Der wundersame Oliver

30. Januar 2020, Marlon Rusch
Typische Pose: Guz 1996 am Lesen in seinem Studio in der Neustadt. Hier waren auch Kinderspielzeuge vollwertige Instrumente. Foto: Peter Pfister

Er war eine der markantesten Figuren der deutschsprachigen Musik. Und eine der echtesten. Jetzt ist Oliver «Guz» Maurmann viel zu früh verstorben. Oder ist er bloss wieder allen einen Schritt voraus? Ein Nachruf.

Wo anfangen?

Nachdem das Herz von Oliver Maurmann vor zehn Tagen nach nur 52 Jahren aufgehört hatte zu schlagen, überschlug sich die Musikwelt. Sondersendungen, Nachrufe in diversen Zeitungen vom lokalen Käseblatt bis zur deutschen TAZ, in Schaffhausen verbreitete sich die tragische Kunde wie ein Feuer. Kein Zweifel, da ist einer der ganz Grossen von der Bühne getreten. Die Reaktion auf Guz‘ Tod, sie scheint gewissermassen ein letzter Indikator zu sein für ein honorables Leben.

Guz selber würde das kaum so stehen lassen. Er würde wohl einwerfen: Was soll das schon sein, «honorabel»? 2015 sagte der Musiker in einem Interview mit der AZ: «Mich interessiert immer das Gegenteil. Egal wovon.» Dort, wo die anderen endlich Antworten gefunden hatten, dort begann er zu fragen.

Will man dieser Tage mit den Menschen reden, die Oliver begleitet haben, merkt man schnell: Das Reden fällt ihnen schwer. Nicht nur, weil der abrupte Tod erst verdaut werden muss. Sie fragen sich: Wie sollen sie diesem Mann nur gerecht werden in seiner ganzen wunderbaren, warmherzigen Komplexität?

Wo also anfangen?

Vielleicht dort, wo sich Guz immer am wohlsten fühlte: am Rand.

*

In den 90ern – seine Band, die Aeronauten, wurde langsam berühmt, hatte einen fast unwirklichen Plattenvertrag beim Hamburger Kultlabel L’age d’or unterschrieben, zwei Alben produziert und eine Tour mit Tocotronic gespielt – wurde Guz im Radio SRF gefragt, wie berühmt er werden wolle. Er zögerte lange und sagte dann: «So berühmt, dass man nicht an mir vorbei kommt; aber nur so berühmt, dass ich an den anderen vorbei komme.»

Es ist ein Satz, der so auch in einem seiner Lieder stehen könnte. Vordergründig vielleicht einfach witzig, selbstironisch; aber Menschen, die ihm nahestehen, entdecken fast immer einen zweiten, vielleicht einen dritten Boden.

Und es ist ein Satz, der einen der grossen Themen im Leben von Guz umreisst: der Spagat zwischen Echtheit und Erfolg.

Immer wieder wurde ihm vorgehalten, er habe den grossen Durchbruch nie wirklich gewollt. Wer das sagte, konnte sich wohl schlicht nicht erklären, warum er ihn sonst nicht geschafft haben könnte, den Durchbruch. Die Anlagen waren unbestritten da. Ein Charismatiker auf der Bühne. Ein begnadeter Texter. Und ein aussergewöhnlicher Musiker. Der ehemalige Züri West-Gitarrist Tom Etter sagt: «Guz hat die Musik gesehen.» In der klassischen Musik würde man das vielleicht im weitesten Sinne als «Tiefenstaffelung» bezeichnen.

Doch der Durchbruch kam nicht. In einem Videointerview, das man sich im Film «Die Aeronauten 16:9 – die ersten 25 Jahre» anschauen kann, braust der ansonsten so stoische Guz richtiggehend auf wegen der ewigen Spekulation, er habe sich innerlich immer gegen die ganz grossen Scheinwerfer gesträubt.

Die Bemühungen waren auch hörbar. Die Aeronauten hatten eine ihrer Platten eigens produziert, um in höhere Sphären zu gelangen. Weniger rumpelig als die früheren. Doch der Wandel blieb folgenlos. Guz sagte dazu: «Wir hatten im Hinterkopf: wenn es langweilig ist, wird es ein Erfolg. Wenn die Leute im Radio denken, die neue Aeronauten-Platte ist ja furchtbar langweilig, dann spielen sie sie den ganzen Tag.» Guz wollte Erfolg haben, berühmt sein. Aber er konnte eben auch nicht nicht echt sein.

Nach der Platte löste sich die Band praktisch auf. Als sie nach einigen Jahren wieder zueinander fand, war das Thema Durchbruch abgehakt. Es ging nur noch um die Musik, von Powerpop bis Deutsch-Punk, heute Ska, morgen Techno. «Eklektizismus in Reinform», sagt Hipp Mathis.

Tom Etter, der mit Guz 1991 das Star Track- Studio in Schaffhausen aufbaute, sagt, Guz sei im Herzen immer ein Punk gewesen, auch wenn ihn die Punk-Attitüde irgendwann gelangweilt habe: Er hatte seine Ideale, er lief auf einem eigenen Betriebssystem, auf einem System, auf dem sonst niemand lief.

*

Oliver hat im Star Track-Studio jahrzehntelang als Hebamme bei den schwierigsten Musikgeburten gedient. Unzählige grosse Bands nahmen bei ihm auf, und gerade den Untergründigen, den Sonderlingen, wie er selbst einer war, hat er in oft nächtelanger Schinderei ein musikalisches Mäntelchen geschneidert, das fast immer passte wie angegossen.

Stahlberger hätte ohne Guz anders geklungen. Die erste Platte von King Pepe: nicht möglich ohne Guz‘ plakative Sounds, die so perfekt zu Pepes plöffigen Texten passen. Der Musiker Nico Feer schrieb kürzlich über Guz: «Schöne Sounds gingen ihm meist komplett am Arsch vorbei. […], dafür hat er getüftelt, auch mal ein Bremsgeräusch oder ein zusammenstürzendes Haus in ein Lied gepasst – und unsere Platten etwa 10 000 mal interessanter gemacht […] Nach einem Besuch im Star Track-Studio klang man neu – nicht unbedingt wohlklingender, aber bestimmt interessanter.» Die Künstlerin und musikalische Weggefährtin Bernadette La Hengst schrieb: «Er wusste, wie man aus Dreck Gold macht.»

Hinter all dem steckte nicht nur Kreativität. Aeronauten-Gründer Hipp Mathis erinnert sich im Film, wie Guz als junger Kerl Tag für Tag mit dem Vierspurgerät ins Kellerstudio ging und einen Song aufnahm. Jeden Tag, «wie besessen». Später, im Star Track-Studio, sass er manchmal schon um halb 8 Uhr morgens an den Reglern. Sowas ist nicht gerade üblich in der Szene.

Wenn ihm Musik aber zu normal erschien, konnte er seine Langeweile auch während Auftragsarbeiten kaum verbergen. Er sagte dann jeweils diesen einen Satz: «Da isch halt so Musig…» Laut Tom Etter hat Guz kein einziges Konzert von Züri West gesehen. «Das hat mich natürlich gefuchst, schliesslich war ich wohl an etwa 35 Aeronauten-Konzerten.» Als U2 vor einigen Jahren im Letzigrund spielte, fragte Guz Etter vorsichtig: «Wie tönen eigentlich diese U2?»

Statt sich mit gefälliger Musik zu quälen, sass Guz lieber in seinem Studio und las stundenlang. Er hatte einen bemerkenswerten Überblick über die Weltpolitik. Mit Vorliebe aber vertiefte er sich in alle erdenklichen Verschwörungstheorien und wälzte «Fachliteratur» über Nazi-Ufos. Nicht, wie viele vermuteten, weil er daran geglaubt hätte, nein. Er wollte herausfinden, wie die Querköpfe denken, die sich solch wirres Zeug ausdenken. Als ihn die AZ fragte, ob er mal im Mystery-Park gewesen sei, antwortete Oliver: «Nein. Der Erich von Däniken verkörpert ja den Mainstream der Ufologie, und genau das finde ich langweilig, gähn.»

Nach seinen Konzerten, es dürften weit über 1000 gewesen sein, kamen oft die Sonderlinge zu ihm, die Freaks, er hat sie richtiggehend angezogen und sie quatschten ihn voll. Und Oliver hörte ihnen zu und studierte nachher oft noch lange an ihnen herum.

Die Zentren, sie waren ihm zu banal; ihn interessierte die Peripherie. Bei den Menschen ebenso wie bei den Orten. Dass er sich in Schaffhausen niederliess und nicht in Zürich oder Berlin – es war absolut folgerichtig. «Die Provinz», sagte er einmal, «bietet dir den Boden, deine eigenen Sachen zu machen.»

Schweizweit bekannt wurde er ausgerechnet als Müllmann in der SRF-Miniserie Güsel von Deborah Neininger. An der Seite von Gabriel Vetter und Michael von Burg spielte er einen Mülldetektiv im Werkhof Herblingen. Wenn er in Arbeitskleidung auf dem Werkhof rummarschiert sei, erinnert sich Neininger, habe man immer aufpassen müssen, dass sie ihn dort nicht gleich behalten haben. So echt war er in dieser Rolle.

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Tom Etter sagt, als er Oliver vor 30 Jahren kennenlernte, habe er sich auf jede Begegnung wahnsinnig gefreut: «Ich wusste immer, es wird etwas passieren, was ich noch nie zuvor erlebt habe. Er war ein Künstler, ein Genius – aber er hätte das nicht gern gehört.» Guz, sagt Etter, habe ihn immer unglaublich erstaunt.

Neben den Aeronauten gab es unzählige weitere Bands. Mit seinem Seelenverwandten, Reverend Beat-Man aus Bern, gründete er etwa die Zorros mit dem Anspruch, die schlechteste Band der Welt zu sein. Die beiden sassen dann zusammen und coverten Hits, ohne sich davor auch nur die Akkorde oder den Text anzusehen. «Das klang wunderbar grauenhaft», erinnert sich Etter. «Neun von zehn Musikern hätten sich geschämt, damit aufzutreten, aber nicht Oliver. Ihm war es egal, was die anderen dachten.»

Ein anderes Beispiel: Einmal kam Guz die Idee, einen seiner Songs auf Kassette rückwärts laufenzulassen. Er hat den Text dann aufgeschrieben, dieses unsägliche Kauderwelsch zu singen gelernt und so erneut aufgenommen. Dann hat er die Aufnahme erneut rückwärts laufen lassen. Der Text war wieder richtig, klang aber seltsam verquer. Ein neuer Effekt war geboren. Einmal sagte Guz: «Ich muss der Einzige sein, der kann, was ich tue. Das ist meine Suche nach Erfolg.»

Der Groove, die Leichtigkeit, die man dieser Band auch nach fast 30 Jahren auf der Bühne an jedem Konzert anmerkte – ohne Oliver wäre sie nicht möglich gewesen. Die deutsche Zeit schrieb über das letzte Aeronauten-Album Heinz (dem Schaffhauser Stadtoriginal gewidmet): «Es gibt so Bands, die können gar nichts falsch machen. So wie die Aeronauten.» Vor einem Jahr spielten die Aeronauten noch am AZ-Jubiläum in der Kammgarn. Es war die perfekte Band für diesen Abend mit doch ziemlich heterogenem Publikum. Wer kann die Aeronauten nicht mögen?

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114 Tage wartete Oliver Guz Maurmann im Spital vergeblich auf ein Spenderherz. Ohne Murren, mit unerschütterlicher Zuversicht. Es seien keine Krankenbesuche gewesen, sagen Bekannte. Oliver habe Audienz gehalten, man habe viel gelacht.

Und dann fiel das Herz am 115. Tag aus dem Takt – und fand nicht mehr hinein.

Ein guter Freund sagt, es sei unwirklich gewesen. Der Körper noch da, aber der Oli einfach weg. Verschwunden. Eigentlich wie er es sich wünschte: Die Menschen kommen nicht um ihn herum; aber er um die Menschen. Oder ist er ihnen einfach mal wieder einen Schritt voraus?

Reverend Beat-Man schrieb, Ufos hätten ihn auf seine letzte Reise mitgenommen.

Guz hinterlässt uns staunend, wundernd. Bewundernd.

Gute Reise!