Tauwetter

24. November 2025, Andrina Gerner
1942 hielt Heinrich Meyer-Bührer seine Vorstellung der Region am Ende der letzten Kaltzeit in Gouache fest: Links fällt das Schmelzwasser des Rheingletschers über den späteren Rheinfallfelsen und bildet unten rechts die Schlaufe bei Rheinau. Weiter hinten erstreckt sich das Alpenvorland. zVg
1942 hielt Heinrich Meyer-Bührer seine Vorstellung der Region am Ende der letzten Kaltzeit in Gouache fest: Links fällt das Schmelzwasser des Rheingletschers über den späteren Rheinfallfelsen und bildet unten rechts die Schlaufe bei Rheinau. Weiter hinten erstreckt sich das Alpenvorland. zVg

Nichts hat unsere Region landschaftlich mehr geprägt als die Eismassen, die hier einst lagen.
Moränen, Deckenschotter, Findlinge – Schaffhausen ist ein geologischer Hotspot.

Dann sprach Gott: Es sammle sich das Wasser unterhalb des Himmels an einem Ort und das Trockene werde sichtbar. Und so geschah es. Und Gott nannte das Trockene Land und die Ansammlung des Wassers nannte er Meer. (Gen 1, 9-10) 

Wenn wir heute durch unsere Region wandern, mit ihren Hügeln, Tälern und Bächen, denken wir kaum daran, welche Kräfte sie geformt haben. Kräfte, die vor gar nicht so langer Zeit verschwunden, nämlich weggeschmolzen sind: die Gletscher.  

Vom Säckelamtshüsli, der Anhöhe oberhalb der Breite, schweift der Blick weit ins Land hinaus. Über den Dächern der Altstadt und den Wipfeln des Cholfirsts sind im blauen Dunst die schon schneebedeckten Gipfel der Alpen zu erkennen. Wie sich die Lebenswelt der Menschen nach dem Verschwinden der Eismassen hier gestaltet hat, erzählt die aktuelle Ausstellung «Eiszeit – Leben vor 17 000 Jahren» im Museum zu Allerheiligen anschaulich. 


Wie aber hat sich diese Landschaft einst geformt? Für Eiszeitforscher:innen ist Schaffhausen ein Hotspot. Die Gegend lag während des Pleistozäns, dem grossen Zeitalter der Gletscher, immer am äussersten Rand der Eismassen. Was bedeutet das für die Region? Einer, der es wissen muss, ist der Schaffhauser Geologe und ETH-Dozent Iwan Stössel. Er hat sich intensiv mit der Geologie Schaffhausens beschäftigt. Ob er den Erklärungen etwas vorwegschicken dürfe? 

Iwan Stössel Es ist ja spannend: Zur Erkenntnis, dass es Eiszeiten gab, gelangte man erst im 19. Jahrhundert. Die erste Publikation zu diesem Forschungsfeld erschien 1833. Damals war es ein gewaltiger Denkschritt, sich einzugestehen, dass die Welt früher einmal ganz anders ausgesehen haben musste. Und nicht nur Geologen beschäftigten sich mit dem Thema, sondern auch Schriftsteller und Denker wie Johann Wolfgang von Goethe oder Adalbert Stifter. Es war die Ehrfurcht vor der Tatsache, dass die Welt sich verändert und nicht schon immer so war, wie Gott sie schuf – eine einschneidende Entdeckung… 

…die auch heute noch beeindruckt, wenn man zum Beispiel daran denkt, dass es ohne Gletscher den Rheinfall nicht gäbe. 

Stössel Die geologische Geschichte Schaffhausens ist extrem spannend, gerade wenn es um Gletscher geht. Die unterschiedlich erodierten Schichten den einzelnen Gletschervorstössen zuzuordnen oder sie zu datieren, ist nach wie vor schwierig. Die wiederkehrenden Eismassen führten Geröll mit, das hier abgelagert wurde und eine komplexe Architektur formte. Die zu verstehen, ist immer noch eine Herausforderung. 

Können Sie sie trotzdem umreissen?

Stössel Es gab zwei Gletschersysteme, die unsere Region beeinflussten: Der Linth-Gletscher, der bis in den unteren Klettgau reichte, und der Rheingletscher, der dem heutigen Rheinverlauf folgte. Häufig vergisst man, dass es auch im Schwarzwald Gletscher gab, die reichten aber mindestens in den jüngeren Phasen nicht bis in unsere Region. Am Ende der letzten Kaltzeit ist der Eisschild dann relativ schnell zerbrochen. 


Ein kleines Gletscher-Glossar

Gletschermühlen sind Vertiefungen im Gestein, die durch schnell fliessendes Schmelzwasser und Erosion durch mitgeführte Sedimente entstehen.

Moränen bestehen aus Gesteinen, die von den Eismassen mitgeführt und abgelagert werden, sowohl am Grund und seitlich des Gletschers als auch an dessen Spitze (Endmoräne).

Molasse besteht aus erodiertem Sediment-Gestein der Alpen. Die Gesteinsart macht den Untergrund des Schweizer Mittellandes aus und entstand schon während der Alpenfaltung.

Ein Toteissee entsteht durch einen Eisklumpen im Untergrund, der nach dem Rückgang des Gletschers im Boden isoliert erhalten bleibt. Nach dem Schmelzen bleibt eine Senke zurück, die sich mit Wasser füllt. Sie hat keinen Abfluss, weil sie nicht zum Entwässerungssystem eines Flusses gehört.

Wie ein Gletscher funktioniert, weiss jedes Schulkind, theoretisch jedenfalls. Man erinnert sich vielleicht auch daran, dass der Rhein früher durch den Klettgau floss, dass Gletscher Findlinge hier deponiert haben. Einige wissen, dass der Morgetshofsee bei Thayngen ein seltener Toteissee und somit direkter Zeuge der Eiszeit ist. 

Die Relikte vergangener Zeiten liegen direkt vor unserer Nase – wenn man denn auf sie achtet: Das terrassenartig aufgebaute Gelände rund um die Schaffhauser Altstadt entstand durch Gletscherablagerungen, die unterschiedlich stark erodiert sind. In der Kiesgrube Solenberg zeigen sich die verschiedenen Phasen von Ablagerung und Erosion lehrbuchartig im Querschnitt. 

Auch das Schaffhauser Felsentäli wurde vom Eis geformt, das beweisen die dortigen Gletschermühlen, die man heute noch gut erkennen kann. Und die kleinen, schluchtartigen Täler Churz- und Langloch in Thayngen, in unmittelbarer Nähe des Kesslerlochs, sind alte Entwässerungsrinnen, die das Schmelzwasser tief in den Kalkstein gefräst hat. Auch der Schmerlat ist ein solcher Ort: Wo heute Segelflieger starten, türmte vor 130 000 Jahren eine Gletscherzunge ihr Geschiebe auf. Die dazugehörige Kaltzeit, die Beringen-Eiszeit, ist nach dem Ort ihrer grössten Ausdehnung benannt. Als der Gletscher sich zurückzog, war der Klettgau zwischen(eis)zeitlich von einem Schmelzwassersee überflutet, weil Ablagerungen des Linth-Gletschers am unteren Talausgang die Wasser stauten.

 

Die Beringen-Eiszeit war nicht die letzte Kaltphase, die ihre Gletscherzungen bis nach Schaffhausen fliessen liess. Denn es gab nicht nur eine Vergletscherung, sondern mehrere. Die ältere Forschungsliteratur geht von vier grossen Kaltzeiten in den letzten 2,6 Jahrmillionen aus; eine Annahme, die sich als zu wenig differenziert erwies. Man zählt heute für diese Zeit bis zu 15 Kaltphasen, die von vergleichsweise kurzen Warmzeiten unterbrochen wurden. 

Wie muss man sich die Landschaft während der Eiszeiten vorstellen? War das Bodenniveau höher als heute? 

Stössel Erosion ist immer schwierig zu quantifizieren. Aber einige Hinweise gibt es: Der Zürcher Uetliberg ist ein Molasseberg, welcher der Erosion widerstanden hat. Auf dem Berg finden sich Reste von glazialem Deckenschotter, was beweist, dass damals die Landoberfläche viel höher lag als heute. 

Wenn man nun alle Höhenzüge verbindet, auf denen man diesen Deckenschotter findet, ergibt sich ein Höhenunterschied von 200 Metern zum heutigen Niveau des Rheins bei Schaffhausen. Man kann also annehmen, dass die ganze Region zur Zeit der Ablagerung der Deckenschotter vor rund zwei Millionen Jahren einmal eine zusammenhängende Ebene war, die während der darauffolgenden Kalt- und Warmzeiten unterschiedlich stark erodiert ist. 

Die Erosion schritt aus erdgeschichtlicher Sicht in dieser Zeit also relativ schnell voran?

Stössel Ja – und deshalb interessiert sich zum Beispiel auch die Nagra für das Thema: Sie will ja nicht, dass das geplante geologische Tiefenlager für radioaktive Abfälle im Zürcher Unterland in ein paar Hunderttausend Jahren bereits wegerodiert ist.


Die letzte Vergletscherung, die sogenannte Birrfeld-Eiszeit, endete vor etwa 15 000 Jahren. Kurz darauf begann mit einem deutlichen Temperaturanstieg die heutige Warmzeit, das sogenannte Holozän – geologisch betrachtet also quasi vorgestern. Schaffhausen war da schon länger eisfrei, der Rheingletscher hatte sich bereits bis ins St. Galler Rheintal zurückgezogen.

Während einer früheren Phase dieser letzten Vereisung verhinderten Eis und Geröll auf beiden Seite des heutigen Stadtgebiets das Abfliessen des Rheins. Dieser staute sich zu einem um die siebzig Meter tiefen See, der mehrere Jahrhunderte existierte. Seesedimente im Merishausertal belegen, dass es auch in den Randentälern zu solchen Stausituationen kam. 

Eine wichtige Rolle spielte auch die Enge als Pforte zum Klettgau. Während lange Zeit der Vorläufer des Rheins via Breite und Engewald ins Klettgau floss, durchbrach das Wasser später den Riegel bei der heutigen Enge. 

Nach dem letzten glazialen Vorstoss verstopfte aber auch dieser Durchgang. Der Rhein fand sein altes Bett nicht mehr und wurde nach Süden, in seinen heutigen Lauf über die Rheinfallrinne abgelenkt. Tief im Untergrund verbergen sich aber Spuren von früheren Phasen: Alte Läufe sind als Grundwasserfliesswege bis heute aktiv, weitab der heutigen Flussläufe –  eine Besonderheit der Region. 

Als Geologe interessieren Sie sich vor allem für Steine, aber was lässt sich zur Lebenswelt der Menschen am Ende der letzten Kaltzeit sagen? Wie erlebten sie die Erwärmung?

Stössel Der Übergang von der letzten Kalt- zur bis heute andauernden Warmphase verlief nicht gleichmässig, die Eiszeit hatte «Rückfälle». Diese waren manchmal nur ganz kurz und nicht überall gleich ausgeprägt. Auch der Rückgang der Gletscher verlief pendelartig, davon zeugen Moränenwälle entlang der ehemaligen Gletscherläufe. Eine solche findet sich zum Beispiel bei Stein am Rhein.

Diese Zyklen mit entsprechend grossen Temperaturschwankungen haben die Menschen damals wahrscheinlich sehr beeinflusst. Möglicherweise spielten diese Klimaveränderungen auch eine wichtige Rolle beim Wechsel von Jagd-Gesellschaften zu Gesellschaften von Siedlern und Bauern. Das macht die Klimaabhängigkeit des Menschen deutlich – und da zeigen sich doch Parallelen zu aktuellen Entwicklungen und Diskussionen. Die damaligen Abläufe zu verstehen hilft, die heutigen Veränderungen einzuordnen.


Kaltzeiten sind wiederkehrende Phänomene: Gemäss dem für die Warm- und Kaltphasen verantwortlichen orbitalen Zyklus der Erde um die Sonne stünde eigentlich schon «bald» (nach erdgeschichtlichem Zeitverständnis) eine neue Eiszeit an – falls die menschgemachte Erderwärmung diesen natürlichen Zyklus nicht übersteuert. 
Die Vorstellung eines alles überziehenden Gletschers löst ein leichtes Schaudern aus – wir stehen auf der Anhöhe beim Säckelamtshüsli und schauen auf die Eiswand, die sich von den Alpen herkommend vielleicht irgendwann erneut bis zu 600 Meter über Meer auf dem Hallauerberg auftürmen wird.
Die legendäre Epoche der Eiszeit(en) ist jedenfalls mehr als nur Schnee von gestern.

Mehr Eiszeitliches gibt es in der aktuellen Familien-Ausstellung «Eiszeit – Leben vor 17000 Jahren» im Museum zu Allerheiligen zu entdecken. Unsere Rezension dazu erschien in der AZ vom 30. Oktober 2025.

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