Riviera des Nordens

29. Mai 2020, Marlon Rusch

Alle schnöden über das «neu gestaltete» Rheinufer. Dabei lässt sich da wunderbar Ferien machen. Eine Glosse.

Der Asphalt: 1A Spitzenklasse. Die neue Rheinuferpromenade ist ohne Zweifel die grösste und effektivste öffentliche Küchenraffel der Region. Der Braeburn gleitet sauber über den gekörnten Bitumen und fast ohne Druck spritzt der Qualitätsapfel seinen säuerlichen Saft in alle Richtungen. Unter ihm breitet sich ein fruchtiges Schlachtfeld aus. Jetzt daneben noch rasch das Spiegelei aufschlagen – und warten. Die Sonne macht den Rest. Ein guter Ferientag, das weiss jedes Kind, beginnt mit einem reichhaltigen Frühstück.

Zugegeben, wir waren skeptisch.

Dass die Rheinuferstrasse neu gestaltet werden soll, beschäftigt das Städtli seit Jahrzehnten. Was haben sie sich darüber gezofft! Es gab parlamentarische Vorstösse, es wurden internationale Wettbewerbe gefordert, es wurden Planungsbudgets über Hunderttausende Franken gesprochen. Am «Mitwirkungsprozess Planung Rheinufer» arbeiteten 90 Menschen über ein Jahr lang. Die Ideen waren visionär: eine Fussgängerbrücke von der Kammgarn zum Rhein, eine Absenkung der Strasse. Die Aktionskünstler Frank und Patrik Riklin schufen einen siebenminütigen Zugang zum Fluss (sehenswert: tinyurl.com/rheinuferstrasse). Die Stadt kaufte das Projekt einer Landschaftsarchitektin. Eine Ausstellung im Vebikus regte die Fantasie an. Studierende der Zürcher Hochschule in Winterthur kreierten Projekte.

Schliesslich nahm der damalige Baureferent Raphaël Rohner das Heft in die Hand («Führungsstärke!») und präsentierte den «Masterplan Rheinufer». Unter seiner budgetgerechten Ägide entstand die «Neugestaltung» des Rheinufers.

Es hagelte Kritik. Die «Neugestaltung» sei eine bessere Strassensanierung, nur ausgerichtet auf die Autos, 95 Prozent Asphalt, die «Sitzstange» eine Alibiübung, die Situation am Fluss sei damit auf Jahrzehnte zementiert (sic!). Wer, zum Teufel, soll sich hier freiwillig aufhalten?

Auch die AZ schnödete, und zwar nicht zu knapp. Doch jetzt, nachdem die neue Rheinuferpromenade am 20. Mai eröffnet wurde (7 Monate früher – und wohl auch günstiger – als geplant), wollen wir fair sein – und dem Ort eine Chance geben.

Noch sind die Grenzen zu, also werden wir unsere Kurzferien eben hier verbringen – an der Riviera des Nordens.

Die Dichotomie Sicherheit/Ästhetik

Als wir aus der Unterführung auf die Rheinuferpromenade treten, droht das gleissende Licht, uns für immer zu blenden. Der rohe Asphalt, das Wasser ausser Reichweite, der gut gesicherte Rettungsring – sofort bricht Strandstimmung aus.

Wir machen es uns gemütlich auf einer grünen Bank, die neuartige «Sitzstange» sparen wir uns für später auf; man soll ja nicht das ganze Pulver schon zu Beginn der Ferien verballern.

Der hölzerne Handlauf der Promenade macht einen sehr soliden Eindruck, dennoch schmeichelt er mit seinen sanften Konturen den Händen. Ein toller Umgang mit der komplexen Dichotomie Sicherheit/Ästhetik. Haben wir hier bereits ein heimliches Highlight?

Wir bereiten auf dem schon am Morgen erwärmten Asphalt einen geraffelten Apfel und ein Spiegelei zu und machen uns dann auf eine Erkundungstour. Fasziniert von der herrlichen Flora (mindestens eine Strauchsorte) und vom Schattenwurf der neu gepflanzten Bäume (auf die Strasse) flanieren wir Richtung Rhybadi. Viel Überraschung bietet die Promenade nicht, aber wir pflegen ja sowieso zu sagen: lieber keine Überraschung als ein blaues Wunder.

Wir erinnern uns, wie Stadtrat Raphaël Rohner den Menschen im Oktober 2013 an der Präsentation seines «Masterplans» zurief: «Der Rhein ist die Lebensader von Schaffhausen!»

Rohner hatte Recht.

Mehr als eine Sitzstange

Beschwingt wagen wir uns jetzt an die Sitzstange, dieses glänzende Metallduett, das sich elegant und in subtilem Bogen an die Fussgängerpromenade schmiegt. Wir setzen uns und stellen fest: nicht unbequem. Eine integrierte Sitzstangen­heizung (solar­betrieben!) sorgt für einen angenehmen Temperaturhaushalt.

Wir könnten uns vorstellen, dass zwei schwarze Streifen auf dem Hosenboden zwischen Juli und August zum saisonalen Signature Look der hiesigen Fashion-Szene avancieren könnten.

Eingenommen vom angenehm urbanen Umfeld (hinter dem Rücken brausen unentwegt Autos), verweilen wir hier und zählen eine Viertelstunde lange die Passanten (einstellig). Doch bald schon packt uns wieder der Hunger.

Wie unsere Hintern niedergegart werden, realisieren wir allmählich, dass die öffentliche Küche Rheinuferpromenade neben Früchteraffel und Bratpfanne auch einen Grillrost anbietet (wieder solarbetrieben!). Wir legen unsere Bratwürste neben uns auf die Sitzstange – und warten. Die Sonne macht den Rest.

Für ein kleines Mittagschläfchen brauchen wir uns nur an Ort und Stelle in die Horizontale zu bewegen. Die Wirbelsäule bettet sich zwischen die aufgewärmten Metallstangen, worauf sich eine angenehme Wohligkeit breitmacht.

Und wie wir da an der Sonne liegen und über das Konzept Ferien sinnieren, wird schlagartig klar, warum wir uns hier so wohl fühlen. Es ist nicht die «Sitzstange», es ist nicht der Handlauf, der geraffelte Apfel oder die Bratwurst – der Westeuropäer will in den Ferien vor allem eins: an einem Ort sein, wo sonst keine Touristen sind.

Voilà – die Rheinuferpromenade, Riviera des Nordens.


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