Abgehängt

7. Dezember 2025, Mascha Hübscher
Der ungewisse Blick aus einem Wohnzimmer am Bachstieg 11. Fotos: Robin Kohler
Der ungewisse Blick aus einem Wohnzimmer am Bachstieg 11. Fotos: Robin Kohler

An der Munothalde will ein windiger Immobilienunternehmer im grossen Stil umbauen. Die Mietenden bezweifeln seine Professionalität.

Blickt man den Hang Richtung Munot hinauf, verschwindet der kubische Wohnblock am Bachstieg 11 trotz seiner Grösse fast hinter den kahlen Bäumen. Die gelbe Fassade hat an Frische eingebüsst, an mehreren Stellen bröckelt der Putz ab. Das mehrstöckige Haus an der Munothalde gehört zusammen mit zwei anderen Häusern zu einem Ensemble, das in den Dreissigerjahren vom bekannten Schaffhauser Architekten Wolfgang Müller erbaut und erst im Januar 2024 aus dem Verzeichnis schützenswerter Kulturdenkmäler der Stadt entlassen wurde (weil für «zu durchschnittlich» befunden). Die gut 90 Jahre, die der Block bereits auf dem Buckel hat, sind ihm anzusehen. Dass gegen den Verfall schon länger wenig unternommen wird, auch.

Trotzdem ist der Bachstieg 11, an der Sonnenhalde des Emmersbergs in grüner Umgebung gelegen, mit schneller Anbindung an den Bahnhof und dennoch bezahlbaren Mieten, noch immer interessant als Wohnort. Und auch als Investitionsobjekt, wie sich im vergangenen halben Jahr zeigte.
Der Block ist im Frühling 2025 an einen neuen Besitzer übergegangen. Und seit ein paar Wochen ist klar: Hier wird bald alles anders.

Umbau-Modell Taubenschlag

An einem Freitagmorgen Anfang Oktober wuchsen vor den Fenstern der Bewohner:innen des Bachstiegs 11 plötzlich Bauprofile in die Höhe. Wenig später flatterte der dazugehörige eingeschriebene Brief ins Haus: Ein «Neubauprojekt» stehe an. Die Mieter:innen im Haus müssten deshalb bis Ende März 2027 ausziehen, die Kündigung werde folgen. Der Brief liegt der AZ vor. Unterschrieben hat ihn eine Treuhandfirma aus Luzern.

Als die Bauprofile um das Haus bereits drei Wochen standen, erfolgte die Baueingabe für das Grundstück. Darin ist plötzlich nur noch von einem Umbau mit Sanierung statt von einem Neubau die Rede. Laut Baueingabe soll der Spatenstich zudem bereits im März 2026 statt im April 2027 erfolgen.

Die Pläne, die die AZ eingesehen hat, legen aber offen, dass nach dem «Umbau» nichts mehr so sein wird, wie es heute ist: Der Eigentümer will das Haus nicht nur sanieren und an heutige Energiestandards angleichen, sondern auch fundamental umstrukturieren. Aus den derzeit zehn Wohnungen sollen 24 Studios à 31 Quadratmeter und eine Zweizimmerwohnung à 42 Quadratmeter entstehen. Stauraum in Keller oder Dachboden gäbe es praktisch keinen mehr, dafür mehr und grössere Balkone.

Grundsätzlich darf ein Eigentümer mit seinem Haus tun, was er will, befindet es sich innerhalb der gesetzlichen Schranken. Doch die Unstimmigkeiten und die schlechte Kommunikation gegenüber den Mietenden irritieren. Auch, weil der neue Hausbesitzer – ein Samuel W., dessen Firma Glatt/Bach AG das Grundstück gehört und dessen andere Firma Hochstrasse AG darauf bauen will – unter den Mietenden bereits vor der Offenlegung der Baupläne für Unmut gesorgt hat.

Gefühlt schon abgeschrieben

Von den zehn Wohnungen im Block sind derzeit noch acht bewohnt, mehrere Mietende sind schon seit über einer Dekade am Bachstieg 11 zuhause. Zwei Mietparteien sind innerhalb des letzten halben Jahres ausgezogen, Nachmieter:innen gab es seither keine.

Die AZ hat mit fünf Mieter:innen gesprochen, die im Haus gewohnt haben oder noch immer dort wohnen. Unabhängig voneinander berichten sie seit dem Besitzerwechsel im Frühling 2025 von Schäden, die über Monate hinweg nicht repariert wurden; von einem Kühlschrank, der seine Temperatur nicht mehr regulieren kann oder einer WC-Spülung, bei der man mit dem Wasserkrug nachhelfen muss.

Auch von Unterhaltsarbeiten im und ums Haus sei nichts zu spüren, obwohl Nebenkosten eingezogen werden. Beim Besuch der AZ liegen Dreck und nasses Laub im Treppenhaus, die gemeinschaftlich genutzte Waschmaschine sei zudem länger nicht betriebsfähig gewesen, weil niemand das prallvolle Münzfach geleert habe, erzählen Mietende.

Das Problem: Der Eigentümer Samuel W. ist für seine Mieter:innen nicht erreichbar, weder per Telefon noch per E-Mail.

Die Mängel in den Wohnungen haben bereits zu mehreren Mietschlichtungsverfahren geführt, zu denen der Eigentümer allerdings nicht erschienen sei. Auch zu zuvor vereinbarten Terminen zur Wohnungsabgabe sei er mehrfach unentschuldigt nicht aufgetaucht, berichten Mietende; ein eingeschriebener Brief an den Eigentümer mit den Wohnungsschlüsseln sei wieder an den Bachstieg 11 zurückgekommen.

Der drohende Umbau ist bereits im Treppenhaus zu spüren.
Der drohende Umbau ist bereits im Treppenhaus zu spüren.

Im Gespräch mit den Mietenden entsteht das Bild einer gut vernetzten Hausgemeinschaft, die ihre Wohnungen allesamt schätzt, aber weiss, dass sie renoviert werden müssen. Das Gefühl, dass das Haus und sie selbst aber eigentlich bereits abgeschrieben wurden, treibt die Mieter:innen um. Sie würden «links liegen gelassen», der Umgang mit ihnen sei «despektierlich» und «sehr, sehr unprofessionell». Mehrere Personen, mit denen die AZ gesprochen hat, äussern den Verdacht, dass im Haus gar keine Verwaltung eingesetzt sei.

Das einzige, woran sich die Mieter:innen festhalten können, ist eine Privatadresse in Engelberg, auf die die Eigentümerfirma Glatt/Bach AG gemeldet ist.

Das Phantom von Engelberg

Rita Schirmer-Braun wohnt seit 15 Jahren am Bachstieg 11, von ihrer 3-Zimmerwohnung überblickt sie fast die gesamte Altstadt. Nachdem sie aus dem Brief der Treuhandfirma Mitte Oktober entnommen hatte, dass sie ihre geliebte Wohnung wohl bald verlassen muss, ging die pensionierte Klimaseniorin in die Offensive.

Eines Oktobermorgens fuhr Schirmer-Braun also kurzerhand nach Engelberg. «Ich wollte sehen, ob die Eigentümerfirma eine Briefkastenfirma ist», sagt sie. In der Treppensiedlung, zu der die Engelberger Adresse führte, fand sie den Namen W. Sie klingelte – und traf tatsächlich auf einen eher jungen Mann. «Er wohne hier, hat er gesagt, und ist mir Rede und Antwort gestanden. Eigentlich ganz nett», erinnert sich Schirmer-Braun. Er habe sich Zeit genommen für ihre Fragen. Den Unterschied zwischen der Aushöhlung des Hauses, die im geplanten Umbau stattfinden würde, und einem Neubau, habe er ihr aber auch nicht erklären können. Zum Abschied gab W. seiner Mieterin eine Handynummer mit, unter der sie ihn erreichen könne.

In der Engelberger Treppensiedlung haben neben der Glatt/Bach AG noch vier weitere Firmen ihren Sitz, darunter die Hochstrasse AG, mit der W. nun am Bachstieg 11 umbauen will. Bei drei der fünf Firmen ist Samuel W. einziger und zeichnungsberechtigter Verwaltungsrat. Ausser, dass er britischer Staatsangehöriger ist, findet sich im Netz nicht viel über den Immobilienunternehmer.

Anruf unter der Nummer, die Samuel W. der Schaffhauser Mieterin vor seiner Wohnungstür aushändigte. W. nimmt ab. Er spricht deutsch mit englischem Akzent und hat eine raue Stimme. Auf Fragen von der Zeitung reagiert er zunächst skeptisch, verliert sich in einer Tirade darüber, dass er als Käufer auch Rechte habe, um sich danach für den groben Ton zu entschuldigen.

Er sagt, für den Bachstieg 11 gebe es keine andere Option als eine Totalsanierung. «Das ganze Haus ist ein grosser Mangel, seit dreissig Jahren hat niemand mehr darin investiert.» Dass der Block so viele Baustellen habe, sei ihm nicht klar gewesen, als er ihn gekauft hatte. «Jetzt darin zu investieren, wäre herausgeschmissenes Geld.»

Von dem Brief an die Bewohner:innen will er am Telefon zunächst nichts gewusst haben, irgendwann räumt er ein, dass die Formulierung, es gebe ein «Neubauprojekt», schlicht ein Tippfehler sei. «Für die Mieter spielt das sowieso keine Rolle.»

Auf die Frage, weshalb er nicht zu Mietschlichtungsverfahren und Wohnungsabgaben erschienen sei, reagiert er deutlich: «Die Mieter sollten darüber glücklich sein! Schäden, die entstanden sein könnten, interessieren mich nicht», sagt W. geradeheraus. Zu Schlichtungsverfahren zu kommen, empfinde er als Zeitverschwendung. «Ich überlasse die Entscheidung über Mietzinsreduktionen dem Amt und akzeptiere diese.» Dies bestätigen mehrere Mieter:innen, die den Weg übers Schlichtungsamt gegangen sind und nun von einer Mietzinsreduktion profitieren.

Das Geld, das W. mit den Mieter:innen heute noch verdienen kann, scheint ihm herzlich egal. Und die Menschen, die in seinem Haus leben, auch.

Ruft man bei der Treuhandfirma an, die den Informationsbrief an die Bewohner:innen des Bachstiegs 11 unterschrieben hat und die laut Eigentümer für den Unterhalt vor Ort verantwortlich sei, weiss der Geschäftsführer von nichts. Seine Firma kümmere sich nur um die Buchhaltung am Bachstieg 11. Auf den Informationsbrief angesprochen, druckst der Treuhänder erst herum. Dann sagt er doch, das Schreiben habe er angestossen, weil die Mietenden mit Fragen auf ihn zugekommen seien, als sie die Bauprofile entdeckten. Über die Baupläne aber wisse er nichts.

Die neue Normalität?

Wer aber soll einst in die neuen Studios am Bachstieg 11 einziehen? Samuel W. macht einen grossen Bedarf an kleinen Mietwohnungen geltend. «Meine Erfahrung zeigt, dass es diesbezüglich unter jungen Leuten, Einzelpersonen, Paaren oder kleinen Familien, eine hohe Nachfrage gibt. Sie wollen kein grosses, sondern ein bequemes und elegantes Apartment, das nicht viel zu putzen gibt», sagt er am Telefon.

Mit der Hochstrasse AG habe er an der Krebsbachstrasse in Schaffhausen bereits einen Neubau mit 18 Kleinwohnungen gebaut – und die Nachfrage nach solchen Wohneinheiten steige. Den Einwand, dass 30 Quadratmeter ohne Stauraum für mehr als eine Person knapp bemessen sei, lässt er nicht gelten. «Diese Wohnungen sind nicht klein, das ist heute normal.»

Dass Samuel W. mit seinen Bauvorhaben allerdings nicht immer einfach so durchmarschieren kann, wie er dies am Telefon darstellt, zeigt die Liegenschaft direkt unterhalb des Bachstiegs 11: Das Haus an der Bachstrasse 46 – mehr Bruchbude als Wohnhaus, die Rückseite liegt komplett offen – gehört ebenfalls Samuel W.s Firma Glatt/Bach AG. Und auch hier stecken seit Längerem Bauprofile im Boden.

Das Baugesuch, das W. für dieses Grundstück bereits im Oktober 2024 eingereicht hatte, ähnelt den Plänen für die obere Liegenschaft. An der Bachstrasse sind 17 Kleinwohnungen geplant, die sich in ihrer Grösse aber stärker unterscheiden – und das heute dort stehende Haus soll tatsächlich abgerissen und neu gebaut werden. Gegen die Pläne wurde allerdings Beschwerde eingelegt, mittlerweile liegt der Fall vor Obergericht.

Dass solch kleine und vereinzelnde Wohneinheiten im Zuge des verdichteten Bauens immer häufiger werden, ist wahrscheinlich. Ein Blick auf die Klingelschilder an W.s Block an der Krebsbachstrasse zeigt, dass seine Kleinstwohnungen dort gut ausgelastet sind. Die vielen provisorisch angebrachten Namensschilder an Briefkästen und Klingeln weisen jedoch auf viele Wechsel hin.

Ob sich das Verhältnis zu seinen Mieter:innen dort allerdings professioneller gestaltet als am Bachstieg 11, bleibt fraglich. Eine Mieterin von der Munothalde, die anonym bleiben möchte, sagt: «W. hat keinerlei Erfahrung darin, wie man ein Haus bewirtschaftet, in dem Leute wohnen. Ich glaube nicht, dass sich das so bald ändern wird.» Mehrere Mietende haben ihre Erfahrungen mit dem Eigentümer nun in einem Schreiben an die Baupolizei weitergeleitet.