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Wofür ist die Badi da?

Selina Hui (links) und Lorena Strohner im «Lido», ihrer neuen Badi.

Selina Hui (links) und Lorena Strohner im «Lido», ihrer neuen Badi.

Zwei neue Pächterinnen wollen aus ­dem Strandbad Büsingen einen Kulturort machen. Doch Stammgäste gehen auf die Barrikade. Sie pochen auf ihr Gewohnheitsrecht: Steak und Stammtisch.

Es war, gewissermassen, ein Jahrhundertereignis. Am Samstag, dem 7. Mai, wurde das «Lido» eröffnet, das neue Büsinger Strandbad. Das alte war nach fast 90 Jahren abgerissen worden. Und wie es sich für eine feierliche Eröffnung gehört, folgte Rede auf Rede auf Rede.

Der alte Bürgermeister, unter dessen Ägide das Neubauprojekt gestartet wurde, stellte sich ans Mikrofon, die neue Bürgermeisterin ebenso. Der Architekt verdankte die Zusammenarbeit mit der Gemeinde, die neuen Pächterinnen schauten in die Zukunft.

Einer aber schaute vor allem zurück: Rainer Krause, der «älteste Stammgast», hielt eine launige Ansprache: «Ich stehe hier als Fossil aus grauen Strambi-Urzeiten, als noch gebadet wurde, weil man sich den Dreck der Alltagsmühen vom Leibe spülen musste», sagte er und zeichnete nach, wie sich die in den 1930er-Jahren gebaute Badi entwickelte, «vom Platz für Gartenfeste und dergleichen zur mondänen Buechthalerbadi». Er und seine Kumpels hätten das Gebäude in Schuss gehalten, damals, vor Jahrzehnten. Stühle und Tische hätten sie gebaut, damit man sein Bier abstellen könne. Und vor fast 50 Jahren die erste Dusche, die bis vor kurzem noch lief. «Dies alles geschah wohlverstanden völlig unentgeltlich.»

Krause war zwar diplomatisch genug zu sagen, der Badi­neubau scheine «gelungen»; doch wollte er nicht verheimlichen, dass er düstere Wolken aufziehen sieht. «Möge unser Strambi immer eine Oase der Ruhe und Eintracht sein, die mit ihrer positiven Strahlkraft diese Welt ein bisschen lebenswerter macht!», mahnte das Fossil.

Es schien, als gehe es an diesem Samstagnachmittag ­weniger um eine Badi-Eröffnung, sondern viel mehr um die Deutungshoheit über den wichtigsten öffentlichen Raum der Gemeinde.

Eine «Love Story»

Es war vor einem Jahr, als Lorena Strohner von ihrem Glück erfuhr. Sie unterhielt sich mit Susi Ebert, der langjährigen Wirtin des Strandbades, und diese sagte, dass sie aufhören wolle. Strohner ist in Büsingen aufgewachsen und half schon vor über zehn Jahren bei Ebert aus. Später ging sie für ihr Studium nach Zürich, doch im Sommer zog es sie immer wieder zurück in die alte Heimat am Rhein.

Strohner erfuhr, dass die Gemeinde das alte Gastro-Gebäude abreissen und für 1,2 Millionen Franken ein neues bauen wolle. Die Chance auf einen Neuanfang. Lorena Strohner wälzte Ideen, schliesslich setzte sie sich hin und schrieb ein Konzept: Badi, Restaurant, Slow-Food, Workshops, Flohmärkte, akustische Musik. Die neue Badi soll ein Kulturort sein.

Die Gemeinde war begeistert. Vom Elan, von den frischen Ideen, von der professionellen Verpackung. Die 29-Jährige setzte sich gegen mehrere Mitbewerberinnen durch, kündigte ihren Job als Grafikerin und machte sich auf die Suche nach einer Komplizin. Sie fand Selina Hui, 25-jährig, ausgebildet an der Hotelfachschule, gross geworden im Strandbad Büsingen. Huis Grosseltern führten die Badi in den 1980er-Jahren.

Die beiden taten sich zusammen und nannten ihr Projekt «Lido». Selina und Lorena, es sei eine «Love Story», sagen sie.

Jetzt könnte es steil aufwärtsgehen, der Anfang einer neuen Ära. Doch ein Pachtvertrag bedeutet noch keine Deutungshoheit. Und bald mussten die beiden merken: In einer öffentlichen Badi gilt Gewohnheitsrecht.

Drei Liegestühle für Bert Schneider

An einem heissen Donnerstagnachmittag sitzen die beiden Geschäftsführerinnen erschöpft, aber gut gelaunt mit kaltem Mineralwasser auf der Terrasse und erzählen aus ihrem neuen Leben. Sie sind die perfekten Gastgeberinnen: freundlich und gleichzeitig herzlich.

Ein paar Meter weiter liegt Bert Schneider in einem Liegestuhl. Die streitbare Bademeister-Legende (32 Jahre in der Rhybadi) arbeitet derzeit zwei Tage die Woche in der Badi Thayngen, bei schönem Wetter ist er aber seit Jahren praktisch jeden Tag hier im Strandbad Büsingen, auch jetzt, im neuen «Lido». Das ist natürlich einerseits ein Ritterinnenschlag, jedoch hat Schneider auch drei (!) Liegestuhlfächlein gemietet, obwohl diese sehr rar sind und die Warteschlange stetig wächst.

Drei Fächli besetzen, darf man das?

«Wir wissen nicht, ob man das darf», sagt Lorena Strohner, und es wird offenbar: Längst ist den neuen Pächterinnen klar geworden, dass sie ihr Konzept nicht einfach über das Strandbad stülpen können.

Der Kern des «Lido» ist die Gastronomie, der Ort soll als Restaurant wahrgenommen werden. Und ein Blick auf die Karte zeigt: Die Gastronomie hat tatsächlich einen Sprung gemacht. «Natürlich dürfen Pommes in einer Badi nicht fehlen», sagt Selina Hui. «Aber wir wollen davon wegkommen, dass alles frittiert wird.»

Auf der Karte stehen heute italienische Piadine, Falafel-Teller vom vorzüglichen Sababa-Imbiss in der Schaffhauser Unterstadt oder Forellenknusperli vom Kundelfingerhof. Glace gibt es von El Bertin oder von Gasperini aus Basel, statt Coca-Cola wird Vivi-Kola aus Eglisau ausgeschenkt, die Kolbenmaschine läuft mit Henauer-Kaffeebohnen aus Zürich. Auf Instagram wird auch mal temporär eine Poke Bowl beworben: Reis, Lachs, Avocado, Poulet, Mango, «eine Schüssel voll Glück und Gesundheit. #yummie».

Der Bierpreis musste runter

Doch die Veränderung kommt nicht überall gut an. Die Dreifaltigkeit des Missmuts: Steak (gesprochen «Schtiik»), Stammtisch, Bierpreis. Pro Tag kämen etwa drei Leute und reklamierten, dass es das Holzfällersteak von Susi Eberts Speisekarte nicht mehr gebe, sagt Selina Hui. Die Leute würden monieren, es gäbe ja gar kein Fleisch mehr. «Aber schau die Karte doch mal an!» ­(Tatsächlich beinhalten die meisten «Lido»-Gerichte Fleisch, es gibt Würste in diversen Variationen, Chicken Nuggets, Piadine mit Prosciutto Crudo).

Den Bierpreis haben die Pächterinnen bereits auf «subtilen Druck» der alten Stammgäste um 50 Rappen gesenkt (die Falken-Flasche kostet neu 6 Franken). Doch auch mit den höheren Preisen der hochwertigeren Gerichte (der Falafelteller à 19.50 Franken etwa oder das vegetarische Antipasti-Plättli zu 17 Franken) haben einige Gäste ihre liebe Mühe. Ausserdem fordert die alte Garde ihren Stammtisch zurück, der bei Susi Ebert für sie reserviert war. Im Konzept schrieb Strohner noch, der Stammtisch bleibe bestehen. Jetzt findet sie, man müsse zuerst schauen, wie sich das neue Publikum entwickle: «Ein Stammtisch muss sich doch von selber ergeben.»

Der Aschenbecher des ehemaligen Stammtischs.

Jedenfalls würden sie gerade überflutet von Ratschlägen, sagt Selina Hui. «Ich komme aus der Gastronomie, jetzt aber wollen mir Männer erklären, wie man eine Wurst grillt. Viele fragen, wo denn der Chef sei, und wenden sich dann mit ihrem Feedback an unseren Koch.» Die beiden smarten Frauen versuchen, einen Mittelweg zu finden, lächeln Chauvinismus auch mal weg. «Aber wenn wir überall nachgeben, ist es ja einfach wieder die alte Badi.»

Der Spagat

Nun wäre es verfehlt, zu glauben, das neue Konzept funktioniere nicht. Einige Alteingesessene haben sich zwar abgewendet, dafür kommen neue Leute. Die 48 Plätze auf der Terrasse sind fast immer besetzt, Geburtstage werden im neuen «Lido» gefeiert, Bankette abgehalten. An einem sonnigen Wochenendtag sind schon mal 900 Leute in der Badi und das Team, das aus vielen Mitarbeiterinnen in Teilzeitpensen besteht, kommt an seine Grenzen. «Wir versuchen einen Spagat: Alle sollen sich wohl fühlen», sagt Selina Hui.

Das Strandbad Büsingen war schon immer ein heterogenes Gefüge: Links die Volleyballerinnern, rechts die Familien. Dann gibt es die Jugendlichen; die Bootsfahrer, die kurz anlegen und sich verpflegen; die Badischwäne Elisabeth und Philipp; oder die «Leguane», Dauergäste mit Lederhaut und Liegenstühlen vorne links am Ufer. Sie wollen einfach eine schöne Liegewiese und scheren sich wenig um das Angebot.

Selina Hui und Lorena Strohner pachten nur das Haus und die Terrasse, die Wiese bleibt in der Obhut der Gemeinde. Diese war offenbar eher zurückhaltend, als es darum ging, Lorena Strohners kulturlastiges Konzept, das auf dem Papier so gut ­ankam, auch im Pachtvertrag umzusetzen. Offenbar spürte der Gemeinderat ein Unbehagen in der Bevölkerung.

Bürgermeisterin Schraner bestätigt, die Büsinger seien schon etwas skeptisch gewesen: «Das Konzept des ‹Lido› bedeutet natürlich Veränderung. Und Menschen haben manchmal Mühe mit Veränderung.» Es seien in der Gemeinde Briefe eingegangen von Einwohnerinnen, die fragten, wieso man das alte Strandbadgebäude nicht renoviert habe. «Dabei war das völlig durchgefault.» Man müsse die Sorgen der Leute aber schon ernst nehmen.

«Ab und an ein Konzert am Abend liegt drin», sagt Schraner. Lorena Strohner sagt, man müsse jetzt halt schauen, wie viel Freiraum es gebe. «Wir wollen wirklich Events machen. Damit steht und fällt unser Konzept.»

Leguane auf Yogamatten

Vorerst aber hat die neue Crew sowieso noch genug zu tun mit dem herkömmlichen Gastrobetrieb, Abläufe optimieren, Wartezeiten verkürzen. Der Neubau ist tückisch. Offenbar hat sich in der Region ein neuer Baustil etabliert: Hochrheinische Strandbadarchitektur. Das Häuschen ist ein Abklatsch des Langwieser Strandbades, viel Holz, angeschrägte Pfeiler, Wellendach. Das hat der Gemeinde Büsingen gefallen, sie hat denselben Architekten engagiert. Doch offenbar wurden auch Mängel übernommen: In der Küche sind die Wege zu lang, Kühlschubladen fehlen; durch die Löcher, die die Fassade verschönern sollen, regnet es ins Lager; das Dach ist zu klein und zu hoch, die Terrasse ist kaum geschützt vor Sonne, Wind und Wetter.

Doch das werde sich schon alles einspielen. «Eine definitive Beschattung ist geplant fürs nächste Jahr», beschwichtigt Bürgermeisterin Schraner. Und auch die Pächterinnen zeigen sich optimistisch. «Wir sind ja noch ein paar Jahre da», sagt Lorena Strohner und lacht.

Die neuen ­Pächterinnen mit Gästen auf der Terrasse.

Um die Nachfrage nach Sitzplätzen zu decken, hat der Gemeinderat kürzlich zusätzliche Stühle und Tische gekauft. Und auch in der Küche wurde nachgebessert. «Es stellte sich heraus, dass ein zusätzlicher Gasgrill die Würste schneller braten würde», berichteten die Schaffhauser Nachrichten kürzlich aus einer Sitzung des Gemeinderates.

Seit Kurzem wird im «Lido» ausserdem Yoga angeboten. Das ist leise und stört niemanden. Und offenbar wurden auch schon erste Leguane auf Yogamatten gesichtet.

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