Mein liebes Kind

4. Juni 2019, Loliva Romina

Mutterglück: Ein Liebesbrief an meinen Sohn.

Manchmal schaue ich dich einfach nur an. Ich beobachte, wie du deine kleinen Finger um dein Spielzeug legst, wie du es drehst und wendest. Du ziehst es ganz nah zu dir, schaust es mit grossen Augen an, riechst daran, nimmst es in den Mund. Du begreifst die Welt. Jeden Tag ein bisschen mehr. Und ich begreife dich. 

Birnen schmecken dir besser als Äpfel. Vogelgezwitscher begeistert dich. Wenn dir der Wind ins Gesicht weht, musst du niesen, wenn ich singe, freust du dich. Du liebst das Rascheln von Papier. Wenn du müde bist, reibst du dir ganz fest die Augen. Du reisst deinem Papa die Brille herunter und lachst ganz laut. 

Oft frage ich mich, was du denkst. Erkennst du schon dein Zuhause? Weisst du, dass wenn wir in einen Zug einsteigen, später woanders sind? Dass auf den Tag die Nacht folgt und es dann wieder Tag wird? Weisst du, wer ich bin? 

*

Ich bin deine Mutter. Als ich erfahren habe, dass es dich geben wird, habe ich geweint. Ich dachte plötzlich, ich bin doch verrückt. Ein Kind in die Welt setzen, das wollte ich lange nicht. Uns Frauen wird gerne eingeredet, dass unser Leben ohne Kinder weniger Sinn mache. Als seien wir unfertig und nur als Mütter vollendete Menschen. Meins hatte aber auch ohne dich viel Sinn. Mir fehlte nichts. Keine Uhr, die wie wild tickte, kein Tor, das sich zu schliessen drohte. Etwas anderes zu behaupten, wäre gelogen, und ich lüge dich nicht an. Ich habe mir vorgenommen, immer aufrichtig zu dir zu sein, auch wenn das, was ich dir sagen werde, nicht immer schön sein wird. 

Schwanger zu sein, überforderte mich. Die Tränen liefen mir über die Wangen, meine Stimme stockte. Es war Trauer, es war Angst. Ich wusste, ab jetzt wird sich alles ändern. So wie ich war, als es dich noch nicht gab, würde ich nicht mehr sein. Und ich musste Abschied nehmen.

**

Dann kam die Freude. Eine grosse Freude. Denn ich wollte dich ganz fest und von Anfang an. Du bist aus einer grossen Liebe entstanden.

Und ich hoffte, dass ich eine gute Mutter sein werde. Dass ich mich gut um dich kümmern und dich durchs Leben begleiten kann. Nur, wie geht das? Wie eine Mutter zu sein hat, das weiss man ganz genau. Dass eine Mutter spürt, ob es ihrem Kind gut geht. Ich spürte aber nichts. Stimmte etwas nicht mit mir? Als ich deinen Herzschlag zum ersten Mal gehört hatte, gab mir das etwas Sicherheit. Du warst wohlauf. Ich solle mit dir sprechen, dir meine Ängste anvertrauen, dir versichern, dass ich dich liebe, hiess es. Das konnte ich aber nicht. Du warst doch noch kein Mensch. Erst als du geboren warst, wurdest du dazu. Ich weiss noch, wie ich Stunden nach deinem ersten Schrei dich im Arm hielt. Du warst ganz klein. Deine Augen waren geschlossen und dein Atem ganz leise. Da habe ich zum ersten Mal zu dir gesprochen. Ich habe zu dir gesagt, ich wünsche dir ein schönes Leben. 

Das Leben werde von den Eltern den Kindern geschenkt, heisst es. Nur, um dieses Geschenk bittet niemand. Wir kommen ungefragt auf die Welt. Wolltest du? Zumindest wollte ich, dass du geboren wirst. Die Verantwortung liegt also bei mir. Es ist es meine Aufgabe, dir zu helfen, ein zufriedenes Leben zu führen. 

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Werde ich das schaffen, frage ich mich. Das Band zwischen Mutter und Kind ist stark, sagt man mir immer wieder. Ich soll darauf vertrauen, denn eine Mutter weiss, was ihr Kind braucht. Ich weiss es aber oft nicht. Diese Weitsicht, diesen sechsten Sinn, habe ich nicht. Stattdessen trage ich seit deiner Geburt ein Mäntelchen namens Sorge, das sich nicht mehr abstreifen lässt. Es ist Sorge, die mich in der Nacht nicht schlafen lässt, wegen ihr kommen dunkle Gedanken auf. Dass du erkranken könntest, dass du aufhören könntest zu atmen. Die Sorge treibt mich zur Verzweiflung. Ich will dich beschützen, denn du kannst das noch nicht. Deine Bedürfnisse kommen immer zuerst. Ob du Hunger hast, Durst, ob du müde bist oder spielen willst, ich gebe nach. Ob ich Hunger habe, Durst, ob ich müde bin oder gerne meine Ruhe hätte, ist nicht wichtig. 

Das ist sie, die aufopfernde Mutter, die selbstlose. Ich bin auch so eine. Das gefällt mir nicht, aber ich kann nicht anders. Denn was wäre ich für eine Mutter, die sich über das eigene Kind stellt? Wenn du weinst, muss ich dich halten, wenn du rufst, komme ich zu dir. 

Dabei geht aber etwas verloren. Es sind Teile von mir, die schwinden. Ich verblasse. Deine Welt wird jeden Tag grösser, meine schrumpft. Auf einmal wirke ich ganz klein und schmal. Die Grenzen verschwimmen und ich frage mich, wo beginnt dein Ich und wo hört meins auf?

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Auch das wird sich ändern, das weiss ich. Du wirst dein Leben selbst in die Hand nehmen. Auch du wirst mit dir hadern, Fehler machen, dich verrennen. Ich werde dir beistehen, das ist gewiss. Denn Eltern bleiben für immer Eltern, Kinder immer Kinder. Dass ich selbst auch Kind bin und meine Mutter brauche, hatte ich vergessen. Du hast mich daran erinnert. Ohne sie, deine liebe Grossmutter, würde ich vieles nicht schaffen. 

Sie ist es, die mir Mut macht, mich lehrt, dich zu lesen, zu verstehen. Sie, die vier Kinder hat, musste auf vieles mehr verzichten. Als sie eine junge Mutter war, gab es noch keine Mutterschaftsversicherung, keine Kinderkrippen. Ihr Leben war lange ausschliesslich das einer Mutter. Ihre Träume und Wünsche von damals, ich kenne sie nicht mal. Ich habe ihr einen Teil ihres Lebens genommen. Sie würde jetzt sicher sagen, Tochter, du hast mir doch viel gegeben. Nie hat sie uns Kindern Vorwürfe gemacht, uns immer innig geliebt, gelitten hat sie trotzdem. Wird es mir auch so ergehen? Davor habe ich Angst. Darum habe ich mich entschieden, einen Teil meines Selbst, das keine Mutter ist, zu bewahren. 

Ich konnte die ersten Monate mit dir verbringen, im Wissen, dass meine Arbeit auf mich wartet. Und nun ist es so weit. Morgens verabschiede ich mich von dir und gebe dich ab. Die Leute fragen mich, ob ich das schwierig finde. Ob ich mich nicht lieber nur um dich kümmern möchte. Es ist aber nicht schwierig. Es macht mich glücklich, nicht nur Mutter zu sein. Ich geniesse es. 

In meinem Kopf richte ich Schubladen ein. Auf einer steht dein Name. Sie ist ganz gross, darin gibt es viel Platz. Für Wünsche, Hoffnungen, Erinnerungen. Nebendran gibt es aber auch andere, die ich füllen will. Ich vergesse dich nicht, aber ich vermisse dich dann auch nicht. Das zuzugeben, das ist schwer. Es zerreisst mich. Denn was bin ich für eine Mutter, die sich freut, ihr Kind nicht bei sich zu haben? Ich hoffe, dass du mir das nicht übel nehmen wirst. Ich hoffe, dass du später ohne Groll auf deine alte Mutter blicken wirst. Dass du mit Freude erzählen wirst, dass es toll war, von klein auf eigenständig gewesen zu sein, dass die Zeit ohne deine Mutter dir Raum für dich gegeben hat. Und dass es dir dennoch an nichts fehlen wird.

*****

Das Gefühl, dir Unrecht zu tun, beschleicht mich trotzdem. Du bist noch so klein und hilflos. Ich frage mich, ob ich dein erstes Wort, deine ersten Schritte mitbekommen werde. Du wirst dich freuen, vielleicht unsicher sein, vielleicht wirst du hinfallen. Und ich werde vielleicht nicht da sein, um dir aufzuhelfen. Schon der Gedanke, dies nicht zu erleben, schmerzt mich. Du sollst doch eine gute Mutter haben. 

Mein Gewissen schlägt Alarm. Ich sage mir, dass ich besser werden muss. Mein Leben darf deins nicht beeinträchtigen. Meine Nächte werden kürzer, meine Listen, auf die ich mir jede Kleinigkeit aufschreibe, länger. Ich werde traurig und wütend und manchmal möchte ich davonlaufen. 

Für Belangloses habe ich keine Zeit. Bei der Arbeit hilft mir das. Ich bin direkter, verstecke mich nicht mehr, bin fokussierter. Aber das macht mich auch härter. Ich habe immer etwas zu tun und alles muss klappen. Ich verzeihe mir nicht mehr viel, anderen auch nicht. Für sanfte Töne habe ich weniger Gehör.

Ich frage mich, ob das gut ist. Denn besonders dir, mein liebes Kind, werde ich viel verzeihen müssen. Zu scheitern ist dein gutes Recht. Mein Zwang soll nicht auch deiner sein. Ich bitte dich jetzt schon um Nachsicht, falls ich zu fordernd sein werde, zu gehetzt, zu ungeduldig. Und ich hoffe, dass du verstehen wirst, dass ich manchmal ohne dich sein muss, meinetwillen. Damit ich dir eine gute Mutter sein kann. 

Solltest du mal Vater werden, wird dein Leben nicht kopfstehen. Darauf bin ich neidisch.

Dein Körper wird unversehrt bleiben, dein Gewissen wird dich weniger plagen. Dir wird man nicht sagen, was du zu fühlen, zu spüren und zu tun hast. Aber der Mutter deiner Kinder wahrscheinlich schon. Sollte es so sein, sei achtsam und steh ihr bei. Das wird deine Aufgabe sein. Denn du hast mehr Glück, mein Sohn. Ich will mein Bestes geben, dir das beizubringen.