Feuervogel

6. Februar 2020, Nora Leutert
Toniolo, wie immer mit seiner «Kulturbombe» (seiner Tasche) unterwegs. Foto: Peter Leutert

Kulturvermittler Beat Toniolo hat den Rheinfall vor einigen Jahren im Zorn verlassen. Nun ist er zurück, mit einem grösseren Projekt als je zuvor.

Eigentlich war er nie weg. Seit Anfang der 80er-Jahre wohnt Beat Toniolo nicht mehr in Schaffhausen, und dennoch macht er hier von sich reden wie kaum ein zweiter Kulturschaffender. Der Schaffhauser Künstler und Kulturvermittler ist ein bunter Hund, ein Provokateur. Einerseits hat Toniolo hier immer wieder für brisante Schlagzeilen gesorgt: Fünf Mal führte er das Wort- und Bildfestival am Rheinfall durch, bis er sich 2009 öffentlich mit IG-Rheinfall-Geschäftsführer Mäni Frei, dem damaligen «Mister Rheinfall», überwarf. Es folgten (seitens Toniolos) eine Fehde mit Beat Hedinger von Schaffhauserland Tourismus und Vorwürfe gegen die lokale Politik wegen der Verteilung von Kulturgeldern. Später Knatsch mit leitenden Figuren hinter dem Musical Anna Göldi, das in der SIG-Halle am Rheinfall stattfand (und bachab ging).

Andererseits hat sich Toniolo einen Namen gemacht wegen der extrem vielen und grossen Kunst- und Kulturprojekte, die er anreisst. Und jetzt hat er den Rheinfall mit einem Megaprojekt zurückgewonnen: Einer «Immersive Art Hall», in der man durch ein Rundum-Film- und Musikerlebnis virtuell in die Welt am Rheinfall eintauchen kann, über alle vier Jahreszeiten hinweg. Wenn Beat Toniolo etwas macht, dann so, wie sich das sonst niemand ausdenken würde. Selbst Pressekonferenzen werden zu Happenings, wo etwa nebenbei noch die Skulptur eines Fabelwesens enthüllt und im Rheinwasser getauft wird und wo alle ihre Wünsche aufschreiben und plötzlich zusammen ein grosses Team sind. Und immer setzt Toniolo noch mal einen drauf, während andere mit verschränkten Armen und skeptischem Blick zuschauen.

Beat Toniolo, Sie gehen wahnsinnig enthusiastisch und exzentrisch an Ihre Projekte heran.
So ist es.

Nichts scheint Ihnen zu viel, während man sich bei uns sonst eher in Zurückhaltung übt. Ist Ihnen nie etwas peinlich?
Mir sind eher andere Leute peinlich. Schaumschläger, egomanische Narzissten. Es ist mir peinlich, wenn ich meine Kunst, meine Arbeit wegen solcher Menschen verteidigen muss, das kam schon öfter vor.

Sie sind mit Ihrem Engagement schon oft auf Widerstand gestossen.
Bei mir haben Sie immer 100 Prozent Toniolo, absolute Authentizität, ich bin auf der Bühne genau der Gleiche wie hinter der Kulisse. Aber ich bin schon eine polarisierende Persönlichkeit. Das hat sich so ergeben, eigentlich bin ich sehr schüchtern. Ich war früher Fussballer, und das, was ich im Kunstbereich mache, vergleiche ich immer mit dem Mannschaftssport. Andererseits bin ich auch Skifahrer seit 53 Jahren. Und wenn ich oben an einer schwarzen Piste stehe und runterschaue, habe ich Respekt davor, halte inne und bloche nicht einfach drauflos.

Der Sport ist eine Metapher fürs Leben? 
Genau. Ein weiterer Punkt: Ich habe Respekt vor der Natur. Bei Projekten kommt für mich immer zuerst die Sicherheit, dann die Natur, dann die Kunst …

Sie schweifen ab.
Ja, Sie sagten ja bereits, dass ich überborde. Das Überborden ist auch die Schwierigkeit in der Reduktion der Kunst.

Herr Toniolo, jedes Mal, wenn Sie mit einer neuen Idee kommen,denkt man in Schaffhausen: Was hat der jetzt wieder vor? Und doch schaffen Sie es immer erneut, grosse Projekte zu realisieren. Wie gelingt Ihnen das?
Das hat mit Hartnäckigkeit zu tun. Und ich bin neugierig, risikofreudig und glaube an das, was ich mache. Wenn mich ein Thema berührt, weiss ich, dass ich dem nachgehen muss. Ich bin kein Spezialist für irgendetwas, weder für Literatur, Theater noch Musik. Bei allem, was ich mache, will ich etwas lernen. Und ich will dem Nachwuchs, den jungen Künstlerinnen und Künstlern, eine Chance geben.

Sie schaffen es auch immer, wichtige Leute ins Boot zu holen. Man ist erstaunt, mit welchen prominenten Namen Sie zusammenarbeiten, und Sie betonen das auch oft. Wie wichtig ist es, Leute zu kennen?
Ich will damit nicht mein Ego beweihräuchern, wie es viele Leute, die mich nicht kennen, meinen. Wer etwas macht, wird immer neidisch beäugt.

Mehrfach driftet Beat Toniolo im Gespräch ab und schaut auf die alten Geschichten zurück, die er in den vergangenen 20 Jahren in Schaffhausen erlebte. Er macht Kommentare über Leute, die seinen Weg negativ gekreuzt, die gelogen und ihn über den Tisch gezogen hätten. Obwohl das alles schon Jahre her ist, kommt immer wieder der tiefsitzende Frust über Menschen hoch, die auch ein Stück vom Kulturkuchen haben wollen, denen es aber angeblich nicht um die Kunst geht, sondern ausschliesslich um Geld und Ruhm.

Sie sprechen viel von Neid und Missgunst, die Sie erlebt haben. Kein Wunder, Sie exponieren und inszenieren sich ja auch sehr als Mann mit Beziehungen, als Kunstförderer, als Künstler.
Das gehört dazu. Wenn ich etwas erarbeite, muss ich persönlich dahinterstehen können. Mein Team, die Künstler, mit denen ich zusammenarbeite, die können sich hundertprozentig auf mich verlassen.

Denken Sie, um solche grossen Projekte umzusetzen, muss man sich derart stark exponieren können?
Das ist so. Es braucht eine Persönlichkeit, welche hinsteht und den Karren führt.

Wenn man Beat Toniolo googelt, stösst man auf einen sehr detaillierten Wikipedia-Eintrag über Sie.
Den hat eine Journalistin geschrieben, die ich nicht kannte und die von jemandem auf mich aufmerksam gemacht wurde. Witzig, auf den Eintrag wurde ich schon öfters angesprochen.

Er ist auch wirklich bemerkenswert ausführlich.
Dabei steht da nur ein kleiner Teil von dem, was ich mache.

Da stehen Sachen wie, dass Sie mal mit einem Hirschkopf auf dem Rücken vor dem Bundeshaus erschienen und dort öffentlich ein Pamphlet notierten zum Umgang der Schweiz mit politischer Kunst. 
Das ist aber schon wichtig, dass man das über mich weiss. Denn es ist tatsächlich so: Ich ecke an. Ich suche nicht nur Harmonie und Glückseligkeit. Es wird menschlich dort interessant, wo es Probleme gibt. Ich habe die RS gemacht … (holt aus, wir unterbrechen ihn)

Auf Wikipedia steht: Toniolo bezeichnet sich als «Schaffhauser, der auszog, die Kunst zu leben». Sie sind hier allerdings sehr präsent. Wieso kehren Sie immer wieder zurück?
Es ist klar der Rheinfall.

Sie kommen tatsächlich wegen des Rheinfalls zurück?
Ja, das ist ein Naturereignis, das mich in seinen Bann gezogen hat. Ich hatte hier so viele schöne Begegnungen mit Künstlern. Statt des Corona-Virus habe ich den Rheinfall-Virus.

Sie haben viel verbrannte Erde am Rheinfall und in Schaffhausen hinterlassen. Immer mal wieder haben Sie einen Knatsch öffentlich ausgetragen.
Ja, das waren bewusste Entscheide. Ich weiss, wann ich etwas in die Medien bringen und Kritik üben muss. Denn wenn es um die Idee meiner Projekte geht und man mir ungerechterweise an den Karren fahren will, dann kämpfe ich wie ein Löwe. Oder wie ein Tiger, ich bin im chinesischen Sternzeichen Tiger geboren (schmunzelt).

Wie halten Sie es mit der lokalen Kunst- und Kulturszene?
Ich werde sicher auch etwas schräg beäugt. Ein Schauspieler bezeichnete mich mal als Feuervogel, das passt nicht schlecht.

Was meinen Sie damit?
Vielleicht, dass ich anderen tierisch auf die Nerven gehe, ich weiss es nicht (lacht). Bestimmt aber bin ich durch mein Herzblut und meinen Enthusiasmus manchmal schwer zu bremsen. Heute nehme ich Ratschläge von Leuten, die mit mir zu tun haben, wahrscheinlich mehr an als früher und überlege, was für Konsequenzen ich auslöse. Dennoch weiss ich, was ich als Künstler machen kann, darf und muss. Und die Kunstszene hier, ich muss ehrlich sagen: Ich hatte ja gewisse Dinge öffentlich angeprangert, etwa, dass der Kultur nicht mehr Gelder gesprochen werden. Aber es gab zu dem Zeitpunkt niemanden, der aufgestanden ist und sagte: Das stimmt, Toniolo, wir treten geschlossen als Künstlerkonglomerat auf und stossen einen öffentlichen Disput an.

Wie ist es denn Ihrer Meinung nach: Haben die Kunst- und Kulturschaffenden zu wenig Mut?  Oder haben sie einfach keine Lust, sich auf Sie einzulassen?
Beides wahrscheinlich. Sie könnten ja mit mir an einen Tisch sitzen und das Gespräch suchen im Stil von: Ich kann dich nicht einschätzen, Toniolo, du bist ein schräger Typ, aber sag mal, wie meinst du das? Das macht aber niemand. Das beobachte ich allgemein: Es wird nicht mehr zugehört, stattdessen werden unüberlegt und egomanisch Ansichten rausgehauen. Klar, jemand, der polarisiert, steht immer im Fadenkreuz. Und gewisse Leute warten wie Haie darauf, dass der Toniolo einen Fehler macht. Leider bekamen die Haie nie was von mir zu fressen …

Ist es für Sie nicht ungemütlich in Schaffhausen?
Wenn ich auf persönliche Ressentiments eingehen würde, dann könnte ich mich als Künstler oder Kulturvermittler vergessen. Aber weil ich weiss, dass es mir um das Projekt geht, stehe ich darüber. Meine Antwort auf alle persönlichen Ressentiments ist das Projekt, das hier entsteht (siehe Box). 2012 habe ich mich ganz vom Rheinfall zurückgezogen. Jetzt komme ich wieder wie der Phönix aus der Asche.

Für Sie auch eine Rückeroberung des Rheinfalls?
Hm ja, das kann man so sehen. Viele Leute haben mich wohl abgeschrieben und dachten, der macht nichts mehr am Rheinfall. Aber da kennen sie mich schlecht. Weil: Eine gute Idee mit Substanz, mit tollen Künstlerinnen und Künstlern, das kann nicht schieflaufen. Mein Dank geht auch an Patrick Spahn, den kantonalen Baudepartementssekretär, der als «Spiritus Rector» dieses Pionierprojekt erkannt und ins Rollen gebracht hat.

Die «Immersive Art Hall» am Rheinfall ist ein Megaprojekt. Auch die Touristenattraktion Smilestones hatte keinen leichten Start. Haben Sie nicht Angst, dass Ihr Projekt zu gross gedacht ist für diesen Standort?
Nein, nie. Keine Sekunde lang.

50 000 Franken fehlen Ihnen zurzeit noch für den kreativen Part, also die Produktion des Films. Haben Sie das Budget überschritten?
Für solch ein Pionierprojekt, das es bisher noch nicht gab, liege ich mit dem Budget gar nicht so schlecht. Ich stand bei früheren Projekten vor dem gleichen Problem, aber ich weiss genau – und da schaue ich ab und zu auch nach oben –, dass wir einen Weg finden.

Sind Sie gläubig?
Ich glaube ans Schicksal. Und ich weiss, was realistisch ist.

Kann man abschliessend sagen, dass Sie der Prophet sind, der im eigenen Land nichts gilt? 
Wenn man so will, ja. Aber ein Prophet, der nicht nur etwas zu sagen hat, sondern auch etwas macht. Die Kraft gaben mir immer die Künstlerinnen und Künstler, mit denen ich zusammenarbeite. Der gegenseitige Respekt und das Vertrauen sind das, was mich weiterbrachte. Ich bin dankbar, dass ich der künstlerischen Berufung folgte. Wenn ich die Drogerielehre, die ich ursprünglich machte, weiterverfolgt hätte, dann wäre ich jetzt wahrscheinlich ein bekannter Naturheilkräuter-Drogist, aber ich hätte all diese Begegnungen nicht gehabt.