Köchin eines ganzen Dorfes

5. August 2025, Mascha Hübscher
In Grosi Anitas Küche und Haus gehen die Kinder ein und aus. Dass sie hier auch ab und zu mit anpacken, sieht man schnell. Bilder: Peter Pfister
In Grosi Anitas Küche und Haus gehen die Kinder ein und aus. Dass sie hier auch ab und zu mit anpacken, sieht man schnell. Bilder: Peter Pfister

Anita Meyer und ihre Kochkünste sind in Löhningen eine Institution. Zu Besuch in einer Küche, die selten leer ist.

Das Spezialgericht aus ihrer Küche? Anita Meyer muss überlegen. Zu Weihnachten macht sie Gschnetzeltes, legendär im Dorf sind ihre Spaghetti, auch ihrem Braten eilt ein Ruf voraus. Eine Spezialität aber, das habe sie gar nicht, sagt sie am Telefon. Ausser, man frage ihre Enkelkinder. Einmal im Monat kommt bei Grosi Anita nämlich deren Lieblingsmenü auf den Tisch: Selbstgemachte Pommes und Plätzli mit Blumenkohl und weisser Sauce. Wobei es weisse Sauce mit Pommes bei den meisten besser trifft, wie wir lernen werden.

Als wir kurz nach elf Uhr vormittags am Dorfrand von Löhningen bei Meyers klingeln, öffnen wie so oft nicht Anita oder ihr Mann Fredi. Stattdessen blicken wir in zwei Paar grosse Kinderaugen, bevor ein lautstarkes «Grosiii» durch den Flur schallt. Ein kleiner Vorgeschmack auf den Trubel, den die sechs heute anwesenden Enkelkinder über die nächsten zwei Stunden veranstalten werden.
Denn wenn Anita Meyer kocht, dann im grossen Stil. Und vor allem: für andere. Früher gigantische Mengen an Pasta fürs Trottenfest und das Chränzli des Turnvereins, jetzt auch mal Lasagne für 20 hungrige Gäste im Mittags-Restaurant Storchen, wo sie neben dem Kochen auch selbst serviert. Oder eben, damals wie heute, was sich die Familie auf den Teller wünscht. Kommen an Weihnachten alle zusammen, sitzen gut zwanzig Leute an Anitas Tafel.

Die Zwetschgedünne mit Früchten aus dem eigenen Garten steht schon fertig gebacken in der Küche, als wir ins helle Wohnzimmer treten. «Der Regen hat alle Früchte vertätscht», sagt Anita fast entschuldigend. Auf dem Terrassentisch stehen zwei übervolle Schalen mit noch mehr Zwetschgen und zuckersüssen Aprikosen, im Gemüsebeet vor dem bodentiefen Esszimmerfenster blühen bunte Blumen, daneben wachsen Bohnen, Lauch, Randen und Kartoffeln. Die Zucchini- und Tomatenstauden ranken sich auf der anderen Seite des Gartens. Die Beete, die pflege vor allem ihr Mann, sagt Anita Meyer.
In der Küche aber, da ist sie unumstritten die Chefin. Das wissen auch die Kinder.

«Härdöpfel schelle!», gibt Grosi Anita zu Befehl, während sie den Primarschülerinnen Grace und Anja Sparschäler und Kartoffeln aushändigt, die eben noch in der Erde vor dem Fenster steckten. Enkel Ryan macht sich derweil an einem Stück Gurke zu schaffen, den Vitaminen für die Kinder. Mit liebevoller Strenge überwacht Anita, was die Kinder fabrizieren, lässt sie gewähren und weist zurecht, wer nicht zuhört. Fertig geschält, kommen die Kartoffeln in die Pommesschneidmaschine. «Das feinere Gitter bitte, dann werden sie knuspriger!», ruft Anja wissend. Die Kartoffelstifte vom anderen Ende der Maschine wandern zischend in die Fritteuse und ein paar Minuten später in eine Dusche aus Härdöpfelgwürz, die Anja über den Fritten anwirft. Die «weisse Sauce», die sich als Béchamel entpuppt, wirft derweil scheue Blasen auf dem Herd, die die Enkelinnen mit dem Schneebesen zu verjagen suchen; den bereits erwellten Blumenkohl taucht Anita noch einmal kurz in heisse Bouillon.

Ihre Handgriffe sind routiniert und schnell, die Mengen Pi mal Handgelenk bemessen. Auch ihre Rezepte mag sie mit möglichst wenig Schnickschnack. «Ich koche nichts Spezielles», sagt Anita achselzuckend. Muscheln oder so etwas, das möge ihr Mann nicht. Sie verarbeitet, was es vor Ort gibt, und was sie kennt. Selbst hat sie kein Lieblingsessen, sie habe sowieso alles gern.

Wohl auch, weil die fünffache Mutter und elffache Grossmutter schon früh kochte, was andere mochten.

Aufgewachsen ist Anita auf einem grossen Bauernhof in Buchberg. Dass die Kinder dort mithalfen, war klar. Nach der Schule wollte sie eigentlich Handarbeitslehrerin werden, versemmelte an der Abschlussprüfung aber das entscheidende Schnittmuster – und fiel just in der Handsgi durch. Also schickten die Eltern sie erstmal für ein Jahr nach Yverdon, um Französisch zu lernen. Anitas Gastmutter, eine Yogalehrerin aus Paris, konnte ausser Paella so gar nicht kochen, war dafür aber umso begeisterter von der Chabisdünne, die es bei Anita zuhause auf dem Hof oft gab. Also bekochte und bewirtete die Austauschschülerin die Freunde der Gastmutter – und gab am Schluss gar einige Yogastunden auf Französisch, wie sie heute kichernd erzählt.

Zurück in Buchberg begann Anita eine Lehre bei der Post und zog nach Bülach. Spricht sie darüber, ist ihr die wohlige Erinnerung daran anzusehen. Sie genoss die neue Freiheit – bis ihre Mutter verstarb, als Anita 21 Jahre alt war. Der ältere Bruder, heute genau wie der Vater vor ihm Gemeindepräsident von Buchberg, übernahm viel Arbeit auf dem Hof und in den Reben, Anita kam nach Schichtende um 12 Uhr auf den Hof, um für die Schwestern zu kochen, die erst 12- und 14-jährig waren. «Ich war eine Art Ersatzmutter», erzählt sie. Dazu gedrängt worden sei sie aber nie. Als der Vater eine neue Partnerin hatte, war sie von der frühen Verantwortung ein Stück weit entlastet.


Doch lange sollte sie die Rolle der Mutter, Hausfrau und Köchin nicht los sein. Denn im Buchberger Turnverein schlich sich ein junger Herr herum, über den sich Anita und «ihri Wiiber» wegen seiner dürren, blassen Beine erst lustig machten – an dem sie aber bald doch Gefallen fand.
1979 zogen Anita und Fredi Meyer nach Schaffhausen und fünf Jahr später, das dritte Kind unterwegs, in das gelbe Haus mit üppigem Umland am westlichen Ende Löhningens. Weil es Ende der Achtzigerjahre im Dorf zwar Korbballteams, den Damenturnverein und die Bueberiege gab, aber keinen übergeordneten Verein, gründeten die sportbegeisterten Meyers gemeinsam mit gut zwei Dutzend anderen 1994 den Turnverein Löhningen.

Und schon beim ersten Trottenfest, an dem der TV nun auch mittat, war klar: Die Spaghetti, die werden in Anitas Küche vorbereitet. Warum, weiss sie selbst nicht. «Vielleicht, weil ich mit 39 Jahren etwas älter war als die anderen», mutmasst sie. Also kochte sie mithilfe einiger TV-Frauen von nun an über Jahrzehnte hinweg immer Ende September 80 Kilogramm Spaghetti vor und zig Liter Saucen ein: «en huere Chrampf», nach dem ihre Küche jeweils wie ein Saustall aussah.

In Anitas jetziger Küche, die quasi im Garten des gelben Hauses steht, in den sie und Fredi ein Zuhause fürs Alter gebaut haben, ist das Chaos nicht ganz so gross. Dafür ist die Grossmutter über das Geschnatter der Kinder am Mittagstisch hinweg fast nicht mehr zu hören. Als die ersten Enkelkinder ihre Pommes mit ordentlich Sauce verdrückt haben, hat sich ihre Grossmutter noch nicht einmal hingesetzt. «So ein Irrenhaus bin ich mir ja zum Glück gewöhnt», sagt sie lachend. Trotzdem sei sie jeweils auch froh, wenn im Haus wieder Ruhe einkehrt.

Als Ausgleich zum Mutter- und Hausfraudasein begann Anita, als die kleinste Tochter in die Schule kam, stundenweise bei der Trybol am Fliessband zu arbeiten, auch die Computerarbeit beim Schaffhauser Turnverband habe sie richtiggehend genossen. Doch eigentlich, so sagt sie auch selbst, ist ihre Rolle dieselbe geblieben – wenn nicht gerade für die eigene Familie, weibelt sie für andere in Verein und Dorf.
Heute gibt es am Trottenfest keine von Anitas Spaghetti mehr. Wer aber meint, die rüstige Siebzigjährige trete kürzer, irrt sich.

Jetzt bäckt sie fürs Kuchenbuffet Crèmerollen. Die habe sie einst in einem Heftli entdeckt, ihren Mann angewiesen, ihr fürs Ausbacken des Rollenteigs einen Besenstiel abzusägen, und mit der Produktion begonnen. Als die 40 vorbereiteten Rollen letztes Jahr am Trottenfest ratzfatz leergekauft waren, produzierte sie an einem Sonntag nochmal 180 Stück nach. Mittlerweile besitzt sie zwei Kisten voll Besenstiel-Hölzchen.

Anita Meyers Rezept kann zum Nachkochen hier heruntergeladen werden.

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