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«Es liegt ein Fluch auf diesem Restaurant»

Foto: Robin Kohler

Foto: Robin Kohler

Die Stadt wünscht sich von ihrem Theaterrestaurant nur eines: einen guten Service. Daran ist schon wieder ein Pächter gescheitert. Muss das Konzept grundsätzlich überdacht werden?

Es ist der wohl sonnigste Ort der ganzen Stadt. Schon im Frühjahr zieht es die Menschen auf den Herrenacker, um die wärmenden Strahlen einzusaugen. Dazu einen gemütlichen Kaffee auf der Terrasse des Theaterrestaurants und der Moment ist perfekt. Glücklich, wer an diesem Ort seine Gäste bewirten darf. Könnte man meinen. 

In den letzten zwanzig Jahren gaben sich sechs Gastronomen im Lokal, das von der Stadt verpachtet wird, die Klinke in die Hand. Die meisten blieben nur wenige Jahre, manche auch nur einige Monate. Ende 2025 herrschte einmal mehr Ausnahmezustand an der Topadresse. Ein Zettel an der Türe informierte darüber, dass der Betrieb ad interim von Carlotta und Ayoub Carlino übernommen wurde. Das Wirtepaar führte zuvor in der Oberstadt ein italienisch-marokkanisches Restaurant. Warum die bisherigen Pächter, Gianni Ranallo und Giacomo Lubello von der Gastro Vibez GmbH, das Handtuch werfen, davon stand auf dem Zettel nichts. 

Wir erreichen Ranallo auf seinem Handy. Er habe mit der Stadt abgesprochen, dass weder er noch die Stadt über die Sache reden, schickt er vorweg und betont: «Es wird keine gegenseitigen Beschuldigungen geben.» Auf die Frage, was es denn auf sich habe mit der Pechsträhne dieses Restaurants, beginnt er dann doch zu erzählen: «Es gibt bestimmt irgendwo Gastronomen, die perfekt ins Theaterrestaurant passen. Wir waren es nicht.» Und er fügt scherzhaft an: «Auf diesem Restaurant liegt ein Fluch!»

Die Welt der Gastronomie ist bekanntermassen ein hartes Pflaster und verzeiht nicht viel. Das haben Gianni Ranallo und sein Team von Beginn an gespürt, wie sie im Februar 2025 gegenüber dem Bock sagten: Hohe Fluktuation beim Personal und Qualitätsprobleme führten zur Entscheidung, ihr zweites Restaurant «Vibez» in der Stahlgiesserei in andere Hände zu geben, um die Kräfte bündeln zu können. Dies hatte scheinbar nicht die erhoffte Wirkung. Wenige Monate später müssen sie nun auch das Theaterrestaurant abgegeben. Alle Zeichen deuten auf einen drohenden Konkurs der Gastro Vibez GmbH hin, darauf lässt auch die Auflösung des Pachtvertrages mit der Stadt schliessen. Ranallo will sich dazu nicht äussern. Sind Gianni Ranallo und Giacomo Lubello einfach die nächsten, die dem Fluch des Theaterrestaurants zum Opfer gefallen sind? 

Nicht nur. Recherchen zeigen, dass hinter gezogenen Vorhängen chaotische Zustände geherrscht haben. Stimmen aus der Schaffhauser Gastroszene sprechen von einer fehlenden Kontinuität und Qualität. Was die Frage aufwirft: Hat die Stadt zu lange zugeschaut?

Eine seltsame Sache

Die Stadt wünscht sich ihr Restaurant als Einheit mit dem Theater. Es ist ihr erklärtes Ziel, dem Theaterpublikum (und allen anderen Gästen) ein gutes gastronomisches Angebot zu bieten. Die einzige Auflage an die Restaurantbetreiber ist dabei eigentlich ein Angebot: das Exklusivrecht, das Catering bei Veranstaltungen im Theater zu übernehmen. Alle anderen kulinarischen Vereinbarungen wie die Pausenverpflegung werden bilateral mit dem Theater abgesprochen und sind kein Muss. 

Die Vorteile des Theaterrestaurants liegen also eigentlich auf der Hand. Aber eben nur, wenn Theaterbetrieb ist. Wenn nämlich keine Vorstellung laufe, sei auch im Restaurant tote Hose, heisst es von Gastronomenseite. Es sei schwierig, die Leute auf den Herrenacker zu bringen, Sonne hin oder her. Man müsse sich eine Stammkundschaft aufbauen, die den Weg findet. Zudem sei es anspruchsvoll, ein Restaurant in dieser Grösse kostendeckend zu führen. Nicht viele hätten die entsprechende Erfahrung. Es werde immer eine Herausforderung sein, einen geeigneten Pächter dafür zu finden. Klar ist: Wenn das gebotene Gastronomiekonzept gut ist und verstanden wird, wird es angenommen. So die Idealvorstellung. 

Das Restaurant braucht also sein Theater. Ohne einander geht es nicht. Miteinander aber offenbar auch nicht. Warum bloss scheitern so viele Gastronomen an diesem vermeintlichen Juwel?

Die AZ hat mit drei Gastrokennern gesprochen, erhielt aber keine einheitliche Antwort. Die kritische Grösse sei das Personal. Schon länger sei es schwierig, geeignete und zuverlässige Mitarbeitende zu finden. Wie man hört, gab es im Theaterrestaurant unter Ranallo eine hohe Personalfluktuation, immer wieder habe auch das nötige Personal für den Betrieb gefehlt. Darunter litt die Kontinuität des Angebots. Und die Qualität. Im aktuellen Fall habe die Gastro Vibez die Latte zu hoch angesetzt, heisst es. Der rote Faden habe von Anfang an gefehlt und die Speisen hätten dauernd variiert. Das habe die Gäste eher verwirrt als neugierig gemacht. Und wenn diese sich einmal ein Bild gemacht hätten, sei es enorm schwierig, dieses wieder gerade zu biegen. 

«Mit Schaffhausen habe ich abgeschlossen»

Gianni Ranallo, Gastronom

Ranallo sei ein Gastronom aus ganzem Herzen, der anpacken könne, heisst es weiter. Aber er habe sich zu viel aufgehalst. Neben den beiden Restaurants war er auch noch am «Padel Vibez», einer Sporthalle im Mühlental, beteiligt. Eine seltsame Sache sei es gewesen, das Theaterrestaurant unter ihm. Es sei erstaunlich, dass der Betrieb so lange offenbleiben konnte. Solche Aussagen überraschen Ranallo nicht. «Es wurde viel geredet. Aber Aussenstehende wissen es ja immer besser.» Er betont, er sei mit der Stadt im Guten auseinandergegangen. «Mit Schaffhausen habe ich abgeschlossen.» 

Gastroberater sollte es richten

Das Verhältnis zwischen dem Theater und seiner Gastronomie, das hohe Ansprüche an die Restaurantbetreiber stellt, scheint kompliziert. Aber die Stadt hat in diesem Fall auf jemanden gesetzt, der überfordert war und sich zu viel zutraute. Hätte die Stadt nicht früher eingreifen müssen? 

Termin beim städtischen Immobilienchef Florian Keller. Seit dem Pachtantritt Mitte 2023 hätte seine Abteilung durch das Stadttheater und aus der Bevölkerung Rückmeldungen zum Betrieb im Theaterrestaurant erhalten, sie seien also informiert gewesen über den Geschäftsgang. Und offensichtlich war die Stadt durch das, was sie hörte, so besorgt, dass sie im Herbst 2024 auf eigene Kosten einen Gastroberater engagiert hat. Dieser gab beratendes Feedback zum Restaurantkonzept, was den Lauf der Dinge aber offensichtlich nicht aufhalten konnte. 

Trotzdem beendeten die Stadt und die Pächter das Pachtverhältnis erst per Ende November 2025, also mehr als ein Jahr später. Die Gastro Vibez musste danach wohl nicht einmal einen Kochlöffel einpacken: «Das gesamte Inventar befindet sich im Eigentum der Stadt Schaffhausen, weshalb ein nahtloser Weiterbetrieb des Theaterrestaurants möglich war», sagt Keller.

Es ist nicht die einzige kritische Frage an die Adresse der Stadt. Aus der Gastroszene kommt der Vorwurf, die Stadt würde ihre Gastrobetriebe zu wenig unterstützen (die Stadt besitzt nebem dem Theaterrestaurant noch fünf weitere Restaurants). Bereits 2022 forderte Alt-Grossstadträtin Iren Eichenberger in einer Kleinen Anfrage, die Stadt müsse sich doch um ihr Restaurant kümmern. Dies als Reaktion auf den Weggang der letzten Pächterin des Theaterrestaurants. Und mit dieser Meinung ist sie anscheinend nicht allein. 

Damals antwortete die Stadtregierung: «Die Führung des Betriebes obliegt dem Pächter, in eigener Verantwortung». Ähnlich klingt es heute bei Immobilienchef Florian Keller: «Solange die Miete Ende des Monats ankommt, mischen wir uns nicht ein.» Auch wenn das für die Gastronomen das Scheitern bedeutet?

«So lange die Miete Ende des Monats ankommt, mischen wir uns nicht ein.»

Florian Keller, Abteilungsleiter Städtische Immobilien

In Fall der Gastro Vibez habe die Stadt ja proaktiv nachgefragt, wie der Betrieb laufe, sagt Keller. Bedingungslos könne die Stadt seine Pächter:innen aber nicht unterstützen – «dafür fehlen die rechtlichen Grundlagen». Alles hänge davon ab, ob ein Betriebskonzept von Anfang an funktioniere. Dieser Punkt wurde zum Auftakt von Ranallos Gastspiel im Theaterrestaurant aber wohl verpasst. Es gab wenig Vorlaufzeit, worauf sich der Pächter aber eingelassen hatte. Die Stadt kam ihm entgegen, indem sie Starthilfe geleistet hat – «im üblichen Rahmen». Die Sterne standen also schon zu Beginn ungünstig.

Im Moment besteht beim Theaterrestaurant kein Pachtverhältnis, die Stadt ist selbst zur Gastronomin geworden. «Wir wollten auf keinen Fall, dass in der Hauptsaison neben dem Theater alles dunkel bleibt», erklärt Keller. «Aber es war ein Sprung ins kalte Wasser für alle.» Vor allem für das jetzige Wirtepaar, das von der Stadt angestellt wurde und das, wenn es sich beweisen kann, als neue Pächter infrage käme. 

Die Suche nach neuen Pächtern müsse momentan aber warten, es gehe nun vor allem darum, den Restaurantbetrieb in ruhige Gewässer zu führen, sagt Keller. Man müsse ohnehin über die Bücher gehen und ein paar Grundsatzentscheide fällen. Das Hauptziel sei, den Leuten einen guten Service zu bieten.

Wäre es angesichts der wiederkehrenden Probleme nicht besser, das Restaurant unabhängig vom Theater zu führen? Könnte so der Fluch womöglich gebrochen werden? Das ist laut Keller keine Option: «Das Restaurant profitiert vom Theater als Publikumsmagnet und Kundenlieferant.» Trotz der vielen gescheiterten Versuchen in den vergangenen Jahrzehnten lässt sich Keller nicht beirren: «Ich glaube an dieses Restaurant!» 

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