D’Frau Mäjoor

11. Juli 2019, Nora Leutert
Bertha Gysel nannte sich als Künstlerin nach ihrem Mädchennamen: Bertha Hallauer. © Orts- und Dichtermuseum Wilchingen

Kaum eine Frau war damals im Chläggi so hoch angesehen wie Bertha Hallauer: Wilchinger Herrenbäuerin und Dichterkönigin.

Was da drüben bei s’Här Mäjoore eins Rotwein gezecht und Güggeli gegessen wurde, man glaubte es kaum. Und das in Wilchingen. Das Herrenbauernhaus war damals weitherum für seine Gastfreundschaft bekannt. Nicht nur hochrangige Persönlichkeiten verkehrten im Haus zum Ritter beim Reiteroffizier Gysel und seiner Frau, sondern auch Künstlervolk: fahrende Geigenmusiker, deren schwarzes Haar glänzte von «reichlich angewandtem Öl» (die Worte von Frau Major), und deren bunte Krawatten Nadeln mit funkelnden Steinen schmückten.

Die Kärlli wäärdid der Frau Mäjoor wider e par Tuuge abegsoffe haa, da Ding säi jo wider ggange bis no de Zwölfe nächt, sollen die Wilchinger hinter vorgehaltener Hand gemurrt haben, wenn man Albert Bächtolds Kindheitsroman De Hannili-Peter Glauben schenkt. Die Majorenfamilie Gysel findet bei dem grossen Schaffhauser Mundartdichter ausgiebige Würdigung. Und es spricht daraus nicht nur Bewunderung für den kunstliebenden, gebildeten Herrn Major – sondern auch die Verehrung der Frau, welche jenem zur Seite stand. D Frau Mäjoor, die Dichterin des Dorfes. Eigentlich Bertha Gysel; aber sie nannte sich als Künstlerin nach ihrem Mädchennamen: Bertha Hallauer.

Bertha Hallauer machte Wilchingen zum Dichterdorf, als die beiden Koryphäen Albert Bächtold und Ruth Blum, die ihr später den Rang ablaufen würden, erst heranwuchsen. Die erste Dorfdichterin war den um viele Jahre Jüngeren ein hehres menschliches Vorbild. Der diskrete Glanz einer Noblesse, die nicht mit Geld und Gut erworben werden kann, habe sie umgeben, schreibt Ruth Blum in ihrem Nachruf auf Bertha Hallauer. Die Dichterin war eben auch, wie es Ruth Blum beschreibt, die vielleicht letzte Herrenbäuerin des Klettgaus, eine letzte Repräsentantin des untergehenden alten Dorfadels.

Von der Waise zur Respektsperson

Bertha Hallauers Leben (1863–1939) war durch Höhen und Tiefen gezeichnet, durch Reichtum und Armut. Sie wuchs mit sechs Geschwistern auf dem Schloss Haslach bei Wilchingen als Tochter eines Trasadinger Arztes auf, der auf dem Wohnsitz der Familie eine Kuranstalt eingerichtet hatte. Die Mutter starb früh, und als Bertha fünf Jahre alt war, verlor sie auch noch den Vater. Die Kinder wurden bei der Verwandtschaft in verschiedenen Orten untergebracht. Bertha verbrachte die Kinderjahre in Trasadingen und Thayngen, und als sie in die städtische Sekundarschule kam, siedelte sie zu Verwandten in die Schaffhauser Vorstadt über. Nach einer Zeit als Kindermädchen bei einer reichen Schweizer Familie in Frankreich fand sie als junge Frau wieder Unterkunft in Wilchingen und machte eine Lehre als Köchin im Hotel Schweizerhof am Rheinfall.

In diesen Jahren nahm ihr Leben eine glückliche Wendung: Bertha lernte den Reiteroffizier Alfred Gysel, Sohn des langjährigen Wilchinger Regierungsrates Zacharias Gysel, kenne; ein Chemiker, der sich für das Bauernleben in Wilchingen entschieden hatte. Als 20-Jährige heiratete sie ihn und wurde Herrin über einen bäuerlichen Grosshaushalt. Und sie begann, Gedichte zu schreiben.

Die Majorenfamilie mit dem vielleicht ersten Automobil, das Wilchingen sah. © Orts- und Dichtermuseum Wilchingen

Mit 25 Jahren veröffentlichte Bertha Hallauer ihren ersten Gedichtband Aus der Heimat. Im Dorf galt die Frau Major als hoch angesehene Dichterkönigin. Albert Bächtold setzte ihr als solche ein liebevolles Denkmal in seiner Kindheitserzählung – als kleiner Knirps davon überzeugt, dass die Nachbarin die Verse einfach so aus dem Ärmel schütteln könne. Häi Frau Mäjoor, to emol! – Waa söl ich, waa? – Schüttle!

Wümmen, kochen, dichten

Auch über die Dorfgrenze hinaus gelangte Bertha Hallauer zu Bekanntheit. Sie veröffentlichte zahlreiche Gedichte, aber auch Fortsetzungsgeschichten im Schaffhauser Intelligenzblatt. Die romantisch-dörfliche Dichtung kam gut an, und Bertha Hallauer publizierte schweizweit in einigen Zeitschriften und Illustrierten, etwa in der Berner Woche oder der Monatsschrift Am häuslichen Herd. Sie gab vier weitere Gedichtbände heraus, viele ihrer Lieder wurden vertont.

Hallauers Lyrik blieb thematisch im dörflichen, bäuerlichen Kreise. Arbeit, Demut, Naturverbundenheit. Die Frau Major lebte, was sie schrieb. Sie führte ihren grossen Bauernhaushalt, sie sorgte für die Kinder, kochte, und sie ging in die Reben. Laut Ruth Blum wusste Bertha Hallauer selber, dass ihr die Kunst der überzeugenden Prosadarstellung versagt gewesen war. Von den literarischen Anfängen des heranwachsenden Albert Bächtold wie auch der um 50 Jahre jüngeren Ruth Blum habe die damalige Dichterkönigin wohlwollend und interessiert Kenntnis genommen, sagt der Wilchinger Schriftsteller Hans Ritzmann, der sich um das geistige Erbe des Dichterdorfs kümmert.

Bächtold und Blum verfolgten im Leben und Schreiben deutlich höhere Ziele und gelangten auch zu mehr Berühmtheit als ihre Vorgängerin. Von allen dreien sei Bertha Hallauer innerlich die Bescheidenste gewesen, am meisten geerdet, so Ritzmann. Eine starke innere Gelassenheit habe sie durch alle Lebenslagen getragen und sie unabhängig gemacht auch von Knappheit und Überfluss an äusseren Dingen.

Zwei Schicksalsschläge prägten Bertha Hallauers Erwachsenenleben: Der frühe Verlust des geliebten Gatten, als sie 43 Jahre alt war – und 20 Jahre später die Erblindung durch den grünen Star. Bertha Hallauer verarbeitete ihren Schmerz, ihr Leid und ihre Sehnsucht in ergreifend schönen Gedichten und brachte ihre Kunst damit erst zur Vollendung. Sie verbrachte ihren Lebensabend in einem Stübchen im Haus zum Ritter, wohin sie – nach einigen Jahren auf ihrem Witwensitz Seldwyla unweit des Dorfes – zurückgekehrt war. Ihre Dichtung diktierte die Erblindete ihrer kleinen Schreibgehilfin aus dem Dorf, dem Poschtmarili; noch auf dem Totenbett habe sie so die letzten Worte zu Papier gebracht. Noch lange sangen die Klettgauer Frauenchöre die Lieder von Bertha Hallauer, die dem heimischen Dorf- und Bauernleben im stillen Wirken ein Denkmal von grosser Kraft gesetzt hatte.

Nun blüht das Brot, nun habet acht,
Jetzt gehen Engel durch die Nacht,
Es segnend zu behüten.
Nun blüht das Brot, nun habet acht,
Leis wiegen auf den Halmen sacht‘
Sich wunderfein die Blüten.
Ja, Engel gehen durch das Feld,
Und hinter ihren Schwingen fällt
Des Himmels Tau in Fülle.
Zu Ende kommt dann alle Not –
Es blüht das Brot, das heil’ge Brot,
Und reift in nächt’ger Stille.

Bertha Hallauer: «Nun blüht das Brot»

Frauen, die Schaffhausen bewegten

Dieser Artikel ist der 5. Teil der AZ-Serie über Frauen, die Schaffhausen geprägt haben – auf ganz unterschiedliche Art und Weise. Lesen Sie hier die weiteren vier Porträts:


Teil 1: Fräulein Dr. Schudel, Anwalt
Teil 2: Die Revolutionärin
Teil 3: Filmreife Glamour-Ganovin
Teil 4: Die rote Lisbeth