Schämt euch

26. November 2025, AZ-Redaktion
Die beiden Autorinnen auf frischer Tat ertappt.  Bilder: Robin Kohler
Die beiden Autorinnen auf frischer Tat ertappt.  Bilder: Robin Kohler

Beim Einkauf in Deutschland fährt oft das schlechte Gewissen
mit über die Grenze. Muss das sein? Eine Shoppingtour.

Andrina Gerner und Nora Leutert

Nora  Gehst du eigentlich ins Deutsche go poschte?
Andrina  Nicht mehr so häufig. Früher mehr, als meine Kinder noch Windeln brauchten. Und du?
Nora  Ab und zu. Wenn ich bei jemandem mitfahren kann.

Man tut es, aber man spricht nicht gern darüber: Im «Deutschen» einkaufen. Laut einer aktuellen Studie der Universität St. Gallen ist der Einkaufstourismus in den letzten drei Jahren um fast zehn Prozent gestiegen. 72 Prozent der Schweizer:innen sollen regelmässig zum Shoppen ins Ausland fahren. Im Grenzkanton Schaffhausen dürfte die Zahl besonders hoch sein. Der Trend wird begünstigt durch den starken Franken: Der Euro sank letzte Woche auf ein neues Rekordtief. Der Bummel ins Ausland lohnt sich also mit Blick auf die generell tieferen Preise und die Mehrwertsteuer-Rückzahlung gleich dreifach.

Auch die Senkung der Zollfreigrenze von 300 auf 150 Franken Anfang dieses Jahres konnte die Schweizer:innen nur bedingt und nicht bei den Lebensmitteln bremsen. Bei dieser Warengruppe war das Wachstum am grössten, wie die Studie der Universität St. Gallen festhält. 
Sie zeigt aber noch etwas anderes: Man schämt sich dafür, im Ausland einzukaufen. Ein erheblicher Teil der Einkaufstourist:innen habe das Gefühl, nicht das Richtige zu tun, verspüre einen inneren Konflikt und fühle sich sogar schuldig. Warum, danach fragt die Studie bezeichnenderweise nicht.

Auch wir kennen diese diffuse Scham. Fragt man bei Freunden und Bekannten nach, ist das Tabu, nach Erzingen, Gailingen oder Jestetten zu fahren, zwar deutlich kleiner als noch vor
20 Jahren. Unsere Generation der Mittdreissiger scheint da etwas lockerer zu sein. Doch viele Meinungen sind auch heute noch gemacht: Für manche sind Einkaufstouristen Landesverräter, die auf Dumpingpreise spekulieren und schlechte Qualität, Gammelware, geschredderte Küken oder Pferdefleisch in der Lasagne in Kauf nehmen. Nach dem Grundsatz, Hauptsache billig. Ist das gerechtfertigt? Muss man sich als Mensch mit sozialem Gewissen schämen, im Deutschen einzukaufen?

Das wollen wir von Experten und Lokalpolitikerinnen wissen. Und wir wollen die volle Ladung Einkaufstourismus für einen echten Vergleich von Preisen, Produkten und Befindlichkeiten.


Samstagmorgen, 10.08 Uhr, Jestetten. Wir stehen vor einer der beiden DM-Filialen. Die Parkfelder sind alle besetzt, es herrscht Suchverkehr. Ein Zürcher stapelt Windelpackungen, Toilettenpapier und Putzmittel in den Kofferraum seines Autos. In den Gängen drücken sich Kund:innen an den Palettenrollis des Ladenpersonals vorbei, welches die Regale bereits wieder auffüllt. Heute sei viel los, bestätigt eine Angestellte, aber sie habe zum Glück bald Feierabend. Es ist 10.30 Uhr. Wir schlendern durch den Laden und hören vor allem Schweizerdeutsch. 

Andrina  Ich brauche meinen Eyeliner. 
Vorwurfsvoller Blick vom Fotografen. 
Andrina  Was schaust du so? Wir hatten nie behauptet, dass wir die Recherche nicht nutzen würden, um gleich noch einige Produkte mitzunehmen.

Der Eyeliner «Hyper Precise Black» der Marke Maybelline kostet 5.95 Euro. In einem Schweizer Grossverteiler würde man dafür 13.95 Franken hinblättern, also rund 60 Prozent mehr. 

Nora  Ich kaufe vor allem Babysachen. Das tun die meisten Mütter, die ich kenne, und da habe ich auch überhaupt kein schlechtes Gewissen.

Die Auswahl an Babynahrung und -bedarf ist riesig und die Preisunterschiede sind gewaltig: Eine Grosspackung Milchpulver der Marke Aptamil kostet hier 25.95 Euro. In der Migros zahlt man für das genau gleiche Produkt auf dieselbe Menge hochgerechnet 41.80 CHF (die Grosspackung gibt es hier nicht). Während wir unsere Einkäufe einpacken, schnappt sich ein Mädchen unseren geleerten Einkaufskorb: «Bruuched Sie de no?». Beim Eingang hat es keine mehr. 
Unser Einkauf beläuft sich auf 93.50 Euro: Kinderstrümpfe, Milchpulver, Babysnacks und Kosmetik-Artikel. Der Ausfuhrschein ist schon automatisch aufgedruckt und muss nicht mehr wie früher mit gedämpfter Stimme von der Kassiererin erbeten werden. Fett vermerkt, unser Gewinn in Form der erstatteten Mehrwertsteuer: 11.53 Euro. Oder: nicht nur einen, sondern direkt zwei gratis Eyeliner. 


Die grossen Preisunterschiede sind einer der Hauptgründe für Einkaufstourist:innen, im Ausland einzukaufen. Das liest sich nicht nur aus der St. Galler Studie, sondern erleben wir in unserem eigenen Umfeld. 

Das Problem hat ein Etikett: «Hochpreisinsel Schweiz». Importierte Produkte werden in der Schweiz teilweise zu 30, 60 oder gar über 100 Prozent teurer verkauft als im Ausland. Verantwortlich für diesen Schweiz-Zuschlag ist aber nicht einfach das hiesige Lohnniveau: Internationale Grosskonzerne liefern die Waren direkt oder über Alleinimporteure oft schon teurer in die Schweiz. Sie nutzen dabei, so hielt der Bundesrat mehrfach fest, die Kaufkraft der Schweiz bewusst aus und diktieren den hiesigen Händlern einen höheren Preis. Sind also die Produzenten und Lieferanten schuld an den hohen Preisen?

«Nicht nur.» Das sagt Sara Stalder, Geschäftsleiterin des Schweizer Konsumentenschutzes, als wir sie anrufen. Sie sieht den Ball klar bei den Schweizer Detailhändlern. Seit 2022 ist national der Gegenvorschlag der Fair-Preis-Initiative in Kraft. Seither können sich hiesige Unternehmen vor der Wettbewerbskommission gegen ungerechtfertigte Schweiz-Zuschläge aus dem Ausland wehren. «Das machen sie aber nur in vereinzelten Fällen», so Stalder. «Die hohen Preise scheinen ihnen ganz bequem zu sein.» 
Die Sache ist also ganz schön undurchsichtig. Seit Jahren schieben sich die Akteure gegenseitig die Schuld für die überrissenen Preise in der Schweiz zu. Nur ein Mitspieler lässt sich dabei auf frischer Tat ertappen: die Einkaufstouristin. Auf dem Kassenzettel steht es schwarz auf weiss. 9,2 Milliarden Franken flossen laut St. Galler Studie wegen ihr dieses Jahr ins Ausland. 


Zurück in Jestetten, Samstagmorgen, 11 Uhr. Wir manövrieren unser Auto vom Parkplatz des DMs ins Verkehrschaos Richtung Dorfzentrum. Andrina regt sich über die vielen Zürcher:innen auf: «Die verlangen sicher für jeden Kaugummi einen Ausfuhrschein.»

Nora  Den kriegst du sowieso erst ab 50 Euro.

Andrina  Stimmt. Ich nehme den Ausfuhrschein oft bewusst nicht mit – ehrlicherweise wohl, weil ich nicht als Einkaufstouristin abgestempelt werden will. Ich bin doch eine Einheimische, grad mal 200 Meter neben der deutschen Grenze aufgewachsen. Obwohl, dadurch war die Grenze wohl besonders präsent. Meine Eltern, die einen Landwirtschaftsbetrieb führten, hätten nie im Leben im Deutschen eingekauft und tun es bis heute nicht.

Wer im Deutschen einkauft, ist eine schlechte Eidgenossin, schadet den Bäuer:innen und der Wirtschaft. Wir haben Gewissensbisse und schreiben «Monsieur Prix»: dem eidgenössischen Preisüberwacher Stefan Meierhans. «Selbstverständlich nicht», entgegnet er auf unsere Frage, ob sich Einkaufstourist:innen schämen müssen. Er hinterfragt sogar, dass der Einkaufstourismus überhaupt der Wirtschaft schade. Ihm sei keine empirische Evidenz bekannt, welche diese Behauptung stützen würde. Viel eher käme eine Studie der Universität Basel von 2024 zum Schluss, dass der Einkaufstourismus positive Auswirkungen auf die Wohlfahrt in der Schweiz habe. Er erhöhe den Preisdruck auf die inländischen Anbieter – wovon (in Form tieferer Preise) wiederum auch jene Konsument:innen profitieren würden, die nicht im Ausland einkaufen. 

Die Gewerbeverbände sehen das naturgemäss anders. Sie appellieren immer wieder an das Einkaufsgewissen der Nation. «Herr und Frau Schweizer müssen sich bewusst sein, dass jeder Franken, der über die Grenze wandert, hierzulande fehlt», sagte etwa kürzlich Diana Gutjahr, SVP-Nationalrätin und Gewerbeverbandspräsidentin, gegenüber CH Media. Dadurch würden weitere Arbeits- und Ausbildungsplätze sowie wichtige Einkaufsstrukturen im nationalen Detailhandel vernichtet. In dieser Weise argumentiert auch der Schweizer Detailhandelsverband.

Wir kommen ins Grübeln. Ist es gegenüber den Detailhandelsangestellten unsolidarisch, im Deutschen einzukaufen? Wir stellen die Frage Daniel Lampart, Chefökonom des Gewerkschaftsbundes. «Nein», findet er. «Vor allem die grossen Detailhändler verdienen eigentlich gut in der Schweiz. Natürlich entsteht bei den kleinen Läden ein struktureller Druck, wenn der Umsatz fehlt. Aber der Druck aufs Personal nimmt aus ganz anderen Gründen zu.» Man könne der Bevölkerung nicht die Schuld zuschieben, bei vielen sei der Einkauf der einzige Posten, bei dem sie sparen können. Arbeitgeber, welche den Einkaufstourismus kritisieren, müssten in den Spiegel schauen: Viele Firmen haben die Löhne in den letzten Jahren nicht oder kaum erhöht, sagt Lampart.

Und was ist mit Einkaufstourist:innen, die eigentlich ein pralles Portemonnaie haben? «Ich will den Menschen nicht vorschreiben, wo sie was einkaufen sollen, das wäre vermessen», so Daniel Lampart. «Sie sollen sich einfach selbst gut überlegen, was sie machen.»


Samstagmorgen, 11.20 Uhr, immer noch Jestetten. Wir fahren im stockenden Verkehr an einem Marktplatz vorbei, wo «Badischer Feldsalat» oder «Kartoffeln vom B-See» angeboten werden. Wir parkieren vor der Edeka. Am Eingang reihen sich Paletten, in denen kiloweise «Stolls Obstwiese Äpfel» aus Waldshut lagern. Wir reihen uns in die Schlange von Menschen mit Einkaufswagen ein, viele haben leere Coop-Säcke dabei. Schon klar: In der Edeka kaufen die «Mehrbesseren» ein, die über Aldi oder Lidl die Stirn runzeln. Der Schweizer Dünkel hält nicht an der Grenze.
Drinnen an der Frischetheke gönnen wir uns schnell einen Cappuccino und eine Laugen-Käse-Peitsche, bevor wir zum «Markt der Frische» spazieren: der hübsch aufgemachten Gemüseecke im Bauernhofstil. Hier kann man genauso Bio, regional oder sogar regionaler einkaufen wie im Coop oder Migros. Wir denken an das lokale Kleingewerbe zu Hause, den Markt, das Käselädeli und die Bäckerei. 

Nora  Was den lokalen Läden schadet, sind doch in erster Linie die Grossverteiler an sich. Egal, ob diese in Beringen, in Feuerthalen oder in Jestetten stehen, nicht? Ausserdem ist das Schweizer Gewerbe genauso darauf angewiesen, günstig im Ausland einkaufen zu können.

Wir nehmen einen Rotkohl, Marke «Unsere Heimat» und greifen, während wir durch die Regale streifen, nach einer Packung Cornflakes. Wie wir an der Schlange vor der Kasse warten, halten wir fest: Wir schämen uns nicht. Und etwas Trotz gegen die überrissenen Preise ist auch dabei. Aber wir haben trotzdem das Bedürfnis, unseren Einkauf schönzureden.
Mit einem Postisack – zu klein für einen Ausfuhrschein – verlassen wir die Edeka und reihen uns in die Blechkolonne ein, die sich zurück Richtung Grenze bewegt. 

Kaufen Sie im Deutschen ein?

Andrea Müller, Präsidentin SVP SH: Für mich persönlich gilt: Das Geld soll dort ausgegeben werden, wo es verdient wird. Wir Landwirte produzieren für den Schweizer Markt, deshalb kaufen wir auch hier ein und sägen nicht am Ast, auf dem wir sitzen. Der masslose Einkaufstourismus schadet uns allen. Durch den Mehrwertsteuerausfall fehlen wichtige Gelder für unsere Infrastruktur. Jeder Franken, der ins Ausland abfliesst, gefährdet Arbeitsplätze, Lehrstellen und die wirtschaftliche Eigenständigkeit unserer Regionen. Lädelisterben lässt grüssen…
Romina Loliva, Präsidentin SP SH: Gewisse Produkte, ja. Ich achte auf Regionalität – kaufe regelmässig auf dem Schaffhauser Markt ein, und es kommt auch vor, dass ich Spargeln aus Erzingen kaufe. Es gibt Argumente gegen den Einkaufstourismus, wie die Unterstützung des lokalen Gewerbes. Doch die Menschen haben immer weniger Geld zur Verfügung. Grossverteiler und Lobbyisten sollten sich an der eigenen Nase nehmen und begreifen, dass die Leute die Preise vergleichen und ihre Schlüsse daraus ziehen. Das ist der freie Markt.
Britta Schmid, Präsidentin FDP SH: Ich kaufe grundsätzlich in der Schweiz ein, sicher alle Frischprodukte und Lebensmittel. Es kann vorkommen, dass ich im Deutschen Waschmittel hole. Ich bin überzeugt, dass ich bei vielen Produkten die bessere Qualität in der Schweiz bekomme und bin bereit, dafür zu zahlen. Ich möchte aber niemanden verurteilen, der in einer finanziell schwierigeren Lage ist. Um die Leute hier zu halten, müssen wir meiner Meinung nach mit unseren Standortvorteilen glänzen und ein überzeugendes Angebot schaffen.

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