Kapitän Behr

12. September 2019, Kevin Brühlmann
«Real existierende Reichtumssteuer»: Giorgio Behr (rechts) im Bauch der MS Thurgau.

Wenn Giorgio Behr ruft, versammelt sich die Schaffhauser Wirtschafts- und Politelite an Bord eines Schiffs. Damit der Kanton auch ja den richtigen Kurs fährt.

Über das Schiffsdeck der MS Thurgau brettert eine mahnende Stimme. Ihr klarer, harter Klang erinnert an Radioansprachen ältlicher Politiker, sagen wir Churchill, in den dunkelsten Stunden. Als die Nation, nein, die freie Welt insgesamt, von einem stickigen Bunker aus per Mikrofon am Leben erhalten werden musste.

Die Stimme gehört Giorgio Behr, Unternehmer und Handballmäzen; in zwei Wochen wird er 71. Laut dem Wirtschaftsmagazin Bilanz steht er auf Platz 189 der reichsten Schweizer, mit einem Vermögen von schätzungsweise 425 Millionen Franken. Sein Geld machte er in den Neunzigerjahren, das beweist sein Schnauz.

Behr steht allein im Schiffbauch, vor einem Mikrofon, den Churchill-Moment beschwörend: der Stromverbrauch wird zunehmen, aber der Ausstieg aus der Atomenergie lässt eine Lücke offen, 85 Prozent des heutigen Bedarfs werden fehlen.

«Fake News, sie sind ein Problem», jetzt kommt Behr in Fahrt, «ja, aber meine Zahlen sind es nicht. Meine Zahlen sind vielleicht zu vorsichtig. Leider dient das Modewort Fake News oft eher dazu, unangenehme Wahrheiten auszublenden. Beispielsweise, dass in der Schweiz die zehn Prozent mit dem höchsten Einkommen, vielerorts auch gleich 90 Prozent der real existierenden Schweizer Reichtumssteuer mit dem Namen direkte Bundessteuer bezahlen. Oder dass die Zahlungen der bösen internationalen Unternehmen einen unglaublich hohen Anteil an den Einnahmen eines Kantons oder einer Stadt im Norden der Schweiz ausmachen. Rechts vom Rhein gelegen.»

Auch wenn man es seiner Rede nicht anhört, Behr ist sehr gut gelaunt, trotz der «real existierenden Reichtumssteuer», denn es sind alle gekommen, die in Schaffhausen etwas zu sagen haben. So, wie immer, wenn die Wirtschaftskammer IVS einlädt. Die Industrie- und Wirtschaftsvereinigung ist die einflussreichste Lobbyorganisation der Region. Seit 2006 ist Giorgio Behr ihr Präsident.

Einmal im Jahr versammelt man sich auf einem Schiff, fährt von Schaffhausen nach Stein am Rhein, gibt den Journalistinnen und Journalisten etwas zu trinken und einen schönen Klaps auf die Schulter, schickt sie von Bord, worauf das Schiff wieder rheinabwärts fährt, und dann werden die Klapse richtig schön und der Weisswein entkorkt.

Frauen scheinen kaum zu stören
Als die MS Thurgau um 18 Uhr ablegt, es ist Mittwoch, der 28. August, sitzen sie alle da, die Politiker, die Chefbeamten, die Bankiers und Zeitungsverleger, die Baulöwen und Immobilienmagnate und die Anwälte, die sich der Pflege von Briefkästen verschrieben haben. (Die komplette Gästeliste finden Sie hier.)

Die 150 Gäste an Bord tragen ordentlich gebügelte Kleider, helle Hemden und dunkle Hosen, für die Krawatte ist es zu heiss. Clownerien wie langes Haar werden geduldet, man ist ja liberal, aber. In Service-Clubs wird man so jedenfalls nicht aufgenommen. Auch 25 Frauen befinden sich unter den Gästen, sie sehen erfolgreich aus und auch sehr sportlich, quasi gesunder Geist in gesundem Körper; sie scheinen die Gesellschaft nicht wesentlich zu stören, und für ein paar rassige Sprüche sind sie allemal zu haben.

Wie die MS Thurgau rheinaufwärts gleitet, referiert Behr weiter: «Dass junge Leute protestieren, auch bei uns, ist kein Problem. Wenn sich aber Politiker, beispielsweise in Schaffhausen ein Hobbyrapper, profilieren durch den Ausruf des Notstandes, ohne an die wirklichen, die echten Probleme zu denken, wird es gefährlich. Ein solches Verhalten ist bedenklich. Proteste wären nämlich angebracht wegen der Überdüngung vieler Hänge und entsprechender Belastung des Grundwassers auf Jahrzehnte hinaus. Oder, ob man es wahrhaben will oder nicht, auch mal ein Protest gegen den linken Machthaber in Bolivien, wo – heute im Tages-Anzeiger nachzulesen, im Tages-Anzeiger, also nicht in der Weltwoche – der Kahlschlag am Regenwald noch radikaler ist als in Brasilien.»

Blick durch die Menge. Kein «Hobbyrapper» in Sicht. Von den Linken sind einzig Nationalrätin Martina Munz und Kantonsrat Andreas Frei anwesend, beide von der SP. Ihr Parteikollege Walter Vogelsanger ist zwar angemeldet, taucht aber als einziges Regierungsmitglied nicht auf.

«Zurück zu Schaffhausen», sagt Giorgio Behr. Er kündigt ein paar Vorträge im Bauch der MS Thurgau an, für eine Vision Schaffhausens im Jahr 2030. «Es ist eine Ideenskizze, mehr nicht», sagt Behr, «aber wir versprechen uns davon, dass die Regierung im Sinne des ‹gouverner c’est prévoir› aus den heutigen Diskussionen erste Schlüsse ziehen kann.»

Er beordert die Gesellschaft zu sich hinunter. «Rentner dürfen wie immer die Diskussion an Deck verfolgen», schliesst er.

Merci Giorgio
Die Vorträge. Ein hoher Bundesbeamter, Ökonom mit runder Brille, macht den Anfang. Sein Fazit: «Die Zukunft gehört auch übermorgen der Innovation.» Als zweiter tritt ein junger Dr. oec. der Denkfabrik Avenir Suisse auf. Er ist kritisch. Im interkantonalen Ranking sei Schaffhausen in den letzten Jahren auf den 20. Rang abgesackt. Man «dümple hinten herum». «Der Kanton ist sehr attraktiv für Firmen, aber nicht unbedingt für Arbeitnehmer», sagt der Dr. oec., Stichwort «Steuerbelastung für Einzelpersonen und Zweitverdiener». Auch würden 54 Prozent der Studienabgänger nicht nach Schaffhausen zurückkehren.

Beim dritten Vortrag geht die Sonne auf. Ein «Brand expert» aus Frauenfeld redet zum Thema «Mehr Schaffhausen»; ein Serotonin-Überschuss macht sich bemerkbar. «Jede Schtandort isch öppis ganz eigets!», sagt er. Die Essenz sei: Kenne dich selber, dann kreiere deine Marke. Weiche Faktoren seien so wichtig wie harte. Es gehe um Mentalität, um Spirit, und Schaffhausen habe eigentlich alles, sagt der Markenexperte. «Schaffuuse hät’s gschafft, Chliiheit gross z’mache!»

«Die Erkenntnisse, die gut sind, die kann man zu hundert Prozent nehmen, und bei den eher negativen Punkten können Sie die Hälfte wegstreichen.»

Ernst Landolt, Regierungspräsident

Nach den Referaten ist Zeit für Fragen. Beziehungsweise Zeit für die Politik, Fragen aufzulösen. Die Politik kann die Kritik des Dr. oec. von Avenir Suisse nicht auf sich sitzen lassen. Und insbesondere will sie ja auch zeigen, dass sie die Nöte der Wirtschaft versteht. Dass sie sie selbstverständlich versteht. Schon immer verstanden hat. Und dass man dankbar ist, gegenüber dem Professor Doktor Giorgio Behr, dem Präsidenten, merci Giorgio.

Als Erstes räuspert sich Regierungspräsident Ernst Landolt von der SVP. «Meine sehr verehrten Damen und Herren, ich möchte mich einfach ganz herzlich bedanken», sagt er. «Bei der Kritik von Avenir Suisse kann man ein paar Abstriche machen. Sagen wir, die Erkenntnisse, die gut sind, die kann man zu hundert Prozent nehmen, und bei den eher negativen Punkten können Sie die Hälfte wegstreichen.»

Kaum hat sich Landolt hingesetzt, nimmt Christian Amsler Anlauf. «Ich möchte nur noch kurz reagieren», sagt der FDP-Politiker, «bei den Studenten, ich bin ja der Bildungsdirektor. Es stimmt schon, dass viele nicht zurück nach Schaffhausen kommen. Man muss aber auch sehen, dass wir sehr fördern, dass die Internationalität eben auch gelebt wird. Viele Studenten gehen eben auch ins Ausland, gehen in andere Kantone. Und das finden wir positiv.»

SP-Nationalrätin Martina Munz bringt ihre Sorge in einer Frage unter (Stichwort «Fachkräftemangel»), und der Bundesökonom mit der runden Brille erzählt von «ungenutztem Potenzial der Frauen auf dem Arbeitsmarkt».

«Wie kann man einen Spirit im Kanton schaffen? Dass man nach vorne schaut?», fragt Wirtschaftsförderer Christoph Schärrer und klingt ein wenig ratlos. «Das wäre mir ein grosses Anliegen.» Der Mann mit dem Serotonin-Überschuss weiss Rat: «Das kann nur entstehen, das kann man nicht verordnen.»

Eingebügelter Lokalstolz
Blick durch den Raum. Die Gesellschaft wirkt ein bisschen wie eine Selbsthilfegruppe, mit Giorgio Behr als Leiter, den man vielleicht nicht unbedingt umarmen, aber immerhin bewundern darf. Sie erinnert auch an eine dieser Heimatgruppen, wie es sie auf den Sozialen Medien gibt. Als hätte man den Lokalstolz in die verstärkten Hemdkrägen eingebügelt. Doch anstatt «Halt’s Maul, du Untermensch!» zu schreiben und Bilder von Sonnenuntergängen über dem Rhein hochzuladen, sagt man mit strengem Blick «Jetzt antworte ich als Ökonom».

Wie Stein am Rhein langsam näher kommt, geht die Diskussion weiter. Der erste Nicht-Politiker aus dem Publikum meldet sich; er beschwert sich über fehlende Angebote in Sachen Kinderbetreuung für Berufstätige.

«Aber wie die politischen Verhältnisse in der Stadt sind, muss ich Ihnen nicht sagen», seufzt Raphaël Rohner.

Finanzdirektorin Cornelia Stamm Hurter steht auf. Die SVP-Politikerin sagt: «Wir haben die Zeichen der Zeit erkannt, Schaffhausen ist einer der kinderfreundlichsten Kantone, bei den Steuern sind wir noch nicht so weit, aber danke für Ihre Anregungen», und die Hemden leuchten in heller Zustimmung.

Dann will auch noch Raphaël Rohner, FDP-Bildungsreferent der Stadt Schaffhausen, nicht zu kurz kommen. Mit priesterlicher Würde versichert er, dass man «Handlungsbedarf schon lange erkannt» habe in Sachen Kinderbetreuung und bald eine Vorlage dazu präsentiere: Leute, «die sonst schon viel Steuern bezahlen», sollen entlastet werden. «Aber», seufzt Rohner, «wie die politischen Verhältnisse in der Stadt sind, muss ich Ihnen nicht sagen», und die Leute nicken verständnisvoll, links-grün, ist das überhaupt heilbar?

Zuletzt meldet sich ein schwergewichtiger CEO einer IT-Firma. Ihn stören die schlechten ÖV-Verbindungen. Aber dann, ganz zum Schluss, einigt sich die Gesellschaft doch noch, dass Schaffhausen der schönste Ort überhaupt sei. Schliesslich, wie der CEO versichert, «spricht jeder Bauer im Klettgau englisch».

Unsicherer Blick – wird hier gerade ein sozialdemokratischer Werbespot gedreht? Die Gesellschaft auf der MS Thurgau redet von besserer Kinderbetreuung und mehr berufstätigen Frauen. Sie will Studierende anlocken (durch eine Universität?) und streicht die «weichen Faktoren» der Standortförderung heraus (also nicht die Steuern).

«Weit weg von Korruption»
Als das Städtchen Stein am Rhein in Sichtweite gelangt, ist Giorgio Behr noch immer gut gelaunt. Die Presse will er trotzdem über Bord werfen. Die Rückfahrt ist exklusiv.

«Es geht darum, die richtigen Leute kennenzulernen, ohne dass der Journalist nebendran die Ohren spitzt», erklärt Giorgio Behr. «Ich sage allen, geh zu dem und dem, und im Nachhinein bedanken sich die Leute bei mir. Vor ein paar Jahren wollte der CEO der Unilever, Joret oder Cescau oder so, ein Franzose jedenfalls, der neu war, der CEO wollte schon in Stein am Rhein von Bord gehen. Ich sagte: Nein, jetzt bleibst du noch. Widerwillig folgte er meinem Rat. Später hat er sich bei mir bedankt. Das ist», Behrs Stimme wird ein bisschen ernster, «weit weg von Korruption. Aber du weisst, mit wem du telefonieren musst. Es macht vieles einfacher.»

Kurz vor 20 Uhr legt die MS Thurgau in Stein am Rhein an, die Journalistinnen und Journalisten eilen an Land.

«Dass mir kein Regierungsrat abhaut!», ruft Giorgio Behr. Und es haut ihm kein Regierungsrat ab.

«Dass mir kein Regierungsrat abhaut!»: Giorgio Behr (Mitte) an Deck der MS Thurgau. Um ihn die Referenten des abends.