend Leute aus beiden Dörfern sind gekommen, der Gemeinderat servierte Suppe und Wienerli und im Schein der wärmenden Feuerschale wurde beschlossen, den Anlass nun jedes Jahr im Dezember zu wiederholen.
«Zwaa Dörfer, aa Gmaand» ist der Slogan der vereinten Gemeinden. Er ist auch ein Statement, vor allem für Osterfingen. Was der Slogan eigentlich meint: «Wir sind im Fall immer noch hier». Deshalb sprechen die beiden Dörfer lieber von einem Zusammenschluss und nicht von einer Fusion.
Eine Fusion würde bedeuten, alle Zutaten zu einem homogenen Einheitsbrei zu verschmelzen. Und dass Osterfingen neu einfach ein Ortsteil von Wilchingen wäre. Das empfinden die Osterfinger:innen aber nicht so. Wir Wilchinger:innen übrigens auch nicht. Es schlagen zwei Herzen in diesem untersten Zipfel des Klettgaus.
Ja, es sind immer noch zwei Dörfer. Nur: Sind wir wirklich eine Gemeinde geworden? Ein Herz und eine Seele? Und – wollen wir das überhaupt?
Mon Bijou
Eine spontane Umfrage in der Redaktion war eindeutig: «Ich würde niemals ins Chläggi ziehen, aber nach Osterfingen schon.» Der Ort ist so etwas wie das Lieblingsdorf des ganzen Kantons, darauf ist man stolz. Der einstige Dorfpfarrer Hans Huber bezeichnete seine Gemeinde als «Veilchen, das im Verborgenen blüht». Die Wilchinger Gemeindepräsidentin nennt Osterfingen «unser kleines Bijou».
Osterfingen ist hübsch, keine Frage. Die Bauerngärten vor den schönen Fachwerkhäusern werden gehegt und gepflegt und ziehen Gartenfans von weit her an. Es ist Tradition, Neuzuzügern einen Reisbesen zu überreichen. Damit man jeden Samstag den Hauseingang kehren kann (kein Scherz!).
Man glaubt es zu kennen, das kleine, feine Dorf «im Schpaalt hinne», eingeklemmt zwischen Wannen- und Rossberg. Vor allem als Wilchingerin, wie ich eine bin. Schliesslich bin ich ein ganzes Schuljahr lang mit dem Velo in die Osterfinger Schule gefahren, tauschte Liebesbriefe auf dem dortigen Pausenplatz, verbrachte die freien Nachmittage bei meinen besten Freundinnen, besuchte den Konfirmandenunterricht im alten Pfarrhaus, holte mir Zeckenbisse auf dem versteckten Robinsonspielplatz.
Aber Wilchingen sieht Osterfingen nicht. Zwischen den Dörfern liegt der Spitz, eine Erhöhung, die den Blick von beiden Seiten versperrt. Man muss den Hügel rechts umfahren, um nach Osterfingen zu gelangen, entweder durch die steilabfallende Spitzhalde, wie ich es tagtäglich tat, oder über die Kantonsstrasse unterhalb der Rebberge am Flöö.
Danach ein Schild: Sackgasse. Es steht noch vor dem Ortsschild. Man kommt nicht aus Versehen nach Osterfingen.
Tenor aus der AZ-Redaktion
«Ich würde niemals ins Chläggi ziehen, aber nach Osterfingen schon.»
Der andere Weg führt über die linke Hangseite, vorbei an Schützenhaus und Schinderwase. Am höchsten Punkt dann die Sicht auf das Postkartenmotiv: Rebberge, Wiesen und das Dorf, das sich nahtlos in sein stilles Tal einfügt. Durchatmen.
Osterfingen gehört seit 1985 zum Bundesinventar der schützenswerten Ortsbilder und ist damit von nationaler Bedeutung. Wie Wilchingen übrigens auch. Aber Osterfingen sei das Musterbeispiel eines Dorfes mit unveränderter Beziehung zwischen Siedlung und Landschaft, heisst es in der Begründung. Glaubt man sofort. Mein Blick ruht auf dem Dorf.
Rasch schaue ich zurück – dorthin, wo ich herkomme – und sehe die letzten Ausläufer von Wilchingen. Auch nett.
Ich stehe genau auf der einstigen Grenze zwischen den Kommunen. Sie umkreiste Osterfingen in ziemlich engen Bahnen. Wo Wilchingen noch etwas Weitblick zu den Rebbergen auf der anderen Seite der Talsohle hat, ist Osterfingen vor allem Dorf, richtet den Blick mangels Aussicht auf sich selbst. Und scheint zu mögen, was es sieht.
Die kleine Unbekannte
Vor der Abstimmung über den Zusammenschluss wurde die Sorge laut, Osterfingen könnte in ihrer «viel grösseren» Partnergemeinde untergehen und an Bedeutung verlieren. Man hatte Angst, geschluckt zu werden und nichts mehr bewirken zu können.
Die Stimmen von damals erheben sich auch heute noch ab und zu. Osterfingen hätte schön Glück gehabt mit der Fusion, hiess es kürzlich in Wilchingen. Jetzt müsse nämlich Wilchingen die neuen Strassen bezahlen. Als ob das Geld nicht aus der gleichen Steuerkasse käme.
Aber in vielen Köpfen (auch in meinem) werden die einstigen Gemeinden noch als getrennte Einheiten gedacht – wenn nicht immer ganz so drastisch und meistens (auch in meinem Fall) nicht einmal negativ gemeint. Aber diese Feststellung zeigt einen Punkt auf, den auch zwanzig Jahre Fusion nicht lösen konnte: Kann es sein, dass man sich zu wenig kennt?
Obwohl mir hier viele Winkel vertraut sind, bewege ich mich in diesem Dorf jedenfalls nicht in der gleichen Selbstverständlichkeit wie in Wilchingen, fühle mich sogar ein bisschen fremd. Oder als Eindringling? Wie denken die hier hinten eigentlich über uns? Ich wage mich ins Dorf hinunter und bleibe prompt nicht unentdeckt.
In einer Osterfinger Stube tickt eine Wanduhr. Vor mir steht ein frischer Kaffee. Sie kennen sich ja eigentlich gut, die Wilchinger und die Osterfinger. «Hier hinten im Tal wissen wir aber sicher besser Bescheid darüber, was in Wilchingen läuft, als umgekehrt», höre ich in der Stube.
Weil das gemeinschaftliche Leben sich nun mal dort vorne abspielt: Turnverein, Schule, Feuerwehr sind nicht erst seit der Fusion Orte, wo Osterfinger und Wilchinger sich treffen. Meist in Wilchingen.
Osterfingen mag für manche Wilchinger verschlossen wirken. Das Dorf ist aber sicher nicht verbohrt. Was andernorts zu Neid oder Konkurrenzdenken führen könnte, wirkt hier eher belebend: Nämlich die Tatsache, dass man sich jederzeit gegenseitig über den Gartenzaun schauen kann.
Was die Osterfinger vereint, ist ihr Schöngeist. «Vielleicht ist in Wilchingen gar nicht jeder damit einverstanden, wie stark Osterfingen als Dorf immer noch ist», tönt es über einen Gartenzaun. Ist Wilchingen gar neidisch auf die hübsche, resolute Nachbarin? Möchte man auch mitmachen, traut sich aber nicht so recht, den ersten Schritt zu gehen?
Dabei gibt es viele Gemeinsamkeiten: Lädelisterben hüben wie drüben, es fehlen Begegnungsorte, wo man sich treffen kann, einigen Vereinen (nicht allen) sterben die Mitglieder davon. Beide Dörfer haben ähnliche Probleme, die man gemeinsam lösen könnte.
Es macht aber den Eindruck, dass die Dörfer gar nicht daran denken, dass man auch zusammensitzen könnte. Und die Wilchinger, aber vor allem auch die Osterfinger wollen immer erst einmal versuchen, sich selbst zu helfen. Weil sie es schon immer so getan haben. Und weil sie das gut können.
Die Stimme hinter dem Hügel
Versteckt im Tal und ab vom Schuss: Was an Osterfingen als Wohnort heute so geschätzt wird, hatte vor allem früher auch seine Nachteile. Über 130 Jahre war die Bevölkerungszahl von Osterfingen rückläufig – als einzige Schweizer Gemeinde. Unter anderem wegen fehlender wirschaftlicher Perspektiven und der anschliessenden Auswanderungswelle im 19. Jahrhundert.
Osterfingen drohte zu verschwinden und zwar nicht nur von der politischen Landkarte. Die Angst, übergangen oder sogar vergessen zu werden, scheint immer noch tief verwurzelt in der Osterfinger Dorfseele.
Sie ist daran gewachsen. Die Dorfgemeinschaft ist stark. Stärker als in Wilchingen, wo der Bezug untereinander kleiner scheint. In Osterfingen steht man füreinander ein. Hält zusammen. Ein bisschen wie das gallische Dorf, das den Römern Widerstand leistete.
Diesen Vergleich würden die Osterfinger sicher mögen. Sie zeigen sich entsprechend kampflustig, erscheinen bei wichtigen Geschäften in geschlossener Formation an der Gemeindeversammlung im Storchensaal.
Da hätte man ja keine Chance dagegen, soll ein Wilchinger Bürger hinter vorgehaltener Hand gezischt haben. Das klingt stark nach Konfrontationskurs.
«Wir wissen hier hinten besser Bescheid, was in Wilchingen läuft, als umgekehrt.»
Meinung am Stubentisch
Obwohl mir von allen Seiten beteuert wird, man habe absolut nichts gegen die Nachbarn. Man wünsche sich nur, von den Wilchingern gesehen zu werden. Man sei keine tote Ecke. Und natürlich ist man das nicht: Der Gartenpfad und das jährliche Dorfplatzkino sind weit herum bekannt.
Es gibt eine Backgruppe und einen zwar überalterten, aber noch bestehenden Männerchor. Man mache so lange weiter, bis alle umgefallen sind, hiess es an dessen Neujahrskonzert.
In Osterfingen herrscht eine Hands-on-Mentalität, die man in Wilchingen suchen muss. Wenn man etwas geändert haben will, muss man es eben anpacken. Auch wenn man dazu manchmal zivilen Ungehorsam zeigen muss und mal eben den Baggerschlüssel über die Friedhofsmauer wirft, um die Grabsteine zu retten. Grundsätzlich seien die Wege zur Gemeindeverwaltung ja kurz – nur einmal um den Hügel herum.
Und die Anliegen würden auch gehört und ernst genommen, man müsse sich manchmal einfach recht laut räuspern. Es schade trotzdem nicht, stets wachsam zu bleiben. Da ist sie wieder, diese leise Angst, am Ende doch noch vergessen zu werden.
Osterfingen hat einen eigenen Charakter, den Wilchingen nicht so richtig versteht. In Osterfingen zu leben ist ein Statement. Man lebt hier ein Aussenseitertum, aber ein gutes. Vielleicht sollten wir Wilchinger:innen also öfters über den Spitz hinausdenken.
Es könnte sich lohnen, das kleine, feine Dorf nicht aus den Augen zu verlieren. Die Wanduhr in der Osterfinger Stube schlägt zwölf Uhr. Es ist 11.53 Uhr.
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