Die Schulanlage Steig wird erweitert. Wo bald gespielt und gelernt wird, gräbt man gerade nach Spuren der Zerstörung und einer gefürchteten Krankheit.
«Danki Gott, Gott gebi Glück und Gsundheit trüli, ersetzi Gott eure Almosen a Seel und Lib. Gott gebi Segen und Gsundheit trüli.»
Tief aus der Vergangenheit hallt der Spruch der um Almosen bittenden «Aussätzigen» um die alten Mauern des ehemaligen «Sondersiechenhauses», dem heutigen Altersheim Steig an der Stokarbergstrasse. Das Areal hat eine bewegte Geschichte, die gerade neu beleuchtet wird: Bevor die Bagger anrücken und das geplante Erweiterungsprojekt der angrenzenden Steigschule umsetzen, wird hier statt mit dem Schlagbohrer mit dem Pinsel gearbeitet. Denn unter dem Schulhof befindet sich eine archäologische Schatzkammer.
Der Ort liegt in einer sogenannten archäologischen Schutzzone – man wusste schon vor Grabungsbeginn, dass hier mit historisch bedeutenden Funden zu rechnen ist. Ein wichtiger Blick in die Vergangenheit. «Wir wollen Lücken schliessen, welche die schriftlichen Quellen nicht ausfüllen können», sagt Kantonsarchäologin Katharina Schäppi. Neben dem Sondersiechenhaus für Lepra-Kranke befand sich hier eine Kapelle mit dazugehörigem Friedhof und später die alte Steigkirche. Schriftliche Zeugnisse dokumentieren die Existenz dieser Einrichtungen, geben aber keine Auskunft über den Alltag der Menschen, die hier lebten. Ihre Spuren finden sich aber unmittelbar unter dem Teer des heutigen Schulhausplatzes. Die Knochen haben viel zu erzählen.
«Gestörte» Skelette
Das Sondersiechenhaus stand hier einst allein auf weiter Flur – aus gutem Grund natürlich. Es wurde 1470 als zweistöckiger Fachwerkbau errichtet und ist bis heute fast unverändert in dieser Form erhalten. Das von der Stadt verwaltete Haus ersetzte wohl kleinere Klausen, in denen die Aussätzigen bis dahin hausten. Denn schon um 1308 wurden die «siechen Lüten zu dem Velt», die Feldsiechen, erstmals urkundlich erwähnt. Fast zeitgleich wurde eine Kapelle gebaut, in der für die Kranken die Messe gehalten wurde. Sie stand auch den umliegenden Bauern, Rebleuten und Taglöhnern offen – säuberlich getrennt von den «Siechenden», den kranken Menschen.
Die Dreikönigskapelle, deren Grundmauern gerade ausgegraben werden, überdauerte die Jahrhunderte bis zu ihrem Abbruch im Jahr 1894 zugunsten einer grösseren, im neugotischen Stil erbauten Kirche. Auch ein Teil des alten Friedhofs musste dem Neubau weichen. Und hier, wo sich alte und neue Schichten treffen, zeigt sich die verwobene Geschichte des Areals besonders gut.
Voruntersuchungen per Radar konnten erste Fragen klären: Die Grundmauern der beiden Kirchen sind grösstenteils noch vorhanden. Die pragmatische Bauweise aus Zeiten, als es noch keine Bagger gab, kommt dem Grabungsteam zugute: Die Baugrube für die 1895 erbaute Steigkirche (sie fiel 1944 den verirrten Bomben der Alliierten zum Opfer und wurden abgerissen) wurde sehr effizient angelegt. Heisst, gerade so breit und tief wie nötig. Die umliegende archäologische Schicht blieb unberührt und ist daher gut erhalten. Dort, wo sie von den Kirchenmauern «gestört» wird, wird es archäologisch besonders interessant, da diese Schichten älter sein müssen als die sie durchkreuzenden Grundmauern. Priorisiert werden deshalb Skelette, die durch Folgebauten oder spätere Neubelegung beschädigt wurden oder unvollständig sind: Ältere Gräber überlagern sich mit einer jüngeren Nutzung des Friedhofs.
An bestimmten Punkten wurden gezielte Sondierungen durchgeführt, um den Umfang des einstigen Friedhofs einzugrenzen und die Anzahl Gräber zu schätzen. Schäppi und ihr Team gingen von 750 Gräbern aus. Diese hohe Zahl für den vergleichsweise kleinen Friedhof erklärt sich durch die lange Nutzungsdauer und die sehr dichte Belegung über 700 Jahre. Die seit September laufende Grabungskampagne bestätigt die Schätzungen. Die freigelegten Skelette werden katalogisiert, geborgen und danach anthropologisch untersucht.
Das Feld der neuzeitlichen Archäologie ist noch relativ jung. Auf der Steig überlagern sich mittelalterliche und neuzeitliche Schichten. Interessant sind neben den Gräbern vor allem jene Funde, die etwas über den Alltag der Leute erzählen – unscheinbare Spuren wie Keramik-Scherben oder alte Kacheln. Das Ziel sei, alles zu bergen, was durch die Bauarbeiten zerstört würde, erklärt Katharina Schäppi: «Im Bereich des Neubaus wird es danach keinerlei archäologische Überreste mehr geben.»
Bei der Untersuchung der Skelette lässt sich – wenn auch nicht auf den ersten Blick, aber anhand detaillierter Betrachtung – viel über die Lebensumstände der Verstorbenen herausfinden: über ihr Alter, ihre Ernährung und allfällige Gebrechen zum Beispiel. Die Lepra-Erkrankung vieler der hier Bestatteten nachzuweisen, wird allerdings nicht ganz einfach. Die Krankheit hinterlässt an den Knochen kaum Spuren.
Biblische Seuche
Lepra, die «kalte und langsame Krankheit», wie sie beschrieben wurde; ihr haftet etwas Biblisches an. Früher durch ein Ungleichgewicht der Körpersäfte erklärt, ist die Ursache der Krankheit das Bakterium Mycobacterium leprae, das Haut und Nervenbahnen schädigt. Das Neue Testament berichtet über die Wundertaten Jesu, darunter die Heilung eines Lepra-Kranken durch Handauflegen. Die Berührung eines Aussätzigen – ein absoluter Skandal, nicht nur zu biblischen Zeiten. Die Angst vor einer Ansteckung war gross.
Dennoch: «Die mit dem Aussatz behafteten wurde beim ersten Auftreten dieser Krankheit grosser Liebe und Aufmerksamkeit gewürdigt» heisst es in einer Abhandlung über die Geschichte des Schaffhauser Sondersiechenhauses aus dem Jahr 1874. Die Kirche fühlte sich wohl verpflichtet, sich um die Aussätzigen zu kümmern, weil die Krankheit ursprünglich aus dem Vorderen Orient durch Wallfahrten und mit den Kreuzzügen nach Europa gebracht wurde. Durch die rigorose Absonderung der Kranken weit ausserhalb der Stadtmauern sollte die Seuche eingedämmt werden.
Dabei ist heutzutage klar: Die heute heilbare Krankheit ist nicht sehr ansteckend – Mycobacterium leprae vermehrt sich nur langsam und betrifft vor allem immunschwache Personen. Allerdings: Die äussere Erscheinung der Leprosen, die oft jahrelang mit der langsam fortschreitenden Krankheit lebten, und die harten Konsequenzen, welche eine Ansteckung mit sich brachte, waren furchteinflössend.
Lepraverdächtige mussten sich einer Leibesuntersuchung unterziehen und zu sogenannten Schauen erscheinen. Erst ab 1532 konnten diese in Schaffhausen durchgeführt werden, davor war die Diözese Konstanz zuständig – eine lange Reise, nur um im schlimmsten Fall mit der traurigen Gewissheit wieder heimzukehren. Bestätigte sich nämlich der Verdacht, wurde die erkrankte Person auf ihr Leben als Ausgesonderte vorbereitet, in dem strenge Regeln herrschten. Die Kranken mussten ins Siechenhaus ziehen, waren dort aber nicht eingesperrt. Es war ihnen erlaubt, sich unter Vorgaben frei zu bewegen und ihren Unterhalt mit Betteln zu erwerben. Dazu trugen sie besondere Kleidung, Handschuhe sowie Klappern, sogenannte «Brätscheli», um den Gesunden ihre Anwesenheit anzukünden. Sie durften nichts und niemanden berühren.
Auch aus der Kirchengemeinde wurden sie ausgesondert: Vor ihrem Eintritt in das Siechenhaus wurde eine erkrankte Person – wie eine Verstorbene – ausgesegnet, also für tot erklärt. Ihr Besitz ging an die Angehörigen über.
Gefälschte Arztzeugnisse
Die Idee hinter all dem: Isolation. Damit diese wirksam gehalten werden konnte, schaffte das Siechenhaus ganz eigene Anreize, um die leprosen Menschen möglichst an Ort und Stelle zu halten. Das Haus verfügte über eine Badstube und gefundene Schröpfköpfe lassen vermuten, dass ein Sodbrunnen zur Verfügung stand. Die hygienischen Bedingungen in der Einrichtung lagen daher wohl sogar über jenen der durchschnittlichen Bevölkerung.
Davon profitierten auch «fremde Siechen», die auf Bettel-Wanderungen ein Anrecht auf eine Übernachtungsmöglichkeit in anderen Siechenhäusern hatten. Es wird angenommen, dass mit Rückgang der Krankheitsfälle die Institution auch für an sich gesunde, aber in prekären Verhältnissen lebende Menschen interessant wurde. Es gab wohl Fälle von gefälschten Krankheitsbescheinigungen, um von den Vorteilen des Siechenhauses zu profitieren – eine Ansteckung nahm man in der Not wohl bewusst in Kauf. Den Kranken standen neben den sanitären Einrichtungen nämlich auch Pfründe zu, also Lebensmittelrationen.
Oft wurden sie von Verwandten nach Möglichkeit zusätzlich finanziell unterstützt, aber dieses Glück hatten längst nicht alle. Wohlhabende Bürger:innen bedachten das Siechenhaus mit regelmässigen Spenden, in der Hoffnung, so ein wenig Seelenheil zu heischen. Das Heim lag ausserdem strategisch günstig an der Hauptverkehrsachse in den Klettgau. Durchreisende hatten die Gelegenheit, eine Gabe in den heute noch existierenden Opferstock an der Pforte des Hauses zu legen. Der Weg über die Stokarbergstrasse war ausserdem bis ins 16. Jahrhundert die einzige Verbindung zwischen dem Ober- und Unterlauf des Rheinfalls für den Warentransport; Güter wurden an der Schifflände umgeladen und unterhalb des Laufens wieder verschifft.
Sonderstatus zu allen Zeiten
Die Massnahmen zur Eindämmung der Lepra schienen indes Wirkung zu zeigen, der letzte dokumentierte Eintritt einer Lepra-Kranken datiert ins 17. Jahrhundert. Noch lange nach dem Verschwinden der Lepra-Fälle in der Region war es die Aufgabe des «Brätscheli-Manns», in der Kluft der Aussätzigen und mit einer Klapper durch die Gassen zu ziehen, um die sonntäglichen Almosen einzusammeln.
Mit der Zeit bauten gutbetuchte Schaffhauser:innen in der Umgebung des ehemaligen Siechenhauses ihre Sommerresidenzen, es entstanden prachtvolle Bauten an bester Wohnlage. Das Haus selbst liess sich vom Strudel der Zeit nicht mitreissen.
Nachdem das Sondersiechenhaus in seinem ursprünglichen Zweck nicht mehr benötigt wurde, wandelte sich die Einrichtung zum Heim für unheilbar Kranke und später zum Armenhaus. Heute ist es ein Altersheim – seine Sonderfunktion als Obdach für pflegebedürftige Menschen in besonderen Situationen hat es seit seinen Ursprüngen immer bewahrt.
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