«Man darf mich ruhig noch grüssen»

14. Dezember 2025, Andrina Gerner

Der Neunkircher Andreas Walt tut sich das Amt des Gemeinderats nicht mehr länger an. Zeit für einen Rückblick. Und für Klartext.

Es brodelt weiter im beschaulichen Städtchen: Vor einer Woche verabschiedete die Neunkircher Gemeindepräsidentin Magdalena Guida Andreas Walt offiziell aus dem Gemeinderat, nachdem der parteilose Kunstschlosser Mitte November seinen sofortigen Rücktritt bekanntgegeben hatte. Er war im Rahmen der Gesamterneuerungswahlen Ende 2024 in den Gemeinderat gewählt worden.

Als Grund für den Rücktritt nur ein Jahr danach nannte er den zeitlichen Aufwand, der neben der Arbeit in seinem Handwerksbetrieb nicht mehr zu bewältigen gewesen sei. Aber: Ist das angesichts des Kampfplatzes, der die Neunkircher Exekutive geworden ist, die ganze Wahrheit?

Wir treffen den 52-Jährigen in der Cafeteria des Neunkircher Altersheims. Kopfnicken von verschiedenen Seiten, man kennt den grossgewachsenen Mann. Ein kräftiger Händedruck, Walt legt seine Mütze auf den Tisch. Darauf gestickt: «Föck it».

AZ: Ist das Ihre Grundhaltung? Auf dem Chäppli?

Andreas Walt: (Lacht) Nein, das Label gehört zu einem Projekt eines Freundes von mir, der damit sozial Randständige unterstützt. Der Spruch drückt lediglich aus, dass man sich selbst sein soll.

Die Cafeteria-Mitarbeiterin nimmt unsere Bestellung auf. «Sind Sie nicht der Gerhard? Der aus Deutschland? Ah nein, die Haare sind zu wenig lang.» – «Zu wenig lang?! (Walt steht auf, die Haare fallen ihm weit in den Rücken) Habe ich tatsächlich noch einen Doppelgänger? Das ist mir schon einmal passiert!»

Wie begegnet man Ihnen auf der Strasse? Haben die Leute Ihren Abgang aus dem Gemeinderat schon registriert?

Ja, natürlich. Kürzlich sagte ich zur Gemeindepräsidentin – mit der ich übrigens ein gutes Verhältnis habe –, sie solle ihren Parteikollegen ausrichten, dass diese mich ruhig weiterhin normal grüssen können. Ich bin immer noch der Gleiche. Ich verstelle mich nicht.

Das passt ziemlich gut zum Spruch auf der Mütze.

Das stimmt.

Es klingt aber auch so, als gäbe es andere Gründe für Ihren Austritt als den offiziell genannten.

Ich darf eh nichts sagen. Gschnorr gibt es sowieso. Aber nicht von mir.

Was dürfen Sie nicht sagen?

Als Gemeinderat ist man zwangsgebunden.

Wie meinen Sie das?

In solchen Ämtern ist man von gewissen Amtsträgern abhängig. Auch von solchen, die es sehr gut verstehen, vor allem für sich selbst zu schauen. Und das meine ich ganz allgemein. Wer kennt das nicht aus der Politik: alles ein grosser Sändelikasten. In der Privatwirtschaft kann man jederzeit die Fesseln durchschlagen, wenn einem alles auf den Sack geht – in der Politik nicht.

Aber solche internen Machenschaften werden in der Regel ja immer recht schnell bekannt – wenn auch meistens nicht offiziell. Warum kommt man mit so etwas durch?

Indem man es einfach macht. Man muss nur dreist genug sein. Je frecher und direkter, je auffälliger man ist, desto weniger trauen sich die Leute, etwas zu sagen. Gerne ballen die Bürger ihr Fäustchen in der Hosentasche und grummeln in ihr Bärtchen, ohne laut zu werden… Das ist nichts Neues, oder?

Waren also interne Differenzen das Problem?

Das Amt an sich war für mich sehr belastend. Es wird erwartet, dass man als Gemeinderat sofort alles weiss und kann. Diese Erwartungshaltung… manchmal sind die Leute richtig frech geworden. Dabei war ich da gerade mal ein paar Wochen im Amt! Es braucht Zeit, sich einzuarbeiten. Man übernimmt ja auch die Altlasten der Vorgänger. Bestes Beispiel: die Heizzentrale. Ich habe das schon mehrfach in der Öffentlichkeit gesagt: Das ist ein kompletter Irrsinn, den man auf Biegen und Brechen durchboxen will!

Der umstrittene Neubau der Heizzentrale Muzell lässt die Zornader vieler Neunkircher schon lange immer wieder anschwellen und führte auch an der Gemeindeversammlung letzte Woche zu neuen Diskussionen. Kritisiert wurde, dass der Gemeinderat das eigentlich schon beschlossene Projekt im Sommer eigenmächtig sistiert hatte, um es noch einmal neu beurteilen zu lassen (siehe dazu ausführlicher AZ vom 26. Juni 2025).

Dies vor allem deshalb, weil das Projekt im Interesse Weniger (in den Kreisen der SVP um den ehemaligen Gemeindepräsidenten) und an der Bevölkerung vorbei aufgezogen worden sei, da diese sich generell zu wenig deutlich zu Wort melde, heisst es auf der anderen Seite. Der Gemeinderat will ausserdem bis Mitte 2026 alternative Wärmequellen prüfen, dank derer sich ein Neubau möglicherweise erübrigen würde. Die über vier Millionen Franken für den Neubau wurden per Antrag an der Gemeindeversammlung dennoch wieder in das Budget aufgenommen. Die echauffierten Meinungen zur Heizzentrale werden sich so bald also nicht abkühlen.

Bei Ihrem Amtsantritt waren Sie als Hochbaureferent mit für das strittige Thema zuständig.

Ja, weil ich es übernehmen musste. Es wurde mir aufgrund der Wählerstimmen so zugeteilt. Eigentlich interessierte ich mich für das Sozialreferat, in diesem Bereich war ich beruflich öfters unterwegs und habe entsprechend Erfahrung. Aber Skills zählen offensichtlich nichts.

Andreas Walt startete sein Amt als Hochbaureferent; nach drei Monaten kam es zu einem Wechsel, da die oft ortsgebundenen Aufgaben neben der Arbeit in der eigenen Firma nicht zu schaffen waren. Auf seine Bitte hin konnte er das Hochbau- gegen sein Wunschreferat abtauschen. Der Wechsel habe sich zum Wohl der Gemeinde aufgedrängt, erklärte die Gemeindepräsidentin damals gegenüber den Schaffhauser Nachrichten.

Sie wussten also vor Ihrer Wahl nicht, welches Referat Sie erhalten würden – wie haben Sie sich vorbereitet?

Auf dieses Amt kann man sich nicht wirklich vorbereiten.

Dann noch einmal von Anfang an: Warum haben Sie sich überhaupt zur Wahl aufstellen lassen?

Weil es sonst niemand gemacht hätte. Und weil ich hinter die Kulissen sehen wollte. Es sei schon viel Arbeit, sagte man mir in den Vorgesprächen, aber das wäre alles nicht so schlimm, man würde mich unterstützen. Das wahre Ausmass kriegt man im Vorfeld nicht mit. Mit bestehenden Gemeinderäten habe ich mich nicht grossartig ausgetauscht, die hätten eh nicht viel gesagt. Die hatten das sinkende Schiff ja sowieso schon verlassen (lacht). (Anm. d. Red.: Die Wahl von Magdalena Guida zur Gemeindepräsidentin hatte die Kündigung sämtlicher Gemeinderät:innen und einiger Verwaltungsangestellter zur Folge).

War gerade diese Tatsache nicht abschreckend?

Schauen Sie, morgen habe ich einen Auftrag auf einer Baustelle. Ich werde knietief im Schlamm stehen. Ich bin alles gewöhnt. Es gibt nichts, was mich noch überraschen könnte.

Das klingt ziemlich verbittert.

Nein, ich kann von diesen Erfahrungen nur profitieren. Das Amt als Gemeinderat hatte ich anfangs tatsächlich anders eingeschätzt. Aber wenn etwas Neues kommt, ist es immer vergleichbar mit etwas, das ich schon durchlebt habe.

Haben Sie aufgrund dieser Lebenserfahrung relativ schnell die Reissleine gezogen?

Wollen Sie den wahren Grund hören?

Ja.

In der Gemeindeverwaltung sitzen sehr viele Leute, die einen wirklich guten Job machen und sich jeden Tag ein Bein ausreissen für dieses Dorf, das will ich betonen. Bei diesen Leuten, und natürlich auch bei den Neunkirchern, möchte ich mich herzlich für die Zusammenarbeit und das Vetrauen bedanken. Aber es gab einzelne, die nicht merkten, dass sie sich mit ihrem Verhalten gegen das eigene Gremium wandten und meiner Meinung nach immer noch nicht verstehen, was ein Gremium ist und wie man sich darin zu verhalten hat. Ich kam mir manchmal vor wie im Kindergarten. Als Geschäftsführer würde ich jemandem, der sich so daneben verhält, die Tür weisen. Aber in der Politik geht das nicht so einfach. Das konnte und wollte ich nicht länger unterstützen. Es ist interessant: Was man weiss und was kommuniziert wird, unterscheidet sich je nach Fall extrem. Dazu bekommt man noch gewisse Gepflogenheiten mitgeteilt, wie man zu kommunizieren hat. Das ist teilweise echt frech.

Und führt in ein Dilemma.

Das war mitunter auch ein Grund, wieso ich gegangen bin. Man wollte mich dazu bewegen, wenigstens noch bis Ende Jahr zu bleiben. Teilweise wurde versucht, mir ein schlechtes Gewissen einzureden. Aber ich muss gar nichts. Es ist meine Zeit und ich entscheide, was ich damit mache. Für das Hochbaureferat arbeitete ich bis 120 Stunden im Monat für knapp 2000 Franken – zusätzlich zu meiner täglichen Arbeit von etwa 180 Stunden monatlich. Ich habe fast nicht mehr geschlafen, es war sehr belastend. Welchen Aufwand das Amt mit sich bringt, wissen die wenigsten. Man gibt sein Bestes und läuft irgendwann auf. Aber die Leute sehen das nicht. Einige schauen sogar, wo sie noch extra piesacken können. Jede «Verfehlung» wird sofort kommentiert oder angezeigt. Gewisse Leute sagten hintenrum, ich sei faul und mache zu wenig. Aber ich habe zwei Firmen. Und eine Familie. Ich muss mich nicht rechtfertigen.

Im zu verabschiedenden Budget 2026 wurde die Entschädigung für die Exekutive erhöht – was nicht unbemerkt blieb und an der Gemeindeversammlung zu Fragen führte. Magdalena Guida erklärte den Entscheid damit, dass der Aufwand für ein solches Amt tatsächlich enorm sei.

Ist das nicht frustrierend? Wenn man in den Maschinenraum gesehen hat und nun genau weiss, was schiefläuft? Wie geht man damit um?

(Zuckt mit den Schultern) Ich weiss, wie die Menschen ticken. Überrascht hat mich wie gesagt nichts. Ich wollte dahinter blicken, damit ich auch diese Erfahrung abhaken kann. Darum war es einen Versuch wert. Man kann nicht nicht lernen.

Wollten Sie wirklich etwas verbessern?

Ich hatte ehrlich gesagt keine grosse Erwartungshaltung; so kann man sich selbst weniger enttäuschen. Aber: Man muss alles ausprobiert haben, dann darf man sich erlauben, mitzureden. Ich wurde oft von oben herab behandelt, weil ich ja eh keine Ahnung hätte und nicht gerade dem allgemeinen oder erwarteten Bild entsprach. Es wurde mir aber auch von verschiedener Seite gesagt, dass ich der Einzige gewesen sei, der funktioniert habe. Vielen verstanden meinen Abgang. Das war eine schöne Genugtuung.

Was müsste passieren, dass dieser Gemeinderat funktioniert, dass das Amt attraktiver wird?

Es wäre so viel einfacher, wenn man einfach mal machen würde. Machen ist wie wollen, nur krasser. Zusammensitzen, Lösungen finden und vor allem Probleme lösen. Aber nein, es wird so vieles einfach totgeschwiegen. Den Amtsträgern geht es oft nur um das eigene Profilieren. Auch bei mir hiess es: Jetzt bist du Politiker. Aber ich verweigerte dieses Etikett vehement. Sich um Sozialfälle kümmern, Baustellen anschauen – was ist daran politisch? Ich bin mit einer guten Portion gesundem Menschenverstand geboren und gehe mit allen gleich um. Ich bin nur ehrlich und ich kann dazu stehen. Das können nicht viele. Darum sollte es aber gehen in diesem Amt.

Letzte Woche wurde mit Daniela Affolter eine erste Kandidatin für Andreas Walts Nachfolge bekanntgegeben. Die Ersatzwahl wird im Januar stattfinden.