Halb voll

18. August 2025, Xenia Klaus
Foto: Robin Kohler

Die Gemeinde Hemishofen kann das Wasser aus seiner Grundwasserfassung nicht mehr trinken, bringt mit ihrer erratischen Kommunikation aber selbst die Nachbarn zum Stutzen.

In dieser Geschichte gibt es einen unbestrittenen, unverrückbaren Fakt: Der obere Kantonsteil hat ein Problem mit seinem Trinkwasser. Und es spitzt sich zu. 

Gerade manifestiert sich dieses Problem in Hemishofen. Das Dorf am Rhein musste eine seiner Grundwasserpumpen brach legen, die Nitratwerte sind zu hoch, trinken ist nicht mehr erlaubt. «Diese Situation ist sicher ungewöhnlich. Im Kanton musste 1999 das letzte Mal ein Grundwasserpumpwerk wegen zu hoher Nitratwerte abgestellt werden», sagt Eliane Graf vom Interkantonalen Labor (IKL). Momentan wird Hemishofen vor allem von einer Quelle in Deutschland gespeist. Sind die Temperaturen hoch, ist es der Verbrauch. Soweit die Fakten. 

Ab diesem Punkt wird diese Geschichte ein verworrenes Knäuel aus Kommunikationschaos und Verantwortungsdiffusion.

Im Juli, während der ersten Hitzewelle dieses Sommers, rief die Gemeinde Hemishofen seine Bewohner:innen zum Wassersparen auf: «Nun ist eingetreten, was wir vermeiden wollten: In Hemishofen wird das Wasser knapp!» Und der Gemeinderat schrieb gleichzeitig, wo er das Problem sieht: «Schon im letzten Herbst ist der Gemeinderat deshalb an den Regierungsrat gelangt. Dieser hat der Gemeinde versprochen, das Nitratproblem zu lösen, bislang ohne Erfolg.» Ausserdem stand im Info-Schreiben noch, was gemäss der Gemeinde leider keine Lösung sei. «Ein Bezug von Stein am Rhein ist nicht anzustreben, da die Stadt aktuell ihrerseits Wasser sparen muss.» Dazu gab es ein Diagramm, auf dem das Trinkwasserdefizit dargestellt wurde.

Am Telefon wiederholt der zuständige Hemishofer Gemeinderat Urs Müller Anfang letzter Woche diese Argumente, der Inhalt ist aber ähnlich wie jener in der Gemeindeinfo: Der Kanton müsse dafür sorgen, dass das Grundwasser wieder sauber werde; Stein am Rhein habe Hemishofen im Juli nicht aushelfen können. Weitere Massnahmen werde die Gemeinde nicht ergreifen, das sei nicht in ihrer Verantwortung. 

Nur: Sowohl beim Kanton als auch in Stein am Rhein ist man mit dieser Darstellung nicht ganz einverstanden. 

Wagenhausen-Wasser

Die Steinerin Irene Gruhler Heinzer ist Kantonsrätin und als Stadträtin in der grössten Gemeinde des oberen Kantonsteils fürs Wasser zuständig. Sie fühle sich manchmal etwas wie eine «Ruferin in der Wüste», sagt sie, nichts läge ihr ferner, als zu behaupten, es sei alles halb so wild. Auch Stein am Rhein hat im Grundwasser ein Problem mit Nitrat und «wir laufen in den nächsten 20 bis 30 Jahren in ein Problem mit unserer generellen Versorgungssicherheit», sagt sie. Aber sie stutzt auch ob Müllers Darstellung der Situation: «Aktuell drehen wir nicht im dunkelroten Bereich.» Stein am Rhein hätte dem kleinen Nachbarn im Juli durchaus aushelfen können.

Die Stadt kauft schon heute zur Sicherung ihrer Grundwasserqualität Wasser aus dem Kanton Thurgau zu. Von diesem könnte man auch Hemishofen welches abgeben. «Dieses Wasser ist zwar nicht ganz billig. Aber es ist verfügbar und wäre es auch im Juli gewesen. Wenn Hemishofen das Wasser ausgeht, können wir trotz Wasserknappheit zukaufen und liefern, sofern sie das wünschen.» Das habe die Stadt dem Dorf auch angeboten.

Mit der Sichtweise von Stein am Rhein konfrontiert, will Urs Müller aus Hemishofen seine Aussage Anfang dieser Woche anders verstanden wissen. Gemäss dem Hemishofer Gemeinderat hat die Stadt Stein am Rhein zu Beginn gesagt, nicht liefern zu können, diese Aussage später aber korrigiert. 

Zudem stand in der Gemeindeinfo vom Juli, Hemishofen könne aktuell nur noch Wasser von der deutschen Quelle beziehen. Präzis ist auch das nicht: Eine der zwei Pumpen im Grundwasser darf gemäss Information des IKLs noch laufen; Hemishofen ist also nicht, wie vom Gemeinderat insinuiert, komplett vom Grundwasser abgeschnitten. 

Hemishofens überspitzte Kommunikation ist wohl der Versuch eines Winkelzuges, um den Druck auf den Kanton zu erhöhen. Und während Irene Gruhler diese Kommunikation «zu krass» findet, ist sie mit Müller in einer anderen Sache einig: Die Verantwortung sieht auch sie beim Kanton. 

Die Lösungen

Die Komplikationen mit dem Trinkwasser-Problem im oberen Kantonsteil beginnen schon dort, wo man es beschreiben will. Denn eigentlich ist es nicht eines, sondern es sind zwei Probleme. Einerseits gibt es das Verschmutzungsproblem: Im Grundwasser sind eben die Werte für Nitrat und andere Stoffe, die dort nicht sein sollten, immer wieder sehr hoch (siehe AZ vom 14. September 2023 und 2. Mai 2025). Dass der Nitratwert in Hemishofen nun über längere Zeit den Grenzwert sprengt, kommt also nicht überraschend. Andererseits: Es gibt auch ein Knappheitsproblem. Das Wasser ist im oberen Kantonsteil nicht nur belastet. Sondern es gibt mittelfristig auch schlicht zu wenig davon. Prognosen des Bundesamtes für Umwelt sagen vorher, dass im oberen Kantonsteil 2070 – ohne Klimaschutz – nur noch etwa halb so viel Wasser vorhanden sein wird, wie eigentlich benötigt würde. 

Hemishofens Kommunikation zu diesen zwei Problemen ist ein komplizierter Tanz. Einerseits sagt Müller klar, dass sein Hauptanliegen das Verschmutzungsproblem ist. Mit der arg zugespitzten Darstellung, dass Stein am Rhein im Juli nicht habe aushelfen können, kommuniziert er aber auch, dass Hemishofen durchaus vom Knappheitsproblem betroffen sei. Ergo sei es umso wichtiger, dass der Kanton endlich mal vorwärts mache damit, die Verschmutzung im Wasser zu beseitigen. 

Berechtigter Druck

Dabei bestreitet genau in jener Sache, in der Müller Druck auf den Kanton zu machen versucht, gar niemand dessen Zuständigkeit: Das Verschmutzungsproblem ist das einfachere der zwei, denn es ist altbekannt. Die Situation, dass eine Grundwasserfassung vom Netz genommen wurde, ist im Kanton Schaffhausen zwar lange nicht mehr eingetreten. Aber es gab sie schon: Im Klettgau war das Grundwasser in den 90er-Jahren phasenweise nicht mehr trinkbar. Das Problem wurde mit Geld gelöst. Das meiste Nitrat stammt aus Dünger, das auf den Feldern über den Fassungen ausgebracht wurde. Die Landwirte im Einzugsgebiet der Klettgauer Fassung wurden dafür bezahlt, weniger zu düngen, das Wasser wurde wieder trinkbar. Als die AZ im September 2023 über das Nitrat-Problem im oberen Kantonsteil berichtete, sagte das IKL, dass ein ähnliches Programm für diese Region in Arbeit sei.


«Wir laufen in (…) ein Problem mit unserer generellen Versorgungssicherheit»

Irene Gruhler

Involviert ist neben dem Interkantonalen Labor auch das Landwirtschaftsamt, und dort weiss man von den Forderungen, die das kleine Dorf am Rhein stellt. «Hemishofen macht uns zu Recht Druck», sagt Bruno Arnold, der beim Landwirtschaftsamt zuständig ist. Er sei sich der Dringlichkeit bewusst, man wolle aber trotzdem auch gründlich arbeiten. Neben den kantonalen Stellen sind auch mehrere Forschungseinrichtungen involviert: «Die Agroscope ist aktuell dabei, Empfehlungen über die genaue Ausgestaltung der Massnahmen auszuarbeiten. Wir erwarten die Resultate ungefähr Ende dieses Sommers», so Arnold. Neben mehreren kantonalen Stellen arbeiten auch mehrere Forschungseinrichtungen mit; während die Agroscope ein Programm ausarbeitet, analysiert die Uni Neuenburg die genaue Wasserdynamik unter dem Hemishofer Boden. 

Urs Müller aus Hemishofen merkt im Verlauf der Kommunikation mit der AZ vielleicht, dass sein Druck schon angekommen ist und mehr davon wenig Sinn ergibt. Auf jeden Fall zieht er seine Zitate mit der Begründung zurück, diese Resultate des IKLs abwarten zu wollen, bevor er wieder kommuniziert.

Während niemand bestreitet, dass der Kanton bei der Lösung des Verschmutzungsproblems federführend ist, verhält es sich mit  dem Knappheitsproblem anders. Der Kanton hatte das Heft vor Jahren in die Hand genommen, eine Studie anfertigen lassen und wollte basierend darauf eine neue Quelle erschliessen. Genau in Hemishofen sondierte das IKL Standorte dafür. Die Quelle stellte sich aber als nicht ergiebig genug heraus. Und Eliane Graf vom IKL sagte schon damals, wenn man nicht bald Wasser finde, könne es Einschränkungen geben. Der nächste Schritt seien Verhandlungen mit dem Thurgau (siehe AZ vom 2. Mai 2024).

Mittlerweile habe das IKL mit dem zuständigen Thurgauer Amt verschiedene Möglichkeiten diskutiert, sagt Graf heute. Anders als die Zuständigen bei den Gemeinden sieht sie das IKL für die «detaillierte Prüfung und Verhandlung der verschiedenen Möglichkeiten» jedoch nicht in der Hauptverantwortung: «Grundsätzlich ist die Versorgungssicherheit Sache der Gemeinde, sie wären jetzt im Lead.»

In Stein am Rhein – jener Gemeinde, über die das grenzquerende Wasser realistischerweise fliessen müsste – ist man davon in etwa gleich überrascht wie von Hemishofens Aussage, die Stadt habe im Juli kein Wasser liefern können. 

Wer verhandelt?

Irene Gruhler, die für diese Versorgungssicherheit in Stein am Rhein zuständig ist, sagt, diese langfristig sicherzustellen übersteige die Kompetenzen ihrer Stadt oder der Gemeinden: «Realistischerweise müssen wir für spätere Generationen grenzüberschreitend kantonal oder gar international Wasser bereitstellen. Das sind langwierige Verhandlungen, das kann und darf Stein am Rhein oder eine Gemeinde gar nicht alleine stemmen. Und selbst wenn wir es könnten: Da ja alle umliegenden Orte mittelfristig mehr Wasser brauchen, macht es auch keinen Sinn. So würden Verteilkämpfe unter den Gemeinden losbrechen. Dies muss kantonal koordiniert werden», sagt Gruhler.

Dass ein Verteilkampf nicht Ziel der Übung sein kann, findet auch das IKL. Sie bleibe zwar dabei, dass die Versorgungssicherheit im Grundsatz Sache der Gemeinde sei, sagt Graf. «Aber natürlich stehen wir bereit, um den oberen Kantonsteil bei diesen Verhandlungen zu unterstützen, wenn das gewünscht wird. Nächste Woche werden wir an einer Sitzung die weiteren Schritte besprechen.»

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