Überraschung und Wandel

25. Mai 2020, Mattias Greuter
SP-Stadtratskandidatin Christine Thommen
SP-Stadtratskandidatin Christine Thommen

Ein Kommentar über Chancengleichheit in der SP und die Nomination von Christine Thommen.

Bei der SP bekommt man aussichtsreiche Kandidaturen nicht einfach so geschenkt. Jahrzehntelang war es üblich, dass man sich mit Partei- und Parlamentsarbeit die Sporen abverdienen musste, um für ein höheres Amt in Frage zu kommen. Die Liste der Beispiele ist lang: Matthias Freivogel, Werner Bächtold, Kurt Zubler, Urs Tanner, Patrick Portmann, aktuell Patrick Strasser. Die Häufung von Männern ist kein Zufall. Erstens bevorteilt das politische System Männer, zweitens hat die SP seit den Nullerjahren zu wenig dafür getan, Frauen aktiv einzubinden und in aussichtsreiche Positionen zu bringen. Damit ist die SP notabene keinesfalls allein, doch als konsequenteste Kraft im Kampf für die Gleichstellung steht ihr dieses Problem besonders schlecht an.

Jetzt scheint das parteiinterne Prinzip des Sporenabverdienens plötzlich ausser Kraft gesetzt: Die Basis hat letzte Woche Christine Thommen für den Stadtrat nominiert, die erst seit zwei Jahren SP-Mitglied ist und noch dazu früher bei der FDP aktiv war.

Das gefällt nicht allen. Zwar schart man sich natürlich jetzt hinter die Kandidatin, doch es gibt Stimmen, die leise kritisieren, Thommen erhalte diese Chance nur aufgrund ihres Geschlechts; damit die SP anno 2020 nicht mit einem reinen Männerticket zu den wichtigsten Wahlen antreten muss.

Nun gut: Hat Christine Thommen davon profitiert, dass sie eine Frau ist? Vermutlich. Na und?

Der Fokus auf diese Frage ist letztlich eine Übergewichtung des Geschlechts der Kandidierenden und schon deshalb problematisch. Erstens lässt dies Thommens ausgewiesene Führungserfahrung (siehe Porträt in der AZ vom 22. Mai 2020) ausser Acht – daran gemessen, lässt sie Marco Planas weit hinter sich. Zweitens würde sich die SP besser andere Fragen stellen. Etwa: Hat Christine Thommen nicht vielmehr davon profitiert, dass die Personaldecke der Partei ziemlich dünn ist? Oder: Haben wir möglicherweise jahrelang ein System gepflegt, das Frauen benachteiligt? Was sagt es über die Chancengleichheit innerhalb der Partei aus, wenn in den Parlamenten doppelt so viele SP-Männer sitzen wie SP-Frauen? Und: Musste sich jemals ein SP-Mann den Vorwurf gefallen lassen, er komme nur wegen seines Geschlechts zu Amt und Würden? Fest steht, dass ein Mann und eine Frau – auch in der SP – auf andere Reaktionen stossen, wenn sie Chancen zu nutzen verstehen. Er wird dann «karrierebewusst» genannt, sie schnell einmal «opportunistisch».

Vor diesem Hintergrund ist die Vermutung einigermassen absurd, als Frau habe man es bei der SP leichter. Trotzdem sagt die Nomination von Christine Thommen etwas über die Partei aus: Vielleicht ist sie ein Ausdruck davon, dass sich die Partei bewegt und die Basis bezüglich Nachwuchsstrategien eine Kurskorrektur befürwortet. Hinter den Kulissen entsteht gerade die parteiinterne Gruppierung «SP-Frauen*», und vielleicht kommen alte Strukturen und Hierarchien ins Wanken.

Eine progressive Partei sollte sich davor nicht fürchten.