Zu wenig, zu planlos

28. Januar 2021, Doerte Letzmann
Wenig Abstand, aber neu mit FFP2-Maske: Französischunterricht am Schulhaus Gräfler. Foto: Peter Pfister.
Wenig Abstand, aber neu mit FFP2-Maske: Französischunterricht am Schulhaus Gräfler. Foto: Peter Pfister.

Für das Lehrpersonal ist bei den Corona-Massnahmen noch Luft nach oben. Die Lage an den Schulen.

«Es ist, wie jeden Tag an einer Grossveranstaltung im geschlossenen Raum teilzunehmen», sagt Patrick Sitter, Vorsteher der Realschule des Schulhauses Gräfler. Für den 37-Jährigen steht ausser Frage, dass er trotzdem den Präsenzunterricht vorzieht, damit er seine Schülerinnen und Schüler voll unterstützen kann. Aber bei den Massnahmen, da «wäre noch einiges möglich».

Auch seine Kolleginnen und Kollegen der Sekundarschule des Schulhauses Gräfler empfinden die Massnahmen als unzureichend. Auf Anfrage der AZ machen sie in einer E-Mail deutlich: «Einerseits werden Besammlungen mit mehr als fünf Erwachsenen verboten, andererseits halten sich Lehrpersonen und mehr als 20 ‹Fast-Erwachsene›, die 15 oder 16 Jahre alt sind, gemeinsam in einem Schulzimmer auf.» Das sei schwer nachvollziehbar.

Schaut man sich die Fallzahlen nach Altersgruppen an, sind die Sorgen berechtigt. Schweizweit liegt die Gruppe der 10–19-Jährigen mit 182,9 Positivtests pro 100 000 Personen (Stand 18. Januar) auf dem zweiten Platz. Nur 20–29-Jährige steckten sich letzte Woche noch häufiger an. Bei den Zahlen in Schaffhausen sieht es ähnlich aus.

Drei Fälle – aber keine Quarantäne

An Sitters Schule gab es bisher 10 Fälle von Covid-19 in der Schülerschaft, zwei bei Lehrerinnen und Lehrern. Das grösste Problem dabei? Die Unsicherheit, wie es nach einem Corona-Fall in der Klasse weitergehen soll. «Wir hatten während der zweiten Welle drei Fälle in der Klasse. Diese drei Schüler waren zu Hause, aber wir wussten nicht, wie wir reagieren sollen», sagt Sitter.

Andere Kantone sehen in diesem Fall eine Quarantäne für Klasse und Lehrperson vor. In Schaffhausen gelten lediglich «erhöhte Schutzmassnahmen», die vor allem eine Durchmischung der Klasse mit anderen verhindern soll, etwa auf dem Pausenhof.

Sitter hätte die betroffene Klasse aber am liebsten in den vorübergehenden Fernunterricht geschickt, bis man alle testen könne. Seine Schule habe «gute Erfahrungen mit Fernunterricht gemacht» und sei darauf vorbereitet. Aber das sehen die Massnahmen nicht vor.Im Gegenteil, das derzeitige Vorgehen der Behörden nach einem Corona-Fall in der Schule wirft Fragen auf. Besonders kontraproduktiv sei, «dass das Gesundheitsamt sich weigert, positiv getestete Schülerinnen und Schüler der Schule namentlich zu melden. Die Lehrpersonen sind stattdessen auf die Bereitschaft der Eltern und Erziehungsberechtigten angewiesen, dass sich diese bei der Schule melden», so die E-Mail aus dem Schulhaus Gräfler. Unter den Lehrerinnen und Lehrern führt dieses Vorgehen zu grosser Unsicherheit.

Auch der Präsident des Lehrervereins, Patrick Stump, findet, die Schulen sollten über einen Fall informiert werden. Dann könne die Schule reagieren und «gleich am Anfang kleinere Einheiten schliessen». Gesundheitsdirektor Walter Vogelsanger (SP) bezeichnet das bisherige Vorgehen allerdings als «optimiert und ausgewogen», denn es berücksichtige «den Persönlichkeitsschutz und hoheitliche Zuständigkeiten».

Ein schnelleres und koordinierteres Vorgehen wünscht sich aber auch der Vorsteher der Realschule des Schulhauses Gelbhausgarten, Christoph Stadler. Er verstehe zwar das Vorgehen der Regierung, aber er «möchte Kanton und Stadt ans Herz legen, sich jetzt schon auf eine mögliche negative Entwicklung der Fallzahlen in den Schulen vorzubereiten», sagt er. Für viele der Lehrpersonen ist klar, manche Änderungen hätten eine grosse Wirkung. Das regelmässige Testen von Schülerinnen und Schülern und Lehrpersonen mit Schnelltests etwa.

Teenager verweigern Massnahmen

Primarlehrerinnen und -lehrer fühlen sich ebenfalls gefährdet, aber nicht in gleichem Masse. «Masken und Desinfektionsmittel geben Sicherheit», sagt Irina Zeller. Die 25-Jährige unterrichtet eine 4. Klasse am Steigschulhaus und hatte bisher Glück. An ihrer Schule seien zwar drei Schüler, bisher aber keine Lehrperson an Covid-19 erkrankt. Die Lehrerin ist froh, durch den Präsenzunterricht die Chancengleichheit ihrer Schützlinge zu bewahren. Die Kleinen würden sich ausserdem relativ gut an die Massnahmen halten.

Das ist bei den Jugendlichen nicht immer so. Während Stadler über eine gute Einhaltung der Maskenpflicht berichtet, machen die Lehrpersonen am Schulhaus Gräfler andere Erfahrungen. «Viele Schülerinnen und Schüler entziehen sich den Massnahmen oder verweigern sie sogar», sagen sie. Es sind eben Teenager, die sich ihre Freiräume nehmen.

Dieses Verhalten macht auch einer Realschullehrerin Sorgen, die nicht namentlich genannt werden möchte. Sie hatte sich im Oktober mit Covid-19 infiziert. Wo ist nicht ganz klar, aber sie hatte Kontakt mit einem infizierten Schüler. «Trotz der Verschärfung der Massnahmen verhalten sich die Jugendlichen genau wie vorher», sagt sie.

Seit der Infektion, mit deren Folgen sie noch lange zu kämpfen hatte, ist sie unsicherer geworden. «Ich desinfiziere jeden Bleistift», sagt sie, aber als Fachlehrerin würde sie Fernunterricht vorziehen. Die Unsicherheit wurde durch das Verhalten der Behörden ausserdem verstärkt. «Es dauerte alles sehr lange», erklärt sie. Das Contact Tracing ihres Kantons, aus dem sie nach Schaffhausen pendelt, habe sich ausserdem nie bei ihrer Schule in Schaffhausen gemeldet.

Erziehungsdirektor Patrick Strasser (SP) sagt, er verstehe die Sorgen der Lehrerinnen und Lehrer. Schulen seien aber bisher keine Orte der «Durchseuchung» gewesen. Deswegen verteidigt er das bisherige Vorgehen. «Bei den Massnahmen kann man es nicht allen recht machen, denn es gibt viele Partikularinteressen», erklärt er. Ab dem 25. Januar gelten aber neu besondere Schutzmassnahmen für Risikogruppen in der Lehrerschaft. Der Kanton stellt für sie jetzt FFP2-Masken zur Verfügung.

«Blinder Aktionismus», «unhaltbar»

Für den Präsidenten des Stadtschulrates, Christian Ulmer (SP), ist das aber nur «blinder Aktionismus». Er wünscht sich klare Regeln. Sowohl für die Schulen als auch für das Contact Tracing, denn das entscheidet über das Vorgehen nach einer Ansteckung und ordnet Quarantäne oder Isolation für Kontaktpersonen an. Und hier hapert es. Ulmer erzählt von einem Vorfall vor den Weihnachtsferien, als in einer 5. Klasse einer Primarschule ein Kind nach dem anderen krank wurde. Das Contact Tracing wurde erst auf sein Pochen hin aktiv und ordnete Quarantäne für die Klasse an. «Unhaltbar», sagt Ulmer. Die Massnahmen wirkten auf ihn adhoc und unüberlegt. Noch kurz vor der FFP2-Masken-Verordnung hiess es, Primarschülerinnen sollten Masken tragen.

Immerhin: bei einer Häufung von Fällen in der Schule soll in Zukunft das Ausbruchsmanagement des Kantons zum Zug kommen. Dieses wurde vom Covid-19-Spezialteam entwickelt und den Schulen am 22. Januar mitgeteilt.

Demnach klärt das Contact Tracing mit dem kantonsärztlichen Dienst Massnahmen ab, wenn es eine Häufung von Fällen erkennt. Dazu gehört auch das Testen: «Vorgesehen ist, dass je nach Situation die Kontaktpersonen, […] in Schulen die Klasse und deren Lehrpersonen, auf eine Covid-Infektion getestet werden.», steht in der Information für die Schulen. Für den schulischen Bereich seien «seitens des Gesundheitsamtes aber noch weitere Abklärungen nötig». Über Isolation und Quarantäne entscheidet weiterhin das Contact Tracing.

Einige offene Fragen bleiben. Ab wann von einer Häufung gesprochen werden kann, zum Beispiel. Oder was genau das Gesundheitsamt noch abklären soll. Das sieht auch Christian Ulmer so. «Für uns ändert das konkret erst einmal gar nichts», sagt er.

Möglicherweise wurde das neue Ausbruchsmanagement aber schon aktiv. Kurz vor Redaktionsschluss teilte die Stadt mit, dass das Schulhaus Gräfler «aufgrund von mindestens einer Ansteckung mit dem mutierten Coronavirus» für zwei Tage geschlossen wird. Der Unterricht falle aus.